Klassische Musik

Reingehört (495): Jonas Hain

Jonas Hain – Solopiano / MMXV (2018, recordJet)

Der in München geborene Wahl-Berliner Jonas Hain ist bis vor Kurzem als Techno-DJ und in Nebenrollen als Schauspieler in diversen deutschen TV-Krimi-Serien in Erscheinung getreten, in den Fußstapfen seiner aus Kino und Fernsehen bekannten Mutter Jeanette Hain, gewissermaßen.
Bis 2017 studierte Hain Music Production und Audio Engineering am Berliner Abbey Road Institute, im Frühling dieses Jahres hat er sich der Öffentlichkeit auch als Komponist und Musiker vorgestellt. Mit seinem Debüt-Werk „Solopiano“ ist der junge Mann zwischenzeitlich bis auf Platz 1 der iTunes-Klassik-Download-Charts vorgerückt, Hain wandte sich in den letzten Jahren vermehrt der E-Musik zu und besann sich seines in jungen Jahren genossenen Klavierunterrichts, die wiederentdeckte Liebe zur klassischen Spielart manifestiert sich auf „Solopiano“ in acht stringent von „I“ bis „VIII“ betitelten, kurzen bis mittellangen Klavier-Elegien, die mit einer ergreifenden Reinheit und ausgeprägtem Hang zur Melancholie begeistern. Die emotional anrührenden, wunderschönen Instrumentalstücke variieren in Tempo und Dämpfung des Tastenanschlags, glänzen harmonisch mit einer exzellenten, anspruchsvollen Melodik und lösen in einer knappen halben Stunde eine Bandbreite an Stimmungslagen und Assoziationen aus, zu denen Hain durch die schlichte Nummerierung im Benamsen seiner Werke keine Themen oder Empfindungen vorgeben mag, die Hörerschaft ist aufgefordert, ihre eigenen, individuellen Bilder zum Klang der getragenen Tonal-Meditationen zu entwickeln.
„Solopiano“ ist der ideale musikalische Begleiter zum Sinnieren an nebelverhangenen Herbsttagen und das klangliche Ruhekissen zum gepflegten Landen und zur inneren Einkehr nach den Turbulenzen und Mühen des Alltags.
Aktuell ist am 19. Oktober die Nummer „MMXV“ als neue Single von Jonas Hain über den digitalen Musikvertrieb recordJet erschienen, eine wunderbar fließende Klang-Miniatur, die den neoklassischen Entwurf um dezente Ambient-/Synthie-Samples und mit dunklem, feinem Rhythmus-Geben anreichert, so bereits ein neues Kapitel in der noch überschaubaren Diskographie des Musikers aufschlägt und elegant die Brücke baut von der strengen Lehre der Klassik zu experimenteller Electronica. Den Namen Jonas Hain gilt es sich zu merken, vielleicht nicht unbedingt für sein Mitwirken in „SOKO München“ oder „Alarm für Cobra 11“, ganz sicher aber hinsichtlich seiner Profession als ambitionierter Tondichter, bei der bisher vorgelegten Qualität seiner veröffentlichten Arbeiten darf schwer vermutlich mit weiteren großen Würfen gerechnet werden.
(***** – ***** ½)

Reingehört (489): Runar Blesvik

Runar Blesvik – Blend (2018, Fluttery Records)

„Blend“ als Titel für das Debütalbum des Norwegers Runar Blesvik, wie überaus treffend auf den Punkt gebracht mit dieser Etikettierung hinsichtlich Konzept der jüngst veröffentlichten Arbeit: Der junge Komponist aus Oslo findet auf seinem ersten Wurf eine exzellent austarierte Rezeptur im Vermischen diverser instrumentaler Spielarten aus dem weiten Feld der experimentellen Musik, in dem Fall jederzeit angenehmst hörbar und anheimelnd den Weg ins Ohr findend, im Wechsel- wie gemeinschaftlichen Spiel von jahrhundertelang erprobter Klavier-Klassik und neuzeitlichen Digital-Variationen.
In vergangenen Jahren war Blesvik mit dem Komponieren orchestraler Werke zur musikalischen Untermalung von Kurzfilmen zugange, im neoklassischen Duktus gestaltet sich auch der Einstieg in sein Longplayer-Debüt, „Window“ öffnet das Fenster zu reduzierten, minimalistischen Meditationen, formgebend mit solistischem Piano-Anschlag, begleitet von getragenen Ambient-Electronica-Soundscapes, das Tempo zurückgenommen und auf die Grundstruktur der Komposition reduziert. Der stete Fluss der neun Gesangs-freien Tondichtungen sucht sich im kontinuierlichen Wandel permanent neue Ausdrucksformen von luftiger, unbeschwerter Trance-Beschwingtheit bis hin zu melancholisch-nachdenklichen Klavier-Variationen, zu denen der atmosphärische Nachhall der angeschlagenen Tasten in den Pausen dazwischen genau so haften bleibt wie das eigentliche Töne-Erzeugen, auf dem Album ist jede Note ausbalanciert wie die effektive Auslassung der Töne und das Kontrast-reiche Miteinander diversester analoger Klänge wie synthetischer Samplings, Loops und elektronischer Klang-Schichtungen.
In „1976“ macht sich dezent nervöse, repetitive Electronica flächendeckend als Minimal-Kraut/Space breit, vom Drum-Computer rhythmisch getrieben und damit inmitten zuforderst meditativer Klänge gar ein tanzbarer Trance-Flow zur Beschallung von bewegten Science-Fiction-Bildern.
Die Dramatik und Schönheit der Klänge soll dem Vernehmen nach neben diversen Gemütszuständen des Künstlers vor allem von der Natur des westlichen Norwegens inspiriert sein, und wenn das da oben optisch und atmosphärisch mit den tonalen Sound-Landschaften von „Blend“ vergleichbar ist, dann schnell die Koffer gepackt und nichts wie ab in den skandinavischen Norden. Für die Daheimgebliebenen gibt’s immerhin den Soundtrack zu den atemberaubenden Fjorden, Küstenabschnitten und Nationalparks, eingespielt, produziert und gemixt von Runar Blesvik aus einer Hand.
„Blend“ bietet ein komplexes Werk zwischen organischer und digitaler Klangkunst, heiteren wie dunklen Stimmungslagen, hintergründigen wie klar strukturierten Kompositionen, melodisch, harmonisch, mehrschichtig, unvorhersehbar.
„Blend“ ist Mitte September beim kalifornischen Postrock-, Ambient- und Neoklassik-Label Fluttery Records erschienen.
(*****)

Reingehört (476): Manu Delago

„In general, I find limitations inspiring and in the case of Parasol Peak I was limited to a fixed ensemble of 7 musicians. The different locations also brought various limitations, which affected how I composed the music. At some locations we were vertically aligned and couldn’t see each other. At others we couldn’t hear each other, or we were trying to survive while playing.“
(Manu Delago)

Manu Delago – Parasol Peak (2018, One Little Indian)

Musikalischer Kosmopolit schaut sich die Welt von oben an, auf dem kommenden neuen Album „Parasol Peak“ im wahrsten Sinne des Wortes. Der in Innsbruck geborene und in London lebende Österreicher Manu Delago wurde von Islands prominentestem Nebelhorn Björk entdeckt und ist fixes Ensemble-Mitglied ihrer Live-Crew, bei derartigen Biografie-Eckdaten schrillen zwar kurz alle Alarmglocken, die aber genauso schnell wieder verstummen, der akademisch ausgebildete, komponierende Ausnahme-Perkussionist hatte neben der exaltierten Trulla vom Geysir bereits Exzellenzen wie das London Symphony Orchestra, die indische Sitar-Spielerin Anoushka Shankar oder die verehrungswürdige Poppy Ackroyd als Kundschaft für sein experimentelles Rhythmus-Geben, die englische Electronica/Neoklassik-Pianistin etwa für ihren jüngsten Grandios-Wurf „Resolve“.
„Parasol Peak“ ist eine Reise, und wie jede gute Reise auch irgendwo ein Abenteuer – ein klangliches allemal, und hier im speziellen wegen der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte der Album-Aufnahmen ein tatsächlich nicht ungefährliches Abenteuer. Das siebenköpfige Ensemble begab sich nebst Ton-Ingenieuren und Film-Crew zur Einspielung der instrumentalen Preziosen in den Stubaier Alpen auf Feld-Exkursion und wählte die Bergwelt als großen Konzert-Saal zur Live-Aufführung der neuen Delago-Tondichtungen, die Stücke entstanden im Wortsinn als „Field Recordings“ in freier Wildbahn in unterschiedlichsten, sich von Titel zu Titel steigernden Höhenlagen, in denen das eigentliche Musizieren die geringste Herausforderung für die versierten Instrumental-KünstlerInnen darstellte. Vor den jeweiligen Sessions mussten Felsformationen überwunden, der Kälte getrotzt, die Instrumente aufgrund der extremen Temperaturen permanent neu gestimmt und im Alpinisten-Outfit gesicherte Orte im schroffen Fels für die eigentliche Performance gefunden werden. Aufgrund der verschärften Aufnahme-Bedingungen war die Einspielung vieler Takes nur maximal zweimal möglich, dann musste die Nummer im Kasten sein, und die Seilschaft zog weiter, dem Gipfel entgegen, wo das Titelstück in über 3000 Metern Höhe in der Schnee-Pracht der Tiroler Alpen als Kammerorchester-Werk seine Premiere erlebte.
Die Stimmung der einzelnen Stücke ist den jeweiligen Höhenlagen und Schwierigkeitsgraden des Geländes angepasst, die in tiefer gelegenen Regionen im Schutz des Waldes in unmittelbarer Nachbarschaft zu den thematisierten Pilzen aufgenommene Nummer „Parasol Woods“ ist ein dynamischer, euphorischer, fast tanzbarer Opener, der die Freude des Aufbruchs und die beschwingte Abenteuerlust einfängt, in exponierterer, ungeschützter Landschaft gerät das Musizieren mit Karabiner gesichert sitzend in der Felsspalte dann zuweilen zu einer getrageneren, elegischeren, wesentlich ehrfürchtigeren Ode, die dem Ausgeliefertsein an die Naturgewalten und der lebensbedrohenden Absturzgefahr gebührend Respekt zollt. Das beschließende „Base Camp“ lässt als befreiende Coda den Glücksgefühlen tonal transportiert freien Lauf, final im heimeligen Stockbetten-Lager der Berghütte nach gelungener Expedition aufgenommen.
Die Musik ist durchwirkt von Chanson-folkloristischen Akkordeon-Klängen, experimentellen Cello-Ambient/Prog-Drones und dominierenden Bläser-Sätzen, die Elemente aus harmonischem wie latent nervösem Jazz-Verwandtem, luftige, gleichsam profunde, hochmelodische Neoklassik-/Minimal-Music-Strukturen und Versatzstücke aus der Folklore der Alpenregion in ihrer südlichen und östlichen Ausdehnung enthalten, wunderschöne Welt-Musik-Entwürfe, die sich wie etwa auch die herrlichen Kompositionen der Münchner Hochzeitskapelle jeglicher eindeutigen Etikettierung entziehen. Perkussiv begleitet wird das tonale Gipfelstürmen vom Steeldrum-verwandten Hang/Handpan-Spiel Manu Delagos und seiner Rhythmus-Begleiter an Handtrommel, Xylophon, durch Klang-forschende Taktgebung mittels Ziehen der Karabinerhacken an Sicherungsseilen im alpinen Gelände, mit dem einfachen Aufeinander-Schmeißen von Steinen, dem Streichen des Schlagzeug-Besens an der Baumrinde, im naturbelassenen Takt-Geben zwischen artifiziellem Triphop und dem Puls der Natur im freien Flow – frei fließend im wahrsten Sinne des Wortes etwa hinsichtlich Einbindung der Klänge des nassen Elements eines vorbeiplätschernden Gebirgsbachs – in perfekter Symbiose und im Einklang mit der unberührten Berglandschaft.
„Parasol Peak“ ist eine überwältigend schöne Klangreise, die auch beim x-ten Hören nicht völlig umfänglich in ihrer ganzen Herrlichkeit zu fassen ist, wie ein atemberaubendes Bergpanorama im schweifendem Blick in die Ferne, vom Gipfel herab. So, wie es den Wanderer immer wieder zu neuen Touren und Bewältigen der Höhenmeter in die Berglandschaften ruft, so drückt man immer wieder gerne mit selbem Enthusiasmus die Repeat-Taste für dieses wunderbare, unerschöpfliche Instrumental-Meisterwerk.
„Parasol Peak“ gibt es als Tonträger wie als wunderschöne halbstündige Film-Meditation, die das siebenköpfige Ensemble beim Musizieren in der alpinen Natur zeigt und die Einspielung der acht Stücke unter ungewöhnlichen Bedingungen dokumentiert, erhaben und gefangen nehmend wie die Musik selbst. Der Film läuft in ausgewählten Kinos, bei diversen Doku-/Heimat-/Berg-Film-Festivals, und hoffentlich irgendwann auch im Netz für alle.
Live In The Alps. No Overdubs. Gott ist mit den Furchtlosen: Viel gewagt und alles gewonnen. Man gebe sich jedoch keiner Illusion hin: Die Musik wäre ohne die spektakuläre Entstehungsgeschichte nicht weniger großartig.
„Parasol Peak“ erscheint als Tonträger am 7. September beim Londoner Indie-Label One Little Indian.
(***** ½)

Kama Aina + Hochzeitskapelle @ Lothringer13, München, 2018-07-27

Die gelungene Live-Probe während des Entstehungsprozesses fand bereits im vergangenen November im Rahmen der frameless15-Ausgabe der Reihe zur experimentellen Musik im digitalen Zeitalter im Einstein Kultur statt, am vergangenen Freitagabend nun in den städtischen Kunsthallen des Lothringer13 das offizielle Release-Konzert zur demnächst anstehenden Tonträger-Veröffentlichung „Wayfaring Suite“ der gemeinsamen Kollaboration des japanischen Musikers/Komponisten Takuji Aoyagi aka Kama Aina und der begnadeten Weilheim/München-Connection Hochzeitskapelle: Was vor einiger Zeit mit der Interpretation des Instrumentals „Wedding Song“ aus der Feder des Minimal-Music-Tondichters aus Tokio auf dem Debüt-Album der Hochzeitskapelle begann, hat sich mittlerweile zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit ausgewachsen, der japanische „Native Underground“-Musiker hat im vergangenen Jahr eine Reihe weiterer Stücke exklusiv für die bayerische „Supergroup“ komponiert, gemeinsam mit ihr konzertant erprobt und im Studio eingespielt.
Kama Aina eröffnete den musikalischen Teil des Freitag-Abends mit solistischen Solo-Übungen, in denen er in drei kurzen Instrumental-Miniaturen seine Fertigkeiten auf der akustischen Gitarre angelehnt an Alternative Country, Acoustic Folk und American Primitive Guitar im freien Fluss zelebrierte und bei einer spontanen Mitklatsch-Nummer das trotz hochsommerlicher Außentemperaturen und anstehendem Mond-Verdunklungs-Naturspektakel zahlreich erschienene Münchner Publikum sofort auf seiner Seite hatte.
Unaufgeregt wie der Komponist selbst im knapp gehaltenen Vorspiel stiegen die in München lebende japanische Pianistin Sachiko Hara und die fünf Multi-Instrumentalisten der Hochzeitskapelle unmittelbar folgend in die Aufführung von Prolog, Epilog und der dazwischenliegenden acht Teile der „Wayfaring Suite“ ein, eine fernöstlich-bajuwarische Klangreise, die kosmopolitischen Ansprüchen im besten Sinne der „Welt“-Musik gerecht wird, die sich in keinem Ton auf regionale folkloristische Elemente aus Bierzelt/Heimatministerium/Sonstwo-Bayern oder aus dem fernen Kaiserreich Nippon reduzieren lässt, und die zu der Gelegenheit wenig bis kaum vom gewohnten, herrlich anarchisch-spontanen, improvisierten Polka-Rumpeljazz-Ska-Walzer-Crossover der Hochzeitskapelle durchdrungen ist, vielmehr einem strengeren kompositorischen Ansatz folgt, der wundersamer Weise durch das beschwingte, wie locker aus dem Ärmel geschüttelte, soulful Instrumente-Beherrschen dieses sich aus Mitgliedern zahlreicher anderer Formationen zusammensetzenden Orchesters nie diese Strenge in den Vordergrund stellt, vielmehr wie aus dem Nichts als angenehm entspannte, zuweilen melancholische, fast schon als easy listening konsumierbare Geschmeidigkeit im immerwährenden Dienst der wunderschönen Melodik ihre Wirkung entfaltet und trotz vordergründig luftiger Leichtigkeit nie das musikalisch Gewichtige und den Tiefgang mangeln lässt.
Zehn erlesene Instrumental-Kleinode, gleichwohl nicht Gesangs-frei dank Geigenbogen-Ziehen über die große Fuchsschwanz-Säge, zwischen würdevoller, semi-klassischer Kammermusik und auf Ambient-Minimalismus reduzierte Folklore-Harmonie, mit opulenter Individual-Könnerschaft an diversen Saiten-, Schlag-, Blas-, Handzug- und Streich-Instrumenten einmal mehr uneitel, elegisch und mit gefühlvoller Perfektion von Evi Keglmaier, Alex Haas, Mathias Götz, den Acher-Brüdern und ihren japanischen Begleitern Sachiko Hara und Kama Aina dem geneigten Konzert-Volk zu Gehör gebracht.
Frenetischer, lange anhaltender Applaus und Standing Ovations wurde den Musikern durch das Publikum zuteil – dem andächtig lauschenden, ex permanent um die Musikanten schwänzelnde und auf Dauer latent nervende Fotografen-/Film-Armada plus doch noch etwas Anarchie reinbringende Zappel-Gören (die dürfen das selbstredend!).
Im Zugabenteil gab’s nahe liegend nebst einer weiteren Perle den eingangs erwähnten „Wedding Song“, laut Begleittext zum wunderbaren Weltkulturerbe-Hochzeitskapellen-Debüt „The World Is Full Of Songs“ das vielleicht schönste, global bekannte Musikstück, vor allem Mathias Götz konnte hier in Sachen ausdrucksstarker Posaunen-Groove final sein ganzes versiertes Können in die Waagschale schmeißen, der selige Rico Rodriguez dürfte irgendwo auf der Wolke sitzend begeistert mitgelauscht und anerkennend mit der Zunge geschnalzt haben.
Die Umschlag-Gestaltung zum neuen Tonträger stammt im Übrigen vom japanischen Künstler Tomoya Kato, seine Bilder und komplementäre Installationen von Martin Fengel sind bis 16. September 2018 im Rahmen der Ausstellung „Die Insel der Dachhasen“ in der Kunsthalle der Lothringer13 zu sehen (Sommerpause 6. bis 15. August).
Die „Wayfaring Suite“ erscheint offiziell am 21. September auf diversen Tonträger-Formaten als gemeinsame Veröffentlichung von Gutfeeling Records und Alien Transistor, also: Urlaubsgeld in diesem Sommer nicht komplett verblitzen, etwas Pulver trocken halten und im Frühherbst die großartige (***** – ***** ½)-Pracht ordern.
Das kurz nach Konzertende in freier Wildbahn stattfindende Blutmond/Mondfinsternis-Gewese war im Nachgang zu diesem wunderschönen und erhebenden Musik-Abend dann doch ein vergleichsweise fades Kracherl…

Kama Aina & Hochzeitskapelle – Wayfaring Suite Part 2 → Youtube-Link

Wellbrüder aus’m Biermoos @ Sommerabend am Sendlinger Kirchplatz, München, 2018-06-30

„De AfD in Bayern, de braucha mia nia, sogt da Dobrindt, denn rechts und radikal warn oiwei scho mia!“
(CSU-Mantra zur anstehenden Landtagswahl)

Nach dem nahezu in jedem Sommer wiederkehrenden Jazz-Gedudel, das zu der Gelegenheit meist obstinat zu Hause bleiben oder das Abend-Entertainment woanders suchen ließ, präsentierte die Sendlinger Kulturschmiede in der 2018er-Ausgabe ihrer seit 28 Jahren stattfindenden Open-Air-Veranstaltung „Sommerabend am Sendlinger Kirchplatz“ am wunderschönen, Denkmal-geschützten Ensemble am Fuße der alten Sendlinger Kirche zur Abwechslung was Handfestes, Ohren-verträgliches und höchst Amüsantes, oder, um es im hier angebrachten Bairisch zu sagen: endlich moi wos G’scheids! Mit den Well-Brüdern aus dem oberbayerischen Hausen lud der Stadtteil-Kulturverein von schräg gegenüber jahrzehntelange Erfahrung in Sachen Musik-Kabarett, Satire, instrumentale Vielfalt wie handwerkliche Exzellenz auf die Bühne. Die ehemalige Biermösl Blosn, die sich 2012 – durch den Ausstieg von Hans Well bedingt – nach 36 Jahren auflöste und unter neuem Namen mit Bruder Karl und den verbleibenden Wells Stofferl und Michael im folgenden Jahr neu formierte, ließ dankenswerter Weise am Samstagabend die mitunter gern begleitende tote Hose Campino seine als Deutsch-Punk getarnten peinlichen Schlager-Liedlein woanders trällern und den in letzter Zeit auch kaum mehr zu Hochform auflaufenden Well-Intimus Gerhard Polt andernorts seinen zusehends immergleichen Krampf verzapfen, und so konnte sich das Publikum freuen auf einen ausgedehnten Abend mit Nummer 12, 13 und 14 der Well-Geschwisterfolge, in der die vielseitig ausgebildeten Musikanten wieder einmal ihre Brillanz auf unterschiedlichster Spiel-Gerätschaft wie Bach-Trompete, Dudelsack, Gitarre, Tuba, Akkordeon bis hin zu Drehleiher und Alphorn unter Beweis stellten, das inspirierte Können ist bei den Wells weithin bekannt in eigenen Dimensionen angesiedelt, selten beherrscht jemand eine Vielfalt an Instrumentarium derart professionell, virtuos und scheinbar völlig locker aus dem Handgelenk geschüttelt wie die drei Brüder, wie im übrigen auch ihre Schwestern von den Wellküren oder der abtrünnige Hans, inzwischen mit seinem eigenen Nachwuchs aufspielend. Identitäts-stiftend, wie es immer so schön heißt, für uns Bajuwaren allemal, Musik um der Musik willen, als kollektives Erlebnis und Brauchtums-Pflege im Geiste des Kraudn-Sepp fernab des sich wie auch immer verrenkenden „Neuen Heimat-Sounds“.
Und dann glänzen’s neben dem schwungvollen Vortragen in bayerischer Volksmusik inklusive Versatzstücken aus irischem Folk und der Hochkultur der Klassik – Stofferl Well war nicht ohne Grund beim Celibidache zugange – ja auch noch als ausgewiesene Gaudiburschen, neben den bereits obligatorischen Kalauern über die Hausener Feuerwehr, den neuen Kreisverkehr am Ortseingang, den darüberbretternden SUV und die neuesten Erkenntnisse vom Drexler Toni, seines Zeichens Kreisheimatpfleger in fraglicher Gemeinde, drängten sich im schönen Sendling die Themen Gentrifizierung, Wohnraum-Verdichtung, Veganer-Overkill und voranschreitende Veränderung des Stadtteil-Charakters förmlich auf, dem ein oder anderen kürzlich Zugezogenen – the so-called „Zuagroasten“ oder „Reigschmeckten“ – mag da das Lachen im Hals stecken geblieben sein, und den Alteingesessenen vergeht es zu dem Thema ohnehin zusehends mehr.
Stofferl Well führte ins Feld, dass Humor nichtsdestotrotz das Einzige wäre, was das Unvermeidliche etwas erträglicher gestaltet, ob es das unausweichliche eigene Dahinscheiden ist, die nächste Deutsche Meisterschaft vom Steuerhinterzieher-Verein oder die allmächtige Existenz in Bayern der – man ahnt es – CSU. Dass sich die drei Vollblut-Musiker und -Kabarettisten mit etlichen bayerischen Gstanzln, boshaften Ausführungen und Liedtexten auf ihre jahrzehntelangen Lieblings-Spott-Opfer von den „Christ-Sozialen“ einschossen, liegt bei einem Konzert der Well-Brüder auf der Hand und gehört seit etlichen Dekaden zum unumstößlichen Standard-Programm, zumal in Zeiten, in der die momentan völlig irrlichternde bayerische Volks-Partei mit Vereinnahmung rechts-populistischer Themen, dem Aufhängen von Islamisten-, AfDler- und Sozi-vertreibenden Kruzifixen in freistaatlichen Amtsstuben, einer gelinde gesagt erratischen Bildungspolitik, kulturellem Größenwahn in Form des in Regensburg und andernorts bereits vor Eröffnung nicht unumstrittenen Museums der Bayerischen Geschichte und nicht zuletzt unsäglichem Personal wie dem Bundesinnenminister-Vollhorst, Maut-Spezi Doofbrindt und dem dauergrinsenden Franken-Schmieranten auf dem MP-Sessel keine Gelegenheit auslässt, um Zielscheibe und maximalste Angriffsfläche zu bieten für die kritischen Geister aus dem Beerenmoos im Fürstenfeldbrucker Umland.
Um dem Proporz Genüge zu tun, durfte der ein oder andere Seitenhieb auf SPD-OB Reiter, die Volksverhetzer von der AfD und grüne Spießbürgerlichkeit nicht fehlen, so konnte sich so ziemlich jede/r im musikalischen Polit- und Gesellschafts-Rundumschlag der Well-Brüder wiederfinden, und so haben’s auch alle was zum Lachen und zum lang anhaltend Applaudieren gehabt, die Haufen Leute am gesteckt vollen Sendlinger Kirchplatz, schee war’s, und schod war’s, wia’s gor war – und das Jazz-Getröte, der Polt und der Campino sind sowieso niemandem abgegangen, eh klar…