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Rose Tattoo @ Backstage free & easy, München, 2019-07-25

Schweißtreibender Rock’n’Roll-Spaß am Donnerstag Abend in der Sauna-Landschaft des vollbepackten Münchner Backstage-Werks: Die australische Hardrock-Legende Rose Tattoo war im Rahmen des „Free & Easy“-Festivals als prominenter Headliner zu Gast in München. Trotz tropischer Temperaturen, die weit mehr nach Biergarten, Liegewiese im öffentlichen Bad oder Isar-Chillen schrien, folgte die Schar der altgedienten Hard-und-Heavy-Gemeinde dem Aufruf zum Freispiel bereitwillig, für lau hat da sicher als schlagendes Argument pro Indoor-Veranstaltung beim ein oder anderen Besucher gezogen.
Die Epigonen-Sets zum Thema „70er-Heavy-Rock“ der Abend-eröffnenden Raygun Rebels aus Bad Aibling und ihrer geistesverwandten Schwestern vom Stockholmer Damen-Quartett Thundermother gerieten wie so vieles im Leben zur reinen Geschmackssache, die wahlweise den Zweck der Publikums-Animation erfüllte oder die umgehende Flucht aus dem Saal befeuerte, in jedem Fall unzweifelhaft den qualitativen Unterschied zu den Originalen vor Augen führte, die mit den in Würde gealterten Herrschaften von Rose Tattoo den Hauptteil der Veranstaltung bestritten.
Böse Zungen und wahre Kenner behaupten bis heute, das selbstbetitelte 1978er-Debüt der Band wäre die beste AC/DC-Scheibe, die Angus und Co. nie selbst zuwege gebracht hätten, mit dem scharfen Slide-Gitarren-Spiel von Rose-Tattoo-Gründer Peter Wells im harten Blues-Rock-Format war man damals stilistisch tatsächlich nur einen Steinwurf von frühen, allseits bekannten Gassenhauern wie „High Voltage“, „T.N.T.“ oder „The Jack“ entfernt, und mit dem Produzenten-Duo Vanda & Young wurde die Combo aus Sydney zu der Zeit vom selben Team im Studio betreut wie die berühmteren Nachbarn von AC/DC.
Vom Line-Up des ersten Rose-Tattoo-Albums ist dieser Tage nur noch Sänger Angry Anderson am Start, fast alle Begleiter der Original-Besetzung sind mittlerweile den Weg alles Irdischen in die ewigen Jagdgründe gegangen, viele Umbesetzungen und etliche Auszeiten folgten im Laufe der vergangenen Jahrzehnte, mit dem früheren AC/DC-Bassisten Mark Evans hat man seit 2017 immerhin einen weiteren prominenten Vertreter des australischen Hard/Blues-Rock in der aktuellen Formation an Bord, so schließt sich der Kreis.
Rose Tattoo kennen offensichtlich ihre Stärken genau, und so drängte sich förmlich auf, dass sich in der Setlist des überhitzten Auftritts fast alle Kracher des ersten Longplayers finden, der Hit „Rock ’n‘ Roll Is King“ und der Titel-Track „Assault & Battery“ vom Folgewerk, dagegen kaum Nummern von späteren Veröffentlichungen – der Stoff, den die in die Jahre gekommenen Fans und Metal-Kuttenträger auch heute noch hören wollen.
Zum gedehnt-schneidenden Slide-Riff der grandiosen Slow-Blues-Moritat „The Butcher And Fast Eddie“ über das tödliche Duell zweier Gang-Leader weicht der singende und laufende Meter Anderson kurzerhand vom Text ab und erzählt die Geschichte in einer anderen Interpretation, der Stimmung tut dies zu der Gelegenheit keinen Abbruch – das Röhren und Knurren des Sängers mit der Reibeisen-Stimme, der mittlerweile auch seine 71 Lenze auf dem Buckel mitschleppt, krakeelt scharf und giftig wie in den Zeiten der aufbegehrenden Jugend, wenn auch dem Alter geschuldet ein abgeklärt über den Dingen stehender Angry alles andere als zornig auf den Bühnenbrettern flaniert, der permanent unter Strom stehende Rocker aus jungen Jahren îst Geschichte. Wer will es ihm verdenken, der Mann hat unter anderem schwierige Familien-Verhältnisse, Missbrauch und Elektro-Schocks in der Jugend wie einen „Mad Max“-Filmset mit Tina Turner und Mel Gibson überlebt, da darf man im Renten-Alter wohlverdient einen Gang zurückschalten. Der Sound der Band kommt unvermindert schneidig und feurig brennend, allem voran durch das exzellente Slide-Spiel von Gitarrist Dai Pritchard, im erdigen Crossover aus hartem Blues-Rock und energischem Rock’n’Roll-Drive, der wie einst nach Bier, Zigaretten, genagelten Motorrad-Stiefeln, Garagen-Schmutz, speckigen Lederjacken und damit nach glaubwürdiger Straßentauglichkeit klingt. Der zeitlose Klang der wütenden jungen Männer mit der Faust in der Tasche und den Testosteron-Wallungen, aus einer lange vergangenen Zeit, in der nur gestandene Rocker neben Seefahrern und Knast-Kameraden, ganz sicher aber nicht die Pendants zu dieser Hipster-Bagage heutiger Tage von oben bis unten mit Tinten-Kunst zugestochen waren, aus einer längst vergangenen Ära des Rock’n’Roll, in der die prominenteren australischen Kollegen noch im Erwachsenen-Alter mit Schuluniform und Ranzen herumkasperten oder – wie im speziellen Fall des guten alten Bon Scott – tragischerweise mit dem Alkohol nicht umzugehen wussten.
Wer hier abfällig das Ewig-Gestrige und die fehlende stilistische Weiterentwicklung im Blues-orientierten Hardrock anprangert, mag zum vergangenen Donnerstag im Backstage beim Vorprogramm sicher nicht falsch liegen. Dass sich auch am Sound von Rose Tattoo in den vergangenen vierzig Jahren nicht eine einzige Nuance geändert hat, ist hingegen eine willkommene Konstante, sie wird von den Fans genau so erwartet, und sie garantiert nach wie vor prächtiges Live-Entertainment. Das Böse-Buben-Image der Band kommt mittlerweile mit einem sympathischen Augenzwinkern, aber wenn’s hart auf hart kommt, gilt auch für die angebrochene fünfte Dekade von Angry & Co im Geiste von Sprung-Messern, Schlagringen und Tattoo-Shops in the suburbs north of the river: „Nice Boys Don’t Play Rock’n’Roll“

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Napalm Death, Misery Index, Full Of Hell, The Body @ Backstage, München, 2019-07-10

Die UK-Grindcore-Pioniere von Napalm Death am vergangenen Mittwochabend zu Gast in der Backstage-Halle, wie nicht selten zu diesen Veranstaltungen zur Aufführung der ultraharten Rockmusik an selbem Ort im Verbund mit mehreren Support-Bands. Extreme-Metal-Mini-Festival, quasi, mitten unter der Woche.

Wer beim Bandnamen The Body an das australische Supermodel Elle Macpherson dachte, konnte nicht falscher liegen zum Auftritt des amerikanischen Experimental-Metal-Duos aus Providence/Rhode Island, der voluminöse, durch die verzerrenden Gerätschaften gejagte, permanent zum Atonalen drängende Klangkörper der Formation oder der wuchtige Bauchumfang von Gitarrist/Brüller Chip King lagen da weit näher bei der Assoziation zur Etikettierung der Combo als weiblicher Liebreiz. The Body sind beim renommierten US-Indie-Label Thrill Jockey Records unter Vertrag und derzeit unter anderem mit Firmen-Kollege Marc Richter vom Hamburger Dark-Ambient-Ein-Mann-Projekt Black To Comm im alten Europa unterwegs, in München reihten sich King und sein trommelnder Kompagnon Lee Buford in anderer Konstellation in den Konzertbetrieb ein und eröffneten mit einem kurzen Set zu früher Stunde die lärmende Vollversammlung des Abends. Spoken-Word-Samplings und Ethno-Sounds aus der Konserve ergänzten das dissonante Dröhnen von Gitarrist Chip King, der in kurzen Nummern monoton mit gedehntem Gitarrenriff-Drone den experimentellen Doom-Noise für das Publikum körperlich spürbar durch die Anlage presste, im Ansatz den meditativen Lärm-Trance-Erschütterungen der Kollegen von Sunn O))) nicht unähnlich. Das „Singen“ beschränkte sich beim Gitarristen auf kurzes, abgehacktes, Slogan-artiges Plärren, inhaltlich nicht zu differenzieren und von Drummer Buford mit freier Rhythmik halbwegs in vertraute Strukturen geformt. Der von jeglichen Konventionen losgelöste Sludge/Doom/Drone-Ansatz im Spannungsfeld von DIY-Ethos und experimentellem Ausloten der Grenzen zwischen Song und formlosem Flow war ein kurzes, heftiges Fest für alle Freunde der Genre-übergreifenden Lärm-Avantgarde.

Noch weitaus mehr kompromissloser präsentierten sich die US-Ostküsten-Formation Full Of Hell im Ausleben ihrer Powerviolence-, Grindcore- und Death-Metal-Tobsucht. Atonaler Terror, der Veitstanz an der Grenze zum Irrsinn von Bandleader Dylan Walker als frontale und schonungslose Hardcore-Performance und ein Vokal-Vortrag, der weit mehr mit permanentem Brechreiz als mit verständlicher Artikulation gemein hatte – Mittel und Ausdrucksform zum Herausspeien der mentalen Befindlichkeiten, als große Radikal-Kunst und entsprechende Extrem-Reaktion auf den „Collapse of the Western Society“, wie Walker gegen Ende des intensivst vorgetragenen, brachial überwältigenden Sets anmerkt. Manchmal ist Krach einfach nur Krach und entfesseltes Gebrüll die einzige Alternative zum Talent-freien Vortrag, bei Full Of Hell jedoch weit mehr ein heftiges Entladen der aufgestauten Wut, der zornige Ingrimm in aberwitziger Raserei und Statement zum Zustand der Welt im ureigenen Sendungsbewusstsein.

Den dritte Streich der lautstarken Attacken des Abends vor dem Hauptact wuchteten Misery Index aus Baltimore auf die Bühnenbretter. Das Crossover der Band aus Death Metal und Grindcore bestach weit mehr durch sportliche Spitzenleistungen am Gitarren- und Bass-Griffbrett und große Metaller-Posen denn durch kompositorische Varianz, das Terrorizer-Cover fügte sich nahtlos und nicht zu unterscheiden ins eigene Gewerk aus Highspeed-Heavy-Gepolter und kehligem Gegröle, in dem sich Frontmann/Basser Jason Netherton kritisch mit den Verwerfungen der modernen Gesellschaft auseinandersetzt – Death-Brüller-Breitseite mit Message, so man sie denn verstehen würde. Das Neil-Young-Prinzip in die wundersame Welt des Metal transformiert: „It’s all one song“. Die Austauschbarkeit der Nummern war der zahlreich anwesenden Gefolgschaft einerlei, der in der zeitlichen Länge über Gebühr strapazierte Gig sowieso, und damit war das Feld bestellt für fröhliches Schubsen im ersten Mosh Pit des Abends.

„Art reflects life. Extreme times demand extreme responses. Silence sucks. Noise is always the answer“. Ein Statement, das Frontmann Barney Greenway und seine Mitstreiter der englischen Extreme-Metal-Institution Napalm Death ohne Abstriche unterschreiben und vor allem leben, heute wie in den vergangenen drei Dekaden, in denen die Band zahlreiche personelle Umbesetzungen und stilistische Wandel vom frühen Anarcho- und Crust-Punk hin zum ultra-schnellen Grindcore und beinharten Death Metal durchlief. Der Sound mochte sich ändern, linkes Bewusstsein und Aufbegehren gegen das Establishment blieb Inhalt. Am Mittwochabend ließ die Combo ihre Historie in einer repräsentativen Auswahl vom „Scum“-Debüt aus dem Jahr 1987 bis hin zu aktuelleren Nummern Revue passieren, in kurzen, vehementen Hauern, im Extrem in den berühmten, wenige Sekunden dauernden, Guinness-Buch-gewürdigten Song-Konzentraten, die in der schroffen und ruppigen Live-Präsentation weit mehr Anlehnungen an den amerikanischen Hardcore-Punk als an die gängigen Metal-Klischees offenbarten. Napalm Death sind 2019 unvermindert kompromisslos und radikal in schwer lärmenden, sich überschlagenden und kollabierenden Dissonanzen, im High-Speed-Tempo von Gitarre und Drums und den polternden, extrem dröhnenden Bassläufen. Frontmann Barney Greenway gibt sich unzweideutig und höchst unterhaltsam in seinen sozialkritischen und politischen Ansagen, im brachialen Grollen zum instrumentalen Überdrehen seiner Begleiter, wie im linkischen Monty-Python-Getänzel über die Bühne, mit dem sich der belesene Fürsprecher aller Free Thinker und Non-Believer als schwer sympathischer, Genre-untypischer Vorturner einer der extremsten und altgedientesten Death- und Grind-Metal-Combos präsentiert. Moshen, Crowdsurfing und Slammen mit hohem Spaß-Faktor und politisch klarer Kante gegen Rechts, da durfte selbstredend die bekannte Coverversion „Nazi Punks Fuck Off“ aus der Feder von Dead-Kennedys-Lautsprecher Jello Biafra in der einstündigen Werkschau nicht fehlen. Themen wie Globalisierung, Neoliberalismus und die gesellschafts/weltpolitischen Verwerfungen unserer Tage prangert kaum jemand radikaler, kompromissloser und lautstärker an als die vier Briten von Napalm Death, und in der Form ist das ohne Zweifel eindringlicher und nachhallender als alles Protest-Folk-Gejammer jeglicher dahergelaufener Schrammelgitarren-Klampfer.

Raut-Oak Fest 2019 @ Riegsee, 2019-06-30

Letzte Runde in freier Wildbahn am Riegsee zum 3. Raut-Oak-Festivaltag: Der Sonntag des „Underground Music Fest“ im Murnauer Hinterland eröffnete traditionell mit deftigem bayerischem Frühstück, zu dem die Weißwürscht viel zu schnell ausverkauft waren, für die Hunger-Darbenden mochte vermutlich auch die lokale Blues-Combo Williams Wetsox im Folgenden wenig Trost spenden. Das Kulturforum klinkte sich nach heimischer Erholungspause zum Auftritt der Maness Brothers wieder ein ins bunte Treiben, die beiden Brüdern David und Jake genießen mit ihrem „Heavy Blues Rock from St. Louis/Missouri“ einen exzellenter Ruf bei Fans und befreundeten Musiker-Kollegen wie den bereits am Vortag in höchsten Tönen lobenden Left Lane Cruiser. Wie die Combo von Joe Evans IV treten die Maness-Brüder im klassischen Duo-Outfit mit Drums und Gitarre an, der Sound der Band ist schwer vom Blues-Rock der guten alten Southern-Schule infiziert und besticht mit zentnerschwerem Swamp-Doom und drängendem Rock’n’Roll-Drive. Die intensiv einwirkenden Prediger entfesselten mit ihrem manisch treibenden, psychedelisch funkelnden Deep-Blues-Monolithen einen ureigenen Southern-Gothic-Sog und zeigten gegen Ende im zurückgenommenen Tempo, dass auch bekannte Balladen-Nummern von Siebziger-Jahre-Größen wie den Allmans oder Lynyrd Skynyrd bei ihrer musikalischen Prägung eine Rolle gespielt haben. Engagierter Auftritt vom Hardblues-Nachwuchs unter verschärften Hitze-Bedingungen, der sich in der Form im ROF-Line-Up förmlich aufdrängt.

Wesentlich entspannter ging es Margaret Garrett vom Garagen-Duo Mr. Airplane Man in ihrer „SoLow“-Show an. Ohne Drummerin Tara schrammelte die Musikerin aus Boston auf der Halbakustischen entschleunigte Desert-Blues-Meditationen zwischen Improvisation, Ambient und Drone, in hypnotischer Endlos-Schleife mit diffus-gespenstischem, dräuendem Unterton. Dem LoFi-Stil ihres Gitarrensounds mit Hang zum monotonen Leiern blieb Margaret Garrett auch im Gesang treu, ein entrücktes, völlig unaufgeregtes Vortragen, das kaum Variationen zwischen den einzelnen Nummern erkennen ließ. Zum Runterfahren der Betriebsamkeit in der sonntäglichen Sommerhitze taugte der Tranquilizer-Akustik-Flow perfekt, und wenn dann wie angekündigt im kommenden Jahr die Trommlerin mit an Bord ist, nimmt der Airplane Man auch wieder mehr Schwung zur Unterhaltung des Konzertvolks auf.

Das Festival blieb mit dem Auftritt von Pelo Mono im gedehnten und tiefenentspannten Modus, wie am ROF-Sonntag im Jahr zuvor beglückten die beiden Vermummten aus Andalusien die Zuhörer mit instrumentalem Midtempo-Crossover aus fieberndem Desert-Blues, lässigem Surf-Swing und experimentellem Drone-Ausbruch aus der Geräte-Manipulation. Guadalupe-Plata-Gitarrist Pedro de Dios ließ in der grünen Bankräuber-Maskierung bei seinem ersten Auftritt des Festival-Tages in bewährter Manier die Gitarre hallen, gespenstisch flimmernd und psychedelisch im Trance-Flow, zwischen schrägen Country-Holzhütten, Freak-Shows und Horror-Kinos im „Transylvania Country“ umher lichternd und improvisierend, von Gorilla Antonio Pelomono an den Drums stoisch-monoton zum nimmermüden Wandern zwischen den fremden und seltsamen Welten angetrieben. Hypnose und Halluzination gehen auch spannend, das haben Pelo Mono mit ihrem ROF-2019-Gig unter der sengenden Sonne der Sierra Riegsee erneut bewiesen.

Vorfreude pur in den vorangegangenen Tagen und Wochen zum Konzert des aktuell in London ansässigen US-Trios Lonesome Shack: Der schwedische One-Man-Band-Kracher Bror Gunnar Jannson ehrt die Band mittlerweile mit einem gleichnamigen Song, und das völlig zu recht, in den vergangenen Jahren gab es reichlich Anlass zum Lobpreisen der Formation um Sänger und Gitarist Ben Todd – ein exzellenter Solo-Auftritt im Geiste des Country- und Delta-Blues beim Raut Oak 2017, ein überwältigender Trance-Blues-Flow in voller Band-Besetzung im Vorjahr, vor wenigen Monaten die Veröffentlichung des neuen, grandiosen Albums „Desert Dreams“ beim Alive-Naturalsound-Label. Das Material des aktuellen Tonträgers sollte auch den Großteil des Sets vom Sonntag liefern, Meister-Gitarrist Ben Todd als klagender Erzähler und seine hervorragend eingespielte Rhythmus-Sektion Luke Bergman und Kristian Garrard begaben sich auf Wanderschaft durch die kargen amerikanischen wie afrikanischen Wüsten-Landschaften, mit ihrem unverwechselbaren, hypnotisch-mystischen Desert-Flow-Crossover aus uraltem US-Post-War-Blues, der ureigenen Schöpfung des „Haunted Boogie“ und den artverwandten Spielarten der nordafrikanischen Tuareg-Musiker. Die Band nahm wie erwartet neben handwerklichem Können und inspiriertem wie hochkonzentriertem Vortrag einmal mehr mit ihrem bescheidenen und freundlichen Wesen ein, ein angenehmer und willkommener Kontrast zum Blues-Rabauken der musizierenden Kollegen-Schar. Lonesome Shack live: Das Rundum-Glücklich-Paket für den entspannten Sonntag-Nachmittag auf der Raut-Oak-Wiese, für eine Stunde ohne die alltäglichen Sorgen im Kreuz, von der Band mittels Blues-Trance in andere Sphären entführt, so war die Vorstellung zum Konzert der drei sympathischen Musikanten aus Seattle, und so sollte es auch kommen. „I wish we could take this moment and freeze it, to come back again and again and again“ haben David Thomas und seine Experimental-Punk-Institution Pere Ubu in einem ihrer Songs in den Achtzigern zum Besten gegeben – in diesem Sinne…

Wo Pelo Mono am Start sind, sind Guadalupe Plata nicht weit, und so durfte Gitarrist Pedro de Dios knapp zwei Stunden nach seinem ersten Gig am Sonntag mit seiner Stammformation gleich nochmal in den Ring – und in dem Fall auch sein nölendes, sich tief in die Gehörgänge und Nervenstränge bohrendes Wolfs-Heulen und Klage-Lamentieren anstimmen. Große Abweichungen zum Vorjahres-Gig gibt es nicht zu vermelden, das wäre bei den beinharten Fans der Band vermutlich auch nicht auf viel Gegenliebe gestoßen. Das Trio spielte sich in den erwarteten Trance-Rausch, in den umwägbaren Tiefen ihres rohen, halluzinierend nachhallenden Delta-Blues-Flows, mit exzessivem Bottleneck-Slide, stoischem Rhythmus-Swing der Trommeln und den selbst zusammengezimmerten Bass-Gerätschaften. Andalusia goes Swampland, mitten in Oberbayern.

The Son of a Preacherman formerly known as John Wesley Myers, der mittlerweile kultisch verehrte James Leg, nicht mehr wegzudenkender Lifetime-Attendee beim Raut Oak, bereits zum fünften Mal zum Festival geladen: Erstmals am helllichten Tag mit seinem schweren Orgel-Dröhnen auf der Bühne, konnte das funktionieren mit diesem finster röhrenden Dark-Blues, mit einem Sound, der förmlich nach dunklen Kaschemmen und verrauchten Club-Kellern schreit? Es konnte, selbstredend. Der Mann ist mit seinem regelmäßigen Ausbruch an schierer Energie und seiner überbordenden Spielfreude als geborener Live-Entertainer längst über jeden Zweifel erhaben und könnte vermutlich selbst noch das scheintoteste Priester-Seminar zum Abrocken bringen. An dieser Stelle wie den altgedienten Raut-Oak-Besuchern im Besonderen noch Neues über die Qualitäten des Lonely Wolf aus Rock City/Tennessee zu erzählen macht ungefähr so viel Sinn wie eine Schlachtplatte für Vegetarier. Wie zu allen Gelegenheiten zuvor brachte der grollende Tasten-Berseker am Fender Rhodes zusammen mit dem energisch anschlagenden Drummer Marlon Saquet die Hügellandschaft unter der Eiche von der ersten Sekunde an zum Beben und entfesselte trotz weiterhin bester Wetterprognosen doch noch den obligatorischen Raut-Oak-Orkan im Murnauer Land, zu dem bei dieser schweißtreibenden Angelegenheit dann letztendlich doch wieder fast alle nass waren. Alte Gassenhauer im vehementen Heavy-Punk-Blues, ein paar entspanntere, bekannte Boogie-Grooves zur Kühlung der Gemüter und eine Handvoll neue Nummern in einer guten Stunde intensiver Vollbedienung inklusive obligatorischer „A Forest“-Zugabe unterstrichen einmal mehr, dass der ehemalige Kirchenmusiker in Sachen schier berstender, explodierender Energie, sich verausgabender Bühnenpräsenz und singulärer Weiterentwicklung des Blues nach wie vor zu den großartigsten Live-Acts dieses Planeten zu zählen ist.

Großes Entertainment fernab jeglicher bierernster Blues-Schwere zum Finale mit Reverend Peyton’s Big Damn Band aus Bean Blossom/Indiana – „You are the survivors“ rief ROF-Moderator Jay Linhardt dem verbleibenden Rest des Auditoriums zu. Viele, vor allem von Weitem angereiste Besucher waren bereits auf dem Heimweg, die bis zum Schluss Ausharrenden sollten noch einmal reichhaltig belohnt werden mit einer fulminanten Präsentation, zu der Slide-Gitarrist Josh „The Reverend“ Peyton, seine Waschbrett-spielende und -anzündende Frau Breezy aka „The Miss Elizabeth of Country Blues“ und Drummer Max Senteney alle Register ihrer Straßen-erprobten, durch permanentes Touren bewährten Bühnenshow zogen. Der „High Energy Country Blues“ des Trios verfing wie zu früheren Gelegenheiten sofort beim euphorisch mitgehenden Publikum, Interaktions-Nummern wurden bereitwillig durch Mitsingen und Klatschen begleitet, das ausgelassene Treiben rettete einstweilen über den Umstand des nahen Festival-Endes hinweg. Mit den drei Performern standen gestandene Profis auf der Bühne, die jede Party zu schmeißen wissen, neben humorigen Ansagen und feixenden Grimassen glänzte die Band vor allem durch exzellentes Bespielen der Instrumente, allen voran selbstredend der Reverend selbst mit seiner herausragenden Gitarren-Kunst, in technischer Brillanz, die nie zu seelenloser Protzerei verkam, im Slide-Flow wie als versierter Picker. Die altvorderen, legendären Delta- und Country-Blues-Männer versteht Peyton kenntnisreich zu zitieren, der Mann ist nicht nur Gaudi-Bursch, er ist darüber hinaus ein versierter Feldforscher zu alten Blues-Mythen und Bewahrer der Erinnerung an die von der Geschichte sträflich vergessenen Musiker. Der Spaß-Faktor war auch im Zugaben-Block groß geschrieben, und so ging ein rundum gelungenes Raut-Oak Fest 2019 fröhlich beschwingt am Sonntag-Abend in die Annalen ein, wenn auch so manchem aufgrund der viel zu schnell vergangenen drei Tage etwas wehmütig und schwer ums Herz wurde, aber das gehört selbstredend zwingend zum Deep Blues wie das Amen in der Kirche.

Thanks For The Water, Thanks For The Wine
Thanks For Showing Me A Real Good Time
(The Beasts Of Bourbon, Thanks)

Alright, ROF-2019-Schlussakkord, Thänx & Praises galore: Ein großes Dankeschön an den famosen Festival-Veranstalter Christian Steidlthe one and only – und all seinen freiwilligen Helfern hinterm Tresen, an der Technik, beim Auf- und Abbau, sonstwo: für exzellente und reibungslose Organisation, ein herausragendes, stimmiges, mit Verstand und Herzblut für die Sache zusammengestelltes Konzert-Programm, und nicht zuletzt für jahrelanges Durchhaltevermögen – erstmals ausverkauft, so muss es sein beim schönsten Open Air der Welt.
Dickes Lob an Götz Schulte-Coerne für perfekten Sound und Jay Linhardt für charmantes Anmoderieren und vermutlich vieles mehr im Hintergrund der Organisation.
Gepriesen sei der Wettergott: endlich ein Regen- und Sturm-freies Raut Oak, was gibt es Schöneres? Gelobt seien selbstredend alle Musikerinnen und Musiker, die unter verschärften Hitze-Bedingungen nicht weniger als alles gaben.
Tausend Dank an alle Freunde und Bekannten aus Nah und Fern, die vor Ort waren und sich anständig aufgeführt haben, aufmerksam den Konzerten beiwohnten und angeregt diskutierten, im Besonderen Annette, Xaver, Anton und Klaus für Begleitung, Lift, Nachtasyl für den Junior & last not least the legendary Tiki-Bar out of the Almost Boheme Mobile. Very special thanks an Kai K. für das herzerhebende Sechzig-Amateure-Shirt, you are the man!
Ob’s nochmal eine Steigerung gab zu den Vorjahren? Wer weiß, schlechter war’s ganz sicher nicht, dafür stand allein schon ein international besetztes, exzellentes Line-Up, das keine Wünsche offen ließ. Und über die paar Kasperlköpfe, die das gute Benehmen zwischenzeitlich scheint’s im Riegsee versenkten, breiten wir den Mantel des Schweigens – dafür ist die Vorfreude auf #ROF2020 bereits schon wieder viel zu groß, als dass da noch Platz fürs Nach-Tarocken wäre.
That’s it, Folks, for now – Trinkt mäßig, aber regelmäßig, und bleibt gesund, auf dass sich wieder alle versammeln, nächstes Jahr im Sommer, auf der Wiese unter der Eiche vor dem Gebirge…