Kriminalliteratur

Reingelesen (58): James Lee Burke – Regengötter

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Just take a trip to the Land of the Lost
(Wipers, Land of the Lost)

„Ich weiß nicht, woher Sie diese Informationen haben, aber im Grunde ist es mir auch völlig egal. Wissen Sie, warum diese rechten Spinner hier in der Gegend der Regierung nicht trauen?“
„Nein, das weiß ich nicht.“
„Genau das ist das Problem, Sir. Sie wissen es nicht. Darüber sollten Sie vielleicht mal nachdenken.“
(James Lee Burke, Regengötter, Kapitel 27)

James Lee Burke – Regengötter (2014, Heyne)

Kann man auch als leidlich spannenden und – wie es immer so schön heißt – „atmosphärisch dichten“ – Kriminalroman lesen, den 670-Seiten-Wälzer „Regengötter“ des amerikanischen Südstaatlers James Lee Burke, man wäre dabei bestens unterhalten, es würde der umfassenden Komplexität und Vielschichtigkeit des Werks jedoch bei weitem nicht gerecht werden. Zu viel an gesellschaftskritischem Zündstoff, schwergewichtiger Southern-Gothic-Mystik und bildgewaltiger Sprachwucht drängt sich bei der Lektüre des Werks in den Vordergrund, und im Nachgang lässt sich’s sowieso immer gut schlau daherreden, aber das ungute Gefühl mag nicht weichen, dass sich in dem 2009 im Original erschienenen Werk bereits die Option eines Protestwahl-Siegers vom Schlage Trump erahnen ließ. Die im vergangenen US-Wahlkampf von Frau Clinton mit kaum mehr zu überbietender Selbstherrlichkeit und Arroganz als basket of deplorables bezeichneten Abgehängten der amerikanischen Gesellschaft tummeln sich zuhauf auf der Besetzungsliste des Romans, intensiv und realitätsnah zeichnet Burke die Charaktere der Verliererseite des American Way of Life in seinem zweiten Teil der Hackberry-Holland-Serie, das 1971 im Original erschienene Debüt der Reihe, „Lay down my sword and shield“, ist bisher leider nicht in deutscher Übersetzung erschienen.

Hackberry hatte das Gefühl, in einer Zeit zu leben, in der Gangster, die Crack an ihre eigenen Leute verkauften und Drive-bys mit automatischen Waffen verübten, als kulturelle Ikonen gefeiert wurden. Gleichzeitig schmuggelten Outlaw-Biker große Mengen Crystal Meth in die Städte Amerikas und ermordeten sich gegenseitig. Diese Menschen waren wie Figuren aus einem Mad-Max-Drehbuch, und wie jede Form kognitiver Dissonanz in einer Gesellschaft konnten sie nur existieren, weil man sie gewähren ließ und teilweise sogar vergötterte.
(James Lee Burke, Regengötter, Kapitel 28)

Hinter einer verlassenen Kirche im ländlichen Texas nahe der mexikanischen Grenze wird ein Massengrab mit den Leichen asiatischer Prostituierter gefunden, damit beginnt die langwierige und komplizierte Ermittlungsarbeit für Sheriff Hackberry Holland, der alte einsame Wolf hat neben dem Kampf gegen das organisierte Verbrechen seine ureigenen Gefechte mit der altersbedingten Gebrechlichkeit, dem seit den fünfziger Jahren mitgeschleppten Trauma aus der Kriegsgefangenschaft in einem nordkoreanischen Internierungslager und der Tragödie des frühen Verlustes der krebskranken Ehefrau auszufechten. Der Roman zeichnet sich weitaus mehr durch die Entwürfe diverser Lebenslinien und den damit verbundenen Schicksalsschlägen inklusive einhergehender Offenlegung gesellschaftlicher Misstände als durch kriminalistischen Thrill aus, mit Pete Flores, der den Mord an den Thailänderinnen meldet und damit das sprichwörtliche Höllentor öffnet, lernt die Leserschaft einen weiteren vom Krieg traumatisierten und körperlich versehrten Ex-Soldaten kennen, den sein Land nach absolviertem Dienst im Irak mit seiner posttraumatischen Belastungsstörung, seiner Alkoholsucht und der daraus bedingten Arbeitslosigkeit im Stich gelassen hat.
Von den eigenen Obsessionen und persönlichen Dramen wie dem zu rächenden Mord an nächsten Anverwandten getriebene DEA- und FBI-Agenten bevölkern diesen facettenreichen Roman, keiner kann es in Punkto Besessenheit jedoch mit dem eigentlichen Star der Geschichte aufnehmen, was der Serienmörder Jack „Preacher“ Collins an Hybris und religiösem Wahn in seinem Handeln und seiner Vita offenbart, sucht seinesgleichen in der amerikanischen Kriminalliteratur, und diese ist nicht eben arm an derart fehlgeleiteten und verkorksten Konsorten. Um keinen Bibelspruch verlegen, erratisch in seinem Handeln, ständig den Trumpf im Ärmel, der für eine handfeste Überraschung und Wendung im Fortgang der Geschichte sorgt, selten war labil und durchgeknallt so unterhaltsam und anregend wie bei einem Charakter vom Schlage des selbsternannten Predigers Collins.
Daneben tummelt sich allerhand Personal aus dem Groß- und Kleinkriminellen-Milieu, zweifelhafte Anwälte, zwielichtige Strip-Lokal-Betreiber, Auftragskiller, die weitaus lieber Architektur-Studenten wären, und eine junge, hübsche, talentierte Countrysängerin, die einem Angebot der Nitty Gritty Dirt Band nicht nachkommen mag.

Sie vertraten die gleichen fundamentalistischen religiösen Ansichten, waren nach wie vor ergebene Patrioten, trugen immer noch diese undefinierbaren, vagen und egalitären Arbeiterklasseninstinkte in sich, die manchmal an Nativismus grenzten, aber von Außenstehenden sofort und ohne große Mühe als Symptome eines tief verwurzelten Jacksonismus erkannt werden konnten. Es war das Amerika von Whitman und Jack Kerouac, von Wilma Cather und Sinclair Lewis, eine kuriose Kombination von Widersprüchen, die homerische Dimensionen angenommen hatte, ohne dass sich die Beteiligten ihrer eigenen Bedeutung für die Welt bewusst waren.
(James Lee Burke, Regengötter, Kapitel 14)

James Lee Burke beeindruckt in diesem Roman mit dem Seelen-anrührenden Tiefgang der besten Townes-Van-Zandt-Songs, einer thematischen Southern-Gothic-Intensität, eingebettet in einen sozialkritischen Kontext, wie man sie in dieser Kombination allenfalls in Arbeiten von geistesverwandten Könnern wie Donald Ray Pollock oder Jim Thompson findet, und einer beeindruckenden Beschreibung von kargen amerikanischen Südstatten-Landschaften, die der cineastischen überwältigenden Bildsprache des Kino-Klassikers „No Country For Old Men“ der Coen-Brüder gleichkommt.
Jürgen Richter hat in seiner Krimi-Couch-Würdigung des Romans angemerkt, dass der Autor hinsichtlich Spannung und Thrill das ein oder andere taktische Foul reingrätscht, das mag nicht von der Hand zu weisen sein, der literarischen Wucht des Werks kann diese lässliche Sünde nichts anhaben.
Der Heyne-Verlag hat in den letzten Jahren im Rahmen seiner „Hardcore“-Reihe weitere Burke-Romane veröffentlicht, unter anderem die „Regengötter“-Fortsetzung „Glut und Asche“ (2015).

War das Potential der Menschheit, sich in eine Affengesellschaft zurückzuentwickeln, nicht allzu offensichtlich? Hackberry hatte in einem Gefangenenlager südlich des Yalu erlebt, wie amerikanische Soldaten für einen warmen Schlafplatz, einen zusätzlichen Löffel Reis oder eine verlauste Steppjacke ihre Kameraden verrieten, und ein Ausflug in mexikanische Grenzstädte ließ wenig Zweifel daran, dass Hunger das größte Aphrodisiakum überhaupt war.
(James Lee Burke, Regengötter, Kapitel 16)

James Lee Burke wurde wiederholte Male vom Krimi-Kollegen Franz Dobler in höchsten Tönen gelobt, ein Urteil, dem sich weitere VertreterInnen der schreibenden Zunft wie Elizabeth George, Stephen King, Michael Connelly und Oliver Bottini und namhafte Literaturkritiker wie der Kriminalliteratur-Fachmann  Thomas Wörtche uneingeschränkt anschließen.
Burke wurde 1936 in Houston/Texas geboren, er verbrachte Jahre mit diversen Jobs als Lastwagenfahrer, Reporter und Sozialarbeiter und im Kampf gegen seine Alkoholsucht, bevor seine zahlreichen Romane bei einem breiteren Publikum Anklang fanden. Er wurde für den Pulitzer-Preis nominiert und zweimal mit dem „Edgar Award“ für Kriminalliteratur ausgezeichnet.
Neben der Reihe über den Sheriff Hackberry Holland hat er drei weitere, zum Teil umfangreiche Krimi-Serien veröffentlicht, verschiedene Einzel-Romane und einige Kurzgeschichten-Sammlungen.
James Lee Burke sagt in Interviews schöne Sätze wie  „Die wahren Helden unter den Schriftstellern sind diejenigen, die acht Stunden täglich im Büro oder an einer Pipeline arbeiten und danach, wenn sie hundemüde sind, noch an ihren Romanen, Gedichten oder Kurzgeschichten schreiben“ oder „Jeder, der ohne Musik leben kann, ist geistig tot“, und an der Stelle muss ich dann zum Schluss doch noch eine persönliche Anmerkung loswerden: Ein Mann ganz nach meinem Geschmack…

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Reingelesen (52): Elmore Leonard – Road Dogs

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„Der, mit dem ich fast drei Jahre im Knast gesessen hab. Foley, ein guter Mann. Hält sich vornehm zurück, macht sich nicht gern die Finger schmutzig, mit dem wirst du keinen Ärger haben.“
„Von Foley hab ich gehört.“
„Hat sowas wie zweihundert Banken überfallen. Der ist Profi, rasiert sich jeden Tag, aber nicht den Schädel. Der achtet auf Sauberkeit und würde sich im Leben kein gotteslästerliches scheiß Tattoo auf den Arm stechen lassen.“
(Elmore Leonard, Road Dogs, 14)

Elmore Leonard – Road Dogs (2012, Suhrkamp)

„Out Of Sight“, Abgang: Jennifer Lopez schießt George Clooney ins Bein und begleitet ihn einige Wochen später zurück in die Justizvollzugsanstalt Glades im Bundesstaat Florida.
In „Road Dogs“ begegnen wir dem von Clooney im Film gemimten Bankräuber Jack Foley wieder, der smarte Profi freundet sich im Bau mit dem schwerreichen kubanischen Gangster Cundo Rey an, dessen Anwältin boxt Foley aus dem Knast. Nach dem Auschecken zieht Foley in einer Villa Reys in Venice Beach ein, Dawn Navarro, die attraktive Gattin des Kubaners, versucht, ihn auf ihre Seite zu ziehen, zwecks Erleichterung des immer noch einsitzenden Gatten um das Ersparte.
Das FBI ist Foley nach wie vor auf den Fersen, Agent Lou Adams verfasst ein Buch über den Bankrobber und harrt der Fertigstellung des finalen Kapitels in Form des nächsten, aus seiner Sicht letzten Überfalls, bei dem er Foley final zur Strecke bringen will.

„Wisst ihr noch, Willie Sutton? Willie Sutton war berühmt dafür, dass er meinte, er würde Banken überfallen, weil dort das Geld liegt. Hat er zwar nie so gesagt, aber ist ja egal – die Öffentlichkeit hat’s geglaubt, sie fand den Spruch cool, und schon war Willie Sutton berühmt. Die Zeitungen waren verrückt nach ihm: Sie hatten ausgerechnet, dass er über die Jahre gut zwei Millionen beiseite geschafft hatte. Ach, echt? Und wann bitte hat er zwei Millionen abgezogen, wenn er die Hälfte seine scheiß Lebens im Bau verbracht hat?“
(Elmore Leonard, Road Dogs, 5)

Foley schuldet Rey viel Geld und Loyalität, landet dessen ungeachtet mit der Frau seines „Road Dogs“ im Bett, steht aber nach dessen Entlassung aus geschäftlicher und moralischer Verbundenheit trotz dieser amourösen Eskapade zu ihm. Gefangen zwischen Trieb und Vernunft, wird er zur zentralen Figur in einem Spiel, in dem inklusive einiger Nebendarsteller jeder jeden über den Tisch zu ziehen versucht.
Die Rahmenhandlung des Romans ist überschaubar, wenig komplex, im Detail ist die Geschichte über weite Strecken alles andere als der große Thrill, was indes Leonards Werke seit jeher auszeichnet, sind die lakonische Sprache und auf den Punkt gebrachte, pointierte Dialoge und der dadurch getriebene, rasante Erzählstil. Wie so oft in seinen Krimis, gipfelt der American Way Of Life in Betrug und Lügen, gegenseitigem Übervorteilen der Protagonisten und ein paar Leichen. Dabei ist stumpfe Schwarz-weiß-Malerei Leonards Sache nicht, die Gauner sind nicht ausschließlich schlecht und die vermeintlich Guten haben ihre dunklen Seiten. Im Fall der „Road Dogs“: Pulp Fiction ohne Political Correctness und ohne moralinsaure Botschaft, auf überschaubarem (Spannungs-)Niveau erzählt, mit einer Portion Erotik versehen, in der Rahmenhandlung eines Katz-und-Maus-Spiels mit permanent wechselnden Rollen.
Das Buch empfiehlt sich nicht zwingend für den Einstieg in den Leonard-Kosmos, hier mögen sich Werke wie „Maximum Bob“ (dt. „Alligator“) oder „Riding The Rap“ (dt. „Volles Risiko“) weitaus mehr eignen.

„Jack, ohne Agent bist du gearscht. Was glauben Sie, wie diese ganzen Krimiautoren, die nicht den blassesten Schimmer von den wirklich harten Jungs haben, ihren Scheiß loswerden? Mein Agent hat schon mal erlebt, das die Filmstudios für ein Buch geboten haben, das keiner von denen überhaupt gelesen hatte. Im Verlagswesen geht es nicht ums Schreiben, Jack, es geht darum, Bücher zu verkaufen.“
(Elmore Leonard, Road Dogs, 18)

Einem breiteren Publikum ist Elmore Leonard vor allem als Autor des eingangs erwähnten Steven-Soderbergh-Films „Out Of Sight“ und der literarischen Vorlagen für den Tarantino-Thriller „Jackie Brown“ und „Schnappt Shorty“ von Barry Sonnenfeld bekannt.
Leonard wurde 1925 in New Orleans/Louisiana geboren. In den fünfziger Jahren verdiente er seinen Unterhalt als Westernserien-Schreiber und Werbetexter, Ende der sechziger Jahre wechselte er ins Krimi-Genre, nachdem die Cowboy-Nummer wie im Kino in der Literatur zum totgerittenen Pferd mutierte. Als wichtigsten literarischen Einfluss nannte er seinen Landsmann Ernest Hemingway.
Die zahlreichen Kriminalromane Elmore Leonards werden häufig aus der Sicht der Delinquenten erzählt, sie sind weit mehr mit Stilmitteln des Realismus umgesetzte Milieu- und Charakter-Studien als klassische Schilderungen von Verbrechensaufklärung.
Elmore Leonard ist insgesamt dreimal mit dem renommierten Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet worden, 1992 erhielt er für sein Gesamtwerk den Grand Master Award der Mystery Writers Of America.
Die New York Times bezeichnete ihn als den „vielleicht besten Krimi-Autor aller Zeiten“, Stephen King nannte ihn „the great American writer“.
Im August 2013 ist Elmore Leonard im Alter von 87 Jahren in der Nähe von Detroit/Michigan gestorben.

Reingelesen (51): Thomas Adcock – Hell’s Kitchen

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„Meilenstein des harten Krimis – ein anarchisches Debüt, das sich gegen schnelles Lesen wehrt.“
(Matthias Kühn, Krimi-Couch)

„I’ll take Manhattan in a garbage bag
With Latin written on it that says
„It’s hard to give a shit these days“
(Lou Reed, Romeo had Juliette, 1989, New York)

„Angelo sagte: „Der Bursche ist ein wiehernder Scheißkerl, also hat er natürlich auch die Geschichte seines bescheuerten Lebens in Buchform rausgebracht, und natürlich ist es ein Bestseller. Und außerdem – und das denke ich mir jetzt nicht einfach so aus, Hock – ist dieser Vermieter drauf und dran, öffentlich bekannt zu geben, dass er sich um das Amt des Präsidenten bewerben will.“
(Thomas Adcock, Hell’s Kitchen, Kapitel 17)

Thomas Adcock – Hell’s Kitchen (1993, Haffmans/Heyne)

Adcock revisited, dank/wegen „The Donald“: Da hat die Realität mal wieder die Fiktion eingeholt. 1989 wird wohl mancher Leser der amerikanischen Originalausgabe von Thomas Adcocks fulminantem Krimiserien-Auftakt um den irisch-stämmigen New Yorker Cop Neil „Hock“ Hockaday mindestens ein belustigtes Schmunzeln nicht verdrückt haben, als die mögliche Bewerbung um das US-Präsidentenamt der Romanfigur Daniel „The Dan“ Prescott im Verlauf der Geschichte zur Sprache kam. Der im Krimi gezeichnete Immobilien-Unternehmer Prescott inklusive geschildertem Geschäftsgebaren und dem nach ihm benanntem Wolkenkratzer-Tower ist weitestgehend unverhohlen das fiktive Pendant zum aktuellen Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei Amerikas, dem Immobilienmagnaten-Clown Donald Trump. Nicht nur dieser Bezug zur aktuellen amerikanischen Politik macht das Buch lesenswert, „Hell’s Kitchen“ ragt neben seiner unverhohlenen Sozialkritik und Parteinahme für die Verlierer des Kapitalismus auch als Kriminalroman meilenweit heraus aus dem Sumpf mittelmäßiger, literarisch weitgehend anspruchsloser Publikationen, die heutzutage die Masse der Veröffentlichungen des Genres ausmachen.

Der Protagonist „Hock“ Hockaday kehrt nach gescheiterter Ehe in das Viertel seiner Kindheit zurück, das ehemals vor allem von irischen Einwanderern bevölkerte Hell’s Kitchen im westlichen Teil von Midtown Manhattan (heute bekannter unter dem Namen Clinton) ist in den neunziger Jahren Schauplatz der beginnenden Gentrifizierung des heruntergekommenen New Yorker Stadtviertels, der großstädtische Strukturwandel bildet die thematische Klammer im Roman, dubiose Immobiliengeschäfte und zweifelhafte Praktiken zum Entwohnen sanierungsbedürftiger Objekte inklusive korrupter Verbindungen in die Stadtpolitik führen zu Mord und persönlicher Rache, die Recherche lässt Hockaday tief eintauchen in die eigene und die Vergangenheit des Viertels, die dominiert war vom irischen Katholizismus inklusive Vollrausch, Bordellbesuch und anschließender Beichte, und seiner eigenen Mitgliedschaft in einer Jugendgang.

SCUM-Patrol-Mann Hockaday bezieht eine bezahlbare Wohnung im Viertel seiner Kindheit, kurz darauf werden sein Spitzel und Nachbar Buddy-O und der dubiose Mieteintreiber Griffith unsanft ins Jenseits befördert. Von seinem Vorgesetzten erhält er den Auftrag zum Personenschutz für den anonym bedrohten Harlemer Radioprediger Father Love, der während des ersten Treffens mit Hock von einem Auftragskiller lebensbedrohlich angeschossen wird. Der Lauf der Ermittlungen fördert zutage, dass die Fälle in Verbindung zueinander stehen. Die Fäden laufen im Sumpf dubioser Immobiliengeschäfte zusammen, in einer Zeit, als die Politik Reagans die Unterschicht weiter schwächte und Gestalten wie den Immobilienmakler Donald Trump in Position brachten. Trump konnte noch in den Achtzigern nahezu ausschließlich an weiße Klientel vermieten und damit trotz etlicher Klagen ungeahndet gegen amerikanisches Bürgerrecht verstoßen. Von der Stadt New York wurde er bereits in früheren Jahren protegiert und für ein Bauvorhaben in der Nähe der Grand Central Station für vierzig Jahre von der Grundsteuer befreit, der City Hall gingen dadurch in zehn Jahren an die 60 Millionen US-Dollar verloren, finanzielle Mittel, die für die Sanierung von Schulen und Krankenhäusern in jener Zeit dringend gebraucht wurden.
Mit der Verachtung des Ich-Erzählers Hockaday zur Politik der Neocons transportiert Autor Adcock das Anliegen, dass es ihm mit dem Roman nicht ausschließlich um die Erzählung eines düsteren, harten und stimmigen Krimis ging.

„Ich dachte daran, den Holy Redeemer zu suchen, um mal zu sehen, was er vielleicht über Ereignisse wusste, die zu dem vorzeitigen Tod von Buddy-O geführt hatten. Und ich sah mir King’s Row, meinen Lieblings-Ronald-Reagan-Film, in der Glotze an. Der Film, in dem er in zwei Teile zerschnitten wird.“
(Thomas Adcock, Hell’s Kitchen, Kapitel 2)

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In der Zeit der Handlung des Romans war Hell’s Kitchen ein bezahlbares Viertel für die Unterschicht, Kleinkriminelle, Prostituierte, Kneipenwirte und Arbeitslose konnten sich hier bei günstigen Mietpreisen über Wasser halten, wer durch das soziale Raster fiel, fand eine Bleibe in der kriminellen Anarchie des unterirdischen „Dschungel“, die aufgelassene Eisenbahntrasse zehn Meter unterhalb des Straßenniveaus gab es in der Zeit tatsächlich im Westen Manhattans, sie war Unterkunft für Obdachlose, Junkies und Alkoholiker, ein später begehrtes Areal für Immobilenspekulanten.
Das Trump-Abziehbild Prescott sorgt im Roman mit kriminellen Methoden für massiven Zuzug im „Dschungel“ und erhöht so den sozialen Druck im Viertel, Spekulationsobjekte in der Nachbarschaft werden von Mietern widerwillig geräumt, sie schaffen nach erfolgter Sanierung Platz für die überteuerten Wohnungen der Neureichen.

„Gewisse Familien draußen in Brooklyn verdienten sich mit Auftragsmorden ihre Brötchen, Erpressung war die Domäne der Mitglieder der Social Clubs von der Mulberrry Street, das Glücksspiel war den stets schick gekleideten Typen oben in Harlem vorbehalten, Safes knacken konnte jeder, da es damals wie heute ein Handwerk ist, das großes Geschick erfordert, für Provisionen und Schmiergelder waren das Rathaus und die überzeugten Anhänger unseres Systems des freien Unternehmertums zuständig, und die Wall Street besaß das Monopol für Bankausplünderungen auf Gentlemenart und aalglatte Schwindeleien – was wieder mal beweist, dass sich manche Dinge nie ändern.“
(Thomas Adcock, Hell’s Kitchen, Kapitel 18)

Mit Wucht und einer überraschenden Wendung serviert Adcock den Plot dieses entschleunigten, detailliert erzählten und gut recherchierten, beklemmend-finsteren Kriminalromans, der trotz düsterer Grundstimmung mit feinem Humor aufwartet und mehr als Lust macht auf die Fortsetzungen wie „Feuer und Schwefel“ oder „Der Himmel des Teufels“, die die Geschichte von Detective Hockaday und dem Viertel weitererzählen. Und mit Musik kennt sich Adcock auch aus, bereits auf Seite 8 erklingt „God Bless The Child“ von Billie Holiday, im weiteren Verlauf des Romans ergänzt um Anspielungen und Reminiszenzen an Hank Williams, Ray Charles und das New Yorker Vaudeville-Kabarett.

„Welcher Mann?“
„Das spielt jetzt keine Rolle. Er ist auch tot.“
Lionel lächelte und sah sogar noch trauriger aus. Als wäre auf einmal die Luft aus ihm abgelassen worden.
„Tja, nur die Toten werden dir die Wahrheit sagen“, meinte er.“
(Thomas Adcock, Hell’s Kitchen, Kapitel 8)

In der Print-Ausgabe ist das Werk leider längst vergriffen, immerhin als Kindle-Edition ist es seit Anfang des Jahres unter dem neuen deutschen Titel „Der Dschungel“ in der Übersetzung von Jürgen Bürger wieder verfügbar.
Thomas Adcock hat insgesamt sechs Werke über den New Yorker Cop Hockaday geschrieben, die Folgen zwei bis vier sind seinerzeit beim Haffmans Verlag erschienen und heutzutage nur noch über das Antiquariat erhältlich, die letzten beiden Werke aus der Serie, „Thrown-Away Childs“ (1996) und „Grief Street“ (1998) harren bis heute vergebens der deutschen Übersetzung.

Thomas Adcock wurde 1947 in Detroit/Michigan geboren. Er war als Polizeireporter für diverse Zeitungen in Detroit, Minneapolis und New York tätig.
1984 veröffentlichte Adcock „Precinct 19“, eine Dokumentation über den Polizeialltag im Manhattan Upper East Side Revier, eine Art Vorläufer zu David Simons literarischer Realitiy-Doku „Homicide. A Year On The Killing Street“ über die Baltimore Police Department Homicide Unit, die teilweise als Vorlage für die erfolgreiche HBO-Serie „The Wire“ verwendet wurde.
Thomas Adcocks zweiter Hockaday-Krimi „Dark Maze“ (dt. „Feuer und Schwefel“) wurde 1992 mit dem renommierten Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet.
Er ist mit der Schauspielerin Kim Sykes verheiratet und lebt mit ihr in Manhattan.

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