Kurt Wagner

Lambchop @ Kammerspiele, München, 2017-02-15

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Ein Hauch von Hochkultur lag am vergangenen Mittwochabend in der Luft, aufgrund des Rahmens, in dem Kurt Wagner und die Seinen das Material des aktuellen Lambchop-Albums „FLOTUS“ auf der Bühne präsentieren – wie bereits 2012 bei der einschläfernden Aufführung des Vorgänger-Werks „Mr. M“ wählte die Band für ihren Münchner Auftritt den gediegenen Jugendstil-Saal der Kammerspiele an der noblen Münchner Maximilianstraße, wo die Nummer vor fünf Jahren aufgrund ihres extrem entschleunigten Vortrags wunderbar in das Theater passte, wären beim jüngsten, längst ausverkauften Lambchop-Auftritt auch andere Örtlichkeiten ohne Bestuhlung denkbar gewesen, selbst der traditionell bei seinem Vortrag sitzende Wagner absolvierte seinen Auftritt im Stehen, der Trip-Hop-/Electronica-Groove der neuesten Lambchop-Arbeiten verlangte und förderte den Bewegungsdrang, der Sänger selbst gab in den Passagen, in denen sich die gesampelte Rhythmik in den Vordergrund drängte, den erratischen Tanzbären.
Lambchop sind im 2017-Outfit zum Quartett geschrumpft, der großartige Gitarrist William Tyler mochte nicht ins aktuelle Konzept des Electronica-Alternative-Country-Soul der Band passen, neben der über die Maßen solide arbeitenden Rhythmus-Abteilung lieferte der von stilistischen Wandlungen unbeirrte, langgediente Pianist Tony Crow mit seinen exzellenten Tastenübungen den tragfähigen Rahmen für die Sample-Trip-Hop- und Stimmenverzerrer-Experimente und den spartanischen Saitenanschlag auf der Halbakustischen von Mastermind Kurt Wagner, die stets bestens gelaunte Band bereicherte ihre „FLOTUS“-Live-Präsentation durch eine überschaubare Auswahl an älteren Stücken wie „Gone Tomorrow“ oder den „Is A Woman“-Klassiker „The New Cobweb Summer“, vom neuen Material kam vor allem der beseelte Vortrag der Nummer „In Care of 8675309“ dem alten Lambchop-Geist hinsichtlich ihres Alternative-Country-Ansatzes am nächsten.
Wie es gute Tradition bei Lambchop-Konzerten ist, wurde auch am Mittwochabend zum Ausklang im Zugabenteil Fremdwerk gewürdigt, beim letzten München-Besuch der Band im Rahmen der „Nixon“-Gesamtaufführung im Amerikahaus wurde naheliegend der Bowie-Hit „Young Americans“ zu Gehör gebracht, früher holten sie gerne die Sisters-Of-Mercy-Nummer „This Corrosion“ aus der Gruft ins strahlende Licht, dieses Mal sollte es das jüngst eingespielte „When You Were Mine“ zur Würdigung des im letzten Jahr verstorbenen Prince sein, ein formvollendeter Abgang für ein kurzweiliges, beschwingtes, Ton-technisch exzellentes und somit rundum gelungenes Lambchop-Konzert, bei dem die über 100 Minuten Aufführung wie im Flug vergingen.
Der Kurtl und die Seinen, die haben’s einfach drauf…
(*****)

Reingehört (242): Lambchop

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Lambchop – FLOTUS (2016, City Slang / Merge)
Vier Jahre nach dem sehr traurigen, sehr getragenen „Mr. M“ (2012, Merge Records) kommen Kurt Wagner und die Seinen mit neuem Album und neuem Schwung zurück, viel war die Rede von Neu-Erfinden, Rundum-Reform, Weiterentwicklung des Lambchop-Klangbilds, und das ist auch soweit alles richtig, was sich die Fachpresse dahingehend zu „FLOTUS“ aus den Fingern gesaugt hat.
FLOTUS: „For Love Often Turns Us Still“ soll’s ausgeschrieben heißen, nicht „First Lady Of The United States“, wie einige anmerkten – die Nummer hat sich seit dem gestrigen Wahl-Sieg des durchgeknallten Immobilienmaklers für den Demokraten Wagner sowieso erledigt. Eingerahmt von dezent groovenden, überlangen Werken, die mit zum Besten gehören, was das Musikjahr 2016 zu bieten hat – fast 12 Minuten „In Care Of 8675309“ zum überwältigenden Einstieg und dem über 18-minütigen „The Hustle“ als glorreiches Finale – zelebrieren Wagner und Co. auf höchstem Niveau die Zusammenführung der vertrauten, tiefenentspannten Alternative-Country-/Soul-Welt, wie man sie seit vielen Jahren von Alben-Meisterwerken wie „Nixon“ oder „Is A Woman“ der Band kennt und schätzt, und dezenten, den Sound in eine neue Richtung treibende Electronica-/Ambient-/Triphop-Zutaten, Kurt Wagner hat dahingehend mit seinem HeCTA–Nebenprojekt bereits ordentlich vorgearbeitet und Erfahrungen gesammelt.
Weg vom orchestralen Sound, den die Band in der Vergangenheit mit Streichern und Bläsern zu perfektionieren wusste, hin zu abgespeckten Soundstrukturen, oft nur Piano, Bass, Drum-Machine und punktuell eingesetzte Electronica erschaffen einen Klang zwischen trägem, Ambient-artigem, kargem und unaufdringlichem Ruhe-Modus und einer dezent nach vorne drängenden, gedämpften Rhythmik, dem Salz in der Suppe, sozusagen, und über allem schwebt diese unnachahmliche, abgeklärte, nichts aus der Ruhe bringende Stimme des Ausnahme-Country-Crooners Kurt Wagner, die emotional wärmt und dafür sorgt, dass diesem geloopten und anderweitig nachbehandeltem Wunderwerk nicht zuviel technische Kälte innewohnt, da kann selbst der punktuell eingesetzte Stimmverzerrer TC-Helicon Voicelive 2 keinen Schaden anrichten.
Lambchop wissen immer noch zu überraschen, mit „FLOTUS“ vielleicht mehr denn je. Ein Schritt in die richtige Richtung und ein mutiger Ansatz Wagners, wie er in Langeweile erstarrten Kollegen wie etwa Jeff Tweedy offensichtlich seit einiger Zeit völlig abhanden gekommen scheint. 2016 ist ein wunderbares Lambchop-Jahr, neben dem aktuellen Band-Werk gab es bereits im Sommer die feine Solo-Instrumental-Arbeit „Modern Country“ des Meister-Gitarristen William Tyler zu bestaunen.
Lambchop spielen 2017 im Rahmen der anstehenden Europatournee am 15. Februar in den Münchner Kammerspielen.
(*****)

Reingehört (99)

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Peter Case – Hwy 62 (2015, Rykodisc)
Der amerikanische Songwriter Peter Case macht auf seinem neuen Album das, was er seit 30 Jahren am Besten kann: Geschichten erzählen und gehaltvollen, getragenen Country-Folk spielen, gerne auch mal gewürzt mit etwas Blues und schmissigerem Rock and Roll, wie man es von früheren Veröffentlichungen des Manns aus Buffalo/NY kennt und schätzt.
Der Großteil des dargebotenen Liedguts erreicht die Qualität früherer Glanztaten wie des selbstbenamsten 1986er-Debüts (Geffen Records) mit der wunderbaren Aussteiger-Hymne „Walk In The Woods“ oder den Vanguard-Folk-Bringern ‚Sings Like Hell‘ (1993) und ‚Full Service No Waiting‘ (1998).
Musikalisch liegt der Schwerpunkt auf der akustischen Gitarre, inhaltlich setzt sich der Barde mit der aktuellen US-amerikanischen Realität auseinander, mit Themen wie Strafvollzug, Kampf gegen die Windmühlen der Justiz und die ungleichen Einkommensverhältnisse, Peter Case gibt sich einmal mehr als zorniger Protestsänger im besten Sinn.
Bei der Besetzung der Studiomusiker wurde auch nicht gekleckert, unter anderem hören wir den Songwriter-Kollegen Ben Harper an Lead- und Slide-Gitarre.
Beim Fremdmaterial kommt Bob der Meister mit „Long Time Gone“ zu Ehren.
Nachdem das letzte Case-Werk ‚Wig!‘ (Yep Roc) auch schon wieder 5 Jahre auf dem Buckel hat, darf man wohl von einem gelungenen Comeback sprechen.
(**** ½)

HeCTA – The Diet (2015, City Slang)
Melodisch-tanzbarer Elektro-Groove und feiner Club-Ambient-Sound, House und Maschinen-Experimentelles, im Gesang angenehmst an Lambchop erinnernd, und das nimmt nicht weiter wunder, handelt es sich bei HeCTA doch um ein Seitenprojekt vom Kurtl und seinen Kumpels Scott Martin, Ryan Norris und Rodrigo Avendano sowie der wie immer geschätzten Cortney Tidwell, die mit ihrem Seitenprojekt HeCTA freudig-erregt/pulsierend für großen Hörspass sorgen.
“One of the things that I’ve noticed about a lot of dance music in general is that there really wasn’t a lot of humor going on there” sprach Meister Wagner in der LA Times und hat umgehend für Abhilfe gesorgt.
(**** ½ – *****)

Soldiers Of Fortune – Early Risers (2015, Mexican Summer / Alive)
Wer auf 70er-Jahre-Heavy-Rock inklusive ausladender Gitarren-Soli steht, liegt bei diesem wilden Mix aus Zeppelin-Bastarden, End-60er-Psychedelic und Slade-artigem Boogie-Rock goldrichtig.
Hinter dem Projekt versteckt sich nach Worten der Protagonisten eine „Anti-Band“, größtenteils bestehend aus Mitgliedern der New Yorker Experimental-Rock-Combo Oneida, Matt Sweeney von der Jersey-Combo Chavez mischt auch mit, dem interessierten Publikum dürfte er durch seine gelungene ‚Superwolf‘-Zusammenarbeit mit Bonnie ‚Prince‘ Billy aus dem Jahr 2005 (Drag City) bekannt sein, zwecks Gastgesang geben sich bei den Soldiers Of Fortune diverse Indie-Größen das Mikro in die Hand, Stephen Malkmus von Pavement und Cass McCombs zählen zu den prominentesten.
Für launige Biker-Träume in Kombi mit einem frischen Bierchen reicht das allemal.
(****)

You Am I – Porridge & Hotsauce (2015, Inertia)
Indie-Rock von einer Band aus Sydney/Australien, die – obwohl „erst“ seit 1989 aktiv – hier einer weiteren musikalischen Spielart der 70er Jahre frönt. Kommen die wieder, die Seventies? Und warum drängt sich bei der Beschäftigung mit der Scheibe permanent der Cheap-Trick-Vergleich auf? Ja, warum wohl… ?
Zur Ehrenrettung sei angemerkt: Sänger/Gitarrist Tim Rogers hat 2006 zusammen mit Beasts-Of-Bourbon-/Dark-Horses-/The-Cruel-Sea-/The-Butcher-Shop-Vorzeige-Crooner Tex Perkins das absolut brauchbare Projekt T’N’T (Liberation Music) auf die Beine gestellt.
(***)

Lambchop @ Amerikahaus, München, 2015-02-07

Lambchop performing Nixon in it’s Entirety

„Nixon is the album when Lambchop became the band people think of as Lambchop“
(Pitchfork)

„The most fully realised Lambchop record, the most perfect blend yet of their alt country roots and their obsession with soul.“
(Mojo)

„Wir sind Lammkotelett from Nashville, Tennessee, if you enjoyed the Show, if you dislike, we are the Kings Of Leon“. Ich gehe nicht davon aus, dass sich an dem Abend jemand fand, der den fantastischen Auftritt der Band um Kurt Wagner nicht genossen hat. Die siebenköpfige Combo führte in ihrer einzigartigen Manier zur Feier der Veröffentlichung des Albums vor fünfzehn Jahren ihr 2000er-Werk „Nixon“ zur Gänze auf, das Album, dass seinerzeit ihren Durchbruch beim geneigten Publikum und bei der Fachpresse markierte. Zudem ist die „Nixon“-Tour ein Tribut der Band an ihr Gründungsmitglied Marc Trovillion, der Bassist verstarb letzten Oktober an einem Herzinfarkt.

Die Band bot am Samstagabend im Amerikahaus bei exzellenter Akustik eine hervorragende Performance in ihrem unvergleichlichen, tiefenentspannten Stilmix aus Alternative Country und Soul, für Lambchop-Verhältnisse im Tempo um einiges beschleunigt verglichen mit dem für meine Begriffe tendenziell zu ruhigen Live-Vortrag der „Mr. M“-Platte vor zweieinhalb Jahren in den Münchner Kammerspielen. Zu meiner besonderen Freude war dieses Mal Meister-Gitarrist William Tyler wieder mit von der Partie, bei den ausgedehnteren Instrumental-Passagen erinnerte mich sein glasklares Spiel wiederholt an den begnadeten und unvergessenen Grateful-Dead-Chef Jerry Garcia.

Abgerundet wurde dieses konzertante Highlight durch etliche Klassiker aus dem Band-Repertoire und in der Zugabe durch eine über die Maßen gelungene Cover-Version von David Bowies Hit „Young Americans“, dessen Textzeile „Do you remember your President Nixon? Do you remember the Bills you have to pay?“ perfekt zum Motto des Abends passte.

Der Release des Band-Meisterwerks „Is A Woman“ jährt sich dann in zwei Jahren zum fünfzehnten Mal und wenn Lambchop in dem Fall das Konzept der Gesamtaufführung fortführen würden, wäre wohl jeder Konzertbesucher vom vergangenen Samstag im Amerikahaus erwartungsfroh und glücklich.

Dass Kurt Wagner einer der sympathischsten Menschen im Pop-Business ist, wird nicht nur durch seine unaufgeregte Moderation jedes Lambchop-Konzerts bewusst, ich durfte mich am Merch-Stand bei einem netten Plausch mit dem Meister zur Krönung des Abends selbst überzeugen…;-)))
(*****)

Lambchop / Homepage