Martin Luther King

Soul Family Tree (47): I Have A Dream

Black Friday heute mit einer Ausgabe von Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog in Gedenken an den vor fünfzig Jahren ermordeten amerikanischen Bürgerrechts-Aktivisten und Baptisten-Pastor Martin Luther King Jr.

1968 war weltweit ein Jahr, das für Aufbruch und Befreiung stand, besonders für Amerika war es ein prägendes Jahr, über das es wenig Erfreuliches zu berichten gibt. Im Herbst wählten die Amerikaner den Republikaner Richard Nixon zu ihrem neuen Präsidenten. Er gewann die Wahl unter anderem, weil er versprach, für Recht und Ordnung zu sorgen. Martin Luther King hingegen befürchtete in früheren Reden, dass sich die Republikaner in eine Partei des Weißen Mannes verwandeln werden. Er sollte Recht behalten.

Am 4. April 1968 um 18.01 Uhr wurde Martin Luther King auf dem Balkon des Lorraine Motels in Memphis (Tennessee) erschossen. Danach kam es in über 100 Städten Amerikas zu teils massiven Ausschreitungen. Heute im Soul Family Tree: ein „I Have A Dream“-Mix, anlässlich des 50. Todestages von Martin Luther King. Musik, die von King und der damaligen Zeit und Stimmung inspiriert wurde.

1991 veröffentlichten die legendären Politrapper von Public Enemy den Song „By The Time I Get To Arizona“. Im Fokus des Song stand der damalige Gouverneur Fife Symington. Die Band protestierte im Text gegen die Weigerung des Gouverneurs, den Bürgerrechtsaktivisten mit einem Feiertag zu würdigen. Die Hauptrolle im Video spielte Martin Luther King, der sich 1968 vehement gegen den Vietnamkrieg stellte. Public Enemy ließen für das Video die Bürgerrechtsbewegung von damals wieder auferstehen und bauten Originalaufnahmen mit ein. Die Schlussszene sorgte für einen Skandal. Sie zeigte in Zeitlupe die Ermordung von King und Kämpfer, die ein Attentat auf den Gouverneur verüben. Das Video und der Song wurden damals in Amerika verboten. Trotzdem verkaufte sich das Album „Apocalypse 91…“ sehr gut und kletterte auf Platz eins der R&B Charts. Denn Public Enemy traf eine ganze Generation mitten ins Herz. Themen wie Rassismus, Armut, Arbeitslosigkeit gehörten zum festen Repertoire. Bereits 1988 veröffentlichten sie mit ihrem Album „It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back“ eines der wichtigsten Alben der HipHop-Geschichte.

Bei „By The Time I Get To Arizona“ ein Gitarrenriff der Band Mandrill und ein Loop der Jackson Five zu hören. Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre stand keine andere Band mehr für Widerstand als Public Enemy.

Nina Simone fragte, nur wenige Tage nach der Ermordung an King, „What will happen, now that the King is dead?“ und schrieb den Song „Why? (The King Of Love Is Dead)“.

James Brown wurde der Held der Stadt Boston. Einen Tag nach dem Attentat sollte er in der Stadt an der US-Ostküste spielen. Der Bürgermeister befürchtete Unruhen und plante, das Konzert abzusagen. Doch Brown wollte spielen, und es wurde vermutlich sein schwierigster und wichtigster Auftritt seiner Karriere. Als Zuschauer auf die Bühne kamen und niemand wusste, was passieren würde, blieb James Brown ruhig, beschwichtigte die Menge und setzte sein Konzert fort. Niemand wurde verletzt. Hier ein kleiner Ausschnitt. Das ganze Konzert wurde live mitgeschnitten und später veröffentlicht.

Muddy Waters, Otis Spann, Harmonica Master Little Walter und der Bassist Willie Dixon kamen im Mai 1968 nach Washington, um dort ein Benefiz-Konzert für „Poor People“ zu spielen. Otis Spann ist der vielleicht größte Blues-Pianist gewesen und stand für den Chicago-Blues. 1968 schrieb er zwei berühmte Songs: „Blues For Martin Luther King“ und „Hotel Lorraine“. Mehr zu diesem denkwürdigen Konzert kann man hier nachlesen: Blues For Martin Luther King.

America is essentially a dream
It is a dream of a land where men of all races
of all nationalities and of all creeds
can live together as brothers…

Bobby Womacks Alben „Poet I“ und „Poet II“ sind nach wie vor großartige Aufnahmen. Im Song „American Dream“ gibt es zu Beginn einen Auszug aus der berühmten „I Have A Dream“-Rede von Martin Luther King.

Black, god damn, I’m tired my man
Don’t worry bout what color I am
Because I’ll show you how ill, this man can act
It could never be fiction cause it is all fact…

Auch im HipHop und Rap inspiriert King bis heute viele Künstler. Run-D.M.C. waren Pioniere des HipHop. Ihr 1986er Album „Raising Hell“ erreichte Platinstatus. 2002 endete die Karriere abrupt. DJ Jam Master Jay wurde in einem Plattenstudio von einem Unbekannten erschossen. Danach lösten die verbliebenen Bandmitglieder die Formation auf. Aus ihrem Platinalbum kommt nun „Proud To Be Black“:

Die Liste mit von King inspirierten Songs könnte man lange weiterführen. Wer mag, sollte u.a. Sam Cooks „A Change Is Gonna Come“ hören und/oder die Cover-Versionen von Solomon Burke und Baby Huey (von Curtis Mayfield produziert). Dann wären da noch Gil Scott-Herons „Winter In America“ oder James Brown mit „Cold Sweat“ und natürlich Muddy Waters 1968er Album „Electric Mud“.

1968 war nicht nur für die USA ein wechselhaftes Jahr. Wenige Monate nach der Ermordung von King kam der damalige Justizminister Robert Kennedy ums Leben. Und in Deutschland wurde im April Rudi Dutschke schwer angeschossen. Dazu kommen weitere Unruhen und Demonstrationen in Frankreich und nicht zu vergessen der „Prager Frühling“ in der damaligen CSSR. 1968 war ein bewegtes Jahr.

Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum.

Reingelesen (36)

Waldschmidt-Nelson - Malcolm X

„In 1960 I was a negro
And then brother Malcom came along
And then some nigger shot Malcom down
But the bitter truth lives on
(…)
With Malcom as our leader,
We learned
And thought
And thought we had learned
Things were better
Things were changing
But things were not together“
(Gil Scott-Heron, Evolution (And Flashback))

„Man macht dir nicht das Leben zur Hölle, weil du Baptist bist, man macht es dir nicht zur Hölle, weil du Methodist bist. Man macht es dir nicht zur Hölle, weil du Demokrat oder Republikaner bist… Und man macht dir gewiss nicht das Leben zur Hölle, weil du Amerikaner bist. Denn wenn du Amerikaner wärst, hättest du das Problem nicht. Man macht dir das Leben zur Hölle, weil du Schwarzer bist… das Leben von jedem von uns wird zur Hölle, aus diesem einen Grund!“
(Malcolm X, Message To The Grassroots)

Britta Waldschmidt-Nelson – Malcolm X – Eine Biografie (2015, Verlag C.H.Beck)

Die Dortmunder Anglistin und Historikerin Britta Waldschmidt-Nelson hat mit dem vorliegenden Werk die erste deutschsprachige Biografie über den afroamerikanischen Bürgerrechts-Aktivisten Malcolm X veröffentlicht, die gut lesbare Abhandlung ist frei von jeglichen wissenschaftlich-theoretisierenden Ergüssen und mit 384 Seiten in einem auch für historisch interessierte Laien übersichtlichen Umfang.

Der 1925 unter dem Familiennamen Little in Omaha/Nebraska geborene Malcolm kam bereits in frühester Kindheit mit der von Marcus Garvey geprägten panafrikanischen Separationsbewegung in Berührung – die politischen Ansichten des Jamaikaners haben u.a. auch namhafte Reggae-Musiker beeinflusst, siehe z.B. die ersten Alben des unter dem Namen Burning Spear agierenden Sängers Winston Rodney – Malcolms früh verstorbener Vater Reverend Earl Little war Anhänger des vom Rastafari-Movement als Prophet verehrten Garvey.

Die Kindheit Littles war geprägt von Armut, dem bereits erwähnten frühen, gewaltsamen Tod des Vaters, Übergriffe von Weißen, die in der Brandstiftung des elterlichen Hauses mündeten und dem Nervenzusammenbruch der Mutter, der zu einem fünfundzwanzigjährigen Aufenthalt in einer Heilanstalt führte und so die Little-Geschwister durch Unterbringung in diversen Pflegefamilien trennte.
Obwohl hochintelligent, wurde dem jungen Malcolm von weißen Lehrern von einem Studium abgeraten, nach der Schule hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und rutschte zunehmend ins kriminelle Milieu ab, in der Bostoner Szene kam er unter anderem mit Jazz-Legenden wie Duke Ellington oder Count Basie in Kontakt.
Mitte der vierziger Jahre verdingte er sich als Drogen-Händler und Einbrecher in Harlem, Anfang 1946 wurde er für mehrere Brüche zu einer Gefängnisstrafe von 10 Jahren verurteilt.
In der Haft bildete sich Malcolm Little als Autodidakt, vor allem in den Bereichen Philosophie und Geschichte, über seinen Bruder Philbert kam er in der Zeit in Kontakt mit der „Nation Of Islam (NoI)“, eine 1930 durch Elijah Muhammad gegründete religiös-politische Organisation schwarzer US-Amerikaner außerhalb der islamischen Orthodoxie.

Nach Beitritt zu den ‚Black Muslims‘ nannte er sich Malcolm X, in Ablehnung des Namens Little, der nach Ansicht der „NoI“ nur von einem früheren weißen Sklavenhalter abstammen konnte.
Innerhalb der Hierarchie der „NoI“ stieg Malcolm X, bedingt durch sein gutes Verhältnis zum Führer Elijah Muhammad, schnell auf, wurde Leiter des Harlemer Tempels und nationaler Sprecher der „Nation“, in dieser Funktion prangerte Malcolm X den Rassismus der weißen Gesellschaft scharf an und lehnte jede Zusammenarbeit mit Weißen in Bürgerrechtsfragen, wie sie vor allem von Martin Luther King propagiert wurde, vehement ab.
Der Bruch mit der „Nation of Islam“ zeichnete sich ab, als Malcolm X sich entgegen dem Verbot der Organisation zunehmend zur US-Politik und – in dem Fall unglücklich – zur Ermordung Kennedys äußerte, zudem entfernten vermehrt in der Öffentlichkeit auftauchende Vorwürfe über außereheliche Affären und Korruption gegenüber Elijah Muhammad ihn mehr und mehr von seinem einstigen geistigen Vorbild.
Im März 1964 gründete er mit der „Muslim Mosque Inc.“ seine eigene Organisation und erklärte seinen Austritt aus der „NoI“, mit ihr wollte er den politischen schwarzen Nationalismus forcieren, in den er den afrikanischen Befreiungskampf, insbesondere gegen die internationale Ausbeutung der „Dritten Welt“, mit einbezog.
Nach seiner Pilgerfahrt nach Mekka im April 1964 nannte er sich El Hajj Malik el-Shabbaz, schloss sich dem sunnitischen Zweig des Islam an, in dem Zug entlarvte er den unorthodoxen Glauben der „NoI“ als Irrlehre, was ihm den tödlichen Hass der „Nation“ einbringen und in seiner bis heute nicht restlos aufgeklärten Ermordung am 21. Februar 1965 in New York gipfeln sollte.

Britta Waldschmidt-Nelson analysiert vor allem den Wandel des radikalen Ansatzes der Rassentrennung und die vehemente Ablehnung jeglicher Zusammenarbeit mit weißen Bürgerrechtlern zu Beginn der politischen Aktivitäten hin zu einer moderateren Politik nach seinem Austritt aus der „Nation of Islam“, zu einer Öffnung gegenüber liberalen Weißen und insbesondere zu einer möglichen Kooperation mit Martin Luther King und seinem „Civil Rights Movement“, gestützt nicht zuletzt auf die von Malcolm X zusammen mit Alex Haley, dem Autor des Weltbestseller „Roots“, verfassten „Autobiography of Malcolm X“, die wenige Monate nach dem Tod des afroamerikanischen Aktivisten erschien.

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Beklemmend liest sich die Dokumentation der letzten Wochen von Malcolm X. Bei vollem Bewusstsein des möglichen Anschlags auf sein Leben, der da kommen sollte, schonte er sich nicht, nahm keine Rücksicht auf das eigene Leben und seine Funktion als Ehemann und Familienvater, in dieser Radikalität vielleicht nur vergleichbar mit der letztendlich sinnlosen Aufopferung des argentinischen Revolutionärs Ernesto Che Guevara, der einige Jahre später im bolivianischen Hochland im Rahmen einer aussichtslosen Aktion den Tod finden sollte.

Wie auch Waldschmidt-Nelson in ihrem Nachwort bemerkt, ist der Einfluss von Malcolm X nach seinem Tod ungebrochen. 1966 kam es in den USA zur Gründung der „Black Panther Party“.
Während der Reagan-Ära verschlechterten sich die wirtschaftliche Situation in den afroamerikanischen Ghettos und die Rassenbeziehungen spürbar, dies fand nicht zuletzt Ausfluss in politisch radikaleren Texten von Rap-Musikern wie Public Enemy oder KRS-One, die sich auch inhaltlich auf den dynamischen Sprachstil von Malcolm X beziehen.
Bis heute ist das Bild der amerikanischen Gesellschaft in Großstädten unter anderem geprägt von weißem Rassismus, Polizeibrutalität gegenüber schwarzen Jugendlichen und der Verelendung der afroamerikanischen Unterschicht. Das Engagement für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit bleibt unerlässlich, hier spielt speziell in Bezug auf die Situation in den USA der in seiner letzten Lebensphase von Malcom X vertretene anti-rassistische Humanismus eine nach wie vor gewichtige Rolle.

„Ja, ich habe meine Rolle als ‚Demagoge‘ geschätzt. Ich weiß, dass Gesellschaften oft die Menschen umbringen, die geholfen haben, diese Gesellschaften zu verändern. Und wenn ich sterben kann, nachdem ich dazu beitragen konnte, die Dinge etwas zu erhellen und ein Stück der bedeutenden Wahrheit sichtbar zu machen, die dabei helfen wird, das bösartig im Körper Amerikas wuchernde Krebsgeschwür des Rassismus zu zerstören, dann ist Allah allein dafür zu loben. Nur für die Fehler bin ich verantwortlich.“
(Malcolm X, Autobiography)

Die Autorin Dr. Britta Waldstein-Nelson ist seit 2011 stellvertretende Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Washington, D.C. und seit 2013 Professorin für Amerikanische Geschichte und Kultur am Amerika-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München und hier zuständig für die Gebiete African American Studies, Race & Gender, Religionsgeschichte,
Soziale Reformbewegungen, Politik, Transatlantische Beziehungen und kultureller Transfer.