Kriminalroman

Reingelesen (74): Donald Ray Pollock – Die himmlische Tafel

„After Appomattox they were on the loosing side
So no amnesty was granted
And as outlaws they did ride
They rode against the railroads,
And they rode against the banks
And they rode against the governor
Never did they ask for a word of thanks“
(Warren Zevon, Frank and Jesse James)

Donald Ray Pollock – Die himmlische Tafel (2018, Heyne Hardcore)

Bereits mit den ersten Sätzen in Donald Ray Pollocks zweitem Roman „Die himmlische Tafel“ wird klar: Gemütlich wird’s sicher nicht in dieser Geschichte, und hinsichtlich erbaulicher, schöngeistiger Literatur wäre man bei vielen anderen Autoren als Leser_In gewiss weitaus besser aufgehoben, diejenigen jedoch, die sich vor einigen Jahren an „Das Handwerk des Teufels“ labten, dem Roman-Debüt des Autors, einem von psychopatischen Serienkillern, religiösen Fanatikern und korrupten Polizisten bevölkerten Southern-Gothic-Death-Metal-Grosswurf in Buchform, diejenigen werden auch am Zweitwerk des spätberufenen Krimi-Schreibers aus Ross County/Ohio ihre helle – oder vielmehr finstere – Freude haben.

„Von da ab, und das ist nun schon fast vierzehn Jahre her, hat er des Nachts seinen Kopf auf diesen Sack gebettet; er sollte ihn auch daran erinnern, dass nichts in diesem weltlichen Leben gewiss ist, nur der Tod.“
(Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel, Kapitel 3)

Die himmlische Tafel, das ist das mit Leckereien bestückte Buffet, an dem sich die geschundene Kreatur nach entbehrungsreichen Jahren und finalem Ableben endlich satt essen darf, und es ist das Sinnbild der Erlösung und anvisierte Ziel des bitterarmen Pachtfarmers Pearl Jewett und seiner drei Söhne Cane, Cob und Chimney, die in Georgia im Jahr des Herrn 1917 buchstäblich von der Hand in den Mund leben und der Laune eines Leute-schindenden Großgrundbesitzers ausgeliefert sind. Prekäre Verhältnisse, die andernorts zur selben Zeit eine bolschewistische Revolution auslösten, in den Südstaaten der US of A hingegen nach einer individuellen Outlaw-Nummer drängen, in einem Land, dessen Geschichte und Kultur im jungen 20. Jahrhundert geprägt ist vom noch nicht lange zurückliegenden Sezessions-Krieg, von Rassismus, Selbstjustiz und dem Recht des Stärkeren, in dem die individuellen Probleme bis zum heutigen Tag nicht zuletzt dank entsprechender Gesetzgebung und verfassungsmäßig garantierter Rechte bisweilen mit der Schnellfeuerwaffe im Anschlag geklärt werden, und das zum Zeitpunkt der Geschichte kurz vor dem Eintritt in den ersten Weltkrieg steht, wenn auch kaum einer der Roman-Protagonisten weiß, wo genau dieses ominöse Deutschland eigentlich sein soll, nicht zuletzt davon wird im weiteren Verlauf der Geschichte ausführlich die Rede sein.
Nachdem der Altvordere völlig ausgezehrt das Zeitliche segnet, befreien sich die jungen Jewett-Hinterwäldler aus der kargen Lohnsklaverei, plündern und morden sich mittels gestohlener Waffen und Pferde durch Feudalherren-Farmen, Banken und Laden-Lokale in Richtung kanadische Grenze – „Shoot Your Way To Freedom“, wie Grant Hart, Gott hab ihn selig, vor Jahrzehnten so anarchistisch wunderbar einen seiner Songs betitelte.

„Er liebte es, so lange gegen sie zu sticheln, bis sie etwas Dummes sagten oder nach ihm ausholten, damit er eine Ausrede hatte, sie in die Hintergasse zu zerren und sie durchzuprügeln; viele Jahre lang hatte ihm das genügt.“
(Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel, Kapitel 12)

Auf ihrer Schleifspur der Gewalt begegnen die Jewetts so manchem Zeitgenossen, der entweder selbst vom Schicksal über Gebühr gebeutelt wurde oder in seinen charakterlichen Ausprägungen, Abarten und Obsessionen jeder besseren Freak-Show zur Ehre gereicht hätte, hier überzeichnet Pollock seine Figuren ab und an gehörig über Gebühr, dem Unterhaltungswert der finsteren Moritat tut es indes kaum Abbruch, wenn Serien-killende, psychopathische Gastronomen, professionelle Latrinen-Entleerer, minderjährige Prostituierte, schwule Offiziers-Anwärter oder der Farmer Ellsworth Fiddler als weiterer Hauptdarsteller des Romans den Weg der Bande kreuzen. Für den einfältigen Landwirt und seine Frau, die ihr gesamtes Erspartes an einen Trickbetrüger und den einzigen Sohn vermeintlich an die Armee und tatsächlich an den Alkohol verloren, gerät das Einlassen mit den White-Trash-Amateur-Gangstern unverhofft zum persönlichen Segen, der die prekäre Misere des hart arbeitenden Ehepaaars beendet.
Die großen Experten sind die Jewett-Brüder weder beim Ausrauben noch beim Flucht-Organisieren, jeder der drei frönt weitaus lieber seinen präferierten Gelüsten, der Älteste als einziger des Lesens Befähigter seinem Hang zur Literatur, wobei ihm die Auseinandersetzung mit Shakespeare oder einem Groschenroman einerlei ist, von den beiden Analphabeten-Brüdern der Ältere der Weiberei, der Jüngere der Völlerei, wer weiß schon, ob die Nummer mit der himmlischen Tafel am Ende nicht ein Luftschloss ist, da haut man sich den Wanst bei Gelegenheit schon mal im Diesseits ordentlich voll, vom Rumhuren des anderen Experten ganz zu schweigen.
Der Mensch denkt, Gott lenkt, und so ist es ausgerechnet der Junior mit dem offensichtlich kleinsten Spatzenhirn, der halbwegs unbeschadet aus der Nummer herauskommt und weiter von der Öffentlichkeit unbemerkt sein Dasein fristen darf, für viele andere Hauptdarsteller endet die Geschichte so, wie sie in den Erzählungen bei Pollock gerne endet: mit durchsiebten Eingeweiden, vor dem Henker, mit abgetrennten Gliedmaßen, einsam wie Vince Vaughn im Abgesang der zweiten „True Detective“-Staffel in der Einsamkeit der Prärie vor sich hin verreckend oder publikumswirksam vom Arm des Gesetztes zur Strecke gebracht.
Das harte Leben im Pollock-Roman ist ausweglos und brutal, ein irdisches Jammertal, in dem das Schicksal letztendlich nur fatalistisch angenommen werden kann, weil ein Dagegen-Ankämpfen kaum der Mühe wert ist und letztendlich zu keiner versöhnlichen Auflösung führt.

„Obwohl Homer in nahezu jeder Hinsicht unfähig war, hatte er zumindest gelernt, dass das Beste, was ein Politiker tun konnte, um zu überleben, darin bestand, absolut nichts zu tun.“
(Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel, Kapitel 22)

In den Rahmen des klassischen Kriminalromans mögen die 430 Seiten nicht passen, die Geschichte ist weitaus mehr Sozialstudie und Sittenbild, in der der tägliche Kampf ums Überleben, soziale Ausgrenzung und Bildungsmangel, sadistische Gewalt, Totschlag und andere Verbrechen allgegenwärtig sind. Was den harten Broterwerb anbelangt, davon weiß Pollock dank eigener Vita, wovon er spricht. Bevor 2008 sein erster Erzählband „Knockemstiff“ erschien, verdiente sich der Autor jahrzehntelang den Lebensunterhalt als Lastwagenfahrer und Arbeiter in einer Fleischfabrik.
Die nüchterne, illusionslose Sprache, die kaum Hoffnung aufkeimen und diese dann sicher wie das Amen in der Kirche zum Ende sterben lässt, mit der Pollock seine rabenschwarze, düstere Geschichte im „Handwerk des Teufels“ erzählt, diesen Slang lässt der zweite Roman-Wurf weitgehend vermissen, der Autor schlägt hier wiederholt den Sound der Groteske, der Satire und der keineswegs unfreiwilligen Komik an, was der exzellent erzählten, prallen Geschichte hinsichtlich Unterhaltungswert sicher nicht abträglich ist, das Buch aber um ein Alleinstellungsmerkmal beraubt und es in eine Reihe mit den ausgesucht schrägen, schwarzhumorigen, Gewalt-triefenden Trash-Splatter-Spätwestern wie „Das Dickicht“ oder „Kahlschlag“ von Joe R. Lansdale und die historischen, satirischen Antihelden-Romane von T. C. Boyle stellt, selbstredend beileibe nicht die schlechtesten Referenzen für dieses literarische Horror-Panoptikum. Und wer einst bei Paul Newman und Robert Redford im Geiste mitrannte und mit den beiden in ihren Rollen als Butch Cassidy und The Sundance Kid den Gesetzeshütern, Militärs und Kopfgeldjägern zu entfleuchen trachtete, wird an dieser Geschichte sowieso wenig zu bemäkeln haben.

Die amerikanische Originalausgabe ist 2016 unter dem Titel „The Heavenly Table“ beim Verlag Doubleday in New York erschienen. Im selben Jahr wurde auch die gebundene deutsche Erstausgabe in der Münchner Verlagsbuchhandlung Liebeskind publiziert. 2017 zeichneten die Juroren „Die himmlische Tafel“ mit dem ersten Platz des Deutschen Krimi-Preises in der internationalen Kategorie aus.

Donald Ray Pollock wurde 1954 in Knockemstiff/Ross County im US-Bundesstaat Ohio geboren, die Ortschaft, die seiner ersten Kurzgeschichten-Sammlung den Namen gab, ist heute eine entvölkerte Geisterstadt. Im Alter von 45 Jahren reichte Pollock seine erste Short Story bei einer Zeitschrift für englische Literatur an der Ohio State University ein, woraufhin ihn eine Herausgeberin des Blattes zum Studium für kreatives Schreiben an der Hochschule überredete.
Die New York Times veröffentlichte während der US-Präsidentschaftswahl 2008 regelmäßig seine Reportagen zum Wahlkampf in Ohio. Neben dem Deutschen Krimi-Preis wurden seine Arbeiten mit diversen renommierten Literatur-Auszeichnungen in Frankreich und den Vereinigten Staaten geehrt.

Reingelesen (58): James Lee Burke – Regengötter

burke

Just take a trip to the Land of the Lost
(Wipers, Land of the Lost)

„Ich weiß nicht, woher Sie diese Informationen haben, aber im Grunde ist es mir auch völlig egal. Wissen Sie, warum diese rechten Spinner hier in der Gegend der Regierung nicht trauen?“
„Nein, das weiß ich nicht.“
„Genau das ist das Problem, Sir. Sie wissen es nicht. Darüber sollten Sie vielleicht mal nachdenken.“
(James Lee Burke, Regengötter, Kapitel 27)

James Lee Burke – Regengötter (2014, Heyne)

Kann man auch als leidlich spannenden und – wie es immer so schön heißt – „atmosphärisch dichten“ – Kriminalroman lesen, den 670-Seiten-Wälzer „Regengötter“ des amerikanischen Südstaatlers James Lee Burke, man wäre dabei bestens unterhalten, es würde der umfassenden Komplexität und Vielschichtigkeit des Werks jedoch bei weitem nicht gerecht werden. Zu viel an gesellschaftskritischem Zündstoff, schwergewichtiger Southern-Gothic-Mystik und bildgewaltiger Sprachwucht drängt sich bei der Lektüre des Werks in den Vordergrund, und im Nachgang lässt sich’s sowieso immer gut schlau daherreden, aber das ungute Gefühl mag nicht weichen, dass sich in dem 2009 im Original erschienenen Werk bereits die Option eines Protestwahl-Siegers vom Schlage Trump erahnen ließ. Die im vergangenen US-Wahlkampf von Frau Clinton mit kaum mehr zu überbietender Selbstherrlichkeit und Arroganz als basket of deplorables bezeichneten Abgehängten der amerikanischen Gesellschaft tummeln sich zuhauf auf der Besetzungsliste des Romans, intensiv und realitätsnah zeichnet Burke die Charaktere der Verliererseite des American Way of Life in seinem zweiten Teil der Hackberry-Holland-Serie, das 1971 im Original erschienene Debüt der Reihe, „Lay down my sword and shield“, ist bisher leider nicht in deutscher Übersetzung erschienen.

Hackberry hatte das Gefühl, in einer Zeit zu leben, in der Gangster, die Crack an ihre eigenen Leute verkauften und Drive-bys mit automatischen Waffen verübten, als kulturelle Ikonen gefeiert wurden. Gleichzeitig schmuggelten Outlaw-Biker große Mengen Crystal Meth in die Städte Amerikas und ermordeten sich gegenseitig. Diese Menschen waren wie Figuren aus einem Mad-Max-Drehbuch, und wie jede Form kognitiver Dissonanz in einer Gesellschaft konnten sie nur existieren, weil man sie gewähren ließ und teilweise sogar vergötterte.
(James Lee Burke, Regengötter, Kapitel 28)

Hinter einer verlassenen Kirche im ländlichen Texas nahe der mexikanischen Grenze wird ein Massengrab mit den Leichen asiatischer Prostituierter gefunden, damit beginnt die langwierige und komplizierte Ermittlungsarbeit für Sheriff Hackberry Holland, der alte einsame Wolf hat neben dem Kampf gegen das organisierte Verbrechen seine ureigenen Gefechte mit der altersbedingten Gebrechlichkeit, dem seit den fünfziger Jahren mitgeschleppten Trauma aus der Kriegsgefangenschaft in einem nordkoreanischen Internierungslager und der Tragödie des frühen Verlustes der krebskranken Ehefrau auszufechten. Der Roman zeichnet sich weitaus mehr durch die Entwürfe diverser Lebenslinien und den damit verbundenen Schicksalsschlägen inklusive einhergehender Offenlegung gesellschaftlicher Misstände als durch kriminalistischen Thrill aus, mit Pete Flores, der den Mord an den Thailänderinnen meldet und damit das sprichwörtliche Höllentor öffnet, lernt die Leserschaft einen weiteren vom Krieg traumatisierten und körperlich versehrten Ex-Soldaten kennen, den sein Land nach absolviertem Dienst im Irak mit seiner posttraumatischen Belastungsstörung, seiner Alkoholsucht und der daraus bedingten Arbeitslosigkeit im Stich gelassen hat.
Von den eigenen Obsessionen und persönlichen Dramen wie dem zu rächenden Mord an nächsten Anverwandten getriebene DEA- und FBI-Agenten bevölkern diesen facettenreichen Roman, keiner kann es in Punkto Besessenheit jedoch mit dem eigentlichen Star der Geschichte aufnehmen, was der Serienmörder Jack „Preacher“ Collins an Hybris und religiösem Wahn in seinem Handeln und seiner Vita offenbart, sucht seinesgleichen in der amerikanischen Kriminalliteratur, und diese ist nicht eben arm an derart fehlgeleiteten und verkorksten Konsorten. Um keinen Bibelspruch verlegen, erratisch in seinem Handeln, ständig den Trumpf im Ärmel, der für eine handfeste Überraschung und Wendung im Fortgang der Geschichte sorgt, selten war labil und durchgeknallt so unterhaltsam und anregend wie bei einem Charakter vom Schlage des selbsternannten Predigers Collins.
Daneben tummelt sich allerhand Personal aus dem Groß- und Kleinkriminellen-Milieu, zweifelhafte Anwälte, zwielichtige Strip-Lokal-Betreiber, Auftragskiller, die weitaus lieber Architektur-Studenten wären, und eine junge, hübsche, talentierte Countrysängerin, die einem Angebot der Nitty Gritty Dirt Band nicht nachkommen mag.

Sie vertraten die gleichen fundamentalistischen religiösen Ansichten, waren nach wie vor ergebene Patrioten, trugen immer noch diese undefinierbaren, vagen und egalitären Arbeiterklasseninstinkte in sich, die manchmal an Nativismus grenzten, aber von Außenstehenden sofort und ohne große Mühe als Symptome eines tief verwurzelten Jacksonismus erkannt werden konnten. Es war das Amerika von Whitman und Jack Kerouac, von Wilma Cather und Sinclair Lewis, eine kuriose Kombination von Widersprüchen, die homerische Dimensionen angenommen hatte, ohne dass sich die Beteiligten ihrer eigenen Bedeutung für die Welt bewusst waren.
(James Lee Burke, Regengötter, Kapitel 14)

James Lee Burke beeindruckt in diesem Roman mit dem Seelen-anrührenden Tiefgang der besten Townes-Van-Zandt-Songs, einer thematischen Southern-Gothic-Intensität, eingebettet in einen sozialkritischen Kontext, wie man sie in dieser Kombination allenfalls in Arbeiten von geistesverwandten Könnern wie Donald Ray Pollock oder Jim Thompson findet, und einer beeindruckenden Beschreibung von kargen amerikanischen Südstatten-Landschaften, die der cineastischen überwältigenden Bildsprache des Kino-Klassikers „No Country For Old Men“ der Coen-Brüder gleichkommt.
Jürgen Richter hat in seiner Krimi-Couch-Würdigung des Romans angemerkt, dass der Autor hinsichtlich Spannung und Thrill das ein oder andere taktische Foul reingrätscht, das mag nicht von der Hand zu weisen sein, der literarischen Wucht des Werks kann diese lässliche Sünde nichts anhaben.
Der Heyne-Verlag hat in den letzten Jahren im Rahmen seiner „Hardcore“-Reihe weitere Burke-Romane veröffentlicht, unter anderem die „Regengötter“-Fortsetzung „Glut und Asche“ (2015).

War das Potential der Menschheit, sich in eine Affengesellschaft zurückzuentwickeln, nicht allzu offensichtlich? Hackberry hatte in einem Gefangenenlager südlich des Yalu erlebt, wie amerikanische Soldaten für einen warmen Schlafplatz, einen zusätzlichen Löffel Reis oder eine verlauste Steppjacke ihre Kameraden verrieten, und ein Ausflug in mexikanische Grenzstädte ließ wenig Zweifel daran, dass Hunger das größte Aphrodisiakum überhaupt war.
(James Lee Burke, Regengötter, Kapitel 16)

James Lee Burke wurde wiederholte Male vom Krimi-Kollegen Franz Dobler in höchsten Tönen gelobt, ein Urteil, dem sich weitere VertreterInnen der schreibenden Zunft wie Elizabeth George, Stephen King, Michael Connelly und Oliver Bottini und namhafte Literaturkritiker wie der Kriminalliteratur-Fachmann  Thomas Wörtche uneingeschränkt anschließen.
Burke wurde 1936 in Houston/Texas geboren, er verbrachte Jahre mit diversen Jobs als Lastwagenfahrer, Reporter und Sozialarbeiter und im Kampf gegen seine Alkoholsucht, bevor seine zahlreichen Romane bei einem breiteren Publikum Anklang fanden. Er wurde für den Pulitzer-Preis nominiert und zweimal mit dem „Edgar Award“ für Kriminalliteratur ausgezeichnet.
Neben der Reihe über den Sheriff Hackberry Holland hat er drei weitere, zum Teil umfangreiche Krimi-Serien veröffentlicht, verschiedene Einzel-Romane und einige Kurzgeschichten-Sammlungen.
James Lee Burke sagt in Interviews schöne Sätze wie  „Die wahren Helden unter den Schriftstellern sind diejenigen, die acht Stunden täglich im Büro oder an einer Pipeline arbeiten und danach, wenn sie hundemüde sind, noch an ihren Romanen, Gedichten oder Kurzgeschichten schreiben“ oder „Jeder, der ohne Musik leben kann, ist geistig tot“, und an der Stelle muss ich dann zum Schluss doch noch eine persönliche Anmerkung loswerden: Ein Mann ganz nach meinem Geschmack…

Franz Dobler @ Bayern 2-Diwan, Gasteig, München, 2016-11-18

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Der Schriftsteller, Journalist, Blogger und DJ Franz Dobler war im Rahmen des aktuell stattfindenden Münchner Literarturfests im Gasteig am vergangenen Freitag auf der B2-Couch Interview-Gast bei Kulturradio-Redakteur Knut Cordsen.
Thematischer Schwerpunkt war der kürzlich erschienene, zweite Dobler-Krimi „Ein Schlag ins Gesicht“ (2016, Tropen), sein erstes Werk mit dem Polizisten Robert Fallner, „Ein Bulle im Zug“, ist 2015 mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet worden.
Im neuen Roman bekommt es der mittlerweile Ex-Polizist Fallner als Security-Mann mit einem Stalker zu tun, belästigt wird die ehemalige 70er-Jahre-Sex-Film-Schauspielerin Simone Thomas, das Thema Stalking war für Dobler aufgrund der Medienpräsenz und neuer Gesetzgebung von literarischem Interesse.
Der Krimi hat einen starken München-Bezug, in der Stadt, die Dobler in der Tradition des großen Städte-Beschimpfers Thomas Bernhard im Vorgänger-Roman als „etwas zu groß geratenes Dirndl“ bezeichnete, hallte für den jungen Schongauer Autor 1979, als er in die Isar-Metropole übersiedelte, immer noch das Echo der frühen 70er Jahre und die Atmosphäre der 68er nach, diese Reminiszenzen verarbeitete er im aktuellen Roman, die fiktive Schauspielerin Thomas tummelte sich im Fassbinder-Umkreis, war Statistin bei Werner Herzog und – hier kommt der Musikkenner Dobler ins Spiel – großer Blondie-Fan, in einer Szene, in der alles „up to date“ zu sein hatte, war klar, dass die Protagonistin Fan der ersten Stunde der New Yorker New-Wave-Ikone war. Simone Thomas ist im Roman wie die reale Debbie Harry ein adoptiertes Kind, die Eltern-Kind-Beziehung zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch.
Knut Cordsen sprach die vielen Zitate im Roman an, Kenneth Anger oder auch der vom Autor sehr geschätzte Jörg Fauser kommen unter anderem zu Wort, Franz Dobler selbst erfreut sich süffisant an dem Umstand, dass der Kneipier im Cafe Lessing eben diesen zu zitieren weiß und er den Aphorismus „Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, aber selten etwas Besseres“ von der Leserschaft gutgeschrieben bekommt, ein für Kriminalromane unübliches Quellenverzeichnis im Anhang sorgt indes für Aufklärung und Richtigstellung.
Franz Dobler selbst lebt seit vielen Jahren in Augsburg, „Augsburg ist ja ähnlich wie München, nur dass es etwas kleiner ist.“
Zum Thema Johnny Cash, über den Dobler nebenher erwähnt 2002 eine sehr lesenswerte Biografie verfasst hat, merkte Moderator Cordsen an, dass der Autor in Analogie zum Folsom-Prison-Konzert der Country-Legende viele Jahre kostenlose Lesungen im Jugendgefängnis Augsburg abhielt, die Anstalt gibt es inzwischen nicht mehr, Dobler bedauert dies sehr, zumal die Delinquenten inzwischen zur Verbüßung ihrer Strafen wesentlich weiter reisen müssten und er selbst bei diesen Veranstaltungen am allermeisten gelernt habe.
„Ist Trump der letzte Ausbruch von Pulp Fiction?“ fragte Cordsen Dobler als ausgewiesenen Experten der amerikanischen Sub- und Pop-Kultur, der Schriftsteller meinte, die Wählerklientel Trumps wäre ihm nicht unbekannt, da er den Süden der USA gut kenne, es trifft nicht zu, dass das nur Nazis amerikanischer Prägung wären, letztendlich fehlen ihm zum Wahlergebnis aber die Worte, er könne nur den von ihm sehr verehrten amerikanischen Autor James Lee Burke zitieren, der in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ zum Trump-Wahlsieg anmerkte: „Es ist, als würde man einen Betrunkenen mit einer Kettensäge zum Geburtstag der eigenen Tochter einladen.“

Das gesamte Interview sendet der Bayerische Rundfunk zu einem späteren Zeitpunkt, im Rahmen des Bayern2-Kulturprogramms „Diwan – Das Büchermagazin“, Termine immer samstags um 14.05 Uhr.

Franz Dobler liest in nächster Zeit aus seinen Werken zu folgenden Gelegenheiten:

26.11. – Erdweg – Wirtshaus am Erdweg
30.11. – München – Theater im Fraunhofer / mit Live-Musik von Philip Bradatsch
06.12. – Augsburg – Golden Glimmer Bar
10.12. – München – Optimal Records / mit Karl Bruckmaier
15.12. – Augsburg – City Club / DJ-Set / mit Live-Musik von Doctorella
16.12. – Augsburg – Grand Hotel Cosmopolis / Rusty Roots Roadshow