Leon Bridges

Leon Bridges + Grace @ Technikum, München, 2015-09-15

Soul-Vollbedienung am Dienstagabend im Technikum auf dem schon lange totgesagten, aber immer noch putzmunteren Münchner Kunstpark-Ost-Areal. Den stimmungsvollen Abend durfte die aus Brisbane/Australien stammende Nachwuchssängerin Grace eröffnen, anfangs mochte ihr von Keyboard, glasklarem E-Gitarren-Spiel und Sampling-Gepolter unterstützter R&B-Verschnitt, der immerhin von Beginn an von ihrer voluminösen Stimme dominiert wurde, nicht recht zünden, aber spätestens ab der Präsentation ihrer Soul-Ballade „Memo (Boyfriend Jeans)“ und der folgenden, sehr gelungenen Interpretation des Klassikers „You Don’t Own Me“ – mit dem die heuer im Februar in Manhattan verstorbene Sängerin Leslie Gore 1963 in den Staaten einen Top-Ten-Hit landete – taute das Eis und die 18-jährige Göre hatte das Publikum auf ihrer Seite.
Das offensichtlich zeitlose Hit-Potential der Uralt-Gore-Nummer selbst im Jahr 2015 verdeutlicht der Umstand, dass die von Quincey Jones produzierte Grace-Version in Australien und Neuseeland zum Nummer-1-Hit reifte.
Im getragenen, Song-orientierten Soul blieb die junge Sängerin für den Rest ihres kurzen Auftritts verhaftet, und so durfte sie beim Abgang den verdienten Applaus des Publikums im vollbesetzten Saal entgegennehmen. Was sich eingangs wie Gedulds-zerrende Warterei auf den Hauptact des Abends anfühlte, reifte letztendlich doch noch zur Bereicherung der Veranstaltung.
(*** ½ – ****)

Vom Betreten der Bühne an frenetisch Applaus gespendet wurde dann dem aus Atlanta/Georgia stammenden Soul- und Gospel-Newcomer Leon Bridges, zwecks dem sich eigentlich die Besucher des Technikums eingefunden hatten, wie mit seinem vor kurzem veröffentlichten Debüt-Album ‚Coming Home‘ (2015, Sony Music) begeisterte der junge Sänger und seine perfekt eingespielte Combo inklusive graziler Begleitsängerin Britt mit charismatischer Stimme und der Interpretation des von großen musikalischen Vorbildern wie Otis Redding und Sam Cooke geprägten Sixties-Soul und Rhythm And Blues, und auch als Tänzer zum Groove seiner treibend und druckvoll aufspielenden Mitmusikanten machte der Jungstar eine hervorragende Figur.
Neben dem Saxophon – dazu kommen wir noch – gab der Leadgitarrist, dessen Namen ich bei der Vorstellung leider nicht verstand, dem Konzert eine besondere Note, mit scharf pointierten Bluesriffs sorgte der versierte Saiten-Mann immer wieder dafür, dass der Auftritt nicht in saumseeliger, vom weichen Gospel-Gesang Leon Bridges‘ getragener Wohlfühl-Gefälligkeit versank.
Selten war Retro schöner, wie Bridges und seine Band die Zuhörer mit ihrem beseelten konzertanten Vortrag in eine andere Ära des Pop entführten, war aller Ehren wert.
Es kommt nicht von ungefähr, dass sich bei dem Sänger, der 2013 noch in einem Restaurant in Fort Worth/Texas arbeitete, ein Jahr später an die 40 Plattenfirmen um eine Vertragsunterschrift rissen. Ab und an läuft sie noch, die Tellerwäscher-/Millionär-Nummer…
Nach der in kleiner Besetzung und von Bridges selbst an der Gitarre begleiteten Schluss-Nummer, dem Gusto-Stückerl „River“, brachen beim Publikum alle Dämme, ich muss gestehen, lange ist es her, dass ich einen derart frenetischen Schlussapplaus erlebte, welchen sich die an dem Abend bestens aufgelegten Musiker selbstredend uneingeschränkt verdienten.
Mit dem auch an diesem Abend wieder exzellent aufspielenden Tenor-Saxophonisten Jeff Dazey trafen Soul-Brother Anton und ich einen bereits vertrauten Musiker, im vergangenen März bediente er damals zusammen mit Trompeter Dennis Marion ganz hervorragend das Gebläse beim JJ Grey & Mofro-Konzert an selbem Ort, und so konnten wir wie seinerzeit nach Wiedersehens-Hallo den Abend mit einem Schwätzchen mit dem guten Jeff und Meistersänger Bridges himself ausklingen lassen, nachdem letzterem am Merchandising-Stand die verzückte Damenwelt in aufgelöster Ekstase um den Hals gefallen war… In meinem nächsten Leben werde ich auch ein fescher Soul-Sänger ;-))))
(**** ½ – *****)

Leon Bridges / Homepage

Reingehört (68)

REINGEHÖRT_68

 

Joe Crookston – Georgia I’m Here (2014, Milagrito)
Bereits im letzten Jahr erschienenes, viertes Album des aus Ohio stammenden Folk-Musikers Joe Crookston, mit dem der junge Mann ein leichtfüssiges, entspannt-melancholisches Werk der amerikanischen Volksmusik vorlegt, fein instrumentiert und unaufgeregt vorgetragen, musikalisch irgendwo zwischen James Taylor, Tim Buckley und Simone Felice zu verorten, und wer mit den jüngsten Werken der Münchner Jung-Folker von der Moonband glücklich wird, dürfte hier auch auf seine Kosten kommen. Trotz des relaxten Ansatzes entfaltet das Werk eine unglaubliche Kraft und einen Sog, dem sich der geneigte Hörer schwer entziehen kann. Sind so die Nummern, die einen besonders freuen, dass man da unversehens drübergestolpert ist…
(*****)

The Hillbenders – Tommy: A Bluegrass Opry (2015, Compass)
Die Rock-Oper der Who, immer wieder gerne genommen. Nach diversem unsäglichen Soundtrack-, Musical-, und Orchestral-Gedöns sowie dem Indierock-13-Stücke-Extrakt der Smithereens (‚The Smithereens Play Tommy‘, 2009, Koch Records) nun also die Geschichte vom „deaf, dumb and blind Boy“ mit Fiddle, Banjo und Mandoline vorgetragen. Die Hillbenders, ein junges Bluegrass-Quintett aus Missouri, holten sich für die Umsetzung vorab den Segen von Pete Townshend und Roger Daltrey, Pete himself war von der Interpretation angetan und traf die Truppe im Mai 2015 nach ihrem ‚Tommy‘-Konzert in Nashville. In der instrumentalen Ausführung gibt es bei dieser 1:1-Hillbilly-Adaption des Konzeptalbum-Klassikers (1969, Polydor / Track Records) nichts zu knurren, die Gesangsparts sind für meine Begriffe an der ein oder anderen Stelle eine Spur zu pathetisch geraten und gemahnen weit mehr an Gospel als an Bluegrass, aber dieser Umstand könnte durchaus der pseudo-religiösen Thematik des ‚Tommy‘-Stoffs geschuldet sein. Als beinharter Who-Fan sage ich hierzu: mit einem Augenzwinkern läuft sie allemal gut rein, die Gaudi…
(****)

Leon Bridges – Coming Home (2015, Sony Music)
Das lange erwartete Debüt-Album des jungen Soul-Talents Leon Bridges aus Fort Worth, Texas. Tief reinbohrender Rhythm-and-Blues und selbstredend jede Menge Soul, wie in den sechziger Jahren analog eingespielt, mit satten Bläsersätzen, angenehmst eingesetztem Georgel und irgendwie total retro, was Wunder, fühlt sich Bridges doch seinen großen Vorbildern Sam Cooke, Percy Sledge und Otis Redding verpflichtet und denen kann er tatsächlich mit seiner begnadeten Gospel-Stimme in den allermeisten Stücken dieses gelungenen Debüts das Wasser reichen. Der Sound passt derzeit perfekt zu den Luftfeuchtigkeits-durchtränkten Sommernächten.
Leon Bridges ist konzertant am 15. September im Münchner Technikum zu bestaunen.
(**** ½)

Jello Biafra & New Orleans Raunch and Soul All-Stars – Walk On Jindal’s Splinters (2015, Alternative Tentacles)
Ami-Alt-Punk und Polit-Enfant-Terrible Jello Biafra macht jetzt auch einen auf Souler und liefert hier mit alten Kämpen von Mojo Nixon und Corrosion Of Conformity einen gewichtigen Live-Mix aus New Orleans Soul, R&B und Garagenrock, der des öfteren an die Sub-Pop-Ergüsse von Big Chief denken lässt.
Die Ansage verspricht “plenty of trademark Jello banter, and full-on soul/trash/frat/garage gumbo from eleven of New Orleans’ finest, just playing their asses off and having a good time doing it” und dagegen gibt es wenig zu sagen, schwere Bläser und Gitarren und Jello’s unnachahmliches Organ jagen durch handverlesene Coverversionen wie „House Of The Rising Son“, „Working In A Coalmine“, „Judy In Disguise“ oder Alex Chilton’s genialer Kaputt-Blues-Nummer „Bangkok“.
Der Albumtitel ist eine Verballhornung von Dr. John’s Song „I Walk on Gilded Splinters“ und feuert in alter Jello-Manier eine Breitseite auf den ultrakonservativen republikanischen Gouverneur von Louisiana und GWB-Freund Bobby Jindal ab.
Das exzellent abgemixte und aus jeder Pore Südstaaten-Schwere schwitzende Voodoo-Teil hast Du in Zukunft im Halfter und ziehst es für den ultimativen Gegenschlag raus, wenn Dich der DJ auf der nächsten Privat-Party zum tausendsten Mal mit diesem unsäglichen Blues-Brothers-Getröte nerven sollte… Machste nix falsch mit.
(**** ½)

Soul Kitchen

Mit dem Hamburger Blogger Stefan Haase habe ich mich in letzter Zeit des Öfteren zu diversen Gelegenheiten über Soul-Musik ausgetauscht, in dem Zusammenhang gab er eine erstklassige Empfehlung hinsichtlich eines jungen amerikanischen Soul- und Gospel-Talents ab, die ich Euch nicht vorenthalten will: Leon Bridges aus Fort Worth, Texas – seht, hört und staunt selbst:

Ich möchte bei dem Thema auch die Gelegenheit nutzen und auf das exzellente Soul-Kompendium hinweisen, das Stefan Haase seit einiger Zeit in loser Abfolge auf seinem FREIRAUM-Blog fortschreibt: SOUL YEARS – eine dringende Lese- und Hör-Empfehlung!