Low

Low + Daniel Blumberg @ Ampere, München, 2018-06-25

Intensives Indie-Doppelpack mit zwei Emotional-Weltmeistern zum Wochen-Start im gut gefüllten Münchner Ampere, einmal solo, einmal in klassischer Trio-Besetzung: Bevor Alan Sparhawk und die Seinen die Bühne des Muffathallen-Clubs bespielten, bot der Londoner Kunst-Zeichner, Songwriter und ex-Yuck-Musiker Daniel Blumberg ein komplexes halbstündiges Eröffnungsprogramm und erntete damit alles andere als ungeteilte Zustimmung für seine Tondichtungen, die sich konzeptionell phasenweise wie Dylan-does-Metal-Machine-Music gerierten. Der junge Engländer startete relativ konventionell mit wunderschöner Singstimme, die sich irgendwo im ausgeprägten Tenor zwischen Musikanten-Kollegen wie Neil Young, Doug Martsch oder Sid Hillman (kennt den noch wer?) verorten lässt, und die in leidender Verfassung im tonalen Seelen-Strip die innere Zerrissenheit und Seelenpein des von diversen Dämonen heimgesuchten Künstlers nach außen zu kehren trachtete, begleitet von Folk-konformem Bluesharp-Gebläse und gefälligem Saiten-Anschlag in Moll, den Blumberg als tragfähiges Grundgerüst loopte für seine sporadisch eingeworfenen, extravaganten, keinen Noten oder gängigen Riffs/Akkorden mehr folgenden Gitarren-Experimente – erratische Fingerübungen, die das klassische Indie-Folk-Gerüst mittels No Wave und avantgardistischer Freiform-Improvisation zerhackten und bereits das Eröffnungsstück „Madder“ zu einer Vortragsdauer von über zwanzig Minuten dehnten. Die beiden weiteren Stücke – eines davon das sich in immer gleichen und endlos erscheinenden Vokal-Schleifen ergehende „Minus“, dem Titelsong seines jüngst bei Mute Records erschienenen Debüt-Albums unter eigenem Namen – kamen in deutlich gängigerem Song-Format auf den Punkt – oder für den ein oder anderen Zuhörer eben auch nicht, das gefangen nehmende, emotional anrührende Vortragen des britischen Musikers hatte für so manchen zu wenig an sich entwickelnden Geschichten und kompositorischem Fortgang zu bieten, ließ man sich jedoch ein auf das Trance-artige Gebetsmühlen-Lamentieren, gab es nicht zu knapp an bereichernden Entdeckungen in diesem angeschrägten Spannungsfeld zwischen karger, einnehmender, entschleunigter Folk-Melodik, individuellem LoFi/DIY-Ethos und nervöser Outsider-Weirdness.
Der Großteil der Zuhörerschaft wusste das experimentelle Anti-Folk-Klagen durchaus zu schätzen und so gab’s den langanhaltenden, verdienten Applaus, in dem bei so manchem durchaus der Wunsch nach Zugabe mitschwang.

Alan Sparhawk hat uns beim letztjährigen Raut-Oak-Fest mit seinem Seitenprojekt The Black-Eyed Snakes ordentlich Feuer unter dem Allerwertesten mit intensivstem Blues-/Trash-/Garagen-Rock gegeben, für dieses Jahr stand die kurze Konzertreise im alten Europa mit Gattin/Drummerin Mimi Parker, Basser Steve Garrington und somit seiner Stammformation Low auf dem Programm, dankenswerter Weise verschlug es das Trio aus der Dylan-Heimat Duluth/Minnesota nach arbeitsfreiem Sonntag – das Paar Sparhawk/Parker praktiziert bekanntlich den Mormonen-Glauben des Latter Day Saint Movements – in das bereits für die Band bestens vertraute Münchner Ampere nebst nur zwei weiteren bundesrepublikanischen Terminen in Duisburg und Dresden (am 8. und 9. Oktober dann nochmal zwei weitere Konzerte in Leipzig bzw. Berlin, bei der Gelegenheit den Ortsansässigen schwerst ans Herz gelegt).
Sparhawk und Co. hatten das Material des im September erscheinenden neuen Low-Tonträgers „Double Negative“ im Gepäck, die bereits vorab über diverse Streaming-Dienste bereitgestellten drei Titel „Quorum“, „Fly“ und „Dance And Fire“ waren neben einer Handvoll weiterer noch unveröffentlichter Arbeiten in den Live-Versionen weitaus weniger von Trance-hafter Indie-Electronica durchwirkt, dadurch aber umso zupackender und intensiver, wesentlich direkter auf den Punkt gebracht und als griffige Songs konzipiert, wie so viele der an diesem Abend präsentierten Nummern von „No Comprende“ über „Holy Ghost“ bis „Silver Rider“ auch, die bei Low in der Tonkonserve gerne und oft im völlig tiefenentspannten Slowcore, Shoegaze-Dream-Pop und Ambient-Indie an der Grenze zum völlig entrückten Stillstand mäandern, im konzertanten Gewand jedoch mit schrofferem Saiten-Anschlag auf der Danelectro-Gitarre mit permanentem Hang zum latenten Krachen, Nach-Hallen und drohendem Überdehnen in dissonantes Feedback, Pedal-Verzerrungen des virtuosen Bass-Spiels und stoischem Rudimentär-Trommeln ohne Hi-Hat weitaus mehr Drive, Intensität und rundum beglückende Indie-Rock-Magie verbreiteten.
Low boten neben den zu erwartenden, Tempo-reduzierten, von Vokal-Harmonien durchwehten Songperlen, minimalistisch arrangierten Wund- und Wehklage-Balladen und beseelten, hymnischen Indie-Pop-Elegien in geradezu gespenstischer, traumwandlerischer, sakraler Versunkenheit wiederholt eingestreute und dominierende, schwerst bereichernde Vehemenz-Exerzitien in Richtung emotionaler Noise-Ausbruch, introvertiertes wie gleichsam kraftvoll zupackendes Postrocken und einer gehaltvollen, euphorischen Indie/Alternative-Spielart, wie sie heutzutage viel zu selten von den Club-Bühnen dieser Welt schallt, gefangen nehmend und zeitlos wie der Downbeat-Surf-Pop vom Frühwerk „Sea“, das die Band als Westcoast-Ausgabe der ewigen Kult-Helden von Velvet Underground an kalifornischen Gestaden auftreten lässt.
Zum Auftakt des Zugabenblocks spielte das Publikum den Musikern zurufend Wunschkonzert, „(That’s How You Sing) Amazing Grace“ vom 2002er-Album „Trust“ machte das Rennen, das verzückte Konzertgänger-Volk trällerte Text-sicher und beseelt mit, frenetischer Applaus Ehrensache.
Der Merchandising-Stand hielt als Give-Away-Souvenir für jeden Gast ein schwarzes Pappe-Stück zum Bewerben des kommenden Tonträgers parat, ausgestattet mit zwei großen Löchern zum Durchschauen lässt sich das gute Teil beim nächsten Banküberfall wie in der Prunksitzung der kommenden Faschings-Saison Identitäts-verschleiernd einsetzen, nette Idee, mal was anderes nebst herkömmlichem CDs- und T-Shirts-Heimschleppen nach dem Konzert…
Wo immer sich die Gelegenheit ergibt: do yourself a favour, gehen Sie auf ein Low-Konzert, seien Sie glücklich, genießen Sie die Musik und vergessen Sie für 90 Minuten den Fußball-Video-Beweis, den unsäglichen Wahlkampf im schönen Bayernland, die Diktatur in der Türkei und den ganzen anderen Scheißdreck.

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Abgerechnet wird zum Schluss: Die Platten des Jahres 2015

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„When I said you’re strange
It was a compliment, you know“
(Langhorne Slim & The Law, Airplane)

Irgendwie ein typisches „Es-war-schon-alles-da-in-der-Musik-darum-schon-wieder-kein-neues-‚Astral-Weeks‘-‚Zen-Arcade‘-‚Exile-On-Main-St‘-Wunderwerk“-Jahr, dafür aber ein Musik-Jahr mit überraschenden Comebacks, würdigen Alterswerken, spannenden Mixturen, ein paar erwarteten und etlichen unerwarteten Highlights, einigen gewichtigen Ausgrabungen aus den Archiven und einem ersten Platz, der das in der Gesamtheit nicht sonderlich rosige Jahr 2015 in seiner Grundstimmung einfängt.

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(01) Steve Von Till – A Life Unto Itself (2015, Neurot)
Das düstere Songwriting des Neurosis-Sängers/-Gitarristen: die Platte des Jahres 2015 im Kulturforum. Der passende Soundtrack für ein Jahr, von dem Bilder/Eindrücke unter anderem von gekenterten Flüchtlings-Booten, dem Terror-Anschlag auf einen Live-Club und allerhand politischen Verwerfungen bleiben werden, leider.

(02) Pops Staples – Don’t Lose This (2015, Anti)
Würdiges Alterswerk der Gospel-/Soul-Ikone, aus Rohfassungen von Tochter Mavis Staples und Wilco-Vorturner Jeff Tweedy behutsam zu einem guten Ende gebracht.

(03) Bang On A Can All-Stars – Field Recordings (2015, Cantaloupe/Naxos)
Im Bereich Experimental/Avantgarde/Klassik das Maß aller Dinge in 2015.

(04) Eleventh Dream Day – Works For Tomorrow (2015, Thrill Jockey/Rough Trade)
Tonträger-Comeback des Jahres. Die Alternative-Rock-Combo um Rick Rizzo und Janet Beveridge Bean aus Chicago/Illinois hat nichts verlernt und kracht wie eh und je.

(05) Bill Fay – Who Is The Sender? (2015, Dead Oceans)
Steht dem Songwriter-Wunderwerk ‚Life Is People‘ (Dead Oceans) von 2012 in nichts nach.

(06) The Unthanks – Mount The Air (2015, Soulfood)
Unthank ist der Welten Lohn, haha. English Folk Masterworks.

(07) Wrekmeister Harmonies – Night Of Your Ascension (2015, Thrill Jockey)
Ambient-Drone-Metal von JR Robinson und seinen Mitstreitern, Jahres-Top-Ten-Dauergast.

(08) James McMurtry – Complicated Game (2015, Blue Rose Records)
James McMurtry hat den Folk für sich entdeckt.

(09) Melbourne Cans – Moonlight Malaise (2014, Lost & Lonesome)
Australische Indie-Perle.

(10) Houndmouth – Little Neon Limelight (2015, Rough Trade)
US-Wohlklang-Pop mit allen guten Zutaten aus den Sixties.

(11) Die Buben im Pelz & Freundinnen – Die Buben im Pelz & Freundinnen (2015, Konkord)
Den Violinen-Drone aus „The Black Angel’s Death Song“ haben sie nicht hingekriegt, sowas bleibt natürlich nur Musikern wie dem Gott-ähnlichen John Cale vorbehalten, ansonsten haben sie wirklich alles richtig gemacht, die Buben im Pelz und ihre Schicksen, mit ihrer Wiener Adaption eines der wichtigsten Alben der Pop-Historie. Total leiwand, eh kloa…

(12) Nathaniel Rateliff – Nathaniel Rateliff & The Night Sweats (2015, Stax / Caroline)
Der ehemalige Alternative-Country-/Folk-Crooner liefert die Soul-Scheibe des Jahres ab. Schade, dass er sich beim Münchner Auftritt hinsichtlich Konzertdauer so geziert hat.

(13) Alela Diane & Ryan Francesconi – Cold Moon (2015, Soulfood)
Atemberaubende Schönheit, in Töne gegossen. Mehr Folk-Wohlklang geht glaub ich nicht.

(14) The Echo Bombs – King Of Uncool (2014, Rubber Brother Records)
Garagen-Trash vom Feinsten aus Phoenix/Arizona. Crypt-Records-Ehrenmedaille, sozusagen.

(15) Yo La Tengo – Stuff Like That There (2015, Matador)
‚Fakebook‘, revisited. Was wäre eine Jahresbesten-Liste ohne Yo La Tengo?

(16) Danny And The Champions Of The World – What Kind Of Love (2015, Loose Music / Rough Trade)
Allein schon wegen „Precious Cargo“ und „This Is Not A Love Song“…

(17) Waves – Stargazer (2015, Waves)
Mit das Interessanteste in Sachen Post-Rock kam heuer aus München. Meine Hardcopy fange ich mir beim Konzert am 14. Januar im Backstage ein und dann folgt auch eine ausführliche Besprechung. Versprochen.

(18) Eric Pfeil – Die Liebe. Der Tod. Die Stadt. Der Fluss (2015, Trikont)
Intelligent-gewitzter deutscher Songwriter-Pop. Gibt’s nicht? Eric Pfeil hören…

(19) The Lonesome Billies – It’s Good To Be Lonesome (2015, Stay Lonesome Records)
Alternative Country aus Oregon, mit Punk-Rock-Hintergrund. Da kann nix schiefgehen.

(20) The Moonband – Back In Time (2015, Millaphon Records / Broken Silence)
Wie bereits im Vorjahr waren die Münchner Vorzeige-Folker sowohl konzertant als auch auf Tonträger eine Bank. Eine Coverversionen-Sammlung vom Feinsten.

(21) Low – Ones And Sixes (2015, Sub Pop)
Bis dato das reifste Werk des Slowcore-Trios.

(22) Duke Garwood – Heavy Love (2015, Heavenly / Rough Trade)
Grandioser Düster-Blues im Geiste von Nick Cave und Hugo Race vom Londoner Duke Garwood.

(23) Langhorne Slim & The Law – The Spirit Moves (2015, Dualtone)
„Airplane“, mehr sag ich nicht…

(24) Binoculers – Adapted To Both Shade And Sun (erscheint im Juni 2015, Insular)
Psychedelischer Indie-Wohlklang aus Hamburg.

(25) A Forest – Grace (2014, Analogsoul / Broken Silence)
Ultra-cooler Elektro-Soul aus dem deutschen Osten. Kam schon letztes Jahr raus, was mir wegen der exzellenten Qualität der Platte herzlich egal ist.

(26) Ryley Walker – Primrose Green (2015, Dead Oceans)
Aus der Zeit gefallener Prog-Folk, der Neues mit alten Meistern wie Tim Buckley und Nick Drake verbindet.

(27) Takaakira ‘Taka’ Goto – Classical Punk And Echoes Under The Beauty (2015, Pelagic / Cargo Records)
Exzellente Neoklassik-Übung des Mono-Gitarristen.

(28) Ralph Stanley & Friends – Man Of Constant Sorrow (2015, Cracker Barrel)
The good Bluegrass-Doctor mit prominenter Unterstützung.

(29) Ty Segall Band – Live In San Francisco (2015, Drag City)
Krachiger US-Indie-Rock der angenehmen Sorte.

(30) Damo Suzuki & Mugstar – Start From Zero (2015, Salted)
Der ehemalige Can-Sänger und die britischen Space-Rocker mit einem hypnotischen Live-Album.

(31) Rhett Miller – The Traveler (2015, ATO Records)
Der Old-97’s-Vorsteher auf Solopfaden als Indie-/Alternative-Country-Grenzgänger.

(32) Joe Crookston – Georgia I’m Here (2014, Milagrito)
1a-Ami-Folk-Album.

(33) Hans Theessink & Terry Evans – True & Blue (2015, Blue Groove / in-akustik)
Der holländische Blues-Gitarrist und der Ry-Cooder-Spezi live in Wien.

(34) Robert Pollard – Faulty Superheroes (2015, Fire Records)
Gibt es überhaupt schlechte Robert-Pollard-/Guided-By-Voices-Platten? Mir ist noch keine untergekommen.

(35) The Rheingans Sisters – Already Home (2015, Rootbeat)
Altertümlicher englisch-französischer Folk und Klassik-Elemente ergeben eine bestechende Mixtur.

(36) The Revolutionary Army Of The Infant Jesus – Beauty Will Save The World (2015, Occulation)
Überraschendes, unerwartetes Experimental-Folk-Comeback.

(37) Warren Haynes feat. Railroad Earth – Ashes & Dust (2015, Mascot / Rough Trade)
Gov’t-Mule- und ex-Allman-Brothers-Ausnahme-Gitarrist Haynes hat zusammen mit der Bluesgrass-Jam-Combo Railroad Earth ein handwerklich perfektes Werk in die Landschaft gestellt.

(38) Robin Williamson – Trusting in the Rising Light (2015, ECM)
Keltischer Experimental-Folk des ex-Incredible-String-Band-Harfenspielers auf höchstem Niveau.

(39) Wire – Wire (2015, Pink Flag / Cargo Records)
Auf die englische Art-Punk-Institution ist auch nach 37 Jahren uneingeschränkt Verlass.

(40) Steph Cameron – Sad-Eyed Lonesome Lady (2014, Pheromone Recordings / Fontana North)
Jack Kerouac als kanadische Folk-Frau. Bereits von 2014 und heuer noch genauso gut wie in 10 Jahren.

***

Außer Konkurrenz – Thematische Sammlungen / Best-Of-Sampler / Aus den Archiven / Wiederveröffentlichtes / „Oldies But Goldies“:

(01) V.A. – Senegal 70: Sonic Gems & Previously Unreleased Recordings From The 70’s (2015, Analog Africa / Groove Attack)
Senegal-Funk-Soul-Juju-Afro-Cuban-Dub-Trance-Jazz-Crossover, die 70er Jahre…

(02) V.A. – Strange & Dangerous Times – New American Roots – Real Music For The 21st Century (2014, Trikont)
Muddy-Roots-Soundtrack, mustergültigst kompiliert von „Shadow Cowboy“ Sebastian Weidenbach.

(03) V.A. – Rastafari: The Dreads Enter Babylon – 1955-83: From Nyabinghi, Burro and Grounation to Roots and Revelation (2015, Soul Jazz Records)
Religious Rastaman Vibration und die jamaikanische Volksmusik, ein weites Feld…

(04) The Dad Horse Experience – Best Of – Seine schönsten Melodien 2008 – 2014 (2015, Sacred Flu Productions)
Die besten Predigten über die Schattenseiten des Lebens von unserem liebsten Reverend Dad Horse Ottn. Kellergospel of the Walking Dad since 2006.

(05) Pere Ubu – Elitism For The People 1975-1978 (2015, Fire Records)
Das Frühwerk der Post-Punk-Avantgarde-Pioniere, wichtiger geht’s eigentlich nicht mehr.

(06) The Velvet Underground – The Complete Matrix Tapes (2015, Polydor)
Nachdem es von ihnen nicht allzu viel brauchbares Live-Material gibt, nimmt man das hier mit Kusshand.

(07) Dead Moon – Tales From The Grease Trap, Vol. 1: Live At Satyricon (2015, Voodoo Doughnut Recordings / Broken Silence)
Aus den Live-Archiven der Garagen-Trash-Götter.

(08) Gil Scott-Heron – Small Talk At 125th And Lenox (Reissue 2015, Ace Records / Soulfood)
Polit-Proto-Rap vom Meister seines Fachs.

(09) Grateful Dead – 30 Trips Around the Sun: The Definitive Live Story 1965-1995 (2015, Rhino)
Live waren sie immer in ihrem Element: Das Motto „Aus jedem Jahr ein Stück“ ergibt eine repräsentative Werkschau, der selbst altgediente Dead-Heads noch einiges abgewinnen können.

(10) Beat Happening – Look Around (2015, Domino)
Best-Of-Werkschau der Indie-Stoiker.

***

Das soll’s gewesen sein von meiner Seite für 2015. Rutscht gut rüber ins neue Jahr, ich wünsche Euch alles Gute, Glück und vor allem Gesundheit für 2016, uns wird es vermutlich auch im neuen Jahr im Großen und Ganzen wieder besser ergehen als 99% vom Rest der Welt, in diesem Sinne, weil Sylvester ist und weil gleich die Böller und Sektkorken knallen, soll das letzte Wort im alten Jahr an dieser Stelle Nathaniel Rateliff gehören: „Son of a Bitch, give me a Drink !!!!“ ;-)

Reingehört (78)

Reingehört Sept 10

Low – Ones And Sixes (2015, Sub Pop)
Nie waren sie wertvoller: Das Slowcore-Trio um das Mormonen-Ehepaar Mimi Parker und Alan Sparhawk aus Duluth/Minnesota (Hometown von Bob dem Meister) liefert mit ‚Ones And Sixes‘ ihr bis dato reifstes Werk ab. Grundsätzlich immer wohlwollend beäugt, war ihr 2011er-Album ‚C’mon‘ (Sub Pop) bereits ein Riesenschritt in Richtung schwergewichtiger Wohlklang, und so brilliert die neue Scheibe nun endgültig mit ätherischem Ambient-Indie, der dieses Mal nicht nur gewohnt filigran, sondern auch durchgehend wunderschön, elegant und vor allem spannend tonal die großen Gefühle transportiert.
Schenkt man der Presse Glauben, war Sänger und Gitarrist Alan Sparhawk in den letzten Jahren von Depressionen geplagt, in diesem Umstand mag der musikalische und thematische Tiefgang der zwölf neuen Songs begründet liegen, die trotz herrlicher Melodienlandschaften ein unterschwelliges, bedrohliches Unbehagen mitschwingen lassen, die dräuende Schwermut bietet perfekten Schutz gegen die Kitsch-Gefahr.
Jede Menge legales Live-Bootleg-Material von Low findet sich im Übrigen bei nyctaper.com und archive.org.
Das Trio ist im Herbst in unseren Gefilden konzertant zugange, unter anderem am 19. Oktober im Münchner Ampere.
(*****)

Public Image Ltd. – What the World Needs Now… (2015, PiL Official Ltd / Cargo)
„Anger Is An Energy“, immer noch, beim guten alten Johnny Rotten. Zusammen mit Musikern wie dem ehemaligen Mekons-Mitstreiter Lu Edmonds und dem in Sachen Post-Punk bestens prädestinierten The-Pop-Group-Drummer Bruce Smith wütet, mault und schimpft sich John Lydon durch das aktuelle Songmaterial, das Anfangs in seinem radikalen Stakkato-Vortrag Reminiszenzen des großen Vorbilds an Epigonen wie die derzeit schwer angesagten Sleaford Mods erkennen lässt und im weiteren Verlauf zwischen typischen Post-Punk-Fisimatenten und für PiL-Verhältnisse geradezu hymnischen Indie-Pop-Exerzitien changiert.
An der ein oder anderen Stelle mag das neue Werk allzu retrospektiv daherkommen, und ein Meisterwerk wie seinerzeit die kultisch verehrte ‚Metal Box‘ (1979, Virgin Records) ist es beileibe nicht, aber gut ins Ohr geht es allemal…
Notiz am Rande: In der aktuellen September-Ausgabe des Fußball-Magazins 11Freunde schwadroniert John Lydon in seiner Funktion als jahrzehntelanger Arsenal-Anhänger über den Niedergang der Fan-Kultur in England und fragt sich, was er in einem Stadion verloren hat, in dem er nicht mehr stehen, geschweige denn fluchen noch rauchen darf und führt so die schöne neue Uli-H.-Fußballwelt vor Augen, die nur noch den mit dicker Brieftasche ausgestatteten Jubelperser im Blick hat und das Gekicke jeglicher ‚Street Credibility‘ beraubt, indem Stimmung per Tonband in der Arena eingespielt wird, weil der gemeine FCB-Konsument zwecks Kaviar-Verzehr beim Torjubel verhindert ist…
Anyway, zum Finger in solche Wunden legen, dafür ist der ex-Pistol allemal der Richtige.
(****)

Beirut – No No No (2015, 4AD / Beggars)
Nach 4 Jahren ein neues Werk der Indie-Folk-/Balkan-Pop-Institution Beirut aus Santa Fe/New Mexico unter der wie immer maßgebenden Führung von Kapellmeister Zach Condon, der dem Vernehmen nach in den letzen Jahren wenig Spaß ob Scheidung, Krankenhaus-Aufenthalten und abgebrochener Tourneen hatte.
Der Kosmopoliten-Pop früher Tage ist auf ‚No No No‘ auf das wesentliche reduziert, die neun Songs erscheinen als Skelette früherer, aufwändig arrangierter Balkan-Soundtracks, der Bläser- und Orchester-unterfütterte Übermut der ersten Südeuropa-Indie-Pop-Großtaten fehlt hier völlig, blanke Song-Gerippe in einem für Beirut-Verhältnisse fast minimalistischen Gewand mögen das Herz nicht recht erwärmen, und so ist in dem Fall der Griff zu altem Material wie dem klangfarbenfrohen ‚Gulag Orkestar‘-Debüt (2006, Da Da Bing) und der noch exzellenteren, im Reissue dazugepackten ‚Lon Gisland‘-EP von 2007 empfohlen.
Weniger ist oft mehr, heißt es mitunter. Mag im ein oder anderen Fall was für sich haben, bei der Nummer hätte etwas mehr Opulenz nicht geschadet und so ist es gut, dass der neue Beirut-Aufguss nach 29 Minuten sein erlösendes Ende findet. Latent belanglos.
(***)