Machtkrampf

Nekropolis @ Kulturkeller Westend, München, 2017-04-06

Der Münchner Experimental-Musiker Peter Frohmader ist seit Jahrzehnten eine der prägenden Figuren in der europäischen Prog-/Electronic-/Krautrock-Szene, mit seinem Projekt Nekropolis und Vorgänger-Bands wie Alpha Centauri, Electronic Delusion und Kanaan ist Frohmader seit 1971 im instrumentalen Progressive-Rock zugange, der ehemalige Can-Sänger Damo Suzuki und der 2014 verstorbene, weltberühmte Schweizer Maler H.R. Giger zählen zu seinen Freunden, mit Giger teilt er sich seine Neigung und Talent für die Fantasy-, Okkult- und Science-Fiction-Malerei als zweite Profession.
Seit Jahren trifft sich der Bassist und Elektronik-Tüftler regelmäßig Mittwochs in seinem Studio-Keller mit befreundeten Musikern zur instrumentalen Klangreise und knüpft damit an seine experimentelle Frühphase an, die Süddeutsche Zeitung schrieb hierzu vor Kurzem: „Der Münchner Krautrock-Musiker Peter Frohmader gilt seit den Achtzigerjahren als „Godfather of Gothic“. Aus dem Keller seines Einfamilienhauses in Harlaching dringen bis heute düstere Klänge.“
Am vergangenen Donnerstag trat Peter Frohmader mit dem Münchner Punk-Urgestein, Rauschangriff-Chef und begnadeten Gitarristen Gerhard „Machtkrampf“ Lallinger, dem Drummer Lutz Röhmuß und Keyboarder Udo Gerhards im Kulturkeller des Münchner Westends im Rahmen der Freien-Improvisations-Mottojam auf, zelebrierte dabei zwei längere, ausladende, von schwerem Bass getriebene Instrumental-Epen im Spannungsfeld zwischen psychedelischem Kraut- und hartem Drone-Rock, dem durch den versierten, schneidenden Saitenanschlag Lallingers eine besondere Note verliehen wurde, eine feine Aufführung, die nach Wiederholung und ausgedehnterer Konzert-Dauer verlangt, im Rahmen dieser Open-Stage-Nummer durften zwischenzeitlich andere Formationen mit Kraut-fremdem Funk-, Jazzrock- und Siebziger-Westcoast-Beschallung unterschiedlichster Güte ihrer musikalischen Vision Ausdruck verleihen, beim Hinschlachten des Marley-Klassikers „No Woman No Cry“ wurden zwischenzeitlich die Grenzen des Contenance-Wahrens schwerst gestresst, Gottlob brachten Nekropolis mit einem finalen, hart rockenden Prog-Gothic-Rausschmeißer den Abend zu einem versöhnlichen Ende.
Nekropolis (**** ½ – *****) Rest (* ½ – *** ½)

Nekropolis / Homepage

Rauschangriff + Ramonas @ Glockenbachwerkstatt, München, 2016-10-27

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Wer kennt ihn nicht in heimatlichen Gefilden, den Landy Landinger, das Münchner Gitarristen-Unikat dürfte so manchem BR-Regionalprogramm-Glotzer schon mal im TV-Werbespot mit seinem unvergleichlichen „I bin da Landy und do bin i dahoam“ untergekommen sein, am vergangenen Donnerstag eröffnete er in der Münchner Glockenbachwerkstatt zusammen mit den Ramonas-Isarpunks Loni Lackschaden und Alfons „Al unter Palmen“ Hefter den krachig-beschwingten Konzertabend, in bewährter Manier stellte das Trio eine geballte Ladung Spaß auf die Bühnenbretter und in den Saal der Glocke mittels ihres ureigenen Pogo-Gebräus aus 70er-/Ramones-Punk und den auch gern und oft ins Derb-Groteske abdrehenden bayerischen Texten, die wie immer in dem Fall am umfänglichsten für Kenner und Versteher des oberbayerischen Idioms zu genießen waren. Allen anderen blieb immerhin das beherzte Tanzbein-Schwingen zum schmissigen, immerfrischen Speed-Rock’n’Roll-Sound der Combo und ab und an ein Schluck zur Abkühlung vom Gerstensaft, dessen Konsum das Trio auch oft und gerne thematisiert… ;-))
Die Ramonas: obszön, laut und grob, wie sie in eigenen Worten über sich selbst Zeugnis ablegen, und live nach wie vor eine Bank. Onetwothreefour, Mordsgaudi!
(**** ½ – *****)

Teil 2 des Münchner Punk-Rock-Gipfeltreffens bestritten die Veteranen von Rauschangriff, das altehrwürdige, musikalisch für das Genre hochqualifizierte Trio ist mit einer zwischenzeitlichen Auszeit seit 1995 fester Bestandteil der lokalen Punk-Szene, wie von den Herren Machtkrampf, O.S. und Küken nicht anders erwartet, wetterte die Band in ihrer Fundamental-Systemkritik gegen Führer, Klerus, Vaterland, aktuelle gesellschaftliche Verwerfungen wie das Auftreten von Pegida/AfD, den täglichen Stumpfsinn im Arbeitsleben, die Allmacht der volksverdummenden Sprache, und begeisterte mit der deutschen Version der UK-Subs-Nummer „C.I.D.“ und „Deppert“, einer Adaption des Black-Sabbath-Klassikers „Paranoid“.
Als konzertantes Highlight durfte selbstredend auch am Donnerstag gemäß dem Gebot „Du sollst den FC Bayern schmähen alle Tage Deines Lebens, auf dass Dir der JVA-Landsberg-Aufenthalt und der Arroganz-Arena-Besuch erspart bleiben“ die Anti-FCB-Hymne „Faule Eier“ inklusive lautstarkem, textsicherem Fan-Chor nicht fehlen, mit anschließendem Lobgesang (was gibt es dahingehend eigentlich momentan groß zu loben??) auf die geliebten Münchner „Löwen“ nahm die Fußball-Thematik ihren gebührend-festen Platz im Rahmen des Rauschangriff-Auftritts ein.
Polit-Punk zuhauf und das für die Band obligatorische Gekicke-Thema inklusive Großklub-Beleidigung, mit schwergewichtig-wuchtigem Bass-/Drum-Rhythmus nach vorne getrieben und feinst garniert von technisch versierten, messerscharfen Gitarrenriffs, das kann in der bayerischen Landeshauptstadt nach wie vor keiner besser als die Punk-Altvorderen aus dem Neuaubinger Folterkeller.
(**** ½ – *****)

Das Rauschangriff-Kulturforum-Interview, Juli 1995: hier.

The Dad Horse Experience @ Ausstellungspark, München, 2015-01-20

„I loved Mollie Lowry
But I stabbed her with my Bowie
My Mama taught me the Bible
& I shot her with my Rifle
I’ve got a Dog named Louie
Well I turned him into Chop Suey
If I can’t afford the Cocaine
I shoot Gasoline in my Vein
LORD MUST FIX MY SOUL TURN THE SHIT INTO GOLD
LORD MUST FIX MY SOUL“
(The Dad Horse Experience, Lord Must Fix My Soul)

Da der Keller-Gospel des Bremers Dad Horse Ottn nach seinen eigenen Worten – wie der Name schon sagt – selbstredend am Besten in dunklen Gewölben und finsteren Kellern funktioniert und nicht für lichtdurchflutete Kathedralen geschaffen ist, in denen selbst den Bischöfen „die Sonne aus dem Hintern scheint“, war das Hinterzimmer des Ausstellungspark-Bier-Stüberls natürlich wie geschaffen für eine weitere Erweckungspredigt der Dad Horse Experience. Der finstere Schlauch war allerdings mit ca. 30 zahlenden Gästen bereits gut gefüllt und etwas mehr reuige Sünder hätte die Andacht von Prediger Ottn dann doch verdient. Tipp an die „Volxmusik“-Veranstalter: Etwas größere Örtlichkeit und ein wenig mehr Werbung an entsprechender Stelle, dann funktioniert’s auch mit mehr Zulauf ;-)) Für die Anwesenden war es ein sehr intimer und intensiver Konzertabend, in dessen Verlauf Dad Horse wie üblich die dunklen Seiten des Lebens durchleuchtete, die Gläubigen zur Beschreitung des rechtschaffenen Wegs ermahnte, erheiternde Gleichnisse aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz sowie einige neue Stücke zum Besten gab. Der „Keller Gospel from the Left of Heaven“ ist und bleibt in seiner genialen Mischung aus Country, Punk-Spirit und Himmelfahrt ein singuläres Event. Oder wie es Seite3.ch so schön auf den Punkt brachte: „Selten war traurig so lustig.“

Bericht und Bilder vom letzten Stilwirt-Auftritt der Dad Horse Experience in Wolnzach am 25.11.2014: guckst Du hier.

(**** 1/2)

Volxmusik / Homepage
The Dad Horse Experience / Weitere Tourdaten

Encore: Als Zugabe noch eine schöne Aufnahme vom Machtkrampf (of Rauschangriff-Fame!):

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