Matador

Reingehört (510): Steve Gunn

You think your life is so empty but it’s really so full
All the things you never thought mattered
(John Cale, Where There’s A Will)

Steve Gunn – The Unseen In Between (2019, Matador)

In den letzten Jahren hat er mit seinen Solo-Arbeiten nicht als Veröffentlichungs-Weltmeister geglänzt, doch wenn er ablieferte, dann stets im Segment der gehobenen Qualität: „Brooklyn-based“ Songwriter und Ausnahmegitarrist Steve Gunn – mit den Appalachen-Traditionalisten von den Black Twig Pickers, in Experimental-Psychedelic-Kollaboration mit seinem langjährigen Kompagnon John Truscinski oder eben unter eigener Firma, wo Gunn draufsteht, ist erwartungsgemäß Erbauliches drin. Fügt sich bei seinem aktuellen, vor ein paar Wochen erschienen neuen Album „The Unseen In Between“ keinen Deut anders.
Seit seinem letzten Solo-Werk „Eyes On The Lines“ sind gut zweieinhalb Jahre ins Land gezogen, was Tiefenentspannung und völlig unaufgeregtes, unangestrengt virtuoses Songwriting wie Umsetzung in Sachen amerikanischer Folk- und Indie-Rock anbelangt, ist die Zeit am aktuellen Output von Steve Gunn weitestgehend spurlos vorübergegangen, Gottlob möchte man anmerken, eine willkommene Konstante in diesen wirren Tagen der Schnelllebigkeit.
Durch die neun Kompositionen weht oft mehr als nur ein Hauch von luftigem, wie locker aus dem Ärmel geschütteltem Psychedelic-Folk-Rock, der trotz seiner trügerischen Leichtigkeit nie den Tiefgang und die gewichtige Substanz dieser Americana-Perlen komplett zu verschleiern mag, dafür sorgt allein schon die auch für den Laien unverkennbare Könnerschaft des großen Gunn, explizit durch seine frei fließende, gleichsam in sich ruhende, behutsame Gitarren-Dominanz.
Die Nummer „Vagabond“ hat nichts weniger als Go-Betweens-Qualitäten, die Grant-McLennan-Abteilung, großartig melancholisch swingender Indie-/Country-Pop inklusive wunderschön verhallter Backing Vocals von Meg Baird und dezent singender Pedal-Steel-Gitarre, hätte in der Form ohne Zweifel auch der sonnigen „16 Lovers Lane“-Unbeschwertheit der hochverehrten Australier Ehre gemacht.
Die als Akustik-Ballade arrangierte Zuneigung zur zugelaufenen Katze „Luciano“ vermögen selbst die Streicher-Sätze nicht in die Niederungen des Kitsches zu ziehen, Steve Gunn erweist sich sich hier wie stets als Meister des Dezenten. „New Familiar“ glänzt mit dem vertrauten Cosmic-American-Flow, ein in Töne gegossenes Nachhause-Kommen und der Song für all jene, die von den Grateful Dead aus dieser Ecke sowieso schon alles kennen und eine runderneuerte, zeitlose Modernisierung des hypnotischen Frühsiebziger-Sounds mit offenen Armen willkommen heißen.
„The Unseen In Between“ ist Mitte Januar bei Matador Records in New York erschienen. Ein Album wie ein entspannter Tag ohne die großen Aufreger, ohne Gram und Hektik, der am Abend erfüllt Resümee ziehen und vor allem nichts vermissen lässt. „Heute ist ein guter Tag um zu sterben, denn alle Dinge meines Lebens sind anwesend“ hat einst ein weiser alter Native American tief zufrieden und zitier-tauglich zum Besten gegeben. Muss ja nicht gleich Exitus sein, morgen noch da sein ist auch sehr ok, und sei’s nur, um sich durch das reichhaltige, vor allem zutiefst bereichernde Steve-Gunn-Œuvre zu arbeiten…
(***** – ***** ½)

Reingehört (438): Yo La Tengo, Nap Eyes

Yo La Tengo – There’s A Riot Going On (2018, Matador)

Wenn’s nur eine exemplarische Scheibe von Yo La Tengo im Plattenschrank sein soll oder die, die man auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würde, die jüngst veröffentlichte wär’s wohl eher nicht. Die Band hat sich auf „There’s A Riot Going On“ was getraut, aber nicht alles ist gleich wohlgeraten, mit manchem Titel ging der Wurf nicht ins Ziel. Der instrumentale Einstieg zeugt von einer sanften Kraut-Psychedelic, die in der Form auch jeder Tortoise-Scheibe gut zu Gesicht steht, in diesem anregenden Minimal-/Postrock-/Electronica-Modus ergeht sich das Trio sporadisch noch einige Male im weiteren Verlauf, und dafür gebührt ihm Respekt. Der ein oder andere von Georgia Hubley in betörender, tiefenentspannter YLT-Manier geträllerte Indie-Pop-Song gefällt im sanften Flow in vertrauter Weise wie das von Ira Kaplan als latent dunkel funkelnder, im gemäßigten Uptempo-Shoegazer-Anschlag vorgetragene „For You Too“, und mit der dezent experimentellen und überaus gelungenen Instrumental-Nummer „Above The Sound“ drängt sich die Vermutung auf, dass während der Aufnahmepausen die ein oder andere Sun-Ra-Scheibe im Geiste von „Space Is The Place“ das Studio beschallte und nachdrücklich Eindruck hinterließ, dagegen gibt es nix zu knurren. Gegen das beizeiten erklingende, belanglose, das Album zerklüftende Easy-Listening-Gedudel im Bossa-Nova- oder softem Jazz-Plätschern hingegen schon, ein mit jedem neuen Durchlauf sich unangenehmer gerierendes Geleier, bei dem zu Titeln wie „Let’s Do It Wrong“ ein boshaftes „Yö, den Vorsatz habt Ihr gut hingekriegt!“ durch die Hirnwindungen zuckt. Zwischen gepflegtem Ambient und gähnender Langeweile liegt ein tiefes Tal, dass die altgediente Formation aus Hoboken/New Jersey zu der Gelegenheit erst noch durchschreiten muss.
„There’s A Riot Going On“ ist unterm Strich gewiss nicht der Offenbarungseid, den die ein oder andere Combo aus dem Indie-Lager in jüngster Zeit geleistet hat, jedoch weit davon entfernt, Spitzenplätze im mittlerweile fünfzehn-teiligen Kanon der YLT-Longplayer zu beanspruchen.
Und woher dieser krampfhaft sich verrenkende, immer wieder auftauchende Versuch im Rahmen der Platten-Rezensionen kommt, die Querverbindung des Albums zum 1971er-Sly-Stone-Werk fast gleichen Titels herzustellen, muss man nicht verstehen. Protest, Verwerfungen und Unmut sind immer irgendwo am gären, in the US of A allemal. Gibt ja auch jede Menge Leute, die Huber, Maier, Müller oder Schmid heißen (oder Trump), und das sind Gottlob auch nicht alles die gleichen Deppen…
Yo La Tengo spielen am 9. Mai live in München vor bestuhltem Auditorium in den altehrwürdigen Kammerspielen, die eigene Absenz zwecks Reisegepäck-Schnüren und Aufbruch ein paar Stunden später in aller Herrgottsfrüh gen Flandern zwecks dreitägiger, schwer vermutlich weitaus einnehmenderer Postrock-Beschallung ist verschmerzbar…
(****)

Nap Eyes – I’m Bad Now (2018, Jagjaguwar)

Haben 2016 mit dem Vorgängerwerk „Thought Rock Fish Scale“ kaum vom Hocker gerissen, und bringen es mit dem neuen Auswurf noch viel weniger: das kanadische Quartett Nap Eyes übertreibt mit dem Titel des aktuellen Albums „I’m Bad Now“ hinsichtlich Selbsteinschätzung in keinster Weise, müsste aber, um der kompletten Wahrheit die Ehre zu geben, ein „Wir waren auch noch nie richtig dufte“ hinterherschicken. Gefälliger, spätestens nach dem dritten Song austauschbarer und beliebiger Indie-Songwriter-Pop, den bereits vor 30 Jahren Bands wie die geschätzten Go-Betweens oder der seltsame Lawrence und seine englische Combo Felt um Längen spannender, melodischer, emphatischer besungen drauf hatten. Wer braucht im Jahr des Herrn 2018 eine simpel gestrickte, sterbenslangweilige C-Klassen-Kopie vom dritten Velvet-Underground-Album?
(** ½ – ***)