Kammer-Pop

Eine Kerze für Mark Hollis

Der englische Musiker und Songwriter Mark Hollis ist gestern im Alter von 64 Jahren in London gestorben. Zusammen mit dem Drummer Lee Harris und dem Bassisten Paul Webb gründete er 1981 die Synthie-Pop-Band Talk Talk, die in der Frühphase ihrer Karriere eine Handvoll Hits wie „Such A Shame“ und „It’s My Life“ in den Singles-Charts platzieren konnte. Nach dem Erfolg ihres dritten Albums „The Colour Of Spring“ setzte sich die Band mit experimentelleren Klängen auseinander, auf den letzten beiden regulären Tonträgern wandte sie sich in zeitlosen Kompositionen ab vom gängigen New-Wave-Pop der Achtziger, hin zu kammermusikalischer Neo-Klassik, Jazz, Progressive-/Krautrock-Elementen und einer frühen, von Talk Talk selbst geprägten Spielart des Postrock, mit der die Engländer den Sound nachfolgender Formationen des Genres wie Mogwai oder Godspeed You! Black Emperor maßgeblich beeinflussten.
Talk Talk lösten sich nach den Sessions zu ihrem exzellenten 1991er-Album „Laughing Stock“ auf. Mark Hollis veröffentlichte 1998 im Nachgang ein einziges Solo-Werk unter seinem Namen, ein Meisterwerk, das in den bisher erschienenen Nachrufen nur erstaunlich knappe Erwähnung findet. „Mark Hollis“ ist geprägt von einer grandiosen Mixtur aus akustischem Kammer-Pop und Folk, edlen Jazz-Elementen, dezenten Neu-Klassik-Zitaten und Ambient-artiger Entrücktheit, zu denen Hollis in melancholischer Empathie seine Lyrics oft mehr klagt als singt, ein von Ruhe und Erhabenheit durchwirktes Gesamtkunstwerk, das in seiner minimalistischen Entschleunigung völlig abgeklärt wirkt und zu Teilen nicht mehr im Diesseits verhaftet zu sein scheint. Das Album ist Hollis‘ eigentliches Vermächtnis an die Musikwelt, der er bereits vor zwanzig Jahren für immer den Rücken kehrte.

Reingehört (301): Aimee Mann

Aimee Mann – Mental Illness (2017, Membran / Sony)

Aimee Mann meldet sich aus der kreativen Pause zurück, wie schön. Um die Jahrtausendwende hat sie mit ihren Beiträgen zum „Magnolia“-Soundtrack und ihrem großen Indie-Pop-Wurf „Bachelor No. 2 Or, The Last Remains Of The Dodo“ für gesteigerte Begeisterung in der Musikwelt gesorgt, neben diversen einnehmenden Folgearbeiten, denen in Fachkreisen grundlegend Respekt gezollt wurde, erschien 2005 das von Joe Henry produzierte, überzeugende Konzeptalbum „The Forgotten Arm“, auf dem die schlanke Blonde ihre eigenen Erfahrungen als Boxerin einfließen ließ, im Jahr darauf folgte mit einer belanglosen Weihnachtslieder-Sammlung der gefühlte schöpferische Tiefpunkt, damit befindet sich Frau Mann in prominenter Gesellschaft, der wandelnde Literaturnobelpreisträger-Witz und Sinatra-Nöler hat die geneigte Hörerschaft ein paar Jahre später mit seinem grauenvollen Sondermüll „Christmas In The Heart“ verprellt, nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal, aber das ist eine andere Geschichte.
Nach fünf Jahren Funkstille meldet sich Aimee Mann mit einer ihrer stärksten Arbeiten zurück, „Mental Illness“ glänzt mit allem, was die Songwriterin aus Virginia seit jeher aus der Masse der singenden Sirenen heraushob, das feine Gespür für getragene Song-Epen, die dezente Verbindung zum schwer melodiösen, entspannten Folk-, Kammer- und Indie-Pop, gekrönt von dieser tiefenentspannten, mit einem Übermaß an Wohlklang und Eindringlichkeit gesegneten Singstimme, die wie stets gefühlvoll, melancholisch, ins Sentimentale driftend mit Hirn und Herz vorträgt, ohne je die Grenzen des Kitschs zu streifen.
Thematisch eine intelligente Auseinandersetzung mit den Schrullen, Ritualen und desillusionierenden Unzulänglichkeiten im alltäglichen Leben, von misanthropischen Anwandlungen bis hin zum Herzschmerz durchleuchtet Aimee Mann in elf kraftvollen, ausgewogenen Kompositionen die Ausprägungen der Seelenpein, ohne dabei der Depression Raum zu geben. Trotz thematischer Schwere Balsam für die Seele und den Gehörgang.
Feines Werk.
(**** ½ – *****)

Binoculers @ Bienenorden, München, 2017-04-09

„Ein Traum in Moll“ stand an dieser Stelle im Mai 2015 zur anstehenden Veröffentlichung des Binoculers-Albums „Adapted To Both Shade And Sun“ als staunende Schwärmerei über den Zauberwald-Pop der Hanseaten zu lesen, verbunden mit der Hoffnung auf ein baldiges konzertantes Aufführen der feinen Tonkunst des Hamburger Duos in Münchner Gefilden, die IsarstädterInnen mussten sich dann doch noch etliche Monde gedulden bis zur Erfüllung dieses Begehrs, Blogger-Freund Eike Klien vom Klienicum-Blog hat’s nun möglich gemacht und das ursprünglich angedachte Wohnzimmerkonzert in seinem Ampfinger Refugium spontan als Wild Honey Concert umgewidmet und die Veranstaltung in der wunderbaren Örtlichkeit des Sendlinger Bienenordens (ehemals Atelier gUT) angesiedelt.

Nadja Rüdebusch und ihr musikalischer Wegbegleiter Daniel Gädicke haben seit einem Monat ein neues Album am Start, dementsprechend reichhaltig war der Anteil der einzelnen Werke aus „Sun Sounds“ (Insular) beim gut besuchten Konzertabend im Sendlinger Künstleratelier von Denis Stepanovic am vergangenen Sonntagabend, das Duo verstand es auf entspannte und äußerst charmante Art, den herrlichen Sonnentag angenehmst mit ihrer individuellen Spielart der Indie-Pop-Harmonien zu krönen.
Die Binoculers-Klangwelt erstreckte sich in einem äußerst stimmigen Gesamtbild von melancholischen, Chanson-haften Kleinoden hin zu nonchalanten Kammer- und Dream-Pop-Kostbarkeiten, Rüdebusch und Gädicke glänzten mit dezent platzierten Beigaben aus dem Desert Blues und der experimentellen Psychedelic, die im Grundton entschleunigte, zurückgenommene, oft dezente Tondichtung erfuhr mit Perlen wie „The Cities“ oder „Same Sun“ punktuelle Uptempo-Einschübe, die in frisch-unverkrampftem Nach-Vorne-Abgehen gar Hit-Potential offenbarten.
Herausragende Charakteristika im Vortrag der beiden hochsympathischen Hanseaten sind neben dem Einsatz zurückgenommener Electronica, dem reduzierten Gitarrenanschlag und der in homöopathischen Dosen zur Krautrock-Progressive-Psychedelia neigende Keyboard-Klang vor allem anderen die Gebirgswasser-klare, gleichsam verträumt-erotisch wie rein klingende Singstimme von Nadja Rüdebusch, die von Konzertbeginn weg in den Bann schlug, und das virtuose Schlagwerk-Spiel Daniel Gädickes, das trotz zurückhaltender Unaufdringlichkeit jederzeit ausgeprägte Könnerschaft erkennen lässt und mit seiner Rhythmik dem ureigenen Sound der Band den stimmigen Rahmen gibt.
So, wie das aufmerksame, kundige Publikum vom Vortrag des Duos ergriffen wurde, so begeistert waren die beiden Künstler von der schmucken Lokalität in Sendling, gerne kommen wir beizeiten auf das Ansinnen und das Versprechen der Band zurück, hier bei Gelegenheit ein Freiluft-Konzert im schönen Bienenorden-Hof zu spielen, time will tell…
(*****)

Very special thanks an Katrin Klien für das feine Catering, das wie immer einem rundum gelungenen Abend die spezielle Note verlieh.

Das nächste Wild Honey Concert im Bienenorden findet am 19. Mai statt, auftreten wird das Duo Wayne Graham aus Whitesburg/Kentucky mit äußerst gepflegtem US-Indie-Folk und Alternative Country, wir freuen uns schon wie Bolle.

Binoculers treten heute im Zing in Saarbrücken auf, weitere Termine der laufenden Tour:

12.04.Darmstadt – Zucker
13.04.Würzburg – Cafe Wunschlos Glücklich
14.04. – Neukirchen – Adorf
15.04.Chemnitz – Aaltra
16.04.Hof – Hauskonzert
19.05.Braunschweig – Nexus
20.05.Hannover – Galeria Lunar Goes Underground
25.05.Ulm – Hudson Bar

Reingehört (289): David Bazan, The Magnetic Fields, Rolling Blackouts Coastal Fever

Gerhard Emmer München Kulturforum

David Bazan – Care (2017, David Bazan)

Hat was riskiert, die Meinungen hinsichtlich Qualität des Resultats werden vermutlich weit auseinander gehen: Seattle-Indie-Rocker und ex-Pedro-The-Lion-Mastermind David Bazan garniert seine nachweislich ausgeprägten Songwriter-Fertigkeiten auf dem neuen Solo-Werk mit einer geballten Ladung an 80er-Synthie- und Keyboard-Sounds inklusive der für diese Dekade typischen Rhythmus-Maschine, selbst in Form dieser abseitigen LoFi-Beschallung schimmert in jedem Werk die große Tondicht-Kunst des nachdenklichen Musikers durch, auch wenn eine stramme Strom-Gitarre oder gepflegtes Musizieren auf der Wanderklampfe den meisten Balladen-haften, emotionalen Softcore-Songs über das Familienleben als Ehemann und Kindsvater weitaus besser zu Gesicht gestanden hätten.
Wem das zu sehr überreizt im Sinne billig-abgeschmackten Elektro-Indie-Pops aus vergangenen Zeiten erscheint, für den gibt es nach wie vor die Umsetzung der reinen Lehre in Form des reichhaltigen Bazan-Backkatalogs.
(**** – **** ½)

The Magnetic Fields – 50 Song Memoir (2017, Nonesuch)

Stephin Merrit mag’s gern opulent, hat er ja bereits 1999 mit seinem allerorts hochgelobten 69-teiligen Liebeslieder-Zyklus „69 Love Songs“ (Merge Records) hinreichend und eindrucksvoll unter Beweis gestellt, jetzt hat der Kopf und Songschreiber der Magnetic Fields ein Konzeptalbum über die ersten 50 Jahre seines Lebens veröffentlicht, für jedes volle Lebensjahr ab 1966 einen Song. Die Nummer läuft in einem Rutsch auf brauchbarem Niveau gut durch und weiß in ihrer Gesamtheit als Konzeptalbum zu gefallen, ohne die großen qualitativen musikalischen Ausreißer nach oben oder unten, Multiinstumentalist Merrit spielt wie gehabt den Großteil der Instrumente von der Ukulele über das Piano und allem Möglichem anderem an Geräusche-erzeugenden Gerätschaften bis hin zur Kuhglocke selbst und kreiert seinen ureigenen Klang-Kosmos aus eingängigem, lieblichem Kammer-, Folk- und Indie-Pop, den man in der ein oder anderen Form auch auf allen Magnetic-Fields-Vorgängeralben findet, dabei die Geschichten erzählend über seine seltsame Kindheit, die Liebhaber seiner Mutter, das schaurig-schöne Leben in New York City und wie es wäre, John Foxx von Ultravox zu sein…
„69 Love Songs“ darf man nicht als Maßstab für diesen zweiten Großwurf in der Bandgeschichte ansetzen, grandiose, berückende, herausragende Indie-Pop-Songperlen vom Format „All My Little Words“, „Washington, D.C.“, „I Don’t Want To Get Over You“ oder das unfassbar gute Duett „Papa Was A Rodeo“ über homoerotische Trucker-Phantasien wie seinerzeit bei den Liebesliedern wird man hier vergebens suchen. Schade eigentlich. Trotzdem: Solide Arbeit, wenn auch mit beschleunigter Abkühlung der Vorfreude-Euphorie.
Inklusive schönem Booklet mit vielen Fotos, einem ausgedehnten Stephin-Merrit-Interview mit dem Schriftsteller und ehemaligen Magnetic-Fields-Mitmusiker Daniel Handler und handschriftlichen Notizen zu jedem Song.
„It’s mostly love and music, so don’t dig for much of a storyline. And if things get mellower as 50 looms, that’s life“.
(****)

Rolling Blackouts Coastal Fever – Talk Tight (2016, Sub Pop)
Rolling Blackouts Coastal Fever – The French Press (2017, Sub Pop)

Indie-Rock-Combo aus dem australischen Melbourne, die von der Fachpresse als neuestes Borstenvieh durchs Alternative-Dorf getrieben wird. Sollen über begnadete Songwriter-Fertigkeiten im Geiste der Go-Betweens verfügen, das sollte man indes als altgedienter Verehrer der Forster/McLennan-Combo aufgrund des präsentierten Materials der beiden EPs dann doch nicht allzu ernst nehmen, die überbordende Euphorie der Strokes drängt sich als Referenz auf, die Melodien der neuseeländischen Flying-Nun-Bands und das in feine Indie-Pop-Songs gegossene Gitarrengeschrammel der Blue Aeroplanes, man merkt schon, alles schon mal da gewesen, und im Bezug auf Rolling Blackouts Coastal Fever: alles schon mal grandioser, hinsichtlich großér Pop-Momente ergreifender, in den Melodien ausgereifter, im Songwriting zupackender oder ganz einfach auf den Punkt gebracht: bereits alles schon mal besser dagewesen.
Bands wie diese hinterlassen beim Abhören im Jahr 2017 einen faden Nachgeschmack und sind nicht unmaßgeblich dafür verantwortlich, dass der neue, aktuelle Indie-Rock mehr und mehr zur austauschbaren Nummer verkommt.
(***)

Liann @ KAP37, München, 2016-06-09

LIANN @ KAP37 München 2016-06-09 --- DSC04779

„Zu seinen deutschen Texten zupft Liann Irish-Folk-Harmonien und erfindet so den Schlager für die Digital-Natives: weniger Kitsch und mehr rohes Gefühl!“
(Rita Argauer, Süddeutsche Zeitung, Junge Leute, Band der Woche, 25. Mai 2016)

Im Februar hat er im Rahmen des Auftritts von Antun Opic im KAP37 seine Bewerbung für ein SchaufensterKonzert in Form von ein paar eingestreuten Songs abgegeben, nun durfte Kilian Unger aka Liann just an seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag selber ran im lauschigen kleinen Saal der Nachbarschaft Westermühlbach, mit der sozialen Einrichtung verbindet den jungen Musiker eine langjährige Geschichte, in seiner Kindheit war er hier in der Nachmittagsbetreuung untergebracht, a sort of homecoming, sozusagen.
Das von ihm einiges zu erwarten war, deutete bereits der Kurzauftritt vor ein paar Monaten an, in der Zwischenzeit hat Liann bei seinem EP-Release-Konzert den Glockenbachviertel-Club Milla ausverkauft, ein Umstand, der bei weitem nicht jedem dort auftretenden Künstler vergönnt ist, diese Nummer hat die Erwartungen an den vergangenen Donnerstagabend abermals um ein paar Umdrehungen hochgeschraubt, und die hat der junge Mann aus der Isarvorstadt-Nachbarschaft nochmal um ein Gutes übertroffen.
Nach einem kurzen solistischen Ausflug in den deutschen Songwriter-Folk zum Start gesellten sich peu à peu Lianns musikalische Gäste des Abends auf die Bühne und lenkten den melodischen Sound unter der Regie des geborenen Entertainers weiter in Richtung Indie-Kammer-Pop, dahingehend die ganz große Ausgabe, die Beiträge von Elisa von Wallis am Cello, Preston Jones am Kontrabass, Derrick Waluube am Schlagzeug und dem begnadeten Geiger Buck Roger, gepaart mit den pfiffig-witzigen, originellen Alltagsbeobachtungen und Geschichten in den Texten Lianns sorgten für einen herrlich-launigen, beglückenden und maximalen Spaß garantierenden Konzertabend, man kennt es von den KAP37-SchaufensterKonzerten letztendlich auch nicht anders.
Den Großteil des Konzerts nahmen die Interpretation der deutschen Songwriter-Perlen der vor kurzem erschienenen Liann-EP „Murmeltier“ (2016, recordJet) ein, ergänzt um einige unveröffentlichte und neue Songs, die punktuell auch die nachdenkliche Seite des jungen Musikers herauskehrten, und gegen Ende des gemeinsamen Auftritts bereichert durch begeisternde Ausflüge in die Gefilde des Soul, bei denen Drummer Derrick Waluube als Interpret diverser Klassiker des Genres schwerst beeindruckte und Violinen-Spieler Buck Rodger eine beschwingte Kostprobe aus dem Repertoire seiner eigenen Combo The Sidetrackers zum Besten gab.
Beim BVB-Shootingstar und derzeitigen EM-Fahrer Julian Weigl haben sie wahrscheinlich damals schon beim SV Ostermünchen aufgrund des herausragenden Talents den zukünftigen Champions-League-Spieler gesehen, in der Saison 2013/14 hatten wir auf Giesings Höhen bei den Amateurspielen der Münchner Löwen vergleichbare Gedanken, und ein dahingehend ähnliches Gefühl wird wohl den ein oder anderen am Donnerstagabend beim Auftritt des hochsympathischen, unverstellten jungen Mannes auch beschlichen haben, bei einem mit derart viel Talent gesegneten Musiker und Texter wie Kilian Unger müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn da nicht noch eine ganze Ladung mehr kommt an größeren Bühnen und positiver Resonanz, weit über die Münchner Grenzen hinaus, gleiches gilt im Übrigen uneingeschränkt für seine an dem Abend großartig auftrumpfenden Mitmusikant(In)en.
(*****)

Liann / Homepage