Kalifornien

Reingehört (494): Common Eider, King Eider

Common Eider, King Eider – A Wound Of Earth (2018, Consouling Sounds)

Diffuse, finstere Albträume, in Tönen ausformuliert. Das Künstler/Musiker-Kollektiv Common Eider, King Eider ist in San Francisco ansässig und gibt auf seiner Bandcamp-Seite das kalte und unwirtliche Alaska als geistige Heimat an, wie überaus passend, nach Westcoast-Sonne kann man im Seelenpein-herauskehrenden Sound der Amerikaner in der Tat lange und vergebens suchen.
Unter anderem tummeln sich Musiker wie der ehemalige Deerhoof-Gitarrist Rob Fisk und Andee Connors von A Minor Forest in diesem sinisteren Verbund, der seit gut zehn Jahren mit Tonträger-Veröffentlichungen und sporadischen Auftritten in Erscheinung tritt.
Mit der demnächst zur Veröffentlichung angezeigten neuen Stoffsammlung „A Wound Of Earth“ drängt sich der Verdacht einmal mehr auf, dass sich die Musiker des Öfteren im dichten Nebel der kalifornischen Bay Area verlieren und ihren zwielichtigen Gedanken und Empfindungen nachhängen, das Werk schimmert schattenhaft und diffus in vier ausgedehnten Arbeiten mit Titeln wie „Starless Sky Turned Sanguine (A Hymn To Feral Spirits)“, die im gedehnten, getragenen Tempo faszinierende, gründlich ausgereifte und sich stetig weiterentwickelnde, beklemmende Klanglandschaften beschreiben. In „Wound Of Body“ ist neben dem dominierenden Drone-Flow aus der Ferne ein schwarzes Wehen zu vernehmen, weitaus mehr erahnt als tonal klar ausformuliert, mit dem sich dunkle Doom- und Postmetal-Orkane drohend von Weitem ankündigen und vor dem atonalen Entladen wieder in psychedelischer Ambient-Umnachtung verschwinden. Instrumental-Kompositionen, die sich stilistisch in einem Konglomerat aus neoklassischen Minimal-Elementen in tiefstem Moll, abstrakten, düsteren Samples und Horizont-erweiterndem Industrial-Ambient ergehen, durchdrungen vom Spirit experimenteller Progressive- und Postrock-Klangforschungen und unheilvollen, uralten Dämonen, die sich den Weg aus den verschütteten, schwärzesten Regionen des Unterbewussten bahnen.
Rituelle Drone-Metall-Sektierer wie Sunn O))) und das Industrial-Pendant der Pioniere von Throbbing Gristle/Psychic TV treffen in den mystisch durchwirkten Sound-Schleiern auf einen Slow-Motion-Ansatz der Neuen Musik von Komponisten wie Arvo Pärt oder Henryk Górecki, abstrahierter Postmetal in neoklassiches Gewand gehüllt und die dumpfe, verstörende Unruhe des Industrial als getragener, meditativer Trance getarnt, der sprichwörtliche Teufel steckt hier in den sich kaum offensichtlich offenbarenden Details, die es aufmerksam und konzentriert zu ergründen gilt, in diesen herausfordernden Dark-Ambient-Entwürfen.
Common Eider, King Eider liefern die orchestrale Beschallung zum Wandeln im dunklen Untergehölz, zur Steigerung der Dramaturgie des Moments, in dem Ihr die seit langem vermisste, halb verweste, von Pilzen und Flechten überwucherte Waldleiche findet. Prost Mahlzeit.
„A Wound Of Earth“ erscheint am 30. November beim belgischen Experimental-/Postrock-Label Consouling Sounds.
(*****)

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Emma Ruth Rundle + Jaye Jayle @ Milla, München, 2018-10-21

Nach außen gekehrte Seelen-Pein und Weiden am eigenen Weltschmerz, in klangvollen Tönen, am vergangenen Sonntagabend, im Doppelpack auf der Bühne des Münchner Milla. Wenige Lokalitäten dürften sich für derartige dunkel schimmernde Inszenierungen in der Stadt besser eignen als das Schlauch-artige Kellergewölbe im ehemals künstlichen, unterirdischen Flussbett des Glockenbachviertel-Clubs.

Das US-Quartett Jaye Jayle durfte den Boden bereiten und das Publikum mental einstimmen für den Auftritt der Königin der Nacht Emma Ruth Rundle, die Combo aus deren Plattenfirmen-Stall Sargent House formiert sich um Bandleader Evan Patterson, der daneben seit über einer Dekade bei der Indie-/Noise-Band Young Widows aus Louisville/Kentucky engagiert ist, zusammen mit dem Dark-Ambient-/Americana-Outfit Jaye Jayle erging sich der tätowierte Bär am Tag des Herrn in finsterem Neo- und Desert-Blues, verhallter, gespenstischer Southern-Gothic-Morbidität und schwerem Electronica-Drone in schwärzestem Moll.
Nachklingende, spartanische Gitarren-Akkorde, Kraut-rockende Synthie-/Keyboard-Nebel, das Gebetsmühlen-artige Psalmodieren beschwörender Mantren und ein stoisches Bass-Treiben lieferten im abgeklärt-illusionslosen Einklang den möglichen Soundtrack für kommende cineastische David-Lynch-Albträume, den Emma Ruth in ihrem Kraftwort-strotzenden Lobpreisen im Nachgang als „fuckin‘ awesome“ charakterisieren sollte. „Fuckin‘ Mark Lanegan“ hätte es wohl weitaus besser getroffen, im musikalischen Selbstverständnis des Quartetts fand sich vieles, was so oder annähernd ähnlich aus zahlreichen Solo- und Gutter-Twins-Arbeiten oder Duke-Garwood-Kollaborationen des großen Grüblers, sinisteren Schweigers und ex-Screaming-Trees-Grungers aus Seattle bekannt sein dürfte, in vergangenen Tagen ausgereifter und formvollendeter, in jüngster Zeit zu großen Teilen aber auch weitaus belangloser, und so mag es durchaus Sinn machen, wenn eine junge Band wie Jaye Jayle die Fackel des psychedelischen Crossovers aus umnachtetem, halluzinierendem Blues, Folk und Indie-Postpunk-Kraut weiter trägt, eine Fackel, die selbstredend nicht allzu hell leuchtet in einsamen, staubigen Wüsten, kalten Asphalt-Dschungeln und den dunklen Seelen-Kammern der eigenen Gemütszustände.
Nachdem die Uhr dann tatsächlich eine Vortragsdauer von annähernd vierzig Minuten anzeigte, die überraschend kurzweilig verstrichen, wird’s mit der Klangkunst des bärtigen Schwergewichts Patterson und seiner drei Begleiter durchaus was auf sich haben. Unheimliches Prärie-Amerika, tiefsinnig vertont, intensiv dräuend auf die Bühnenbretter gestellt – auch wenn’s nichts grundlegend Neues unter der Wüsten-Sonne oder dem Finsterwald-Mond war: trotzdem gern genommen.

Evan Patterson und der stoische Jaye-Jayle-Basser Todd Cook durften im Hauptteil des Abends weiter mit ihrer Präsenz glänzen, beide waren bereits bei der Entstehung und Einspielung des jüngst erschienenen Albums „On Dark Horses“ von Emma Ruth Rundle involviert und somit bestens vertraut mit dem Material, das die zierliche Schöne aus Los Angeles an diesem Abend im gut gefüllten Milla komplett zur Promotion der neuen Arbeiten präsentierte. Nach kalifornischer Sonne klingt die eindringliche und schwermütig-beseelte Songwriter-Kunst von Emma Ruth Rundle nach wie vor nicht, weit mehr nach diffusem Zwielicht in finsteren Schluchten des Death Valley oder nach Beschwörung dämonischer Manson-Family- und anderer unguter Geister in den Canyons des Westcoast-Molochs, dabei sind es vor allem die eigenen Befindlichkeiten, die Rundle mit ihren Songs in ihren dunklen, schmerzenden und beklemmenden Zuständen ergründet.
Weit weniger im Dark Folk verhaftet als bei ihrem München-Debüt vor gut zwei Jahren im Vorprogramm von David Eugene Edwards und seinem Wovenhand-Schamanismus, ohne Violine und ohne akustische Gitarre, mit klassischer Band-Besetzung die hohe Schule der elektrischen Gitarre pflegend, errichteten Emma Rundle und ihre Begleiter mit vehementen Sound-Schichten die Therapie-Räumlichkeiten für die Reflexion der Seelenzustände, des aufgewühlten Innenlebens und der heimsuchenden Plagegeister.
Dunkle Slowcore-Balladen und heftig lärmendes Doom- und Psychedelic-Rocken on the dark side of the Postpunk moon gaben die Orchestrierung für das lamentierende Lautklagen der charismatischen Sängerin, das in ihrem leidenden Flehen und Drängen pathetisch des Öfteren zu überdehnen drohte, mit ihrer angenehmen Dream-Pop-Stimmlage in bester Shoegazer-Seligkeit nichtsdestotrotz in morbider Schönheit glänzend den Weg ins Herz und Gemüt der Hörerschaft fand.
Das Auskosten des Kummers und die atmosphärische, verletzliche Melancholie sind zentrale Elemente nahezu jedes ERR-Songs und riskieren damit die einzelnen Nummern zur beliebigen Austauschbarkeit zu verdammen, die junge Kalifornierin umschifft diese scharfkantige Klippe geschickt mit Variationen im interpretierenden Vortrag durch entrücktes Hinhauchen in filigraner Manier wie drängendem, ungeduldigem, verlangendem Fordern an der Grenze zum verzweifelten Schrei in der heftigen Ausprägung, die Band folgt ihr in Steigerung der Dramaturgie mit Postrock-verhaftetem An- und Abschwellen der von lärmenden Gitarren gefluteten Klangwellen, Emma Ruth Rundle erinnert sich im Rahmen der laufenden Tour offensichtlich ihrer eigenen Postmetal-/Experimental-Wurzeln mit den US-Bands Red Sparowes, Marriages und Nocturnes.
Mit knapp über einer Stunde war das Konzert nicht allzu opulent anberaumt, neben „On Dark Horses“ als Gesamtwerk gab es eine Handvoll Songs vom Vorgänger-Album „Marked For Death“, mancher Gast hätte sich zu der Gelegenheit wohl noch die ein oder andere Song-Dreingabe erwartet, zumal der solistische Abschluss mit eigener, puristischer Drone-/Noise-Gitarren-Begleitung zum finalen Seelen-Strip „Shadows Of My Name“ das künstlerische Level nochmals zu steigern wusste und Lust auf mehr von diesen minimalistischen, schnörkellosen Lebensbeichten machte – andererseits war im Wesentlichen alles gesagt zur Befindlichkeit der Emma Ruth Rundle und die stilistischen Möglichkeiten im Rahmen ihrer musikalischen wie emotionalen Selbstfindung ausgereizt, insofern: Schluss machen, wenn die Seele am schmerzlich-schönsten brennt…

Hierzulande sind Emma Ruth Rundle und Jaye Jayle noch zu folgenden Gelegenheiten im Rahmen ihrer ausgedehnten Europa-Tournee zu sehen: Heute Abend im Berliner Bi Nuu; morgen, am 24. Oktober, im Hafenklang Hamburg.