Krimi

Reingelesen (78): Alan Parks – Blutiger Januar

„I never have the bloody Hammer“
(Roky Erickson, Bloody Hammer)

Alan Parks – Blutiger Januar (2018, Heyne Hardcore)

Auftakt zu einer Krimi-Reihe mit einem abgewrackten Detective Inspector als Hauptdarsteller und seinen Verbindungen zur Unterwelt als zentrales Thema, dazu Polizei-Korruption und permanent schlechtes Wetter in der schottischen Großstadt als Rahmen für die Handlung, wem würde da nicht Ian Rankin und seine mit über zwanzig Teilen inzwischen recht umfangreiche Roman-Serie über den Edinburgher Cop John Rebus in den Sinn kommen?
Kaum jemandem, der sich die Lektüre des Debütromans „Blutiger Januar“ von Alan Parks zu Gemüte führt, soviel dürfte feststehen. Wo es bei Rankin in den Dialogen gerne mal humorig wird und das Hinterzimmer wie auch der Tresen im Vorraum der Oxford Bar zum heimelig-gemütlichen Verweilen einladen, präsentiert Parks im tristen, kalten Winter im heruntergekommenen Glasgow des Jahres 1973 die ungeschliffene Härte des Lebens in Edinburghs großer hässlicher Schwester, für literarische Parallelen mag da allenfalls das düstere und trostlose „Red Riding Quartett“ von David Peace herhalten, und selbst dieser Vergleich hinkt, wo Peace gerne vage bleibt, mit Sprache experimentiert und vieles der Interpretation und Phantasie der Leser überlässt, bleibt bei Parks auf Dauer wenig unverschleiert, er schreibt direkt, schnörkellos und unverblümt und tritt der Leserschaft damit direkt frontal in die Magengrube.

„They all say, someday soon, my sins will all be forgiven“
(Warren Zevon, The Indifference Of Heaven)

Detective Harry McCoy als schottischer Zwilling der Clint-Eastwood-Filmfigur Dirty Harry, Anfang Dreißig, bereits schwer vom Leben gebeutelt, ist einer dieser typischen Anti-Helden des modernen Romans, eine komplexe Figur, die das Gute will und doch mindestens bis zu den Knöcheln im eigenen Morast der charakterlichen Defizite und mittelschweren kriminellen Verstrickungen steckt, zugange im Polizei-Büro wie in fragwürdigen Etablissements und dunklen Ecken der maroden Stadt am River Clyde. Der junge Polizist hat in seinem noch kurzen Leben bereits Einiges hinter sich: Misshandlungen von katholischen Priestern im Erziehungsheim, eine gescheiterte Beziehung inklusive plötzlichen Kindstodes des gemeinsamen Sohnes, wobei sich zusehends im Verlauf der Geschichte der Verdacht aufdrängt, dass das Paar aufgrund eines rauschhaften, exzessiven Lebenswandels am Ableben des Kindes mindestens eine Teilschuld trifft; aktuell zur Zeit der geschilderten Ereignisse schleppt McCoy ein veritables Alkohol- und Drogen-Problem als den berühmten Affen auf dem Buckel mit, sein halbwegs noch stattfindendes Sexualleben funktioniert nur mit Prostituierten, dazu on top seine dubiosen Verbindungen zu einem ehemaligen Schulfreund und Leidensgenossen aus dem Kinderheim, der mittlerweile eine große Nummer im Glasgower Drogen- und Mädchen-Handel ist.

„Blutiger Januar“ steigt unvermittelt ins Geschehen ein mit einem Besuch des Cops im Gefängnis, zu dem ihn ein Informant vor einem Mord an einer jungen Frau warnt, die dann auch prompt auf offener Straße vor den Augen der Öffentlichkeit exekutiert wird, mit unmittelbar nachfolgendem Selbstmord des Killers. Die Ermittlungen führen den Detective und seinen noch relativ unbedarften Adlatus aus der Provinz in die Etablissements und Villen der schottischen Upper Class und Industriellen, zu gekauften Politikern, willfährigen Polizeipräsidenten und gestrandeten Strichern, Prostituierten und Junkies am unteren Ende einer Nahrungskette, die das Menschenmaterial in einer korrupten Gesellschaft für die dummen Streiche der Reichen liefert – zähe Ermittlungen in einer bizarren Welt von SM-Sexorgien, Aleister-Crowley-Satanismus und geisteskranken Exzessen, Ermittlungen, zu denen McCoy nicht wenige Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommt von all jenen, die mit ihm aus früheren Zeiten noch eine Rechnung offen haben. Parks zeichnet damit das Bild eines fragilen sozialen Geflechts, das für alle Schichten die eindeutige Schwarz-Weiß-Schablone ins Leere laufen lässt.

Die Reihe um Cop McCoy könnte ein großer Wurf vom Format der historischen „L.A. Quartet“– oder „Underworld USA“-Serien von Hardboiled-Großmeister James Ellroy über politische und Polizei-Korruption, die dunklen Seiten der Wirtschaft und der Macht im 20. Jahrhundert werden, der Auftakt bringt alles mit, was einen rasant zu lesenden und gut erzählten, harten Krimi-Stoff auszeichnen: Lakonische Dialoge, eine stimmige Handlung, schwergewichtige Themen, ungeschönte Schilderungen von Gewalt, authentische Schauplätze mit dem entsprechenden Lokalkolorit, im Gesellschafts-historischen Kontext dabei völlig Nostalgie-befreit und in der Darstellung von Wut, Leid und Schmerz ohne falsche Sentimentalitäten. Der Fußball wird für einen Glasgow-Roman erstaunlich rudimentär thematisiert, irgendwo eine knappe Anmerkung zu Partick Thistle, das war’s dann auch schon, andererseits wird im Rahmen der Ermittlungen in der Befragung eines Priesters mehr als deutlich, dass einem vom Glauben abgefallenen ex-Katholiken wie McCoy diese ewige Celtic/Rangers-Fehde zwischen unionistischen Protestanten und den Nachfahren irischer Auswanderer am Allerwertesten vorbeigeht. Dafür darf sich die Pop-affine Leserschaft über einen kurzen Auftritt des Glam-Heroen David Bowie freuen, thematisch ins Bild passend als bleicher, ausgemergelter Ziggy-Stardust-Junkie. Kritik ist kaum angebracht an diesem als Kriminalroman konzipierten Sittengemälde, allenfalls der Jungbrunnen-hafte, rasante Heilungsprozess des wiederholt gewaltsam attackierten Cops geht zielstrebig völlig an der Realität vorbei, dieses postwendende Wiedereingreifen ins Geschehen nach kurz zuvor erlittenen Stich-/Schuss-Verletzungen und Mobilitäts-einschränkenden Knochenfrakturen hat bereits in seiner fragwürdigen James-Bond-Manier in den ansonsten sehr lesenswerten Jo-Nesbø-Romanen über den norwegischen „Dirty Harry“ Hole das ein oder andere Stirnrunzeln bei der Lektüre hervorgerufen.

Alan Parks wurde 1963 geboren und wuchs in der Nähe von Glasgow auf. Dort studierte er an der Universität Philosophie, nach dem Studium zog er nach London und arbeitete im Musikbusiness bei London Records und Warner als Creative Director. Er betreute unter anderem Bands wie New Order und The Streets.
„Blutiger Januar“ ist sein Debüt-Roman. „February’s Son“ als zweiter Teil der Harry-McCoy-Reihe erscheint Anfang 2019 in Großbritannien.

Alan Parks liest am 14. Oktober im Rahmen des Münchner Krimifestivals in der Polka Bar aus seinem Werk, Pariser Straße 38, Eingang Gravelottestraße, 20.00 Uhr.

Reingelesen (74): Donald Ray Pollock – Die himmlische Tafel

„After Appomattox they were on the loosing side
So no amnesty was granted
And as outlaws they did ride
They rode against the railroads,
And they rode against the banks
And they rode against the governor
Never did they ask for a word of thanks“
(Warren Zevon, Frank and Jesse James)

Donald Ray Pollock – Die himmlische Tafel (2018, Heyne Hardcore)

Bereits mit den ersten Sätzen in Donald Ray Pollocks zweitem Roman „Die himmlische Tafel“ wird klar: Gemütlich wird’s sicher nicht in dieser Geschichte, und hinsichtlich erbaulicher, schöngeistiger Literatur wäre man bei vielen anderen Autoren als Leser_In gewiss weitaus besser aufgehoben, diejenigen jedoch, die sich vor einigen Jahren an „Das Handwerk des Teufels“ labten, dem Roman-Debüt des Autors, einem von psychopatischen Serienkillern, religiösen Fanatikern und korrupten Polizisten bevölkerten Southern-Gothic-Death-Metal-Grosswurf in Buchform, diejenigen werden auch am Zweitwerk des spätberufenen Krimi-Schreibers aus Ross County/Ohio ihre helle – oder vielmehr finstere – Freude haben.

„Von da ab, und das ist nun schon fast vierzehn Jahre her, hat er des Nachts seinen Kopf auf diesen Sack gebettet; er sollte ihn auch daran erinnern, dass nichts in diesem weltlichen Leben gewiss ist, nur der Tod.“
(Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel, Kapitel 3)

Die himmlische Tafel, das ist das mit Leckereien bestückte Buffet, an dem sich die geschundene Kreatur nach entbehrungsreichen Jahren und finalem Ableben endlich satt essen darf, und es ist das Sinnbild der Erlösung und anvisierte Ziel des bitterarmen Pachtfarmers Pearl Jewett und seiner drei Söhne Cane, Cob und Chimney, die in Georgia im Jahr des Herrn 1917 buchstäblich von der Hand in den Mund leben und der Laune eines Leute-schindenden Großgrundbesitzers ausgeliefert sind. Prekäre Verhältnisse, die andernorts zur selben Zeit eine bolschewistische Revolution auslösten, in den Südstaaten der US of A hingegen nach einer individuellen Outlaw-Nummer drängen, in einem Land, dessen Geschichte und Kultur im jungen 20. Jahrhundert geprägt ist vom noch nicht lange zurückliegenden Sezessions-Krieg, von Rassismus, Selbstjustiz und dem Recht des Stärkeren, in dem die individuellen Probleme bis zum heutigen Tag nicht zuletzt dank entsprechender Gesetzgebung und verfassungsmäßig garantierter Rechte bisweilen mit der Schnellfeuerwaffe im Anschlag geklärt werden, und das zum Zeitpunkt der Geschichte kurz vor dem Eintritt in den ersten Weltkrieg steht, wenn auch kaum einer der Roman-Protagonisten weiß, wo genau dieses ominöse Deutschland eigentlich sein soll, nicht zuletzt davon wird im weiteren Verlauf der Geschichte ausführlich die Rede sein.
Nachdem der Altvordere völlig ausgezehrt das Zeitliche segnet, befreien sich die jungen Jewett-Hinterwäldler aus der kargen Lohnsklaverei, plündern und morden sich mittels gestohlener Waffen und Pferde durch Feudalherren-Farmen, Banken und Laden-Lokale in Richtung kanadische Grenze – „Shoot Your Way To Freedom“, wie Grant Hart, Gott hab ihn selig, vor Jahrzehnten so anarchistisch wunderbar einen seiner Songs betitelte.

„Er liebte es, so lange gegen sie zu sticheln, bis sie etwas Dummes sagten oder nach ihm ausholten, damit er eine Ausrede hatte, sie in die Hintergasse zu zerren und sie durchzuprügeln; viele Jahre lang hatte ihm das genügt.“
(Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel, Kapitel 12)

Auf ihrer Schleifspur der Gewalt begegnen die Jewetts so manchem Zeitgenossen, der entweder selbst vom Schicksal über Gebühr gebeutelt wurde oder in seinen charakterlichen Ausprägungen, Abarten und Obsessionen jeder besseren Freak-Show zur Ehre gereicht hätte, hier überzeichnet Pollock seine Figuren ab und an gehörig über Gebühr, dem Unterhaltungswert der finsteren Moritat tut es indes kaum Abbruch, wenn Serien-killende, psychopathische Gastronomen, professionelle Latrinen-Entleerer, minderjährige Prostituierte, schwule Offiziers-Anwärter oder der Farmer Ellsworth Fiddler als weiterer Hauptdarsteller des Romans den Weg der Bande kreuzen. Für den einfältigen Landwirt und seine Frau, die ihr gesamtes Erspartes an einen Trickbetrüger und den einzigen Sohn vermeintlich an die Armee und tatsächlich an den Alkohol verloren, gerät das Einlassen mit den White-Trash-Amateur-Gangstern unverhofft zum persönlichen Segen, der die prekäre Misere des hart arbeitenden Ehepaaars beendet.
Die großen Experten sind die Jewett-Brüder weder beim Ausrauben noch beim Flucht-Organisieren, jeder der drei frönt weitaus lieber seinen präferierten Gelüsten, der Älteste als einziger des Lesens Befähigter seinem Hang zur Literatur, wobei ihm die Auseinandersetzung mit Shakespeare oder einem Groschenroman einerlei ist, von den beiden Analphabeten-Brüdern der Ältere der Weiberei, der Jüngere der Völlerei, wer weiß schon, ob die Nummer mit der himmlischen Tafel am Ende nicht ein Luftschloss ist, da haut man sich den Wanst bei Gelegenheit schon mal im Diesseits ordentlich voll, vom Rumhuren des anderen Experten ganz zu schweigen.
Der Mensch denkt, Gott lenkt, und so ist es ausgerechnet der Junior mit dem offensichtlich kleinsten Spatzenhirn, der halbwegs unbeschadet aus der Nummer herauskommt und weiter von der Öffentlichkeit unbemerkt sein Dasein fristen darf, für viele andere Hauptdarsteller endet die Geschichte so, wie sie in den Erzählungen bei Pollock gerne endet: mit durchsiebten Eingeweiden, vor dem Henker, mit abgetrennten Gliedmaßen, einsam wie Vince Vaughn im Abgesang der zweiten „True Detective“-Staffel in der Einsamkeit der Prärie vor sich hin verreckend oder publikumswirksam vom Arm des Gesetztes zur Strecke gebracht.
Das harte Leben im Pollock-Roman ist ausweglos und brutal, ein irdisches Jammertal, in dem das Schicksal letztendlich nur fatalistisch angenommen werden kann, weil ein Dagegen-Ankämpfen kaum der Mühe wert ist und letztendlich zu keiner versöhnlichen Auflösung führt.

„Obwohl Homer in nahezu jeder Hinsicht unfähig war, hatte er zumindest gelernt, dass das Beste, was ein Politiker tun konnte, um zu überleben, darin bestand, absolut nichts zu tun.“
(Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel, Kapitel 22)

In den Rahmen des klassischen Kriminalromans mögen die 430 Seiten nicht passen, die Geschichte ist weitaus mehr Sozialstudie und Sittenbild, in der der tägliche Kampf ums Überleben, soziale Ausgrenzung und Bildungsmangel, sadistische Gewalt, Totschlag und andere Verbrechen allgegenwärtig sind. Was den harten Broterwerb anbelangt, davon weiß Pollock dank eigener Vita, wovon er spricht. Bevor 2008 sein erster Erzählband „Knockemstiff“ erschien, verdiente sich der Autor jahrzehntelang den Lebensunterhalt als Lastwagenfahrer und Arbeiter in einer Fleischfabrik.
Die nüchterne, illusionslose Sprache, die kaum Hoffnung aufkeimen und diese dann sicher wie das Amen in der Kirche zum Ende sterben lässt, mit der Pollock seine rabenschwarze, düstere Geschichte im „Handwerk des Teufels“ erzählt, diesen Slang lässt der zweite Roman-Wurf weitgehend vermissen, der Autor schlägt hier wiederholt den Sound der Groteske, der Satire und der keineswegs unfreiwilligen Komik an, was der exzellent erzählten, prallen Geschichte hinsichtlich Unterhaltungswert sicher nicht abträglich ist, das Buch aber um ein Alleinstellungsmerkmal beraubt und es in eine Reihe mit den ausgesucht schrägen, schwarzhumorigen, Gewalt-triefenden Trash-Splatter-Spätwestern wie „Das Dickicht“ oder „Kahlschlag“ von Joe R. Lansdale und die historischen, satirischen Antihelden-Romane von T. C. Boyle stellt, selbstredend beileibe nicht die schlechtesten Referenzen für dieses literarische Horror-Panoptikum. Und wer einst bei Paul Newman und Robert Redford im Geiste mitrannte und mit den beiden in ihren Rollen als Butch Cassidy und The Sundance Kid den Gesetzeshütern, Militärs und Kopfgeldjägern zu entfleuchen trachtete, wird an dieser Geschichte sowieso wenig zu bemäkeln haben.

Die amerikanische Originalausgabe ist 2016 unter dem Titel „The Heavenly Table“ beim Verlag Doubleday in New York erschienen. Im selben Jahr wurde auch die gebundene deutsche Erstausgabe in der Münchner Verlagsbuchhandlung Liebeskind publiziert. 2017 zeichneten die Juroren „Die himmlische Tafel“ mit dem ersten Platz des Deutschen Krimi-Preises in der internationalen Kategorie aus.

Donald Ray Pollock wurde 1954 in Knockemstiff/Ross County im US-Bundesstaat Ohio geboren, die Ortschaft, die seiner ersten Kurzgeschichten-Sammlung den Namen gab, ist heute eine entvölkerte Geisterstadt. Im Alter von 45 Jahren reichte Pollock seine erste Short Story bei einer Zeitschrift für englische Literatur an der Ohio State University ein, woraufhin ihn eine Herausgeberin des Blattes zum Studium für kreatives Schreiben an der Hochschule überredete.
Die New York Times veröffentlichte während der US-Präsidentschaftswahl 2008 regelmäßig seine Reportagen zum Wahlkampf in Ohio. Neben dem Deutschen Krimi-Preis wurden seine Arbeiten mit diversen renommierten Literatur-Auszeichnungen in Frankreich und den Vereinigten Staaten geehrt.

Reingelesen (73): Thomas Adcock

„Auch Halo schien nichts in seiner schäbigen Behausung wirklich wichtig zu sein. Als würde der Mann sein wirkliches Leben woanders führen. Einen beunruhigenden Augenblick lang kam mir der Gedanke, dass jemand, der sich meine eigene Wohnung in Hell’s Kitchen ansah, möglicherweise zu dem gleichen traurigen Schluss über mich gelangen würde. Ich tröstete mich schnell damit, dass es in meiner Bude wenigstens jede Menge Alk und Bücher gab, und ein altes Foto von einem Soldaten.“
(Thomas Adcock, Feuer und Schwefel, Kapitel 19)

Thomas Adcock – Feuer und Schwefel / Ertränkt alle Hunde / Der Himmel des Teufels
(1994 – 1998, alle: Haffmans Verlag)

Im Debüt-Roman „Hell’s Kitchen“ seiner Krimiserie lässt Autor Thomas Adcock den New Yorker Cop Neil Hockaday gegen die Machenschaften des Immobilien-Spekulanten Daniel „The Dan“ Prescott ermitteln, einer durch und durch korrupten Figur, für die Donald Trump seinerzeit unverhohlen als Vorbild herhalten durfte, im Roman wird quasi-satirisch über eine mögliche Präsidentschafts-Kandidatur des fiktiven Geschäftsmanns Prescott spekuliert, die Realität hat dahingehend die vermeintliche literarische Freiheit längst auf der Standspur links liegen gelassen.
Auch in der Fortsetzung „Feuer und Schwefel“ (1994, Originaltitel: „Dark Maze“) muss sich der irisch-stämmige Detective mit krummen Grundstücksgeschäften und deren Strippenziehern auseinandersetzten, dieses Mal mit Prescott-Bruder Wendell, der sich wie Fred Trump in der realen Welt weitaus größerer Beliebtheit als die prominentere Verwandtschaft erfreute und gerne mal einen strammen Drink genehmigte, Spekulationsobjekt ist die ehemalige Brooklyner Vergnügungsmeile Coney Island, deren große Zeiten längst vergangen sind und von Thomas Adcock ausgiebig in melancholischer Reminiszenz gewürdigt werden.
„Feuer und Schwefel“ ist der Name eines Gebäudes, das neben vielen anderen Relikten aus der guten alten Zeit des Vergnügungsparks an der Atlantikküste der Luxussanierung des Viertels zum Opfer fallen soll. Das Bauwerk ist verziert vom dämonischen Wandgemälde eines genialen wie wahnsinnigen Kunstmalers, den die Bewohner der Nachbarschaft wie auch das Pflegepersonal und die Ärzte der geschlossenen Abteilung des Bellevue-Hospitals nur unter dem Pseudonym „Picasso“ kennen. So wie das spanische Original Pablo ein vom Glück Gesegneter war, so repräsentiert sein New Yorker Künstlerkollege die Kehrseite der Medaille, vom Leben betrogen und schlecht behandelt wie gleichwohl mit außerordentlichem Talent bedacht, kündigt der Maler verbal wie auch prophetisch in seinen Kunstwerken abgebildet eine Reihe von grausigen Morden an, die SCUM-Patrol-Detective Hockaday nach einer zufälligen Begegnung mit dem manischen Artisten als bereits bewährte One-Man-Show im täglichen Kampf gegen das Böse in den Häuserschluchten des Big Apple zu verhindern sucht.
Privat tut sich auch was bei „Hock“, mit der Afroamerikanerin Ruby tritt erstmals seine zukünftige Herzdame ins Rampenlicht, was sich nebst Liebesleben Gesundheits-fördernd auf das Suchtverhalten des Cops auswirkt.
Der lesenswerteste Roman der Serie neben dem Debüt, wie „Hell’s Kitchen“ uneingeschränkt zu empfehlen für New-York-Fans und Liebhaber solide geschriebener und sorgfältig ausformulierter Krimi-Kost. „Feuer und Schwefel“ zeichnet sich aus durch stimmige Milieu-Studien, eine ausgewogene Dosierung an Thrill und Spannung und ein untrügliches Gespür für den Sound und die Atmosphäre der Millionenstadt am Hudson River. Der Serienkiller-Plot hatte Anfang/Mitte der Neunziger auch noch seinen Reiz, in einer Zeit, in der diese Nummer noch nicht durch jeden zweiten 08/15-Regional-Dorfdeppen-Krimi völlig überdehnt war.
„Feuer und Schwefel“ wurde 1992 mit dem renommierten Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet, beileibe nicht die schlechteste Wahl der Jury.

„Jeder, der ein New Yorker Cop ist und noch dazu irischer Katholik, hat guten Grund, früher oder später Zyniker oder so etwas wie ein Mystiker zu werden. Oder, wie in meinem Fall, beides.“
(Thomas Adcock, Ertränkt alle Hunde, Kapitel 3)

In „Ertränkt alle Hunde“, dem 1994 unter amerikanischem Originaltitel „Drown all the Dogs“ erschienenen dritten Teil des Hockaday-Serie schickt Thomas Adcock den New Yorker Cop zum finalen Besuch seines dahinwelkenden, hochbetagten Onkels und zur Ahnenforschung über den großen Teich nach Irland.
Der Roman ist inhaltlich weitaus weniger Kriminal-Fall als Familien-Saga und Auseinandersetzung mit Anti-englischen Ressentiments, fehlgeleiteter katholischer Kirchenpolitik im Dienste der weltlichen Interessen und der nationalistisch-faschistischen Seite der Irisch-Republikanischen Armee. Detective Hockaday und seine Liebste Ruby haben Terroranschläge, Polizei-Schikanen und Verstrickungen in die familiären und politischen Fehden der irischen Vorfahren zu überstehen, ehe sich für den Cop das Schicksal seines verschollen geglaubten Altvorderen und die Gründe für die langjährige Verbitterung seiner Mutter offenbaren und er sich – zumindest nach Zigeuner-Ritus – als vermählt betrachten und die wohlverdiente Heimreise mit einem schweren Erbe an Familien-Tragödien auf dem Buckel antreten darf. Daneben kommen die Sympathien des berühmten irischen Literatur-Nobelpreisträgers William Butler Yeats für das faschistische Irish Blueshirt Movement des IRA-Manns und späteren Polizeichefs Eoin O’Duffy in den 1930er Jahren und seine Einstellung zum deutschen Nationalsozialisten-Regime ausführlich zur Sprache. An der New Yorker Heimatfront findet Etliches Aufklärung hinsichtlich Verwicklung irisch-stämmiger Gesetzeshüter in die Politik und finstere Machenschaften der amerikanischen Ostküsten-IRA-Vertretung, Davy Mogaill, Hockadays Mentor beim NYPD, mischt dahingehend kräftig und erhellend mit. Alles in allem kein weltbewegender, immerhin aber grundsolider Kriminal-Roman, weitaus mehr eine faszinierende und komplexe literarische Reise in die Vergangenheit des Kampfes um die irische Unabhängigkeit, der nach Adcock vor allem von radikalem Fanatismus geprägt und in der Wahl der Mittel nicht zimperlich war. Der Autor zeichnet ein differenziertes Bild, dass eine eindeutige scharfe Trennung in „gute“ irische Republikaner und „schlechte“ Besatzungs-Briten nicht zulässt.
Und auf Seite 190 finden sich ein paar universelle, immerwährend gültige Sätze, an denen es seit ihrer Niederschrift vor über 20 Jahren im Wesentlichen nichts zu korrigieren gibt:

„Seite eins der Zeitung beschrieb die Welt in ihrer üblichen prekären Lage. Wohlhabende Nationen steckten unterschiedlich tief in ökonomischer Rezession, andere befanden sich in einer ausgewachsenen Depression – oder im Bürgerkrieg. Und überall behaupteten Kriminelle und Schwachköpfe, den Weg aus dem Chaos zu kennen. Dies waren die Führer von Nationen, und ihre Anhänger schienen sie ernst zu nehmen.“
(Thomas Adcock, Ertränkt alle Hunde, Kapitel 22)

„Der Himmel des Teufels“ ist das Alkoholiker-Paradies, das alles über den Rausch, aber nichts über den Tag danach offenbart. Hock Hockaday säuft in Teil vier der Serie die Probleme des ehelichen Alltags inklusive ausgeprägtem Selbstbewusstsein der Gattin weg, bekommt unversehens dank auffälligen Verhaltens die Dienstmarke entzogen und findet sich auf der anderen Seite des Hudson River im harten Entzug bei katholischen Priestern in Hoboken wieder. Die toughe, eigenständige Polizistenbraut Ruby Flagg heuert währenddessen beim alten Arbeitgeber in der schicken Werbebranchen-Welt der Madison Avenue an, wo prompt der homosexuelle Agentur-Partner bestialisch hingerichtet wird, der Auftakt einer Serie von Gewaltverbrechen im New Yorker Schwulen- und Transvestiten-Millieu – für den beurlaubten, trockengelegten und entgifteten Hock ein hinreichender Anlass, zusammen mit Mentor Davy Mogaill in neuer Berufung als Privatdetektiv die Ermittlungen aufzunehmen  und den ein oder anderen Strauß mit dem homophoben, sadistischen Sergeant „King Kong“ Kowalski von der Sitte auszufechten, einer literarischen Arschgeigen-Figur von erlesener Güte.
Ein Roman, der hinsichtlich unstrittiger Einsichten über die Schattenseiten der Alkoholsucht der Weltliteratur neben Graham Greenes „Die Kraft und die Herrlichkeit“ oder Malcolm Lowrys „Unter dem Vulkan“ noch ein paar weitere Aspekte hinzufügen kann, als Kriminalfall im Serienkiller-Modus präsentiert sich die Ballade vom heiligen (Ex-)Säufer wie alle anderen Adcock-Romane in gewohnt schnörkelloser und hart auf den Punkt formulierter Sprache, beklemmend und düster in den Studien der subkulturellen Milieus, schwarzhumorig in den Anmerkungen zur Auseinandersetzung mit dem inneren Schweinehund hinsichtlich selbstauferlegter Bier- und Schnaps-Abstinenz. Und implizit funktioniert der Roman nicht zuletzt als Plädoyer für Toleranz und als Statement gegen Homophobie.

„Dann ballte ich meine Hand zur Faust, reckte sie zum Himmel und sprach ein weiteres trotziges Gebet. Wenn ich schon ein verfluchter Säufer sein muss, warum in Gottes Namen muss ich dann auch noch Katholik sein?“
(Thomas Adcock, Der Himmel des Teufels, Kapitel 21)

Mit „Der Himmel des Teufels“ endete die deutsche Übersetzung der Adcock-Krimis über den New Yorker Cop Hockaday, die beiden folgenden Romane der Serie, „Thrown-Away Childs“ (1996) und „Grief Street“ (1998), haben es nicht mehr zu einer Übertragung geschafft, über die Gründe kann nur spekuliert werden, der verlegerische Mut des Haffmans Verlags, der 2001 das Konkursverfahren beantragte, mag sich möglicherweise mit den ersten vier Teilen kommerziell nicht ausgezahlt haben, hinsichtlich literarischer Qualität, inhaltlicher Komplexität und Krimi-spezifischem Unterhaltungswert sind die Werke bei Hardboiled-Fans wie in den Foren und Redaktionen der Fachpresse seit Erscheinen über jeden Zweifel erhaben. Die Hockaday-Romane sind seit Jahren im Buchhandel vergriffen, im gut sortierten Antiquariat für schmales Geld aber nach wie vor verfügbar.