Klangkunst

Godspeed You! Black Emperor + Mette Rasmussen @ Technikum, München, 2019-11-24

„Luciferian Towers“, endlich auch live in München errichtet: Nachdem Godspeed You! Black Emperor die 2018-Tour zur konzertanten Aufführung ihres jüngsten, bereits vor über zwei Jahren veröffentlichten Meisterwerks großräumig an hiesigen Gefilden vorbeilotsten, konnte das veranstaltende Feierwerk am vergangenen Sonntag im Münchner Technikum ausverkauftes Haus bei der Präsentation der kanadischen Experimental/Postrock-Institution vermelden. Verdientermaßen, darf man anmerken, alles andere wäre einem Affront gegenüber der großartigen Kunst des achtköpfigen Musiker-Kollektivs aus Montreal gleichgekommen. Gitarrist Efrim Menuck begeisterte bereits im vergangenen Sommer zusammen mit Electronica-Duo-Partner John Doria im gemeinsamen Projekt „are SING SINCK, SING“, in der großen Besetzung des Mutterschiffs reihte er sich mannschaftsdienlich ein in die vielstimmige und komplexe Sinfonik des ureigenen GY!BE-Sounds, der in den hundert Minuten des Münchner Auftritts einmal mehr mit doppelter Bass- und Drums-Orchestrierung, Violine und drei Gitarren seine Einzigartigkeit wie die Ausnahmestellung der Band in der weiten Welt des Postrock untermauerte.
Drone, Noise und abstrakte Trance-Rituale überlagerten sich vielschichtig mit vertrautem Progressive-, Experimental- und Kraut-Rock, minimalistischer Neo-Klassik und melodischen Filmmusik-Sequenzen, in einer hypnotischen Klang-Intensität, in der das getragene, traurig-melancholische Element der atmosphärisch-diffusen Klangnebel, experimentelle Ausbrüche, euphorisierende Postrock-Hymnik und treibender Indie-Drive Hand in Hand gehen, in einer tonalen Dichte, wie sie in den Spielarten der instrumentalen Rockmusik nach wie vor ihresgleichen sucht. Dieses Kollektiv braucht keine großen Bühnen-Gesten, keine Applaus-heischenden Ansagen oder solistisches Protzen, um das Publikum völlig in den Bann zu ziehen. Was vor einem Vierteljahrhundert in einer Lagerhalle in Montreal als improvisierte Trio-Nummer startete, ist längst zu einem der renommiertesten, ernsthaftesten, konzeptionell stringentesten, fundamental einzigartigsten Live-Acts des experimentellen Postrock-Genres gereift.
Wie im Jahr zuvor begleitete die norwegische Free-Jazz-Saxophonistin Mette Rasmussen einen Teil der ausladenden „Luciferian Towers“-Nummern, die Band ergänzte das Set mit altbewährten Klassikern wie „The Sad Mafioso“ oder dem eingangs in Überlänge zelebrierten „Hope Drone“. Diverse, zuweilen parallel projizierte Super-8-Filme mit bewegten Bildern von Friedhöfen, brennenden Fabriken und amerikanischen Massendemonstrationen unterstrichen wie in der Vergangenheit zu jedem GY!BE-Auftritt die Dringlichkeit und wortlose, politische Aussage der Kompositionen, gipfelnd in einem minutenlangen, Konzert-beschließenden Feedback-Fade-Out, ein anarchistisches Statement gegen Globalisierung, soziale Gräben, Imperialismus und den militärischen Apparat.
Vermutlich werden Godspeed You! Black Emperor einst in nicht allzu ferner Zukunft als einsamer, leuchtender Turm in der kahlen Wüste der instrumentalen Rockmusik stehen: Wenn alle anderen Bands das immer Gleiche der Laut/Leise-Kontraste bis zum Erbrechen zu Tode geritten haben, wird der Kosmos der Band aus Quebec weiter in einer dunkel funkelnden und faszinierenden Vielfalt erstrahlen, ohne Worte mahnend und warnend vor den finsteren politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen der westlichen Zivilisation.

Eingangs galt es am Sonntagabend, das enervierende Solo-Programm von Mette Rasmussen zu überstehen. Die Norwegerin tobte sich für eine halbe Stunde mit ihrem Saxophon im improvisierten Free Jazz aus, abgehackte Töne in das Auditorium trötend, ein gnadenloses Gelärme, dem selbstredend keinerlei Melodik innewohnte, allenfalls bisweilen ein rudimentär erkennbarer Rhythmus im erratischen Radikalausbruch, Kakophonie, die zu keiner Sekunde nach Gefälligkeit heischen mochte. Dem Geplärr des Holzblasinstruments ließ die Musikerin beizeiten das kurze Geschrei der eigenen Stimme folgen – das Nerven-anspannende, Genuss-freie Gewerk ein bebender, explosiver, gleichwohl erschreckend monotoner Ausbruch und für viele die Art von Gejazze, die den christlichen Radfahrer zum absteigen zwingen, die Skeptiker gewiss nicht für experimentelles Musizieren einnehmen und den gemeinen Jazz-Verächter in all seinen ablehnenden Vorurteilen bestätigen. Weitaus ansprechender, voluminös druckvoller und mehrdimensionaler wurde der Vortrag erst zum Ende hin, als sich zum Noten-freien Gebläse von Mette Rasmussen die GY!BE-Musiker Thierry Amar und Timothy Herzog an Bass und Trommel mit wuchtiger Taktgebung für die letzte Nummer ihres Konzerts in das Klangbild einbrachten, aber da war das Kind bereits im Brunnen und die Trio-Besetzung somit nur noch Rettungsweste gegen das komplette Absaufen dieses höchst überflüssigen Support Acts. Schade, dabei kann die Frau so viel mehr, wie ihr Musizieren im Verbund mit GY!BE an diesem Abend wie auch exemplarisch ihre experimentellen Duo-Aufnahmen mit dem Gitarristen Tashi Dorji unterstreichen.

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frameless18: Asa-Chang & Junray, Arturas Bumšteinas, Jana Winderen @ Einstein Kultur, München, 2018-10-11

Am vergangenen Donnerstag fand in den Kellergewölben des Einstein Kultur die 18. Auflage der Münchner frameless-Reihe für experimentelle Musik und Medien-Kunst im digitalen Zeitalter als Auftakt zur Herbstserie nach einer langen Sommerpause statt, wie stets und löblicherweise gefördert aus öffentlichen Mitteln des Musikfonds eV und des Kulturreferats der Landeshauptstadt, präsentiert von der Münchner Kunsthistorikerin/Visual-Artistin Karin Zwack und kenntnisreich wie charmant anmoderiert von Dr. Daniel Bürkner.

Die Klangforschungen und tonalen Experimente zur Erweiterung der Hörgewohnheiten hätten sich nicht breitgefächerter präsentieren können als an diesem Abend im ehemaligen Braukeller-Gewölbe, den ersten Teil der Veranstaltung konzipierte der baltische Komponist und Sound-Künstler Arturas Bumšteinas, der neben seinen veröffentlichten Tonträgern bereits zahlreiche Installationen und Aufführungen für Festivals, Theater und Radio-Hörspiele gestaltete. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Auseinandersetzung mit individuellen und kollektiven Erinnerungen, die sich aus Archiven, Klängen und Fragmenten zusammensetzt. Für frameless18 war als Präsentation eine eigens für die Veranstaltungsreihe entwickelte Arbeit über die Geschichte des Eurovision Song Contest angekündigt, die – wohl wegen der japanischen Herkunft der im Folgenden auftretenden Formation – durch die halbstündige Multimedia-Performance „The Year Of The Catdog“ ersetzt wurde, die der litauische Klang-Tüftler ursprünglich 2016 für eine tschechische Radiosendung umsetzte. Zentrales Thema der experimentellen Dokumentation ist das Herstellen von Ton-Pfeifen und -Flöten mit traditionellen japanischen Brennöfen in einem Dorf 30 Kilometer außerhalb von Bumšteinas‘ Heimatstadt Vilnius, der vom Ehepaar Dorma und Juozas Penkinski und einigen Helfern als viertägiges Ritual begangene Arbeitsprozess wurde vom Experimentalmusiker als Field Recordings und Bildaufnahmen festgehalten, neben dem Knistern des Feuers zum Brennen der Ton-Instrumente waren im abgedunkelten Raum hauptsächlich die Dialoge der Handwerker zu vernehmen, die Bumšteinas auf einer schwarzen Videoleinwand ins Englische übersetzte und gegen Ende der Aufführung mit einer Schlaglicht-artigen Einblendung von Fotos und kurzen Filmen der Aktion anreicherte. Eingangs verlas er vermutlich erklärende Worte zu seiner Aufführung, über Inhalt und Zweck seiner Erläuterungen kann nur gemutmaßt werden, da sich sehr wahrscheinlich kaum jemand im Veranstaltungsraum befand, der der litauischen Sprache mächtig war.
Die Multimedia-Schau begleitete er sporadisch mit seinem Spiel auf Ton-Flöten, die wohl nahe liegend bei der dokumentierten Produktion gefertigt wurden, asiatisch anmutende, simple Meditations-Klänge, die dem spartanischen, minimalistischen Experimental-Charakter der Präsentation leider auch keine weiteren Spannungs-fördernden Elemente beizufügen wussten. Minimal Music und Multimedia-Sampling an der Grenze zum absoluten Stillstand hinsichtlich komplexer Finesse und Hinstreben zu einer wie auch immer gearteten Klimax, als Meditations-Übung mochte diese halbe Stunde durchaus Sinn ergehen, ob daraus tatsächlich alle aus der Zuhörerschaft den großen Kunstgenuss zogen, darf wohl getrost aufgrund des monotonen Charakters der Arbeit in Frage gestellt werden.

Weitaus opulenter, vielschichtiger und komplexer gestaltete sich das Konzert der japanischen Formation Asa-Chang & Junray an diesem Abend: der Gründer und ehemalige Kopf des erfolgreichen Tokyo Ska Paradise Orchestra, Studio-Musiker bei asiatischen Millionen-Seller- und Mainstream-Acts, Bandleader und Perkussionist Asa Chang zauberte mit Unterstützung seiner eigenen Trompeten-Künste, dem Saxophonisten/Flötisten Yoshihiro Goseki, der bezaubernden Anzu Suhara an Violine und Akkordeon und den elektronischen Lauten der „Junray-Tronics“-Maschine ein breitgefächertes Klangspektrum im sich gegenseitig befruchtenden Zusammenwirken von organischer und synthetischer Musik in den Saal. Die drei Multiinstrumentalisten und der programmierte Sprach-Computer präsentierten eine schwer zu fassende, in jedem Fall faszinierende Crossover-Mixtur aus Elektronik-Pop, leichtfüßig beschwingtem Kraut-Space und neoklassischer Kammermusik, das exotisch anmutende Klangwerk scheint von japanischen Kinderliedern, asiatischer Folklore und Eastern-Filmsoundtracks genau so geprägt wie von Mutationen orientalischer Jazz-Spielarten, Spoken-Word-Samplings und dadaistischen Wort-Wiederholungen im Modus gebetsmühlenartiger Endlosschleifen. Die Mensch-Maschine-Kombination beeindruckte mit minimalistischem, permanent wiederholtem Abzählen von eins bis zwölf in japanischer Sprache, das sich zu einem geloopten Trance-Kanon als spirituelles Mantra auswuchs, daneben mit relativ simpel gestalteten Hymnen zwischen fernöstlichem Folk und futuristischer Drone-Untermalung, mit melancholischen Avantgarde-Songs und unbeschwerter J-Pop-Melodik. Eine stilistische Klammer um die heterogenen Songs und Instrumental-Kompositionen war kaum auszumachen, was bei anderen Bands beliebig, erratisch oder konzeptlos erscheinen mag, zeugte bei Asa-Chang & Junray von großer Abenteuerlust auf der Suche nach dem Neuen und einer schier unerschöpflichen Virtuosität im musikalischen Grenzgang.
Die ausufernden Klang-Visionen, kleinen Experimental-Pop-Songs und großen Tondichtungs-Melodramen lösten einst bereits beim berühmten englischen Radio-DJ John Peel Begeisterungsstürme aus, bei der zahlreich erschienenen Münchner Japan-Community und den weiteren Besuchern vom frameless18-Abend verhielt es sich am Donnerstagabend nicht viel anders, und so gewährten Asa-Chang & Junray eine im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe seltene Zugabe nach Entgegennahme des langanhaltenden und verdienten Applauses.

Wo sich sonst im Nebenraum zu den experimentellen Konzerten zumeist außergewöhnliche, unkonventionelle Video- und Multimedia-Arbeiten finden, präsentierte frameless18 die Klanginstallation „Restless“ der Norwegerin Jana Winderen. Die akademisch ausgebildete Musikerin, Mathematikerin, Chemikerin und Fisch-Ökologin konzipierte ihre Field Recordings an der Grenze von Kunst und Naturwissenschaft, die Aufnahmen zu „Restless“ fangen mittels digitaler Technik die Geräusche von Tiefsee-Krustentieren ein, eine abstrakt-tonale Abbildung verborgener Muster der Natur, die mithilfe von vier Lautsprechern die kargen Backsteingemäuer beschallte – in der Theorie ein vielversprechender Ansatz, in der Umsetzung als Hörerfahrung oder Erweiterung des individuellen musikalischen Horizonts indes nur mäßig anregend, in der eigenen Eintönigkeit gefangen und damit in einer Linie mit der puristischen Präsentation von Arturas Bumšteinas am selben Abend. Da gab es in der Vergangenheit durchaus schon von spannenderen frameless-Veranstaltungen zu berichten, wenngleich die drei Japaner und ihre Maschine an diesem Abend im Kampf gegen die Gleichförmigkeit viel wett machten…

frameless19 findet am 14. November im Einstein Kultur statt, Einsteinstrasse 42, München, Einlass 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei.
Angekündigt sind Mark Nelson aka Pan American, der legendäre US-Vorreiter abstrakter Experimental-Elektronik, Klangforschungen von Annabelle Playe aus Frankreich und ein Film der Medienkünstlerin Lilli Kuschel, der die Realität und die digitale Traumwelt Hollywoods kontrastiert. Frau/Man darf – wie immer – gespannt sein.

frameless17: Lawrence English, Antti Tolvi, Lynne Marsh @ Einstein Kultur, München, 2018-04-25

Bereits zwei Wochen nach der letzten Ausgabe der frameless-Reihe für experimentelle Musik und Medienkunst im digitalen Zeitalter ging es am vergangenen Mittwoch im Kellergewölbe des Einstein Kultur in die nächste Runde, den kontrastreichen Abend zur Erweiterung der Hörgewohnheiten präsentierte wie gewohnt das Kuratoren-Duo Karin Zwack und Dr. Daniel Bürkner, letzterer fand einmal mehr in der Anmoderation der Klang- und Video-Künstler die passenden wie informativen Worte.

Bevor es im ehemaligen Brauerei-Keller extrem elektronisch und heftig wurde, stimmte der finnische Musiker Antii Tolvi mit entspannten und organischen Tönen die frühabendliche Klangreise an, der autodidaktische Komponist und Sound-Forscher, der auf einer Schären-Insel zwischen Helsinki und Turku lebt und arbeitet, überzeugte mit einem Solo-Piano-Stück im Kontext der klassischen Minimal Music, ein Loop-artiges Wiederholen eines im Wesentlichen immer gleichen Klaviermusters entfaltete einen hypnotischen Sog, dem sich im Saal andächtig lauschend kaum jemand entziehen konnte. Tolvi löste die Struktur auf, indem er die Tasten immer schneller bespielte und gegen Ende nur noch in grober Manier seine Handflächen zum Anschlag einsetzte, ein steter Fluss oder ein Aufziehen von Gewitterwolken, die sich gegen Ende entluden, einem Damm-Brechen gleich. Der Piano-Flow wurde von dezent eingesetzter, pointierter Electronica begleitet, die der finnische Performer auch im weiteren Lauf zum sanften Loopen seiner angeschlagenen Gongs im zweiten Teil seiner Darbietung einsetzte. Das perkussive Klangspiel zwischen sanftem Rauschen, Nachhallen und punktuell dunklerem Pochen entfaltete schnell eine kontemplative Stimmung, der Künstler hat sich in der Vergangenheit mit Zen-Meditation, Qigong und Tai Chi beschäftigt, die Auseinandersetzung mit fernöstlichen Philosophien fand unverkennbar Einfluss in den Vortrag.
Zum Beschließen seiner Aufführung wandelte Antti Tolvi ein einzelnes Gong-Becken anschlagend durch den Keller-Raum, bis in die hintersten Ecken, in den Garderobenraum, vor die Eingangspforte in den Gang vor dem Saal, wieder zurückkommend, einem schamanischen Ritus gleich, zur Vertreibung böser Geister, zur Reinigung der Aura, zu was auch immer, begleitet von einem wechselnd-bunten Farbenspiel der Raum-Illumination.

Den zweiten Teil der konzertanten Experimental-Tonkunst gestaltete der australische Komponist und Medienkünstler Lawrence English mit seiner im wahrsten Sinne des Wortes überwältigenden Sound-Collage „Cruel Optimism“, Dr. Daniel Bürkner regte eingangs ob der zu erwarteten Heftigkeit eindringlich den Gebrauch von Gehörschutz an und warnte explizit die Schwangeren vor dem Beiwohnen der Aufführung. English selbst erläuterte vor dem Konzert in sympathischem, britisch geprägtem Understatement ausführlich prägende Einflüsse und Kontext seines Programms. „Cruel Optimism“ bezieht sich auf das gleichnamige Buch der amerikanischen Philosophin Lauren Berlant, der australische Klangforscher empfahl explizit die Lektüre der Analyse der US-Professorin zur Beurteilung aktueller Krisen, die, bedingt durch den Neoliberalismus, die Entfaltungsmöglichkeiten in einer freien Gesellschaft zusehends mehr konterkarieren. Der Musiker regte weiter zum Dialog über seine Arbeit an, jede/r würde das Erlebte und Gehörte anders interpretieren und empfinden, umso wichtiger wäre der Austausch der Gedanken im Nachgang. Auf der englischen Wikipedia-Seite zum Künstler findet sich die Anmerkung „His work is broadly concerned with the politics of perception, specifically he is interested in the nature of listening and sounds‘ capability to occupy the body“, insofern war es nicht weiter verwunderlich, als English dem Publikum während seines Konzerts das Liegen auf dem Boden empfahl, so könnte seine Electronica-Komposition am Umfänglichsten wahrgenommen und genossen werden, ausreichend Platz für diese unkonventionelle Positionierung zum Klangerlebnis war da, es gab an dem Abend genug Absenzen, haben doch Etliche das vorhersehbare Abschneiden der ortsansässigen europäischen Fußball-B-Ware gegen die „Königlichen“ den experimentellen Exerzitien vorzogen.
Lawrence English sollte mit seinem Vorschlag Recht behalten, sein Extrem-Intensiv-Drone, das finstere, abgrundtief düstere Pochen und die Noise-Attacken, die sich immer wieder in der rauschhaften audiovisuellen Performance aus abstraktem Synthie-Grundrauschen, Trockeneis-Nebel, Stroboskop-Blitzen und den Field Recordings einer Meeres-Brandung Bahn brachen, gingen in der Tat durch Mark und Bein und waren nicht zuletzt mittels Erschütterungen der baulichen Fundamente durch Vibrationen am ganzen Körper spürbar – eine über die Maßen tonal-atonale Wucht, die den bekannten Krach-Hochämtern von Größen wie Ben Frost oder Michael Gira und seinen Swans neue Aspekte und Grenzerfahrungen hinzufügte. Well done, Mr. English.

Die Videoarbeit im separaten Nebenraum stammte an dem Abend von der kanadischen Medienkünstlerin Lynne Marsh, sie setzt sich in ihrer Arbeit „Plätterwald“ mit der menschlichen Wahrnehmung und deren Beeinflussung durch Medien und Bilder auseinander. Die Video-Installation zeigt eine fingierte Achterbahn-Fahrt durch einen ehemaligen, heute verwilderten DDR-Vergnügungspark im Osten Berlins. Im Film werden verschiedene Ebenen der Vergangenheit und Gegenwart des Ortes durch Stilmittel der Virtual Reality verschoben und ineinander verwoben, die digitale Welt bestimmt die Wahrnehmung der Realität.

frameless18 wird voraussichtlich im kommenden Herbst folgen, wesentlich zeitnäher findet das verwandte frameworks-Festival statt, von 9. bis 11. Mai, zum ersten Mal im Blitz Club im Gebäude des Deutschen Museums, Museumsinsel 1, München, Einlass jeweils ab 19.00 Uhr, der Eintritt ist frei. Auftreten werden unter anderem die Wiener Experimental-Band Radian, das gemeinsam von Schneider TM und Ilpo Väisänen/Pan Sonic konzipierte Duo-Projekt Die Angel und die ägyptische Sängerin Nadah El Shazly, einmal mehr darf man wie der sprichwörtliche Flitzebogen gespannt sein auf Horizont-erweiternde Klang-Experimente.

Godspeed You! Black Emperor @ Batschkapp, Frankfurt/Main, 2018-04-24

Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet zum Berg pilgern, in diesem Sinne. Kanadas Postrock-Giganten Godspeed You! Black Emperor haben München auf der jüngsten Europa-Tournee wie bereits bei einigen Reisen in jüngster Vergangenheit großräumig umschifft, und so blieb am vergangenen Dienstag für die konzertante Erbauung nichts weiter als Karre starten und ins nächstgelegene Dorf des Geschehens pesen, die Finanzmetropole am Main war weiß Gott nicht der schlechteste Austragungsort für die Multimedia-Statements gegen Kapitalismus, Post-Kolonialismus, ökologische Zerstörung und Polizeistaat im inhaltlichen Kontext der Arbeiten des Instrumental-Kollektivs aus Montreal.
Bevor GY!BE ihre „Luciferian Towers“ virtuell ein paar Kilometer von den wolkenkratzenden Türmen der Hochfinanz entfernt im Frankfurt Batschkapp errichten konnten, durfte ein unangekündigter Sound-Künstler, der auch im weiteren Verlauf des Abends nicht namentlich vorstellig wurde, das Programm eröffnen, seine Anonymität war zu verwinden, die durch den Synthie gejagten und durch entsprechendes Einstellungen-Justieren vor sich hin lärmenden, abstrakten Trance-Space-Drones fanden letztendlich nie den Ausweg aus der Monotonie, das halbstündige Experimentieren am elektronischen Gerät hat man in der Form oft und vor allem weitaus inspirierter und Facetten-reicher gehört.

Godspeed You! Black Emperor holten nach Abbau der verkabelten Maschinen des Vorprogramm-Artisten im Folgenden wie erwartet zum tonalen Großwurf aus, in zwei Stunden untermauerten die Kanadier mit drei Gitarren, zwei Bässen, zwei Drum-Kits und einer Violine einmal mehr ihren unangefochtenen Status an der Weltspitze des Postrock, der bei dieser Band um so Vieles mehr ist als Gitarrenwände und das minutenlange Mäandern im Trance-artigen Flow, GY!BE sind die Symphoniker und das großartig-herausragende Orchester des Genres schlechthin, die den euphorisierenden Progressive- und Indie-Rock in ihren ellenlangen Intensiv-Tondichtungen genau so ausleben und integrieren wie lautmalerische Drones, Feedbacks, Samples und die Heftigkeit des Noise-Rock, dunkle Ambient-Mystik und eine fein austarierte, organische, eine hypnotische Kraft entfaltende Neoklassik- und Minimal-Music-Ästhetik, die unvermindert von großen avantgardistischen Klang-Visionen zeugt. Eine Differenzierung nach U- und E-Musik-Elementen macht bei GY!BE ohnehin seit jeher keinen Sinn, der kompositorische Ansatz und das inhaltliche Konzept der Band dienten noch nie dem vordergründigen Entertainment, der kolossale Sound ist Klang gewordene Hinterfragung und kritische Anprangerung der sogenannten westlichen Werte, der Politik und der militärisch/wirtschaftlichen Machenschaften, wo ein Frank Zappa sich mit Statements wie „Government is the Entertainment division of the military-industrial complex“ noch schwarzhumorig einen abfeixte und musikalisch entsprechend umsetzte, kennen GY!BE keinen Spaß in ihren tonalen/atonalen und visuellen Ansagen, die oft düsteren, dunkel funkelnden, nur partiell in hellere Gemütslagen driftenden, überwältigenden Kompositionen werden bei den Konzerten entsprechend mit großflächiger Video-Installation inhaltlich untermauert, wer mit der abstrakten Instrumental-Kunst des Kollektivs Interpretationsschwierigkeiten hat, findet die Intention und Aussage der Werke in eindeutigerer Form unterstrichen durch bewegte, in der Ästhetik an Amateur-Aufnahmen angelehnte, oft verfremdete Experimental-Bilder von verschneiten, kalten Wohn-Ghettos, weitläufigen Friedhöfen, gewaltsamen Demonstrationen und riesigen Abraum-Müllhalden. Dabei lässt die Band die Hoffnung durchaus nicht sterben, wie zur Intensivierung der helleren Klangfarben flackert sporadisch das riesig hingepinselte Wort „Hope“ im gleichnamigen Drone über die Großbildleinwand, neben Tier-, Natur- und Landschafts-Aufnahmen die Konzert-Besucher in der Konfrontation mit den finsteren Aussichten und schwergewichtigen Themen nicht allein lassend.
Für die Nummern „Fam/Famine“ und „Undoing A Luciferian Towers“ vom aktuellen Album wurden Godspeed an dem Abend von der dänischen, im norwegischen Trondheim ansässigen Jazz-/Improvisations-Saxophonistin Mette Rasmussen unterstürzt, ein ohnehin voluminöser Klangkörper erfuhr durch das Gebläse der jungen Frau weitere Ausdehnung, Fläche, Aspekt, und in dem Fall eine diffus orientalische Note, die von der Band bis dato so nicht durchexperimentiert wurde.
125 Minuten, acht Instrumental-Epen in der ganzen GY!BE-Pracht, quer durch die Bandhistorie, nach finalem Feedback-Drone keine Zugaben, keine Wünsche und Fragen mehr offen, Publikums-fordernd, -bedienend, -erschöpfend und die beiwohnenden Zeugen mit der Gewissheit eines erlebten, großartigen Gesamtkunst-Genusses zurück- und in den Abend ent-lassend. Konzert des Jahres, wahrscheins, Stand heute.
Dass die Umwelt-Bilanz dieses Auswärts-Spiels eine verheerende ist, liegt auf der Hand, und über den Schlafentzug muss sowieso kein weiteres Wort verloren werden, insofern selbstredend eine an sich schon Kritik-würdige Aktion, aber dann müssen sich die Damen und Herren Trudeau, Menuck, Pezzente, Moya, Amar, Bryant und Konsorten halt mal wieder ins schöne München bequemen, hilft alles nix…

frameless16: Gamut Inc, Yen Tzu Chang, Axel Stockburger @ Einstein Kultur, München, 2018-04-10

Auftakt zur frameless/frameworks-Reihe im Jahr 2018 für experimentelle Musik und Medienkunst im digitalen Zeitalter am vergangenen Dienstag-Abend im Kellergewölbe des Einstein Kultur im Münchner Stadtteil Haidhausen: Zur 16. Ausgabe der hochgeschätzten Veranstaltung durften die Kuratorin Karin Zwack und ihr wie stets charmant und kenntnisreich anmoderierender Co-Veranstaltungsleiter Dr. Daniel Bürkner einmal mehr spannende Experimente aus der weiten Welt der Klang-, Performance- und Video-Kunst präsentieren, an dem Abend speziell zum thematischen Schwerpunkt „Künstliche Intelligenz und digitalisierte Arbeitsabläufe“, dankenswerter Weise nach wie vor mit freundlicher finanzieller Förderung durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München und den Musikfonds e.V. mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien – gibt dann doch noch ab und an die Momente, die das Steuern-zahlen irgendwo sinnvoll erscheinen lassen…

Die taiwanesische Künstlerin Yen Tzu Chang eröffnete den Abend mit ihrer fünfzehn-minütigen Performance „Whose Scalpel“, die für die Ars Electronica konzipierte Aufführung war im wahrsten Sinne des Wortes eine Operation am offenen Herzen, in einer Mixtur aus Klangkunst und darstellender Auseinandersetzung mit technischen und medizinischen Entwicklungen generierte die Medien-Artistin artifizielle Sound-Drones und abstrakte Klang-Entwürfe, aus denen sich dann doch dann und wann der Heart-Beat herauskristallisierte, in Einklang mit ihrer visuellen Präsentation als Experimental-Kardiologin an einer überdimensionierten MRT-Nachbildung ihres eigenen Herzens. Durch intensiven Electro-Noise, der durch Umstecken und Verkabeln an integrierten Synthie-Gerätschaften an der Modell-Version des lebenswichtigen Organs erzeugt wurde, warf Chang in einer von organischen wie gleichsam maschinellen Elementen bestimmten Konzept-Komposition die Frage auf, wer in Zukunft das Skalpell führen wird, in Zeiten, in denen sich auch die chirurgische Medizin zunehmend mehr mit Fragen und Entwicklungen der Digitalisierung, mit Wissens-Datenbanken und künstlicher Intelligenz auseinandersetzt.
Das abrupte Ausschalten der Soundmaschine zum Ende der Performance wirkte wie der Moment nach dem finalen Herzschlag und führte unvermittelt vor Augen, wie es sich (vermutlich nur für Sekunden-Bruchteile) anfühlt, wenn in der Maschine Mensch der Motor seinen Betrieb einstellt.

Ein ausgedehnteres Konzert-Erlebnis der besonderen Art bot im zweiten Teil nach der kurzen Umbau-Pause das Duo-Ensemble Gamut Inc, das sich aus der Berliner Elektronik-Musikerin und Grafikerin Marion Wöhrle aka Frau W und dem Danziger Komponisten Maciej Śledziecki zusammensetzt.
Die beiden Klangforscher arbeiten bei ihren Aufführungen mit selbstentwickelten und -gebauten Musikmaschinen, die mittels digital programmierter Mechanik organische Instrumental-Musik erzeugen, der PC und das Schrauben an den Reglern geben den codierten Impuls für das automatisierte Anschlagen der Stahl-Saiten und das Erzeugen der Töne und Drehen der Einstellungen am analogen Synthesizer und anderweitigen Sound-gebenden Konstruktionen – dass sich mittels Algorithmen spannungsgeladene Kompositionen und faszinierende Klangentwürfe im digital-mechanischen/organischen Austausch entwickeln lassen, davon gab die Demonstration des deutsch-polnischen Duos eindrücklich Zeugnis, startend bei einem repetitiven, hypnotischen Minimal-Music-Entwurf, der ausgewiesenen Klassikern des Genres wie Steve Reich zur Ehre gereicht hätte, entwickelte sich ein Ambient-artiger Flow in freier Form, der etwa im künstlichen Erzeugen von Akkordeon-artigen Tönen im Geiste der freien Improvisationen des New Yorker Ziehharmonika-Komponisten Guy Klucevsek auch Raum für neue Avantgarde-Musik ließ und in einem vehement lärmenden, Geduld-antestenden Electronica-/Trance-Drone schlussendlich in den noch jungen Abend ausklang.

Ob Long oder Short, die Kohle ist fort: Im Nebenraum des Konzertkellers wurde zur 16. frameless-Veranstaltung die Videoarbeit „Fat Fingers Confession“ des Wiener Künstlers und Medien-Wissenschaftlers Axel Stockburger gezeigt, der in dem 20-minütigen Film das Phänomen des „Fat Finger Incident“ thematisiert, einem menschlichen Fehler, der in der Finanzwelt durch simples Vertippen – „dicke Finger“ – auf der Aktiendealer-Tastatur des Handels-Moduls zu Börsencrashs führen kann. Die Videoarbeit zeigt ein fiktives Interview mit einem Händler, der sich als Schuldiger hinter dem „Flash Crash“ vom 6. Mai 2010 outet, einem vorübergehenden Zusammenbruch der Aktien-Märkte.
Viel wahrscheinlicher war jedoch ein Fehler in den programmierten Algorithmen der Computer-gestützten Handelssysteme als Ursache des Finanz-Crashs, der Börsenhandel wird inzwischen weitgehend mit Hilfe automatisierter Software abgewickelt, der Mensch kann aufgrund der hohen Daten- und Umsatz-Geschwindigkeit kaum mehr Einfluss auf das Geschehen an den Märkten nehmen.
Axel Stockburger beschäftigt sich in seinen Arbeiten mit den veränderten Rahmenbedingungen einer medial globalisierten Welt und merkt im Begleittext zu „Fat Finger Confession“ an, dass sich die Gesellschaft in einer von Menschen ausgelösten Katastrophe wohler zu fühlen scheint als in einer von programmierten Systemen verursachten, obwohl die digitale Technik selbst von Menschen geschaffen wurde.

frameless17 findet bereits in knapp zwei Wochen am 25. April statt, an gewohnter Örtlichkeit im Einstein Kultur, München, Einsteinstrasse 42, 20.00 Uhr, der Eintritt ist frei.
Auftreten werden der australische Experimental-Musiker Lawrence English und der finnische Minimal-Music-Komponist Antti Tolvi. Die Video-Installation wird der kanadische Künstler Lynne Marsh beisteuern.