Jonas Häsner

Raw By Peppers 로바이페퍼스 + Da Bang 大棒 @ Import/Export, München, 2018-04-13

Die Münchner Konzert-Reihe Comecerts, die vor kurzem auch für den Auftritt der grandiosen Postrocker Wang Wen 惘闻 aus Dalian verantwortlich zeichnete, hat sich der Vorstellung von vornehmlich chinesischen wie weiteren Bands aus der asiatischen Indie-Szene verschrieben, unter dem Motto „Comecerts are concerts to come to“ luden die beiden jungen Konzert-Impresarios Adam Langer und Jonas Haesner am vergangenen Freitagabend die südkoreanische Band Raw By Peppers 로바이페퍼스 und die Formation Da Bang 大棒 aus Beijing in die Zwischennutzungs-Gemäuer des Münchner Import/Export, die Show wurde Tags zuvor resp. darauf im Rahmen des Kulturaustauschs mit freundlicher Unterstützung des Konfuzius-Instituts auch in Augsburg und Ingolstadt präsentiert.
Zur Münchner Veranstaltung wurden – wie in dem Rahmen bereits gute Tradition – chinesische Snacks und hochprozentige Spirituosen gereicht, illuminiert und in einen Kunst-/Video-Installations-Rahmen gepackt wurden die Auftritte von NOT YET / TAM TAM Tanzlokal.

Alles andere als glücklos an diesem Freitag den 13. eröffnete das inzwischen in Berlin ansässige südkoreanische Trio Raw By Peppers 로바이페퍼스 den fernöstlichen Wochenausklang in der Import/Export-Kantine.
Nach anfangs zähem, mit fortschreitendem Abendverlauf gesteigertem Zuschauerzuspruch begeisterten die drei ursprünglich aus Seoul stammenden jungen Männer den gut gefüllten Saal mit ihren ausgeprägten musikalischen Können: über die Musiker der UK-Kult-Giganten von The Who merkte vor vielen Jahren ein Kollege verwundert an, sie würden alle nur Soli spielen und die Songs würden trotzdem als tonales Konglomerat funktionieren, ähnlich verhielt es sich bei den jungen Asiaten, die ihre Fertigkeiten inspiriert zu einer intensiven Postpunk-Hypnose bündelten, die gerne und wiederholt in Richtung runderneuerte Space- und Prog-Rock-Gefilde abdrehte, die Psychedelic nicht zu kurz kommen ließ und selbst für eine schöne Indie-Ballade Zeit erübrigte. Man ist geneigt, das exzellente, filigrane wie virtuose Bass-Spiel des ernsthaften Jinwoo „Baldy“ Lee über Gebühr herauszuheben, damit würde man jedoch der technischen Brillanz seiner Mitmusiker Lee Kwangmin an den Drums und Sänger/Gitarrist/Keyboarder Gim Gahohn kaum gerecht werden, zumal letztgenanntem auch noch das Kunststück gelang, sein nach eigenen Worten ausgeprägtes Faible für die notorisch überschätzten englischen Langweiler von Radiohead weitestgehend in seinen Electronica-Gimmicks zu verbergen, allein dafür tausend Dank.
Die drei Koreaner kennen sich seit ihrer gemeinsamen Universitäts- und Militär-Zeit, das mag als Background bis zu einem gewissen Grad die technische Exaktheit ihrer klanglichen Exerzitien erklären, dabei ist der ins Experimentelle driftende Indie-Rock von Raw By Peppers 로바이페퍼스 weit davon entfernt, seelenlos oder mechanisch kalt zu klingen.
Und mit etwas Glück klappt es dann auch hoffentlich mit diesem „Fuckin‘ Visa-Thing“ für einen längeren Aufenthalt in der Bundeshauptstadt, nicht zuletzt München könnte davon profitieren, die Anreise aus Berlin für das ein oder andere gern gesehene künftige Konzert der drei exzellenten Musikanten wäre allemal weitaus weniger zeitaufwändig als aus dem fernen Seoul.

„Also Sprach The King Of Eurodisco“ betitelte der deutschstämmige Australier und ex-Saints/Laughing-Clowns-Gitarrist Ed Kuepper vor über dreißig Jahren einen Song seiner feinen 1986er-Solo-Scheibe „Rooms Of The Magnificent“, am Freitagabend sprach oder vielmehr schwadronierte und beschwor die „Queen of China-Disco“ Pupi beim zweiten Münchner Konzert nach der 2015er-Premiere in der Südstadt vehement als Frontfrau der Pekinger Band Da Bang 大棒 zum Rumpeln ihrer musikalischen Begleiter, das Klangbild der in der chinesischen Indie-Szene längst etablierten Combo ließ sich weitestgehend angelehnt an die New-Wave-Disko-Beats jener Dekade tatsächlich in den Pop-musikalisch mitunter unseligen Achtzigern verorten, wo die Kollegen von Raw By Peppers 로바이페퍼스 zuvor die feine solistische Klinge führten, operierten Da Bang 大棒vornehmlich im Rhythmus-Modus, der Electro-/Underground-Clash mochte vor allem bei den Bewegungsdrang-Fanatikern unter den Konzertbesuchern tanzfreudig mitzucken lassen, wer bereits beim stumpfen Poltern des prägenden, originär 80er-Sounds seinerzeit obstinat die Nase rümpfte, wird wohl auch am Freitagabend mit der Chinesen-Disco nur schwer zurande gekommen sein, gleichwohl darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich das Quartett stets um einen avantgardistischen Touch in der präsentierten Beschallung bemühte.

Der ost-westliche Kulturaustausch der Comecerts-Veranstalungsreihe geht bereits am 10. Mai im Münchner Import/Export in die nächste Runde, dann wird der charmante Indie-Gitarren-Pop der südkoreanischen Band Say Sue Me 세이수미 auf den Alien Transistor Soundclash treffen, den Mitglieder der Münchner Bands Le Millipede, 1115 und joasihno zum Vortrag bringen. Bereits am 6. Mai treten Say Sue Me 세이수미 im Grandhotel Cosmopolis in Augsburg auf.

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Wang Wen 惘闻 + Saroos @ Import/Export, München, 2018-01-25

Der vergangene Donnerstag-Abend in der Münchner Import/Export-Kantine stand unter dem Motto „Post Rock trifft Alien Transistor“, die Veranstalter von Comecerts luden zum ost-westlichen Kulturaustausch in Sachen Instrumentale Rockmusik.
Wie bereits sporadisch in den vergangenen zwei Jahren schnürten die jungen Konzert-Organisatoren Adam Langer und Jonas Haesner ein stimmiges Doppelpack aus chinesischer und ortsansässiger Tonkunst.

Den Auftakt bespielte die Hamburg-Berlin-München-Connection Saroos, Florian Zimmer, Christoph Brandner und Max Punktezahl trieb das Energie-Level des Abends von Beginn an weit in den oberen Bereich, der Indie-Kraut/Postrock des Trios befeuerte vom Fleck weg den Bewegungsdrang des Publikums, die Musikanten, die ansonsten bei Bands und Projekten wie Driftmachine, Lali Puna, Console und The Notwist mitmischen, ergingen sich in einem treibenden Fluss in schweren Bass-Linien, feinen Keyboard-Pop-Melodien und einem aus dem Modular-Synthesizer entlockten Kosmos aus experimentellen Samples, Electronica-Gelichter und digital-artifiziellen Trance-Beats, die mächtig getrieben wurden vom wuchtig-stoischen Uptempo-Trommelanschlag von Christoph Brandner, der die Instrumental-Werke mit Maschinen-artiger Präzision zu einem hypnotischen Klangbild veredelte, dessen Sog sich im Saal kaum jemand entziehen konnte, wenn auch eine zuweilen sich einschleichende Monotonie in der steten Wiederholung der Rhythmik-/Melodik-/Drone-Intervalle nicht von der Hand zu weisen war.
(**** – **** ½)

Wang Wen 惘闻 zählen in ihrer chinesischen Heimat zu den bekanntesten Postrock- und Instrumental-Bands, was den großen, partiell auch aus anderen deutschen Städten angereisten Anteil der asiatischen Community am Donnerstag-Abend im Publikum erklären mochte. Das sechsköpfige Kollektiv formierte sich kurz vor der Jahrtausendwende in der Hafenstadt Dalian, auf der Halbinsel Liaodong am Gelben Meer und in Luftlinie circa mittig zwischen Peking und dem nordkoreanischen Pjöngjang gelegen. Die Band hat bis dato sieben Studio-Alben veröffentlicht, dazu ein Split-Album mit der schwedischen Ambient-/Postmetal-Band pg.lost und im Rahmen gemeinsamer Konzertreisen bereits die Bühne mit Größen des Genres wie Mogwai oder Mono geteilt.
Den ersten München-Auftritt der Formation machten die bereits eingangs erwähnten, rührigen Studenten Langer und Haesner mit Unterstützung des Konfuzius-Instituts möglich, Adam Langer pflegt seit seinem Schüleraustausch in Hangzhou, einem späteren Studienaufenthalt und diversen Reisen ein spezielles Verhältnis zum Reich der Mitte und dessen Musik-Szene.
Wang Wen 惘闻 boten in neunzig höchst kurzweiligen Minuten eine faszinierende und völlig gefangennehmende Demonstration ihrer Spielart des Postrock, die Band gewährte sich und dem Publikum die nötige Zeit zum Entfalten der tonalen Wucht ihrer ausgedehnten und komplexen Kompositionen. Einem Rinnsal gleich, dass sich minütlich immer weiter zu einem reißenden Fluss entwickelt, packten die Musiker Schicht um Schicht ihrer sich permanent in der Intensität steigernden Zutaten in ihren rein instrumentalen, nur einmal kurz von einer vehementen Brüll-Attacke durchbrochenen Vortrag, dabei mittels melancholischer Keyboard-Klangteppiche und wunderschön elegischer, getragener Tuba- und Trompeten-Einlagen unterstreichend, dass der Postrock nicht zwingend nur von gängigem Laut-Leise und überbordenden Gitarren-Wänden dominiert werden muss wie auch gelegentlich in Melodie-verliebten Jazzrock der angenehmeren Variante driften darf. Erfurcht gebietend war die disziplinierte Herangehensweise der Musiker, das tiefe Ruhen in der eigenen Kunst und ihre ausgeprägten handwerklichen Fertigkeiten, die die facettenreichen Monumental-Werke zu einem organischen, höchst gelungenen und harmonischen Gesamtbild formten.
Die „Hits“ von Wang Wen 惘闻 waren am freudig überraschten Jubilieren der chinesischen Verehrer der Band bei Intonation der jeweiligen Stücke zu erkennen, bei der ausgeprägten Kenntnis des Kanons der Landsmänner hatten sie gegenüber den Langnasen an dem Abend das Riechorgan eindeutig vorn.
Mit diesem rundweg grandiosen, die Völker-verbindende Kraft der Musik unterstreichenden Konzert dürfte mit etlichen Jahren Verspätung nun selbst in München die Erkenntnis gereift sein, das China neben der Geopolitik auch im Postrock als Weltmacht anerkannt werden muss.
Wie wichtig die Ausgestaltung dieser Kulturaustausch-Abende und der Wohlfühl-Faktor für die jungen Veranstalter ist, zeigte sich nicht zuletzt am kostenfreien Ausschank chinesischer, hochprozentiger Spirituosen und dem Bereitstellen von scharfen asiatischen Snacks nach Ende der musikalischen Aufführungen.
(***** – ***** ½)