Lost Name

Reingehört (274): Lost Name

LOST NAME @ Theater Heppel & Ettlich München 2015-05-25 (4)

„Das Aufnehmen ist dringend. Egal ob der Stuhl knarzt, ob das Kabel brummt oder der kleine Bruder mit einem Fußball immer wieder gegen die angrenzende Wand schießt: was sind schon Störgeräusche, wenn man eine Idee hat? Und was kümmert einen der Name, wenn nach einer schier endlosen ersten Aufnahme-Session das Computerprogramm fragt, wie die zu sichernde Datei genannt werden soll? Und somit klickt er diese profane Frage einfach weg.“

Lost Name – Silent Friend (2017, Analogsoul / Broken Silence)

„Silent Friend“: Die Platte, auf die KonzertbesucherInnen der viel zu seltenen Auftritte von Andi Langhammers Ein-Mann-Projekt Lost Name händeringend seit einer gefühlten Ewigkeit warten, im kommenden März findet das Darben nun sein Ende. Was lange währt, wird endlich gut.
Seit Jahren arbeitete Langhammer an den elf Aufnahmen, verwarf, revidierte, ergänzte, spielte neu ein, nahm Klangschichten weg und fügte neue hinzu.
Mit dem „Libertine Song“ zur Eröffnung des Tonträgers und dem abschließenden „Skjolden“ setzt Lost Name mit zwei berückenden Arbeiten von erhabener Schönheit den Rahmen für seine Songsammlung, die beiden Neo-Folk-Wunderwerke sorgten bereits wiederholte Male für begeistertes, beseeltes Aufhorchen im konzertanten Vortrag mit ihrer über die Maßen gelungenen Mixtur aus ergreifendem Gesang, dezenter Loop-/Ambient-Elektronik, einem ureigenen Verständnis für bestechenden Songwriter-Tiefgang und dieser klassisch geschulten Meisterschaft an der Akustik-Gitarre, mit der Langhammer immer wieder mehr als nur zu überzeugen weiß.
In edelsten Klangfarben präsentiert Lost Name eine gewichtige Palette seiner Songs, geformt in melancholischem Kammerpop, beschwingtem Indie-/Anti-Folk und nachdenklichen Balladen von internationaler Klasse erzählt er mit Herzblut seine Geschichten vom Welt- und Beziehungsschmerz, seine Reflexionen über die Freundschaft und die Klein-Katastrophen aus dem alltäglichen Wahnsinn. Die oft zitierte Bright-Eyes-Referenz greift viel zu kurz, Lost Name schwelgt weit darüber hinaus in tondichtender Opulenz, ohne je ins Überladene abzukippen, jede Klangfarbe findet ihren berechtigten Platz, jeder Loop und jede gesampelte Gesangsschicht sitzt perfekt, die Songwriterkunst des gepflegten Folk-Vortrags wird dezent veredelt mit sensiblen Beigaben aus der Neoklassik- und Electronica-Welt und gibt so dem experimentellen Ansatz Raum, ohne diese Nummer zu überdehnen, das kurze Intermezzo „T.E. II K.“ wartet gar mit schwerem Cello-Drone auf, um im Anschluss in die Vehemenz von „Ghostland“ hinüberzudriften, in dem sich die unterschwellig gefühlte Bedrohung im weiteren Verlauf des Songs endgültig Bahn bricht.
Lost Name: der funkelnde Songwriter-Diamant in einer an Könnern derzeit nicht eben armen Münchner Musik-Szene, primus inter pares quasi, unter den Talenten der Stadt eines der gesegnetsten. „Silent Friend“: the great leap forward.
Das wunderbar die Schönheit der Musik ergänzende Artwork der Plattenhülle stammt von der Münchner Künstlerin Amelie Lihl, die bereits Videoarbeiten für Peter Licht gestaltete, der Vinylausgabe von „Silent Friend“ hat sie als Dreingabe ein schön gestaltetes Plakat beigelegt, noch ein Grund mehr, demnächst den Schallplatten-Dealer Ihres Vertrauens mit einem Besuch plus einhergehender Transaktionsabsicht zu beehren.
Der März wird ein guter Monat, dann gibt es dank Analogsoul mit den elf erlesenen Songperlen von „Silent Friend“ Lost Name für alle.
Im „Libertin Song“ lässt sich der Ausnahmemusiker in einer Meditation über das Loslassen zu der Textzeile „I sell my guitar and buy a new car“ hinreißen, eine Unbedachtheit, bei der in dem Fall Gott vor sein möge…
(***** – ***** ½)

Lost Name spielt zusammen mit Karo live am 26. März 2017 in der ART Stalker Kunst-Bar, Berlin, Kaiser-Friedrich-Straße 67, Beginn 19.30 Uhr.

Lost Name – Silent Friend – Pre-listening @ Soundcloud

Karo & Lost Name @ Glockenbachwerkstatt, München, 2016-12-22

„Hat heute keinen Eintritt gekostet, da könnt Ihr natürlich auch nix erwarten“ meinte die Würzburger Musikerin Karo zum Einstieg des kleinen, feinen Glockenbachwerkstatt-Café-Konzerts am vergangenen Donnerstag-Abend, dabei war die Vorfreude groß und sollte auch nicht enttäuscht werden, hatte die vom Zündfunk bezeichnete „Leslie Feist von Unterfranken“ doch den „Bright Eyes von Unterfranken“ an ihrer Seite, den begnadeten, mittlerweile in München ansässigen Folk-Musiker Andreas Langhammer aka Lost Name, der bereits in der Vergangenheit wiederholte Male schwer zu begeistern wusste. Das Duo spielte sich gekonnt die Bälle zu, im fliegenden Wechsel wurden jeweils ein bis zwei Stücke zu Gehör getragen, ehe im Fortgang wieder an den Bühnen-Partner übergeben wurde.
Karo begeisterte mit Eigenkompositionen, die sie in entschleunigter LoFi-Folk-Manier zum E-Gitarren-Anschlag und dunklen Drone-Loops vortrug, die Feist-Anspielung ist nicht gänzlich von der Hand zu weisen, der Vergleich mit den Arbeiten von Cat Power tut auch nicht hinken, und doch ist das im Fall von Karo nur die halbe Miete, ihr musikalischer Ansatz geht weit über den der genannten Damen in Richtung dezenter Postrock hinaus. Die bereits im Original nahezu hypnotische, atmosphärisch dichte Chris-Isaak-Ballade „Wicked Game“ driftete in der Karo-Bearbeitung noch weiter hin zu geisterhafter, finster funkelnder Mystik, und selbst das als düstere Postrock-Oper vorgetragene, im Grunde unerträgliche „Last Christmas“ mochte ungeahnten Charme entfalten, selbst wenn man schwer zu kämpfen hatte, um bei den Lyrics die Bilder dieses des unsäglichen Schleimbatzens George Michael erfolgreich zu verdrängen (Anm.: Konzertbesprechung vor Bekanntwerden seines Ablebens verfasst, möge er ihn Frieden ruhen. Seine Musik bleibt trotzdem grausam) .
Andi Langhammer wusste einmal mehr nachhaltig zu beeindrucken mit seiner ureigenen Mixtur aus emotionalem, entrücktem Gesang, gesampelten Vokal- und Rhythmusgitarren-Loops, erstklassigem Folk-Songwriting und seinem filigranen, klassisch geschulten Akustikgitarrenspiel, dass er im Sinne pointierter Dramatik mit beherzt-kräftigen Saitenanschlag bereicherte. Sein Gänsehaut-erzeugender Vortrag speiste sich zu großen Teilen aus dem brandaktuell erschienenen neuen Lost-Name-Album „Silent Friend“ (Kick The Flame / Analogsoul / Broken Silence), näheres zum Tonträger demnächst. In München sieht es in Sachen „Weltkulturerbe“ bisher recht mau aus, die Tondicht-Kunst von Andreas Langhammer, die würde sich für diese Nummer schwer aufdrängen. Vielleicht kommt er ja mal zum Konzert und reicht dann umgehend einen Antrag ein, unser geschätzter Herr Oberbürgermeister.
Konzertjahr 2016, das war’s. Schöner, würdevoller, erhabener, andächtiger konnte es nicht ausklingen als mit Karo und Lost Name.
(*****)