KAP37

Bror Gunnar Jansson @ KAP37, München, 2019-05-16

Haben Willy DeVille oder Lightnin‘ Hopkins vor einigen Jahrzehnten in Göteborg ihre Gene verteilt? Liegen die modrigen Sümpfe, die staubigen Bretter-Scheunen und Schwarzbrenner-Kaschemmen Louisianas oder die Weg-Kreuzung, an der Robert Johnson dem Leibhaftigen begegnet sein soll, nicht in Wirklichkeit irgendwo weit oben im europäischen Norden, am skandinavischen Kattegat, hinter der nächsten Holzkirche irgendwo in Småland? Wer am vergangenen Donnerstag-Abend im heimeligen Konzert-Saal des KAP37 beim Schaufenster-Konzert von One-Man-Band-Kapellmeister Bror Gunnar Jansson zugegen war, dürfte zu diesen oder ähnlichen Fragen nachhaltig am Grübeln gewesen sein.
Der schwedische Blues-Traveler machte auf ausdrückliche Empfehlung von Dirk Otten aka The Dad Horse Experience Halt an den Ufern des Westermühlbachs, in der mittlerweile angestammten Münchner Missions-Gemeinde des Bremer Kellergosplers – mit dieser Referenz gesegnet war das Prädikat „Pflicht-Termin“ zum Auftritt des jungen Musikers aus dem hohen Norden quasi obligatorisch. Und diesen Vorschuss-Lorbeeren sollte der Mann mit der imposanten Elvis-Schmalztolle auch mehr als gerecht werden. Bror Gunnar Jansson wird in Kenner-Kreisen in Anlehnung an einen seiner Tonträger-Titel gerne als „The Great Unknown“ bezeichnet, das „Great“ kann man verdientermaßen getrost so stehen lassen, der sprichwörtliche „Man Of Many Talents“ würde es ansonsten noch weit mehr treffen. Beeindruckend effektvoll geschlagene, nachhallende Riffs auf den Gitarren-Saiten, einhergehend dazu erstaunlich pointiertes Getrommel mittels Fuß-Pedal-Einsatz und ein herausragendes Sanges-Organ charakterisieren im Wesentlichen den Vortrag des Musikers, der alles mögliche ist, nur nie beliebig oder austauschbar.
Janson gibt verzweifelte Bekenntnisse zum Besten, beklemmende Moritaten und eindringliche Spiritual-Predigten, erzählt finstere Geschichten, wie sie die alten Blues-Männer (und einige wenige Frauen) bereits vor hundert Jahren mit rauer Kehle beklagt haben: Die alten, düsteren Geheimnisse, Legenden und der Aberglaube des amerikanischen Südens, Southern Gothic im besten Sinne zwischen Trash/Delta/Garagen-Blues, Alternative Country und windschiefem Folk. Mit heulendem, pfeifenden, jaulenden Ausdruck, schreiend, knurrend oder flüsternd predigt die Ein-Mann-Kapelle seine Gospels in ergreifender, schwarz-souliger Stimmlage. Der Blues auf der halbakustischen Gitarre swingt mit einer eigenen, angejazzten Note, das mag dann bei Jansson tatsächlich von den Genen herrühren, sein Altvorderer war als Basser bereits mit Bebop-Größen wie Chet Baker oder Dexter Gordon unterwegs. Die Elektrische dröhnt und kracht scheppernd in gefälligster Garagen- und Trash-Rock’n’Roller-Manier, und ein „stupid thing“ als spartanischer Blues auf einem simplen Instrument wie der Ukulele hört sich beim Schweden immer noch voluminöser und roher geerdet an als bei so manch anderen in voller Band-Begleitung, und damit gerät die zeitlose Nummer alles andere als zur dummen Kuriosität. Oft reduziert und damit den Tönen Raum zum Nachklang einräumend wird hier den seelischen Abgründen, der Existenz-erschütternden Pein und den finsteren Pfaden der verschlungenen Lebenswege Ausdruck gegeben, in gedehnten, illusionslosen Schmerzens-Balladen, gespenstischen Prärie-Folksongs wie in ruppigen Blues-Howlern und allen denkbaren, artverwandten Schattierungen dazwischen. Wer mit „The Lonesome Shack“ und entsprechendem Delta-Blues-Flow die gleichnamige, exzellente US-Band um den großartigen Ben Todd würdigt, ist in Sachen Stil- und Geschmacks-Sicherheit sowieso über jeden Zweifel erhaben.
Bror Gunnar Jansson präsentierte sich am Donnerstag-Abend als einer der konzeptionell stringentesten und individuellsten One-Man-Band-Vertreter in jüngster Zeit, gesegnet mit ausgeprägtem Talent für Instrument und Songwriting, harmonierenden Multi-Tasking-Fähigkeiten und vor allem einer ausdrucksstarken, tiefschwarzen Wolfsheuler-Stimme. Und in jedem Fall hat er mit seinem Gig ein erstes, höchst gelungenes Warm-Up zum anstehenden Raut-Oak Fest am Riegsee im kommenden Monat bespielt, auch wenn er dort selber leider nicht zugange ist – reingepasst ins Deep-Blues-Konzept der dreitägigen Veranstaltung hätte er allemal. Solange KAP37-Organisator Christian Solleder allmonatlich derartige Konzert-Preziosen aus dem Hut zaubert, gibt es noch Hoffnung für dieses irdische Jammertal. Amen.

Bis auf Weiteres last chance, um Bror Gunnar Jansson in unseren Landen live zu sehen: Der schwedische Blues-Kracher tritt heute Abend in Bremen auf, Schule 21, Godehardstraße 21, 20.00 Uhr.

Nächstes Schaufenster-Konzert im KAP37: Am 6. Juni stellt Evi Keglmaier von der Hochzeitskapelle ihr neues Solo-Material im Saal der Nachbarschaftshilfe Westermühlbach vor, Kapuzinerstraße 37, 20.00 Uhr.

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NAQ/Nobody Answers Questions + Trrma‘ @ KAP37, München, 2019-04-11

Postrock, Multimedia und abstrakte Töne zur April-Veranstaltung des KAP37 am vergangenen Donnerstagabend: Wo sonst für gewöhnlich die Songwriter-, Folkmusiker- und Kellergospler-Zunft ihr Liedgut beseelt zum Vortrag bringt, war für diese Runde das experimentelle Musizieren der thematische Aufhänger im kleinen, feinen Saal der Nachbarschaftshilfe Westermühlbach.
Dass diese Nummer in dem Rahmen auch exzellent funktionieren kann, stellten bereits im vergangenen Oktober die beiden lärmenden Neuseeland-Kiwis von Earth Tongue und vor allem der Münchner man of many talents  Josip Pavlov mit seinem Solo-Postrock-Outfit Ippio Payo eindrucksvoll unter Beweis.
Pavlov war es auch, der am Donnerstag zusammen mit Lichtkünstler Gene Aichner aka Genelabo und ihrem gemeinsamen Multimedia-Projekt NAQ/Nobody Answers Questions den ersten Teil der rein instrumentalen Performance-Aufführungen bestritt. Mit ihrer audio-visuellen Duo-Präsentation werfen die beiden ortsansässigen Experimental-Künstler Fragen zu ihrer Klangreise auf: Wo wird sie hinführen? Wer weiß die Antwort? Vielleicht niemand, weitaus wahrscheinlicher jedoch das Duo selbst. Am Donnerstagabend blieben sie während ihrer knapp einstündigen, mehrdimensionalen Mixtur aus erratischen Lichteffekten und überwältigenden Instrumental-Entwürfen kaum eine Antwort schuldig auf die Frage, wie ein improvisierter Klangrausch im Crossover aus Postrock und intensivster Trance-Hypnose, visuell in den Effekten verstärkt durch fiebriges Blitz-Geflacker, zur perfekten Form streben kann. Der musikalische Ansatz von Josip Pavlov ist ein lebender Organismus, im ständigen Fluss, permanent neue Ufer suchend und Grenzen austestend. In diesem Leben gleicht kein Ippio-Payo- oder NAQ-Konzert dem anderen. Das Handwerkszeug bleibt dasselbe, die Richtung des musikalischen Flows ist im Groben vorgegeben, im Detail jedoch nicht vorhersehbar: Geloopte Bass- und Gitarrenläufe, in ständiger Wiederholung als Grund-Rhythmus angelegt, der Takt wird von elektronischen Beats oder gesampelten, live eingespielten Floortom-Paukenschlägen bestimmt. Darüber legt Pavlov mit zweiter Gitarrenlinie seine harten Riffs, zuweilen filigrane Melodien und den sich stetig weiterentwickelten, hypnotischen, Trance-artigen Postrock-Ausbruch, der sich von exzellenten Eno-Zitaten aus der Frühphase des englischen Experimental-Pioniers, herrlich mäandernden Klangschönheiten zwischen Progressive und Ambient über metallen klingenden Postpunk und Industrial-Kälte bis hin zum lautmalenden Noise-Exzess ausdehnt. Das alles verdichtet der Multiinstrumentalist zu einer massiv ergreifenden, komplexen Ein-Mann-Orchestrierung, deren in den Bann ziehende Wirkung zu keiner Komposition lange auf sich warten lässt. Gene Aichner korrespondiert und antwortet spontan mit abstrakten Lichtinstallationen, über die er mittels PC und Beamer die Bühne in eine nervös flimmernde, abstrakte Lichtflut taucht, Psychedelic mit modernen Mitteln, wenn man so will. Und in jedem Fall immer wieder aufs Neue faszinierend und die Sinne anregend. Dieser NAQ-Farben- und Klangrausch war einmal mehr ein höchst erbaulicher, die sogleich aufgeworfenen Fragen nach der weiteren Entwicklung der Kollaboration werden dann bei nächster Gelegenheit beantwortet.

Bereits im April des Vorjahres trafen NAQ mit der süditalienischen Experimental-Formation Trrmà im Rahmen einer Veranstaltung des Zwischennutzungs-Projekts Köşk zusammen, am Donnerstag waren Giovanni Todisco und Giuseppe Candiano aus Bari auf Einladung der befreundeten Münchner Künstler erneut zu Gast an der Isar.
Die Klangforscher aus Apulien sind aktuell von einer ausgedehnten Japan-Tour zurück, zu der sie während eines Monats täglich einen Auftritt absolvierten. Das Trrmà-Konzept ist gleichermaßen simpel wie schwer greifbar, damit hochspannend: Die völlig abstrakten, von jeglicher Melodik losgelösten Digital-Töne aus den Synthesizern und verbundenen Modulen von Giuseppe Candiano treffen auf das analoge Trommeln seines Mitmusikers Giovanni Todisco, das sich von einer archaischen Rhythmik, Stammes-Trommeln gleich, über wuchtigen Paukenanschlag bis hin zu den leisen Tönen der Triangel erstreckt.
Im ersten Stück mochten die Electronica-Töne noch als eine Ahnung von synthetisch erzeugten Flöten- oder Klarinetten-Pfeifen durchgehen, im Verbund mit dem wuchtigen, Trance-artigen Getrommel und Klappern der Tablas als musikalische Untermalung für einen rauschhaften nordafrikanischen Tanz-Ritus, später löste sich das Erkennbare oder mit welchen Reminiszenzen und Assoziationen auch immer Verbundene in den Interferenzen, im sequenziellen Maschinenpfeifen, in einem undefinierbaren weißen Rauschen völlig auf, einzig die Perkussion gab den frei lichternden Elektronik-Funken und den nebulösen Klangwolken eine greifbare Form. Mehr Physik als Musik, von halbwegs konventioneller Rhythmik konsumierbar und verständlich gemacht. Das mit dieser Art der Klangmalerei und der experimentellen Töne-Generierung kein einfaches Hören und Konzerterlebnis im hergebrachter Form möglich ist, dürfte auf der Hand liegen. Konzentrierte Auseinandersetzung mit dem Gehörten war Voraussetzung, um Genuss aus dieser Präsentation zu ziehen. Intellektuell anspruchsvoll wurde es zum Ende hin, als Giuseppe Candiano als letztes Werk eine stochastische Komposition ankündigte, die Maschinen übernahmen die Regie zum Erzeugen der atonalen Experimental-Drones nach dem Zufallsprinzip – wer den Unterschied zum vorher Gehörten fundiert benennen könnte, sollte sich an dem Abend ein Heiligenbild zur Belobigung verdient haben…

Das nächste Konzert im KAP37 fällt dann zur Abwechslung wieder eine Spur konventioneller aus, am 16. Mai ist der schwedische Garagen-Trash-Folk-Blueser Bror Gunnar Jannson als One-Man-Band zu Gast, highly recommended and approved by the Dad Horse Experience. Kapuzinerstraße 37, München, 20.00 Uhr.

Josip Pavlov tritt demnächst unter seinem Alter Ego Ippio Payo zu folgenden Gelegenheiten auf: Am 3. Mai im Köşk, zusammen mit dem Drummer Tom Wu und der Electronica/Kraut-Formation Bosch, Schrenkstraße 8, München, 20.00 Uhr. Und am 20. Mai in der Münchner Glockenbachwerkstatt im Rahmen des Maj Musical Monday #96, zusammen mit der neuseeländischen Band Mermaidens, Blumenstraße 7, 19.00 Uhr.

Baby Kreuzberg @ KAP37, München, 2019-02-22

Stadien-Schnulzer Springsteen gibt in seiner bei Netflix ausgestrahlten, unsäglich langweiligen und vor allem unsäglich affektierten „On Broadway“-Show eingangs unumwunden zu, dass er in seinem Leben unterm Strich noch nie was Vorzeigbares an Knochenjobs in den Mühlen der Lohnsklaverei gearbeitet hat und damit in seinen zahlreichen Working-Class-Songs von selbst nie Erlebtem, allenfalls von Erfahrungen aus zweiter Hand erzählt – hinsichtlich Authentizität eine ganz arme Nummer (Böse Zungen werden an der Stelle einwerfen, beim Mainstream-Bruce größtenteils nicht nur dahingehend).
Was die Geschichten und Hintergründe seiner Texte betrifft, geht es beim Berliner Songwriter Marceese Trabus aka Baby Kreuzberg gern thematisch mindestens eine Nummer kleiner als beim fragwürdigen „Boss“, dafür liegt er in puncto Glaubwürdigkeit ganz weit vorne – wenn er sich in Songs wie „Monkey Bussiness“ oder „Ain’t No Texas Ranger“ über Konzert-Veranstalter auslässt, die den gebuchten Künstler um ihre Gage prellen, oder über angesagte Live-Clubs in Neukölln, die grundsätzlich nur Musiker aus New York oder Chicago buchen, keinesfalls einen aus dem örtlichen Kiez, dann weiß Marceese aus seiner eigenen Vita, wovon er spricht.
Im Rahmen seiner laufenden „Speak Of The Devil“-Solo-Tour machte der Berliner Barde am vergangenen Freitag im Münchner KAP37 Halt, die heimelige Bühne der Nachbarschaftshilfe Westermühlbach ist wie geschaffen für einen Entertainer seines Schlages, der Saal war gut gefüllt, und so konnte einem erbauenden, das Gemüt nach harten Arbeitstagen wieder aufrichtenden Songwriter-Abend zum Wochenausklang nichts mehr im Wege stehen. Tat’s auch nicht. Dem Musiker eilte aufgrund jahrzehntelangem, fleißig bespieltem Tour-Betrieb und zahlreichen Band- wie Solo-Projekten ein exzellenter Ruf voraus, diesen unterstrich er an dem Abend auf das Angenehmste. Charmant, unaufgeregt und mit dem Humor seiner Berliner Herkunft moderierte Baby Kreuzberg sein umfangreiches Repertoire, das trotz vielseitiger stilistischer Ausprägungen als homogenes Gesamtwerk zu überzeugen wusste. Das geerdete, wahrhaftige, in Americana-Tradition verwurzelte Songwriting bildete den Hauptstamm eines reichhaltig blühenden Baums, ob als Herz-anrührende Alternative-Country-Ballade, als trockener Acoustic-Blues, schmissiger Rock’n’Roll-Twang oder als schlichte, elegante Liedermacher-Melodie zum deutsch vorgetragenen Liebesgedicht an die Herzallerliebste daheim, der Berliner kennt die Vorbilder und hat viel Eigenes anzumerken.
Instrumental ein bewanderter Virtuose auf seinen sechs Saiten, gab der Solist Einblick in sein breitgefächertes Können, ob mit ruppigerem Garagen-Blues auf der Halbakustischen, den selbst eine Indie-Legende wie Alex Chilton nicht kaputt-trashiger aus dem Übungskeller gezogen hätte, oder mit dem 10-minütigen Akustik-Instrumental „Eclipse“ seines Seitenprojekts „Yer International Humbug“, das mit Herrlichkeiten wie Flamenco-Zitaten und Trance-artiger Desert-Psychedelic in den Bann zog, ob mit ausgedehnten, nachhallend lärmenden Feedback-Orgien im Zusammenspiel von Gitarre, Pedalen und der Lautsprecher-Box zum kontrastreichen Durchbrechen und Konterkarieren der entspannten, ruhigen Grundstimmung des Abends, selbst der seinerzeit ab Ende der Siebziger von den Sendern totgespielten Pink-Floyd-Hitnummer „Another Brick In The Wall“ hauchte Marceese in Form einer dringlichen Folk-Blues-Version neues Leben ein. In dem Rahmen nicht vermutete Geistesverwandtschaft zum brachialen Geknüppel der vom Künstler in der Vergangenheit gerne gehörten Slayer, inhaltlich in Form zweier Serienkiller-Balladen mit morbiden Schilderungen durch die Brille der Delinquenten, Baby Kreuzberg zollte damit wohl thematisch auch seiner eigenen musikalischen Vergangenheit mit der Berliner Trash-Metal-Combo „gate“ Tribut. Der im Rock der harten Gangart prominent vertretene wie im Tour-Titel erwähnte Teufel himself durfte in dem Zusammenhang auch nicht fehlen, wo er andernorts seinen Auftritt als Pudel oder irgendwo im Detail steckend hat, inkarnierte er beim Berliner Songwriter als verflossene Liebschaft in einer bitter-süßen Tirade auf Abhängigkeiten und die Tyrannei böser Weiber.
Damit’s nicht allzu bierernst und trübsinnig wurde, schoss Baby Kreuzberg satirische Spitzen gegen das Berliner Hipster-Volk, das sich in seinen Unarten von den Münchner Exemplaren im Wesentlichen kaum unterscheidet, gegen Social-Media- und Smartphone-Junkies, und gab selbstironische Einblicke ins eigene Familienleben. Ob die beiden Songs aus seinem Kinderlieder-Projekt „Raketen Erna“ an diesem Abend unbedingt in die Setlist gehörten, man könnte lange darüber diskutieren, immerhin werden Tagsüber in der Nachbarschaftshilfe am Westermühlbach auch Kinder betreut, damit lag’s dann hinsichtlich Lokalität schon mal nicht ganz falsch. Kurzer Werbe-Block für das eigene Schaffen ist auch nicht verboten, zumal sich viel potentielle Kundschaft im Auditorium tummelte, und mehr Schmiss und Pfiff als „Hänschen-Klein“ hatten die deutschen Texte aus Sicht einer Rotzgöre mit Berliner Schnauze allemal.
Von der tiefen Entspannung der Country-Folk-Holzveranda über die Trash-Garage in die Blues-Kaschemme, mit Abstechern auf den lärmenden Pausenhof des Kindergartens, in die staubtrockene Hitze der Wüste und in die seelischen Abgründe von Massenmördern, dagegen nimmt sich die „Reise um die Erde in 80 Tagen“ aus wie ein urfader Pauschal-Trip, von der orchestralen Beschallung auf der Schiffs-Passage um den Globus ganz zu schweigen.
Baby Kreuzberg und das KAP37, das hat gepasst: Eine der schönsten Münchner Bühnen für das Songwriter-Genre, und einer der versiertesten Vertreter der Zunft hierzulande, die hätten die Tauben nicht schöner zusammentragen können, wie die Alten in so einem Fall treffend anmerken.

Der All-Americana-Gitarrist mit der wohl tönenden, ab und an latent ins Brüchige kippenden Stimme und dem umfangreichen, nicht in Schubladen zu pressenden, gleichsam stets stimmigen Gewerk tritt in München wieder am 27. März in der Shotgun Sister Coffeebar auf, Deisenhofener Straße 40, 20.00 Uhr. Weitere, zahlreich stattfindende Konzerttermine von Baby Kreuzberg finden sich auf seiner Homepage, guckst Du hier. Highly recommended!

Das nächste SchaufensterKonzert im KAP37 findet am 21. März statt, der Hong Kong Jockey Club wird bekanntes Liedgut in unbekannten Versionen spielen, damit sind freudige Überraschungen garantiert – Derartiges beherrschte die Combo bereits unter dem alten Band-Namen Fly In The Ointment auf das Unterhaltsamste. Und wer hören will, wie Howlin‘ Wolf nach Sex-Pistols-Punk klingt (oder andersrum?), die Doors wie eine Ska-Band, oder warum olle Schmonzetten wie „Rebel Yell“ oder „Personal Jesus“ im richtigen Gewand dann doch mehr als nur passable Nummern sind, die- oder derjenige sollte sich den Termin schon mal vormerken. Fasching ist zwar dann schon vorbei, aber getanzt werden darf trotzdem. München, Kapuzinerstraße 37. 20.00 Uhr. Auch highly recommended, eh klar.