Josip Pavlov

Reingehört (552): Zwinkelman

OK, Zugabe, einen hab ich noch, dann ist aber tatsächlich erst mal Sendepause auf diesem Kanal. Wenn man selbst vor Monaten den Pressetext zur Veröffentlichung formuliert hat, kann man’s auch auf der eigenen Seite posten, zum Schaden der Musikanten soll es ja nicht sein.

The other side of Postrock. Alles anders. Keine aufgetürmten Soundwände, nirgends. Keine Lautmalereien, keine krachenden Dissonanzen, kein Spiel mit an- und abschwellender Intensität und tonaler Wucht. Und vor allem: keine Austauschbarkeit und keine ausgetretenen Pfade. Das tonale Abbild der Zerrissenheit und Widersprüche des Lebens sucht man hier vergebens, Gottlob, möchte man ergriffen und auf das Angenehmste angerührt in die stille Andacht rufen. Trotzdem: Postrock. Mit anderen Mitteln. Die beiden Münchner Musiker Josip Pavlov und Dominik Lutter vom Akustik-Gitarren-Duo Zwinkelman beschreiten in der Gesangs-freien Welt des alternativen Progressive-Sounds neue Wege und tummeln sich damit in den Stammes-Revieren der American Primitive Guitar, der Chicago-Schule und den unkonventionellen Klang-Exerzitien des kammermusikalischen Free Folk – nichts könnte den redundanten Stromgitarren-Crescendi ferner liegen, mit denen die Echokammern des landläufig bekannten und etablierten Indie-Postrock seit längerem inflationär geflutet werden.
Multiinstrumentalist Josip Pavlov, der zu anderen Gelegenheiten auch technisch vertrackter und elektronisch verstärkt in permanenter Weiterentwicklung seines Klang-Kosmos unterwegs ist, mit Gitarren-Treatments, Loops und Samples, in seinem solistischen Alter Ego Ippio Payo oder zusammen mit der Band Majmoon, und sein kongenialer Duett-Partner Dominik Lutter vom eigenwillig freigeistigen Experimental-Folk-Outfit Domhans brauchen bei ihrem gemeinsamen Projekt Zwinkelman nicht viel an Equipment: zwei offen gestimmte Akustik-Gitarren, ein paar Stühle und ein wenig Raum für das Zusammenspiel – Kammer-Postrock, der – wie zu ausgewählten Gelegenheiten live demonstriert – auch auf kleinen Bühnen ohne Lautsprecher seine hypnotische Wirkung entfaltet – man muss nur aufmerksam zuhören, die Belohnung dafür folgt auf dem Fuße.
Zwinkelman-Musik ist klar strukturierter Flow, dem alles akademisch Konstruierte fremd ist, ein organischer, steter und ruhiger Fluss, vielleicht als warmer Sommerregen zur klärenden Reinigung der überhitzten Atmosphäre. Ein Fluss, der ab und an die Taktzahl wechselt, den polyrhythmischen Anschlag oder das Ineinander-greifen des melodischen Saiten-Zupfens der beiden Musiker. Innwendige Versenkung in meditativen Kleinoden, denen es trotz kontemplativer Trance-Introvertiertheit nicht an Spannung und überraschenden Elementen fehlt, beispielhaft mit dezenter, perkussiver Electronica-Beigabe als hinterkünftiges Ticken der Uhr im „Zeitgeberblues“ oder im spontan erratischen, disharmonischen Traktieren der Gitarre in der Schluss-Nummer „Bieg ab“.
Nach der Single „Hallo Lullu/GoldWert“ vom Sommer 2017 die erste Volle-Länge-Produktion von Zwinkelman, schlicht mit dem Band-Namen als Titel, ab Mitte Januar 2020 wieder beim Münchner Indie-Label Echokammer.
Tun Sie Ihrem seelischen Wohlbefinden in diesen hektischen Zeiten und den vom Alltags-Lärm traktierten Gehörgängen was Gutes, gehen Sie zum Musikalien-Händler Ihres Vertrauens und beginnen Sie das neue musikalische Jahr in denkbar entspannter Manier.
(*****)

Tonträger-Veröffentlichung am 16. Januar 2020, Release-Konzert am selben Abend wird am 13. Februar im KAP37 nachgeholt, München, Kapuzinerstraße 37. 20.00 Uhr.

Mermaidens + Ippio Payo @ Maj Musical Monday #96, Glockenbachwerkstatt, München, 2019-05-20

Die 96. Ausgabe des Maj Muscial Monday wurde zum Wochenstart in der Münchner Glockenbachwerkstatt gemeinschaftlich von KiwiMusic-Konzertveranstalter Christian Strätz und MMM-Organisator Chaspa Chaspo präsentiert, die Do-It-Yourself-Reihe für lokalen und internationalen Indie-, Post- und Experimental-Rock wartete bei erfreulichem Besucher-Zulauf mit einem Paket aus hiesiger Postrock-Instrumental-Kunst und neuseeländischer Gitarren-Psychedelic auf, mit zwei Protagonisten, die in ähnlicher Form schon einmal vor einem guten halben Jahr im Rahmen einer Doppel-Veranstaltung aufeinander trafen.

Die qualitative Messlatte für den Abend legte Gitarrist Josip Pavlov mit dem Solo-Auftritt seines Postrock-Projekts Ippio Payo ordentlich hoch, und in dem Fall für alle folgenden Agierenden auch nicht mehr erreichbar. Über den in diesem Forum hoch geschätzten und oft gewürdigten Münchner Ausnahme-Musiker wie in zahlreichen örtlichen Bands engagierten Multi-Instrumentalisten zum x-ten Mal ausführlich zu referieren, kommt mehr und mehr dieser Athener Eulen-Nummer gleich. Den Lobpreisungen aus zurückliegenden Konzert-Besprechungen muss gleichwohl eine weitere folgen, neben seinen ausgeprägten technischen und kompositorischen Fähigkeiten versetzt Sound-Forscher Pavlov immer wieder mit der permanenten Weiterentwicklung und Mutation seiner experimentellen Klang-Gebilde in Erstaunen, mit einer steten Neuformulierung zusätzlicher Facetten und den Grenzen austestenden Improvisationen seiner energetischen Postrock-Flows.
Den Set eröffnete Ippio Payo am Montagabend mit der Aufführung einer in epische Länge gedehnten Version der neuen, vor wenigen Tagen bei Soundcloud veröffentlichten Nummer „Rückgebäude“, in der mittels Loops und repetitiver Samplings eine virulente, latent nervöse Minimal-Rhythmik mit wunderschönen Gitarren-Phrasierungen und sich überlagernden Sound-Schichtungen harmoniert. Mit weiterem Fortgang steigerten sich Intensität, stilistische Zitate und Härtegrade des hypnotischen Instrumental-Trance, in dem Pavlov mit Einsatz diverser technischen Gerätschaften seine Anlehnungen an das Gitarren-Treatment eines Brian Eno aus dessen Prä-Ambient-Phase in den Siebzigern auf rohe Postpunk-Riffs, experimentelles, bisweilen erratisches Saiten-Spiel und die unerschöpfliche Vielfalt seiner in die Jetzt-Zeit transportierten, heftig wie gleichsam detailliert umgesetzten Kraut- und Progressive-Rock-Interpretationen treffen ließ und in gedeihlichen Einklang brachte.
Der vor Ideen-Reichtum, spontanem Drive und komplexen Kompositionen strotzende Auftritt von Ippio Payo/Josip Pavlov war einmal mehr zeitlich viel zu knapp bemessen, der Münchner Klang-Magier bleibt erste Wahl als Lieferant für die tonale Endlos-Schleife zum Hinüberdriften ins glückselige Gitarren-Ambient-Nirvana.

Auf Ippio Payo traf die Gitarristin Gussie Larkin from down under bereits im vergangenen Oktober im KAP37 zum gemeinsamen Schaufenster-Konzert, die junge neuseeländische Musikerin war damals mit dem Drummer Ezra Simons und ihrem Duo-Outfit Earth Tongue zu Gast in der Stadt. Auf erneute Einladung von KiwiMusic-Spezialist Christian Strätz machte Larkin für die jüngste Runde mit ihrer Stammformation Mermaidens Halt an den Sturm-umwehten Gestaden der Isar-Ansiedlung, die Band aus Wellington bringt ihre Tonträger über das seit Jahrzehnten in Indie-Kreisen weltweit bekannte und geschätzte Flying-Nun-Label in Christchurch auf den Markt, in der Heimat eilt dem Trio ein guter Ruf für exzellente Live-Auftritte und hochgelobte Tonträger-Veröffentlichungen voraus.
Wo Gussie Larkin mit Earth Tongue deutlich strammer in die Saiten greift und mit dröhnenden Doom-Riffs die Herzen der Stoner-, Fuzz- und Acid-Rocker höher schlagen lässt, entspinnt sie zusammen mit Bassistin Lily West und Trommler Abe Hollingsworth ein deutlich filigraneres Geflecht aus entspannter Shoegazer-Melancholie und dunklem Slowcore. Dem schlafwandlerisch unaufgeregten Indie-Rock hätte eingangs der ein oder andere Schub an Dramatik-steigernder Härte und Noise-Ausbruch im Saiten-Anschlag durchaus gut zu Gesicht gestanden, etwas austauschbar und emotional ins Lethargische neigend gestaltete die Combo das Intro der ersten Nummern. Nach diesem Dream-Pop-Prolog im ausgedehnten Weltschmerz-Weiden inklusive lieblichem Mädels-Zweigesang wusste die NZ-Band mit fortschreitender Konzert-Dauer zusehends mehr Druck und Überzeugungskraft ins gemeinsame Musizieren einzubringen, mittels neo-psychedelischer Surf-Melodik, druckvollerem Beat, finster wummernden Bässen, sporadischem vokalen, lautsprechendem Ausbruch und im Speziellen mit den scharf angeschlagenen, durch die Nacht schneidenden Postpunk-Akkorden, die Gitarristin Larkin zum Ende des Vortrags hin häufiger aus dem Ärmel zauberte.
Unerwartet, fast unverhofft Würze ins Geschehen brachten zwei aufeinander folgende Strom-Ausfälle gegen Ende des Sets, die Konzert-Reihe des Maj Musical Monday hat bei weitem schon heftigere Lärm-Erschütterungen und atonalere Brachial-Attacken er- und überlebt, trotzdem verlangte die Technik an diesem Abend nach wiederholten Auszeiten. Ob die Sicherungen nicht mehr wollten oder der anhaltende Regenguss für spontane Kurzschlüsse sorgte, einerlei, die Band nahm es gelassen und setzte ihr Set unaufgeregt nach den beiden kurzen Unterbrechungen fort, steigerte zum Finale die Intensität ihres dräuenden Alternative-Rock-Gewerks und holte sich damit den letztlich wohlverdienten, wohlwollenden Applaus und die Bitte um Zugabe vom zahlreich anwesenden Publikum.

Der Maj Musical Monday im kommenden Monat entfällt wohl wegen des viertägigen Noise Mobility Festivals von 7. bis 10. Juni. Die Münchner Glockenbachwerkstatt ist an diesen Tagen erneut das Zentrum für die europäische Underground-Szene und Forum für experimentelle Pop- und Rockmusik, elektronische Avantgarde, Performance-Kunst, gesellschaftlichen Podiums-Diskurs, Ausstellungen und einen DIY-Flohmarkt.

Gussie Larkin tritt mit Mermaidens heute in Berlin in der Kantine am Berghain als Support für Hand Habits und am 25. Mai in Köln bei einem Privat-Konzert auf, am 28. Juni ist sie mit Earth Tongue im Rahmen des dreitägigen Raut Oak Fests am Riegsee zu Gast.

Konzert-Vormerker: Mermaidens + Ippio Payo @ Maj Musical Monday #96

Die Indie-Gitarristin Gussie Larkin aus Wellington/NZ und der in München ansässige, in zahlreichen Bands/Projekten engagierte Sound-Pionier Josip Pavlov sind bereits im vergangenen Oktober beim famosen Doppelkonzert des neuseeländischen Psychedelic-Doom/Acidrock-Duos Earth Tongue und Pavlovs Postrock-Outfit Ippio Payo im KAP37 aufeinander getroffen, am 20. Mai wird es zu einer weiteren Begegnung der beiden im Rahmen der 96. Ausgabe des Maj Musical Monday in der Münchner Glockenbachwerkstatt kommen: KiwiMusic-Konzertveranstalter Christian Strätz und MMM-Macher Chaspa Chaspo präsentieren ein weiteres Kapitel aus den Klangreise-Erzählungen der experimentellen Instrumental-One-Man-Band Ippio Payo. Im Anschluss zum Konzert des Münchner Tausendsassas Josip Pavlov wird Gussie Larkin mit ihrer Stammformation Mermaidens auftreten, neben der jungen Sängerin und Gitarristin sind ihre langjährigen Freunde Lily West und Abe Hollingsworth an Bass und Trommel im Power-Trio aus der neuseeländischen Hauptstadt involviert. Die Combo ist beim renommierten Flying-Nun-Label in Christchurch unter Vertrag, in der Heimat am anderen Ende der Welt eilt dem Dreigestirn ein Ruf als exzellente Live-Band voraus, sie durften neben zahlreichen Festival- und Headliner-Auftritten bereits für namhafte Acts wie Sleater-Kinney, Death Cab For Cutie oder The Veils das Support-Programm bespielen.
Die seit 2014 veröffentlichten, regelmäßig von der Kritik gefeierten Tonträger der Mermaidens begeistern mit einer neo-psychedelischen Spielart des dunklen Postpunk, die mit melancholischer Shoegazer-Seligkeit und ruppiger Grunge-Fuzz-Kratzbürstigkeit einhergeht und im konzertanten Vortrag wie seinerzeit beim Earth-Tongue-Auftritt schwer vermutlich noch etliches an Intensitäts-Graden und Noise-Ausbrüchen zuzusetzen weiß. Aktuell ist Anfang April die Split-Single „You Maintain The Stain/Cut It Open“ bei Flying Nun Records erschienen.
Pflichttermin, nothing else (matters), egal, wer oder was an dem Abend in München sonst noch so antanzt…

KiwiMusic und Maj Musical Monday präsentieren: Mermaidens + Ippio Payo, Glockenbachwerkstatt, Blumenstraße 7, München, 20. Mai 2019. 20.00 Uhr.

NAQ/Nobody Answers Questions + Trrma‘ @ KAP37, München, 2019-04-11

Postrock, Multimedia und abstrakte Töne zur April-Veranstaltung des KAP37 am vergangenen Donnerstagabend: Wo sonst für gewöhnlich die Songwriter-, Folkmusiker- und Kellergospler-Zunft ihr Liedgut beseelt zum Vortrag bringt, war für diese Runde das experimentelle Musizieren der thematische Aufhänger im kleinen, feinen Saal der Nachbarschaftshilfe Westermühlbach.
Dass diese Nummer in dem Rahmen auch exzellent funktionieren kann, stellten bereits im vergangenen Oktober die beiden lärmenden Neuseeland-Kiwis von Earth Tongue und vor allem der Münchner man of many talents  Josip Pavlov mit seinem Solo-Postrock-Outfit Ippio Payo eindrucksvoll unter Beweis.
Pavlov war es auch, der am Donnerstag zusammen mit Lichtkünstler Gene Aichner aka Genelabo und ihrem gemeinsamen Multimedia-Projekt NAQ/Nobody Answers Questions den ersten Teil der rein instrumentalen Performance-Aufführungen bestritt. Mit ihrer audio-visuellen Duo-Präsentation werfen die beiden ortsansässigen Experimental-Künstler Fragen zu ihrer Klangreise auf: Wo wird sie hinführen? Wer weiß die Antwort? Vielleicht niemand, weitaus wahrscheinlicher jedoch das Duo selbst. Am Donnerstagabend blieben sie während ihrer knapp einstündigen, mehrdimensionalen Mixtur aus erratischen Lichteffekten und überwältigenden Instrumental-Entwürfen kaum eine Antwort schuldig auf die Frage, wie ein improvisierter Klangrausch im Crossover aus Postrock und intensivster Trance-Hypnose, visuell in den Effekten verstärkt durch fiebriges Blitz-Geflacker, zur perfekten Form streben kann. Der musikalische Ansatz von Josip Pavlov ist ein lebender Organismus, im ständigen Fluss, permanent neue Ufer suchend und Grenzen austestend. In diesem Leben gleicht kein Ippio-Payo- oder NAQ-Konzert dem anderen. Das Handwerkszeug bleibt dasselbe, die Richtung des musikalischen Flows ist im Groben vorgegeben, im Detail jedoch nicht vorhersehbar: Geloopte Bass- und Gitarrenläufe, in ständiger Wiederholung als Grund-Rhythmus angelegt, der Takt wird von elektronischen Beats oder gesampelten, live eingespielten Floortom-Paukenschlägen bestimmt. Darüber legt Pavlov mit zweiter Gitarrenlinie seine harten Riffs, zuweilen filigrane Melodien und den sich stetig weiterentwickelten, hypnotischen, Trance-artigen Postrock-Ausbruch, der sich von exzellenten Eno-Zitaten aus der Frühphase des englischen Experimental-Pioniers, herrlich mäandernden Klangschönheiten zwischen Progressive und Ambient über metallen klingenden Postpunk und Industrial-Kälte bis hin zum lautmalenden Noise-Exzess ausdehnt. Das alles verdichtet der Multiinstrumentalist zu einer massiv ergreifenden, komplexen Ein-Mann-Orchestrierung, deren in den Bann ziehende Wirkung zu keiner Komposition lange auf sich warten lässt. Gene Aichner korrespondiert und antwortet spontan mit abstrakten Lichtinstallationen, über die er mittels PC und Beamer die Bühne in eine nervös flimmernde, abstrakte Lichtflut taucht, Psychedelic mit modernen Mitteln, wenn man so will. Und in jedem Fall immer wieder aufs Neue faszinierend und die Sinne anregend. Dieser NAQ-Farben- und Klangrausch war einmal mehr ein höchst erbaulicher, die sogleich aufgeworfenen Fragen nach der weiteren Entwicklung der Kollaboration werden dann bei nächster Gelegenheit beantwortet.

Bereits im April des Vorjahres trafen NAQ mit der süditalienischen Experimental-Formation Trrmà im Rahmen einer Veranstaltung des Zwischennutzungs-Projekts Köşk zusammen, am Donnerstag waren Giovanni Todisco und Giuseppe Candiano aus Bari auf Einladung der befreundeten Münchner Künstler erneut zu Gast an der Isar.
Die Klangforscher aus Apulien sind aktuell von einer ausgedehnten Japan-Tour zurück, zu der sie während eines Monats täglich einen Auftritt absolvierten. Das Trrmà-Konzept ist gleichermaßen simpel wie schwer greifbar, damit hochspannend: Die völlig abstrakten, von jeglicher Melodik losgelösten Digital-Töne aus den Synthesizern und verbundenen Modulen von Giuseppe Candiano treffen auf das analoge Trommeln seines Mitmusikers Giovanni Todisco, das sich von einer archaischen Rhythmik, Stammes-Trommeln gleich, über wuchtigen Paukenanschlag bis hin zu den leisen Tönen der Triangel erstreckt.
Im ersten Stück mochten die Electronica-Töne noch als eine Ahnung von synthetisch erzeugten Flöten- oder Klarinetten-Pfeifen durchgehen, im Verbund mit dem wuchtigen, Trance-artigen Getrommel und Klappern der Tablas als musikalische Untermalung für einen rauschhaften nordafrikanischen Tanz-Ritus, später löste sich das Erkennbare oder mit welchen Reminiszenzen und Assoziationen auch immer Verbundene in den Interferenzen, im sequenziellen Maschinenpfeifen, in einem undefinierbaren weißen Rauschen völlig auf, einzig die Perkussion gab den frei lichternden Elektronik-Funken und den nebulösen Klangwolken eine greifbare Form. Mehr Physik als Musik, von halbwegs konventioneller Rhythmik konsumierbar und verständlich gemacht. Das mit dieser Art der Klangmalerei und der experimentellen Töne-Generierung kein einfaches Hören und Konzerterlebnis im hergebrachter Form möglich ist, dürfte auf der Hand liegen. Konzentrierte Auseinandersetzung mit dem Gehörten war Voraussetzung, um Genuss aus dieser Präsentation zu ziehen. Intellektuell anspruchsvoll wurde es zum Ende hin, als Giuseppe Candiano als letztes Werk eine stochastische Komposition ankündigte, die Maschinen übernahmen die Regie zum Erzeugen der atonalen Experimental-Drones nach dem Zufallsprinzip – wer den Unterschied zum vorher Gehörten fundiert benennen könnte, sollte sich an dem Abend ein Heiligenbild zur Belobigung verdient haben…

Das nächste Konzert im KAP37 fällt dann zur Abwechslung wieder eine Spur konventioneller aus, am 16. Mai ist der schwedische Garagen-Trash-Folk-Blueser Bror Gunnar Jannson als One-Man-Band zu Gast, highly recommended and approved by the Dad Horse Experience. Kapuzinerstraße 37, München, 20.00 Uhr.

Josip Pavlov tritt demnächst unter seinem Alter Ego Ippio Payo zu folgenden Gelegenheiten auf: Am 3. Mai im Köşk, zusammen mit dem Drummer Tom Wu und der Electronica/Kraut-Formation Bosch, Schrenkstraße 8, München, 20.00 Uhr. Und am 20. Mai in der Münchner Glockenbachwerkstatt im Rahmen des Maj Musical Monday #96, zusammen mit der neuseeländischen Band Mermaidens, Blumenstraße 7, 19.00 Uhr.

VLMV @ Maj Musical Monday #89, Glockenbachwerkstatt, München, 2018-10-15

Freundinnen und Freunde des gepflegten Postrock-Entertainments hatten am vergangenen Montagabend die Qual der Wahl, zur Auswahl standen vierfach geballte Vollbedienung der lauteren Gangart des Genres im Import/Export mit den amerikanischen Postmetallern von Shy,Low und den bajuwarischen Vertretern Pictures From Nadira, Noise Raid und MarrowVoltage, oder alternativ das entspanntere Driften in die konzertante Woche, im Rahmen der 89. Ausgabe des Maj Musical Monday in der Münchner Glockenbachwerkstatt mit dem Londoner Duo VLMV (früher/sprich „Alma“) – da war Grübeln angesagt ob des momentan voll bepackten Münchner Konzert-Kalenders, Letzteres sollte es sein, da Zweiteilen unmöglich, der faire Münzwurf in dem Fall auch nicht weiterhalf und im Zweifel der inneren Stimme stets Gehör zu schenken ist.
„An Almost Silent Life“ betitelte die nordenglische Indie-Formation Dakota Suite um Weltschmerz-Verinnerlicher Chris Hooson ihr 2012er Glitterhouse-Album, ein Motto, das sich auch für das Münchner VLMV-Konzert mit einem Set größtenteils aus den Nummern des im vergangenen Frühjahr erschienenen Longplayers „Stranded, Not Lost“ und die weitern veröffentlichten Arbeiten der Formation als thematischer Aufhänger anbieten würde, im stilistischen Ansatz sind die beiden jungen Soundkünstler Pete Lambrou und Ciaran Morahan mit ihrem nach innen gekehrten musikalischen Grundverständnis sowieso kaum weiter als in Steinwurf-Distanz von der Slowcore-Band aus Leeds entfernt. Wo sich Hooson und Co im völlig entschleunigten Songwriter-Indierock weiden, zelebrieren die beiden Londoner eine Postrock- und Dark-Ambient-affinere Spielart der leisen Töne, nicht zuletzt wohl in prägender Anlehnung an den eigenen Background, neben ihrem separaten Duo-Projekt sind beide Musiker bei der südenglischen Instrumental-Postrock-Band Codes In The Clouds engagiert. Gemeinsam entwerfen Lambrou und Morahan mittels wunderbar eleganter, reiner und einschmeichelnder Moll-Gitarren-Töne, getragener, gesampelter Violinen- und Piano-Neoklassik und live geloopter Melodien-Bögen anrührende und in ihrer nahezu unfassbaren Schönheit fast schon schmerzhafte Songs und erhabene Soundlandschaften. An der Grenze zur Zerbrechlichkeit besingt Gitarrist Pete Lambrou mit filigranem, leisem Intonieren die Downtempo-Shoegazer-Preziosen, die Duett-Partner Ciaran Morahan durch experimentelles Bespielen der Gitarre mit einem Drum-Stick als Geigenbogen- und Bottleneck-Ersatz, dem Effekte-generierenden Einsatz der Pedals und Bedienen der elektronischen Gerätschaften zu großartig erhebenden, atmosphärischen Hymnen und Song-Epen verdichtet. VLMV liefern mit ihrer introvertierten Melancholie, dem dezent nachhallenden, zu der Gelegenheit exzellent abgemischten Kammermusik-Sound und dem nachdenklichen, meditativen, zu Teilen in andere Welten entrückten Grundton ihrer Songs die musikalische Untermalung für Nebel-verhangene Herbsttage, für die innere Einkehr und den tönenden Rückzugsraum im hektischen Treiben unserer Zeit, schade eigentlich, dass dieser Sonnen-durchflutete Jahrhundertsommer scheints kein Ende nehmen will… Aber wie heißt es immer prophetisch in einer Blockbuster-TV-Serie: „Winter is coming“, und damit wird auch die Zeit für diese leise tönende Klang-Wunderwelt kommen.
Postrock muss nicht ausschließlich mit auftürmenden Gitarrenwänden und wuchtigem Getrommel durch das Tor stürmen, im An- und Abschwellen der Intensität reicht mitunter auch der leise Teil, ohne der innewohnenden Dramatik Abbruch zu tun, VLMV haben das am Montagabend mehr als eindrucksvoll in der gebührenden Ernsthaftigkeit mit ihrem verletzlichen Kompositionen unter Beweis gestellt. Ganz ohne Gelärme ging’s aber dann auch beim Londoner Duo nicht über die Bühne, ihre traumwandlerisch schwebenden Slowcore-Perlen ließen die beiden Musiker durch Geräte-schraubende Verzerrung der geloopten Samplings in einem diffusen Drone-Fadeout final verrauschen.
Das Bauchgefühl täusche sich nicht mit seinem Rat zum Besuch der MMM-Oktober-Ausgabe in der „Glocke“, einziger Wermutstropfen zu dieser beseelten Veranstaltung war der schwache Besucherzuspruch, die ätherische konzertante Schönheit der beiden Briten hätte soviel mehr an zugewandtem Zulauf verdient, die eingangs erwähnte Parallel-Veranstaltung zog da wohl etliches an interessiertem Publikum in den anderen Saal.

Die von den Münchner Musikern Josip Pavlov und Chaspa Chaspo aus dem Umfeld der Postrock-Band Majmoon organisierte Do-It-Yourself-Serie Maj Musical Monday für Indie-, Post-, Experimental-, Noise-Rock, Artverwandtes und Multimedia-Installationen präsentiert am 19. November in der 90. Auflage der Reihe die US-amerikanische Minimal-/Artrock-Formation Facs mit ehemaligen Bandmitgliedern der Chicagoer Alternative-Combo Disappears sowie das Münchner Post-Dub/Postrock-Duo WhåZho aus dem hiesigen Gutfeeling-Stall, Glockenbachwerkstatt, Blumenstraße 7, München, 21.00 Uhr.