Math-Rock

Reingehört (521): We’ve Got Muscles

We’ve Got Muscles – Phonotron (2019, Fluttery Records)

Drei junge Kölner nehmen mit der Namensgebung ihrer Combo die Klappe reichlich voll, ob sie damit als Street Fighting Men, FC-Ultras oder in der Fitness-Bude beim Gewichte-Pumpen immer oben auf sind, entzieht sich der Kenntnis, in Sachen Postrock und artverwandter Lautmalereien bleibt es hier nachweisbar nicht bei der unbescheidenen Band-Benennung: In Nachfolge zu ihrer Debüt-EP „HÆLLSTRŒM“ aus 2017 lässt das Trio We’ve Got Muscles den tonalen Bizeps auf „Phonotron“ einmal mehr spielen und damit den vollmundigen Worten Taten folgen. Für eine gute halbe Stunde zündet das Dreigestirn aus der rheinischen Domstadt ein prächtiges Feuerwerk an inspiriertem Flow und unvorhersehbaren Mutationen in der instrumentalen Postrock-Gangart, die oft und gerne den Schwenk hin zu fiebrigem Math-, krachendem Noise- und klassischem Indie-Rock nimmt, einhergehend sprunghaft mit spontanen, maßvollen Post-Metal/Core-Brachialandeutungen und Restspuren von sporadischen Electronica-Spielereien anreichert und damit in Summe eine gelungene musikalische Interpretation unserer reizüberfluteten, schnelllebigen Zeit in den Klangraum stellt.
Soundwände-Bauen, Spannungs-förderndes Hacken-Schlagen, Breaks und Tempi-Wechsel im permanenten Wandel, auch die Melodik und die Gemüter-erhebenden, dramatischen Momente werden nicht zu knapp aufgefahren, zumeist am oberen Intensitäts-Level unterwegs, mithin alles präsent an Zutaten, was ein taugliches Postrock-Album von internationalem Format braucht. Große Namen wie die kanadischen Postrock-Granden Godspeed You! Black Emperor oder das nordirische Mathrock-Quartett And So I Watch You From Afar werden im Vorfeld von der Plattenfirma bewerbend als Referenzgrößen in die Runde geschmissen, und tatsächlich gelingt es der jungen Formation auf den sechs neuen Kompositionen nicht selten, die hohe Messlatte mindestens zu erreichen und ab und an auch zu überspringen.
Das Musizieren des klassischen Bass/Gitarre/Schlagzeug-Trios ist ein ernsthaftes, Genre-umspannendes wie grundsolides Handwerken, der kölsche Jeck setzt allenfalls die Pappnase bei der erheiternden Betitelung von Nummern wie „Le Massacre du Printemps“ oder „Chasing Rabbits In An Underground Crossing Being Photographed By Japanese Tourists“ auf.
„Phonotron“ erscheint am 5. April beim kalifornischen Postrock- und Neoklassik-Label Fluttery Records.
(**** ½ – *****)

Ni @ Maj Musical Monday #94, Glockenbachwerkstatt, München, 2019-03-18

Zur 94. Ausgabe der monatlichen Experimental- und Postrock-Reihe Maj Musical Monday präsentierten die Veranstalter zum Wochenstart ein fraglos herausragendes konzertantes Highlight in der Münchner Glockenbachwerkstatt: Das französische Jazzcore-Quartett Ni aus Bourg-en-Bresse gab sich zur Promotion des jüngst erschienenen Albums „Pantophobie“ im Bürgerhaus an der Blumenstraße die Ehre, das Münchner Konzertvolk ließ sich in dem Fall nicht lumpen, zog mit gebührendem Andrang löblich nach und sorgte für den verdientermaßen vollen Saal.
Bereut dürfte den Besuch an diesem Abend niemand haben, der neue Tonträger sorgte bereits im Vorfeld für angetanes Aufhorchen und höchst positive Würdigungen, dieser aus der Konserve gewonnene Eindruck sollte sich beim Ortstermin über die Maßen bestätigen. In der Live-Präsentation trieben die vier jungen Franzosen ihre explizites Wechselspiel an tonalen wie atonalen Elementen auf die Spitze, was sich auf den aktuellen Studio-Aufnahmen an Intensität bereits mehr als nur andeutet, bekommt die Hörerschaft im Ni-Konzert in verschärfter, noch weitaus radikaler und kompromissloser Form hochpotenziert um die Ohren geblasen.
In den ersten Stücken eingangs mit experimentellen Sprach-Samplings als Ouvertüre, als die sprichwörtliche trügerische Ruhe vor dem Sturm, schwang sich das Quartett zu ungeahnten Höhen an lärmenden Experimental-Gebilden auf, in einer Hochdruck-Betankung des Saals mit dem scharf geschnittenen Stakkato und der vertrackten Polyrhythmik des Math-Rock im Verbund mit einer energisch und gezielt zupackenden Spielart des Hardcore-Punk, der an die eindringlichsten Momente des legendären kanadischen Trios NoMeansNo anknüpfte. Das konstruiert Komplexe, Verkopfte der weitschichtig mit dem Jazzrock verwandten Math-Spielart wurde mittels Spontaneität und ungebändigtem Spielwitz der Musiker hinweggefegt, das mit Wucht vorgetragene, ungezügelte Hochfrequenz-Trommeln und der intensiv treibende Bass von Nicolas Bernollin und Benoit Lecomte gereichen jeder renommierten Metal-Band zur Ehre, das Flinke, die herausragenden Fingerfertigkeiten und die unkonventionelle Saiten-Behandlung der beiden Gitarren-Hexer Anthony Béard und François Mignot wären alleine einen eigenen Diskurs wert.
Ni präsentierten sich bei allem Ungestüm im musikalischen Gewerk als exzellent aufeinander abgestimmte Einheit, die erratischen Breaks der Gitarren-Riffs, die überlagerten, gegenläufigen Kurz-Soli und ihre unvorhersehbaren Tempi-Wechsel, die Kunst-Pausen als plötzliche Momente der Stille vor den nächsten Noise-Exzessen und ihre abrupten Enden kamen knackig frisch und auf den Punkt exakt im Band-Verbund gespielt. Hier war eine technisch herausragend geübte, versierte wie in der Umsetzung der Ideen inspirierte Formation am extrovertierten Musizieren, die mit ihren instrumentalen Turbo-Wirbeln Bauchgefühl und Verstand der Hörerschaft gleichermaßen herausforderte wie bereicherte. Der Jazz im klassischen wie weitläufigen Ansatz ist in diesem Taifun vom ersten Beben an den Weg alles Irdischen gegangen, Ni erschaffen mit ihren im Experiment vorwärts gewandten Radikal-Kompositionen ein eigenes Universum an rigoros umgesetzten Crossover-Ideen.
Glückliche Gesichter bei Musikern und Publikum zum Ende hin, der hoch energetische Instrumental-Exzess wusste völlig zu überzeugen und ließ die gut 80 Minuten an ultra-heftiger Progressive-Eruption kurzweilig wie im Flug vergehen, die Band gewährte ob des frenetischen Jubelns aus dem Auditorium bereitwillig eine Handvoll an Zugaben – die finale Nummer setzte sich dem Vernehmen nach thematisch mit dem Defensiv-Verhalten im Fußball auseinander, der Vehemenz des Werks nach zu urteilen wohl nicht nur mit fairen Mitteln (deutet man die Erklärungsversuche zum Stück von Bassist und Band-Sprecher Lecomte richtig), hier ließ die Band tatsächlich ihre Qualitäten in Sachen Jazz-Rock aufleuchten und beeindruckte mit groovenden Bass-Läufen, freiem Getrommel und einer enthärteten Gangart im erratischen Anschlag der Gitarren. Würde der jeweilige Herzens-Verein beim Gekicke defensiv so exzellent organisiert und engagiert verteidigen, wie Ni mit ihrem enthusiastisch überbordenden Noise-Flow attackieren, es gäbe kaum mehr Tore zu vermelden im Liga-Betrieb.
Der Maj Musical Monday Numero 94 wird durch den Auftritt der entfesselten Franzosen als einer der allererinnerungswürdigsten Abende in die Geschichte der Serie eingehen, weit über das laufende Konzertjahr hinaus bedacht. Mit dieser Einschätzung läuft man kaum Gefahr, die Klappe großmaulig allzu weit aufzureißen. Punktum.

Maj Musical Monday #95 findet am 15. April an gewohnter Stelle im Konzertsaal der „Glocke“ statt, 20.30 Uhr, Blumenstraße 7, München. Unter dem Motto „MMM goes Riff Groove Rock“ wird die kroatische Grunge/Stoner-Band Sloanwall aus Zagreb auftreten.

Reingehört (520): Trigger Cut

Trigger Cut – Buster (2019, Bandcamp)

Phoenix aus der Asche, die Metapher drängt sich in dem Fall förmlich auf: das Stuttgarter Noise-Rock-Trio Buzz Rodeo um den unermüdlichen Band-Motor Ralph Ralph – a musician so nice, you have to spell him twice ! ;-)) – ist im vergangenen Jahr während einer laufenden Konzertreise aufgrund persönlicher Diskrepanzen zum allseits großen Bedauern den Weg alles Irdischen gegangen, mit neuer Begleitung, neuem Namen und mächtigem Ingrimm kehrt der Gitarrist mit der imposanten Barttracht und der lauten Ansprache zurück in den Ring, beim Comeback unter der Firma Trigger Cut wird er vom Münchner Haikkonen-Drummer Sascha Saygin und Bassist Daniel Wichter kongenial begleitet.
Zehn weitere Tonal/Atonal-Attacken also, auf dem in Kürze erscheinenden Band-Debüt „Buster“. Die neue Rhythmus-Abteilung gibt mittels virtuosem wie stramm zuschlagendem Trommel-Takt und dröhnender, scheppernder Bass-Wucht bereits gewaltigen Druck auf den Kessel, mit Pascal-Werten kurz vor dem Bersten, die Nummer zum Explodieren bringt Frontmann Ralph mit einer geschliffenen, kompromisslosen Härte in den ruppig angestimmten Gitarren-Akkorden, die Rasiermesser-scharf, wie unnachsichtige Hiebe mit dem Ochsenfiesel auf die sinnliche Wahrnehmung einschlagen, erschreckend und Nerven-anspannend wie unvermittelt aufflammende Suchscheinwerfer an verwüsteten Kriegsschauplätzen. Ausschmückende, ergiebige Soli sucht man im Alternative Rock von Trigger Cut vergebens, die staubtrocken angeschlagenen Stahl-Saiten suchen die Balance zwischen ruckartigem, abgehacktem Stakkato und einem permanent drohenden Hinüberkippen ins verstörend Dissonante. Um Schönheit im landläufigen Sinn geht es hier nicht, „Sänger“ Ralph Ralph will vielmehr der ungebändigten Wut Stimme und Ventil geben, bevor sie das Innerste zersetzt, mit unverstellt in die Welt geplärrten und geblafften Parolen, kurzen, griffigen Ansagen, nicht selten einen ohnmächtigen, inhaltlosen Schrei der Verzweiflung mit Nachdruck hinterherjagend.
Mit Neusprech-Firlefanz wie „Noise Cancelling“ oder ähnlichem Gewäsch mögen sich andere in diesen Zeiten der zunehmenden Hektik und des Furors auseinandersetzen, das Ding des Trios ist derlei nicht im Entferntesten, Trigger Cut wollen laut, heftig und eindeutig sein, auf „Buster“ bleibt es nicht beim Wunsch, hier werden in Sachen tonale Interpretation des täglichen Wahnsinns massive Pflöcke eingeschlagen: das auf Tonträger gepresste, lautstarke Empören über eine Welt, die in vielen Belangen mehr und mehr der völligen Verblödung anheim zu fallen scheint. Weit mehr energischer ist Entsetzen kaum vorstellbar in Noise-Rock-Songs zu skizzieren.
Das herrlich lärmende Songwriting des süddeutschen Trios ist auf Weltmarktführer-Niveau und muss sein Licht weder vor dahingeschiedenen noch aktiven Formationen aus dem Kanon der alternativen und unabhängigen Krach-Musikanten unter den Scheffel stellen.
Das geneigte Münchner Konzert-Volk durfte sich bereits im vergangenen Januar bei der Live-Premiere im Kafe Marat von der erschütternden Kompromisslosigkeit dieses brachialen, aus Postpunk, Noise und No Wave geborenen Mördermonsters überzeugen, der Rest der Welt hat demnächst per Konserve Gelegenheit zur anregenden Gehörgang-Spülung – „Buster“ kommt in Eigenregie als DIY-Release Anfang April im CD-Format und passenderweise am „Tag der Arbeit“ zum 1. Mai in einer limitierten Vinyl-Auflage von 500 Stück jeweils über die Online-Plattform Bandcamp zugestürmt. Greifen Sie beherzt zu, wie es auch die Musiker auf diesem Tonträger tun. Und dann, bitte: play it loud !!!
(***** – ***** ½)