Der entspannte Start in die Woche am vergangenen Montagabend, von der stets verehrten Münchner Konzertagentur Clubzwei auf die Spur gebracht: Wenn es draußen bei zweistelligen Minus-Graden schneit, eist und windet, kommt im heimeligen Münchner Innenstadt-Club Unter Deck die Sonne Kaliforniens gerade recht daher, in Form des ureigenen Downtempo-/Slowcore-Westcoast-Rocks der L.A.-Formation Gun Outfit, die bereits im Vorjahr mit dem Album „Out Of Range“ unsere Herzen wärmte und das Gemüt erhellte, gleichwohl dem Umstand gewahr werdend, dass auch im Sound der Wahl-Kalifornier nicht alles eitel Sonnenschein ist und die Nebel-verschleierte und Wolken-verhangene Stimmung aus der ursprünglichen Heimat im Bundesstaat Washington herüberweht und weiter seinen Platz findet.
Zu intelligent, vielschichtig und doppelbödig ist der vordergründig luftige Gitarren-Flow des Quintetts, als dass der herkömmliche Westküsten-Softrock zum passenden Vergleich taugen würde – Cosmic American Music oder „Western Expanse Music“, wie die Combo selbst ihre Tonkunst benennt, im besten Sinne des Wortes, Alternative Country und Folk-Rock im Geiste der Byrds und der Dead in die Jetztzeit verfrachtet, staubtrockener, sandiger Desert-Sound und eine ergreifende Melancholie in den Indie-Balladen, von musizierender Versiertheit der Band dominiert, in der sich Sängerin/Gitarristin Carrie Keith mit ihrem Duett-Partner Dylan Sharp im Sangesvortrag und in der launigen Anmoderation die Bälle zuschmeißt, Basser Adam Payne, Drummer Daniel Swire und nicht zuletzt Multiinstrumentalist und Rauschebart David Harris an diversen Saiten-Instrumenten kongenial begleiten wie im Verbund eine feine, unterschwellige, dauerhaft präsente Psychedelic-Note und souveräne Entspanntheit im Vortrag präsentieren, wie man sie bis dahin nur von geschätzten Könnern wie Steve Gunn, Yo La Tengo oder den Feelies kannte.
Einen erhebenden wie würdigen Schlusspunkt setzte die Band nach einer guten Stunde kredenztem Eigenmaterial vornehmlich aus dem aktuellen Werk mit der Psychedelic-/Indie-Rock-Version der J.J.-Cale-Nummer „Downtown L.A.“, wie uns bereits seinerzeit der große Schweiger aus Oklahoma auf seinem 1982er-Album „Grasshopper“ glaubhaft versicherte, ist diese Gegend der City of Angels „a depressing place“, ein Moloch mit unzähligen Schattenseiten, und so war dann der Übergang nach Konzertende von der gewärmten Stube des Unter Deck hinaus in die frostige Münchner Winternacht hinsichtlich mentalem Umschwenken ein abgefedertes und thematisch halbwegs Vorbereitetes in Richtung unwirtliche Realitäten…
Gun Outfit unterstrichen einmal mehr im Nachspüren der Prärie-Geister und im musikalischen Durchstreifen der kalifornischen Canyons – wie im vergangenen Jahr artverwandt etwa auch die Brüder Kenny und Hayden Miles vom Americana-Duo Wayne Graham – warum Jeff Tweedy und die Seinen trotz wesentlich üppigerer finanzieller und technischer Möglichkeiten in der Sparte immer mehr ins Hintertreffen geraten hinsichtlich Songwriting, Kreativität und schlauen Ideen, vielleicht sollten sie beizeiten einen „Grasshopper“-Grundkurs durchexerzieren, auch Wayne Graham haben sich seinerzeit mit „Drifters Wife“ dahingehend beim alten Cale bedient und das in letzter Zeit arg anödende Wilco-Zeug schnell vergessen gemacht – zeichnet sich da etwa ein Trend ab?
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Gun Outfit spielen heute im Hamburger Hafenklang, die restlichen Termine der Europa-Tournee wären die folgenden:
01. März – Aarhus – Tape 02. März – Kopenhagen – Stengade 03. März – Berlin – Schokoladen
Old woman walking with a sack on her back Picking up the garbage people put out back Men down there trying to walk the line Trading their soul for a bottle of wine (J. J. Cale, Downtown L.A.)
James Frey – Strahlend schöner Morgen (2010, List)
Stadtroman, „Short Cuts“ in Literatur gegossen, der Abgesang auf den amerikanischen Traum, in 590 pralle Seiten gepackt. James Frey hat 2008 in seinem Roman „Bright Shiny Morning“ kein Blatt vor den Mund genommen und in seinem Portrait über den kalifornischen Großstadt-Moloch Los Angeles mehr als nur einen Blick gewagt in die menschlichen Abgründe. Er erzählt unzählige Geschichten über die in der Stadt Gestrandeten, oft findet das skizzierte Leben der Protagonisten in einer kurzen Passage nur einmal Erwähnung, dann ist ihr Bezug zur Stadt der Engel in knappen Sätzen bereits umrissen, einigen widmet er in seinem mehrschichtigen, auf vielen Ebenen vorgetragenen Roman längere Erzählstränge über die volle Roman-Distanz, vier insgesamt, in sich ablösenden Episoden erzählt er die Geschichten von Old Man Joe, einem aufrechten Obdachlosen aus Venice, der eine junge Drogensüchtige retten will, die Kapriolen des Schauspieler-Ehepaars Amberton und Casey, das sich hinter der Fassade des glücklichen Hollywood-Traumpaars den jeweiligen homosexuellen Eskapaden hingibt, der Leser begleitet die mexikanische Einwanderer-Tochter Esperanza in ihrem Kampf mit dem eigenen Körper und in den Auseinandersetzungen mit einer sadistischen, schwerreichen Arbeitgeberin, besonders anrührend ist die Geschichte von Maddie und Dylan, zwei 19-jährigen, die ihren prügelnden Eltern, dem Alkohol, dem Missbrauch, dem religiösen Wahn und der Tristesse eines Kaffs in Ohio entfliehen, alle suchen das Glück und ein besseres Leben im Haifischbecken L.A., die Wenigsten werden es finden, einige müssen bittere Lektionen lernen und vor allem für alles bezahlen, was sie sich an Verfehlungen im Streben nach einer besseren, erfüllten Zukunft leisten. Nobody rides for free, bei einigen haben die Fehltritte und die schwachen Momente tödliche Folgen, bei anderen regelt das Scheckbuch und der Anwalt die Klärung der Probleme.
Sie bekamen noch zwei Kinder, einen Jungen namens Wayne und ein Mädchen namens Dawn, und die ganze Familie wohnte im Trailer. Er war überfüllt, doch die Enge brachte sie einander näher, zwang sie, Frieden zu halten, die guten Zeiten zu strecken und die schlechten Zeiten zu verkürzen. (James Frey, Strahlend schöner Morgen)
Der Traum vom Glück und vom Erfolg, der große amerikanische Traum, dem in L. A. viele nachhängen, dessen Erfüllung viele suchen, er erweist sich allzu oft als Trugbild, unerreichbar, im schlimmsten Fall in einen Albtraum gekehrt, trotzdem folgen jährlich Abertausende der Verlockung und pilgern nach Westen, der Sonne Kaliforniens entgegen, und hoffen auf eine Karriere als Musiker, Schauspieler, Künstler, Pornostar, die oft in der Gosse, im Armenviertel in einer heruntergekommenen Wohnung und im lausig bezahlten Kellner-Job zum Stillstand kommt. Nur die Surfer an den Stränden des Pazifik erhoffen außer der Sonne und den Wellen nichts und bekommen, was sie erwarten, alle anderen müssen sich über kurz oder lang der harten Realität stellen und ihre Träume begraben oder stoisch weiterverfolgen, wider besseren Wissens und gegen alle Erfahrungen.
Nicht alle Tatsachen sind lustig. Manche schon, manche sind superlustig, aber nicht alle. Hier ein paar weniger lustige Tatsachen über Los Angeles. Über 60 000 Menschen arbeiten in der Pornobranche. Über 1,6 Millionen Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Jährlich werden circa 150 000 Schwerverbrecher verhaftet. Fünfzig bis sechzig Proznet aller im Los Angeles County begangenen Morde finden im Gangmilieu statt, ungefähr siebenhundert pro Jahr. (James Frey, Strahlend schöner Morgen)
Dabei stellt sich der Leser bei Lektüre dieses rasant geschriebenen, lakonisch erzählten Romans permanent die Frage: Wer mag sich freiwillig an einem solchen Ort niederlassen? Von den einzelnen Erzählsträngen losgelöste Kapitel dokumentieren die Geschichte der Stadt und seiner Bewohner, die sich ihre Viertel aus einer Zwangslage heraus als Heimat nicht aussuchen können, Viertel und Straßenzüge, in denen der Alltag von Banden-Kriegen und Drogen-Kriminalität bestimmt wird, täglich Tote, täglich ein neues Schlachtfeld, mit zahlreichen Kollateralschäden unter den unbeteiligten Anwohnern. Selbst die Reichenviertel wie Beverly Hills erweisen sich mit ihren auflauernden Paparazzi und einer abgeschotteten Nachbarschaft als beklemmende Lebensräume. Zum humanen Chaos gestellt sich das ökologische: die Heimstatt der gefallenen Engel ist umgeben von endlosen Meilen der City-Autobahnen des L. A. County, die zum stundenlangen Verweilen im Stau zwingen und die durch unfassbare Luftverschmutzung mittels Autoabgasen der Stadt buchstäblich den Atem abschnüren.
Geschichten vom schwarzen Minigolf-Platz-Betreiber, dessen Unternehmen den Bach runtergeht, vom weißen Waffenhändler, dessen Geschäft vor allem durch seinen Hass auf alles und jeden getrieben wird, dabei funktioniert der Raubtier-Kapitalismus nach dem uramerikanischen Muster rein nach Zahlen bemessen prächtig, wäre die Stadt Los Angeles ein unabhängiges Land, ihre Wirtschaftskraft würde an fünfzehnter Stelle weltweit stehen.
In kurzen eingeschobenen Passagen erzählt Frey die Geschichte der Stadt, beginnend mit der ersten Erwähnung der Siedlung im Jahr 1781, es ist eine Geschichte von verfehlter Stadtplanung, Rassen-Trennung und Rassen-Unruhen, Ghettoisierung, die Geschichte einer unfassbaren, permanenten Umweltverschmutzung, eine Dokumentation unzähliger schlecht bezahlter Jobs und schlechter Ernährung, von Alkoholismus, von Korruption, organisierter Kriminalität, die Geschichte der scheinbaren Traumfabrik Hollywood und von 333 kalifornischen Sonnentagen im Jahr.
Von jedem Dollar an Steuereinnahmen werden 29 Cent für Verbrechensbekämpfung ausgegeben, 15 Cent für Abwässer und Kläranlagen, 8 Cent für Straßenerneuerung, 1.5 Cent für Bildung. (James Frey, Strahlend schöner Morgen)
Der Moral-freie Sozialrealismus von James Frey erlaubt sich nur seltene, kurze emotionale Ausbrüche, in jeweils dreifachen Wiederholungen als Stil-Mittel, Song-Refrains gleich, hebt der Autor die besonders erwähnenswerten Fakten oder Ereignisse und Gemütswallungen seiner Protagonisten kurz hervor, die nüchtern-lässige Erzählweise und die geschilderten Eindrücke sind nicht allerorts auf Gegenliebe gestoßen, man warf dem Autor vor, Fakten und Fiktion zu vermischen, dabei macht gerade diese Mixtur aus harten Tatsachen und die darin eingebetteten, von den Unbilden des Lebens zeugenden humanen Tragödien die Würze dieses rasant zu lesenden Romans aus.
James Frey wurde 1969 in Cleveland/Ohio geboren. 1993 bekämpfte er erfolgreich seine Drogen- und Alkoholsucht. Mitte der Neunziger zog er nach Los Angeles, wo er als Drehbuchautor tätig war.
Seine als Autobiografien konzipierten Romane „A Million Little Pieces“ und „My Friend Leonard“ waren kommerziell sehr erfolgreich, wurden aber von Kritikern im Nachgang heftig verrissen, als bekannt wurde, dass Frey viele in den Romanen geschilderte Episoden nicht selbst erlebt hatte.
Mit „Strahlend schöner Morgen“ gelang Frey 2008 die Wiederauferstehung am Buchmarkt, der britische Schriftsteller Irvine Welsh bezeichnete den Roman als literarisches Comeback des Jahrzehnts. Die Los Angeles Times sah in dem Machwerk hingegen einen abscheulichen Roman und ein literarisches Wrack, da fühlte sich wohl wer in seinem Lokalpatriotismus schwer angekratzt.
Die regelmäßig im Münchner Stadtteil-Treff Glockenbachwerkstatt stattfindende Veranstaltungsreihe Maj Musical Monday präsentierte zum Wochenauftakt ein mehr als ansprechendes Paket aus Post- und Noise-Rock, den Auftakt zu dieser über die Maßen beglückenden Veranstaltung bespielten die vier Mannen von Pictures From Nadira, die Münchner Postrock-Band präsentierte in intensiven 45 Minuten das Material des vor kurzem erschienenen Debüt-Albums „Nadira“, im vehementen Instrumental-Vortrag zog die Band alle Register des klassischen Postrock und stellte erneut eindrucksvoll unter Beweis, das sie die feine Klinge des Genres in den kontemplativen Passagen ihrer Klangreisen ebenso beherrschen wie die brachiale Streitaxt in Form rauschhafter Gitarrenattacken und druckvoll treibender Rhythmik. Hinsichtlich brachialer Wucht, entrückter Atmosphäre und orkanartiger Beschallung muss sich die Band aus München vor vergleichbaren internationalen Vertretern des Postrock weiß Gott nicht verstecken, Pictures From Nadira sind musikalisch längst in Sphären unterwegs, die sie über den Status einer lokalen Größe weit hinausheben.
Zudem: welche international renommierte Band aus der wunderbaren Welt des Postrock hat Vergleichbares wie den „Pictures From Nadira Imkerhonig aus Bogenhausen“ am Merchandising-Stand anzubieten?
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Pictures From Nadira spielen morgen Abend im Rahmen der „Bergfest“-Veranstaltung im Münchner 8Below, weitere anstehende Konzerte der Band:
21. April – Wien – Venster 99 22. April – Dachau – Freiraum
Als Headliner des Abends standen mit Paul Christensen und Matt Cronk vom kalifornischen Noiserock-Duo Qui zwei Legenden des amerikanischen Indie-Rock im Saal der Glocke, die Herrschaften aus L.A. musizierten bereits mit Größen wie Mike Watt, Alexander Hacke und Melvins-Drummer Dale Crover, ab 2006 hatten sie für einige Jahre keinen Geringeren als den begnadeten ex-Scratch-Acid/-Jesus-Lizard-Brüller David Yow als Sänger und festes Bandmitglied am Start, auch in Duo-Besetzung ließen Qui zu fortgeschrittener Stunde am Montagabend nichts anbrennen hinsichtlich beseeltem Noise, schwergewichtigem Experimental-Rock und beherzt-erratischem Punk, Drummer/Keyboarder Christensen und (Bass-)Gitarrist Cronk loteten die Möglichkeiten des Gesangs in jeglicher Schräglage von polterndem Gebrüll bis zu Falsett-artigem Pop-Gesang aus, das in der gebotenen Härte präsentierte Klangbild wanderte von Beefheart- und Zappa-Exzentrik über den Dead-Kennedys-Punk und sprödes No-Wave-Gitarren-Gehacke bis hin zu Outsider-Experimenten, wie man sie von Originalen wie den Flying Luttenbachers oder Clint Ruin/Foetus kennt, und doch lassen sich die Referenzen zu entsprechenden Underground-Größen nur erahnen, zu eigen ist die Noise-Welt von Qui, als das sie sich eins zu eins in irgendwelche Schablonen pressen ließe.
Dabei verstand es das Duo geschickt, die brachialen Attacken immer wieder mit dem uramerikanischen Schmalz des Piano-Bar-Jazz, schrägem Indie-Pop in Reminiszenz an die beiden Vögel von They Might Be Giants und bizarrem Burlesque-Getänzel aufzulockern, in Abwandlung zu einem Schiller-Spruch gilt für die Kalifornier: Ernst ist die Tondichtung, heiter die Darbietung. Qui haben an dem Abend alle Erwartungen weit übertroffen und eindrucksvoll unter Beweis gestellt, das unkonventionelles Gebaren, Laut-sprechen, Weirdness und sprunghafte Performance nicht automatisch ins Weiße Haus führen müssen und im günstigsten Fall auch maximalen Unterhaltungswert ohne peinliches Berührtsein bieten können…
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Very special thanks an Josip Pavlov.
Die Veranstaltung Maj Musical Monday findet jeden dritten Montag im Monat in der Münchner Glockenbachwerkstatt statt und wird von Musikern und Künstlern aus dem Umfeld der ortsansässigen Postrock-Band Majmoon präsentiert: „Supporting development of a solidarity event like this has made possible to host many European artists, create artistic exchange, and improve quality in logistic and technical conditions for independent music production.“ Maj Musical Monday #78 findet am 20. März statt, auftreten wird das aus dem Schlagzeuger Jörg A. Schneider und dem Gitarristen Jens Berger zusammengesetzte Jealousy Mountain Duo.