Mark Kozelek

Soundtrack des Tages (177): Mark Kozelek

Weniger ist manchmal mehr: US-Songwriter Mark Kozelek überschlägt sich 2017 mit Neuveröffentlichungen, Anfang des Jahres „Common As Light And Love Are Red Valleys Of Blood“ unter dem Alias Sun Kil Moon, gemeinsam mit Justin Broadrik/Jesu ein paar Monate später die ziemlich überflüssige, da kaum Neues bietende Kollaboration „30 Seconds To The Decline Of Planet Earth“, mit dem Parquet-Courts-Bassisten Sean Yeaton und prominenten Gästen wie Will Oldham und Steve Shelley schwadroniert er sich in inzwischen gewohnter „Drauflos-labern“-Manier auf dem jüngst erschienenen Album „Yellow Kitchen“ (Caldo Verde) durch Themen wie die vergangene US-Wahl und zuviel Kalorien-Aufnahme zum Weihnachtsfest im völligen musikalischen Stillstand, der gute Helge würde anmerken: „Das ständige Geblubber wo man bekloppt von wird“.
Auf der zwischenzeitlich erschienenen „Night Talks EP“ (Caldo Verde) finden sich immerhin zwei neue Folk-Werke, eine alternative Version von „I Love Portugal“ vom „Common As Light…“-Album im Akustik-Gewand plus zwei Coverversionen, neben einer von der Autorin selbst begleiteten Interpretation von Kath Blooms „Pretty Little Flowers“ eine würdige Verneigung vor dem großen, im letzten Jahr dahingeschiedenen Leonard Cohen:

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Reingehört (309): Sun Kil Moon & Jesu, Oceans Are Zeroes

Sun Kil Moon & Jesu – 30 Seconds To The Decline Of Planet Earth (2017, Caldo Verde)

Mark Kozelek und Justin Broadrick haben mit ihrem selbstbetitelten Kollaborations-Debüt im vergangenen Jahr eine bezwingende Arbeit aus Post-Metal, Drone-Ambient-Experiment und großer Songwriter-/Free-Folk-Kunst abgeliefert, die in ihrer ausladenden Epik und ihrer tonalen Wucht von nahezu zeitloser Erhabenheit ist, wer ein ähnlich profundes, spannungsgeladenes Meisterwerk in der Wiederholung der Zusammenarbeit des amerikanischen Sun-Kil-Moon-Kopfes und seines britischen Drone-Metal-Sparringspartners erwartet, muss mit einer herben Enttäuschung rechnen. Kozelek zelebriert im Verbund mit Broadrick im Wesentlichen eine Neuauflage sein jüngsten Werks „Common As Light And Love Are Red Valleys Of Blood“: Wie dort bereits geradezu austauschbar vor ein paar Monaten zum Besten gegeben, schwadroniert der kalifornische Songwriter in einer zwischen Abgeklärtheit, Nonchalance und Lamentieren wandelnden Tonlage seine in die Länge gezogenen Endlos-Geschichten über Michael Jackson, Muhammad Ali, die skurrilen Momente des Tour-Lebens und allem möglichem anderem Erwähnenswertem und Belanglosem, was ihm an Gedanken durch den Kopf schießt, getragen von einer Mixtur aus Trip Hop, Ambient, Electronica-Indie, frei fließendem Akustik-Folk und rhythmisch pochendem Trance-Flow, auch diese musikalischen Beigaben erscheinen vertraut vom letzten SKM-Doppel-Album. Einmal in der Machart reicht eigentlich, „Bis repetita non placent“, wie der Lateiner so schön sagt…
(*** ½)

Oceans Are Zeroes – Oceans Are Zeroes (2017, Oceans Are Zeroes)

Junges Quintett aus Boise/Idaho, dass in seinem euphorischen, überbordenden und schwer melodischen Postrock-Ansatz eine gehörige Portion an emotionalen Ausbrüchen und hymnisch-luftigem Gesang zwischen Klagen und Frohlocken dazupackt, die Band jongliert mit dem Genesis-Prog-Rock der Peter-Gabriel-Phase, neoklassizistischen Einschüben und der berauschenden, cineastischen Breitband-Soundwand, wie sie exemplarisch der Mogwai- und Mono-Hörerschaft bestens vertraut ist. Die Mannen um Band-Vorsteher Joseph Lyles halten ab und an einige Elemente zuviel in der Luft, eine klarer konzipierte Marschrichtung und stringenteres stilistisches Abgrenzen hätte dem Debüt-Werk gut zu Gesicht gestanden, trotzdem: brauchbare Ansätze sind zuhauf vorhanden, da könnte was ranwachsen, was aktuell noch nicht in Formvollendung gelungen ist, kann noch werden.
(****)

Reingehört (280): Sun Kil Moon

KULTURFORUM Portugal II www.gerhardemmerkunst.wordpress.com 31

Sun Kil Moon – Common As Light And Love Are Red Valleys Of Blood (2017, Rough Trade)

Hinsichtlich Fleiß und Inspiration ist Mark Kozelek dieser Tage schwer zu toppen, mit seinem Indie-Rock-/-Folk-Betrieb Sun Kil Moon hat er im vergangenen Jahr zusammen mit dem Godflesh-Industrial-Metal-Pionier Justin Broadrick aka Jesu eine herausragende, weit über das Musikjahr 2016 hinausstrahlende Postmetal-/Free-Folk-Kollaboration unter das Volk gebracht, nebenher war er mit geschätzten Musikern wie Minnie Driver und Will Oldham beim Einspielen seiner Lieblingslieder aus fremder Feder für die Sammlung „Sings Favorites“ zugange, im noch jungen Jahr 2017 hat er mit „Common As Light…“ bereits wieder ein gewichtiges Werk im Doppelalbum-Format am Start, in sechzehn langen bis sehr langen Arbeiten lässt Kozelek sein persönliches Jahr 2016 Revue passieren, in einem Spoken-Word-artigen, Stakkato-haften Redefluss unter HipHop-Einfluss erzählt er in seinem charakteristischen, ab und an gefährlich ins Lamentieren abkippenden Sprechgesang seine in Songs gegossenen autobiographischen Short Stories und gibt seine persönlichen Eindrücke wieder von Reisen und Tournee-Aufenthalten wie in „God Bless Ohio“ oder „I Love Portugal“ (wer nicht?), Reflexionen über eigene Befindlichkeiten, als er die Nachrichten vom Ableben geschätzter Helden wie Muhammad Ali oder David Bowie vernahm, Gedanken zum Jarmusch-Film „Stranger Than Paradise“ oder zum mysteriösen Verschwinden und Tod der kanadisch-chinesischen Studentin Elisa Lam in einem Hotel in Los Angeles im Jahr 2013. „Lone Star“ handelt in einem vor der Wahl geschriebenen Text vom aktuellen US-Fake-Präsidenten, Kozelek hat den Finger am Puls der Zeit, wie ihm auch Songwriter-Kollege Conor Oberst jüngst in einem Interview attestierte.
In den improvisierten Aufnahmesessions musikalisch begleitet wurde Kozelek auf diesem in den Lyrics ausufernden, individuell geprägten Trip vom ehemaligen Sonic-Youth-Drummer Steve Shelley, der das Werk in einem entspannten Flow in einer Art Post-Indierock im Geiste von Tortoise mit frei fließenden, an beschwingten Jazz angelehnten Drums und unaufdringlichen, nichtsdestotrotz schwer und treibend einwirkenden Dub-Bässen über die volle Distanz trägt, der spartanisch wirkende, zurückgenommene Alternative-Triphop wird nur durch sporadische Ausreißer wie den zum Titel passenden Motown-Soul-Funk in „Seventies TV Show Theme Song“ ergänzt.
Einiges über zwei Stunden Laufzeit des Tonträger-Großwerks nötigen Respekt und Konzentration beim Hören ab, wie bei vorab hinsichtlich Filmdauer furchteinflössenden cineastischen Überlänge-Produktionen vom Kaliber „Manchester By The Sea“ oder „Toni Erdmann“ sind die Bedenken letztlich hinfällige, zu keiner Minute kommt im Rahmen dieses gehaltvollen, formvollendeten Entertainments Leerlauf oder gar Langeweile auf.
(*****)