Melvins

Reingehört (147)

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Mike & The Melvins – Three Men And A Baby (2016, Sub Pop)
Der Bassist und Sänger Mike Kunka machte ab 1998 eine ganze Weile Urlaub von seinem Noise-Rock-Duo godheadSilo, 1999 vertrieb er sich die Zeit mit seinen Kumpels von den Melvins in der damaligen Besetzung Osborne / Crover / Rutmanis und spielte mit ihnen das Material für ‚Three Men And A Baby‘ ein, 17 Jahre gammelte die Rohfassung in den Archiven, ehe sich die Beteiligten im letzten Jahr für den letzten Schliff am Gesamtwerk zusammenbequemten.
Das Quartett bietet Noise- und Sludge-Metal in seiner ganzen Pracht, Speed-Gitarren-Geschrubbe gibt sich mit trance-artigen Metal-Drones und Bass-lastigen, entfernt Soul-verwandtem Grunge der alten Big-Chief-Schule die Klinke in die Hand, und gegen Ende des Albums werden auch altgediente Melvins-Fans glücklich durch Verabreichung der ruhigstellenden, zähen und tempo-reduzierten Black-Sabbath-Härte.
11 Eigenkompositionen und „Annalisa“ als stumpf durchgeknüppelte Coverversion, im Original auf dem PiL-Debüt ‚Public Image: First Issue‘ (1978, Virgin) zu finden, John Lydon aka Johnny Rotten merkt in seiner vor kurzem bei Heyne erschienenen Autobiografie unter anderem folgendes zu dem Stück an: „‚Annalisa‘ handelt von einem jungen Mädchen aus irgendeinem Kaff in Deutschland, das sterben musste, weil die Eltern der katholischen Kirche erlaubten, an ihm einen Exorzismus durchzuführen. Das arme Mädchen wurde Opfer des bescheuerten Milieus, in dem es lebte – eine Kleinstadt voller Kleingeister. Denn wahrscheinlich war das einzige Problem die Pubertät und ihre normalen Begleiterscheinungen: Identitätssuche, Rebellion und natürlich das Entdecken der Sexualität.
Schwerer Stoff, den man auch bei den Melvins in verantwortungsvollen Händen weiß und der zur düsteren Grundstimmung des Albums einen weiteren Aspekt hinzufügt.
(**** ½ – *****)

Melvins + Big Business @ Hansa39, München, 2015-10-05

Stoner Metal/Sludge Metal/Drone Metal/Alternative Metal/Noise Rock/Grunge/Hardcore Punk, wie immer man das nennen mag, jedenfalls gab es am Montag von dem Zeug reichlich auf die Ohren im Münchner Feierwerk beim schon fast traditionell-alljährlichen Stelldichein der Grunge-Urgesteine Melvins, deren Vorprogramm die eine Hälfte der Band wie auch in der Vergangenheit schon des Öfteren als Big Business bestritt, Bassist Jared Warren und Drummer Coady Willis bespaßten einige Zeit vor offiziellem Anpfiff die anfangs noch spärlich gefüllte Halle, die sich aber mit den ersten Tönen des Brachial-Sounds schnell bis Anschlag füllte.
Es ist immer wieder erstaunlich, welch Orkan-artige Wucht das Duo aus Seattle/Washington mit seinen beiden Instrumenten entfacht, Trommler Willis geht, wie auch im weiteren Verlauf des Abends bei den Melvins, von der ersten Minute an hohes Tempo, und was Jared Warren am Bass zaubert, dürfte so manchem Gitarristen ob der harten Riffs und der treibenden Akkorde Kopfzerbrechen bereiten. Freund Raimund stellte hinsichtlich musikalischer Darbietung Bezüge zur kalifornischen SST-Doom-Metal-Band St. Vitus her und da mag er nicht falsch liegen, die beiden Musiker bereiteten mit ihrem intensiven, hart auf den Punkt gebrachten Vortrag in jedem Fall optimalst das Feld für die anschließende Vollbesetzung.
(**** ½)

Big Business / Homepage

Jared Warren legte für das folgende Set das Sindbad-der-Seefahrer-Outfit an, der inzwischen vollbesetzte Saal wurde Pausen-füllend mit überlautem Jazz-Getröte beschallt und dann ging es direktemang weiter mit dem schweren Donner, dem Metal-Drone und dem Ur-Grunge der Melvins, Lärm-Götter, die mich auch schon mein halbes Leben begleiten, zum allerersten Mal vor über 20 Jahren konzertant genossen, als Nirvana ihr allerletztes Konzert gaben, seitdem immer geliebt und in Ehren gehalten. Der arme Kurtl wollte in jungen Jahren bei den Melvins anheuern und wurde an der Gitarre für zu leicht befunden, so will es die Legende wissen, vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wer weiß…
Dale Crover, der seit den Achtzigern im Gegensatz zu Cobain fast von Anfang an bei den Melvins mitmischen durfte und der mit Nirvana in der Zeit ihre ersten Demos einspielte, gesellte sich an das zweite Schlagzeug zum High-Speed-Getrommel und zusammen mit Mastermind/Gitarrist/Sänger Buzz Osborne zelebrierte das Quartett das erwartete brachial-intensive Soundgebräu, das so vieles an Einflüssen und später selbst Beeinflusstem enthält, was in dieser Musik-Gattung seit jeher gut und wichtig ist: die in die Neuzeit herübergeretteten, zähen, tonnenschweren Tony-Iommi-/Black-Sabbath-Riffs, den treibenden, fieberhaften Früh-Grunge/-Punk der Wipers (dem sie an diesem Abend mit einer furiosen, ans Original gemahnenden Version des Klassikers „Youth Of America“ Tribut zollten) und die atmosphärischen Metal-/Alternative-/Dark-Ambient-Drones von Bands wie Earth, Sunn O))) oder Neurosis.
Hinsichtlich Konzertdauer blieb die Band dieses Mal extrem unter Erwartung, weit von den gewohnt-üblichen 2 Stunden war am Montag nach 75 Minuten abrupt Schluss, Bassist Jared Warren türmte zentral am vordersten Bühnenrand – zur Abschottung vom Publikum??? – seine Box, Guitar Amp, Koffer und Bass auf, klatschte final sein verschwitztes Shirt drauf und das war’s dann. Weird Scenes Inside The Goldmine…
(*****)

Melvins / Homepage

Das letzte Nirvana-Konzert

When She Sang About A Boy
Kurt Cobain
I Thought What A Shame It Wasn’t About
Tom Verlaine
(The Go-Betweens, When She Sang About Angels)

Dieses Jahr hat sich das letzte Nirvana-Konzert ever zum zwanzigsten Mal gejährt. Die Band spielte ihren finalen Gig am 1. März 1994 im Terminal 1 im alten Münchener Flughafen. Die Vorfreude war damals groß, zumal mit den Melvins eine absolute Ausnahme- und Kurt-Cobain-Lieblings-Combo das Vorprogramm bestreiten durfte. Die Bande um Buzz Osborne hatte im Jahr zuvor ihr Meisterwerk „Houdini“ veröffentlicht, einem gelungenen Konzert-Abend konnte eigentlich nix mehr im Wege stehen.
Leider weit gefehlt.
Kaum waren die Melvins auf der Bühne und begeisterten mich mit ihrem zähen, black-sabbathianischen Ur-Grunge, setzten geschätzte 90% des Publikums mit Pfeifen, Buhen und Eintrittskarten-Rumwedeln ein und versuchten, die Combo zu vorzeitigem Beenden ihres Gigs zu nötigen. Der Fluch des Nirvana-Charterfolgs. Ich vermute, der Großteil der Konsumenten hatte sich nur wegen „Smells Like Teen Spirit“ eine Karte gekauft, spätestens hier war klar, dass Nirvana ein größeres Problem mit ihrem Publikum hatten: viele falsche Fans folgten der richtigen Sache.
Die Melvins haben in mir an diesem Abend jedenfalls einen Freund fürs Leben gefunden.
Ein weiteres Problem des Hauptacts war bei der Veranstaltung offensichtlich: Der Nirvana-Auftritt war lustlos, die Band war ausgebrannt, vom Erfolg überrannt, der Tour-Stress und die Drogen (bei Kurt Cobain) taten ihr Übriges.
Das Konzert wurde ohne große Freude runtergeschrammelt und die Band nahm Rache am Ignoranten-Publikum, indem sie auch bei der Zugabe den „Teen-Spirit“-Vortrag verweigerten.
Das bereits ausverkaufte Münchner Zusatzkonzert am folgenden Tag wurde abgesagt, der Rest der Geschichte ist bekannt.

Analog zu Ian Curtis bzw. Joy Division/New Order formierte sich nach Nirvana mit den Foo Fighters eine mittelmäßige, höchst durchschnittliche Nachfolger-Kapelle, die bei mir nie so richtig Freude aufkommen ließ.
Auch mit den Nirvana-Studioscheiben bin ich zunehmend mehr auf Kriegsfuß, bei gelegentlichem Hören empfinde ich viele Stücke – mit Ausnahme einiger Perlen – uninspiriert im Vortrag, streckenweise geradezu langweilig. Toll finde ich immer noch die „MTV-Unplugged“-Platte, hier passt alles, eine hervorragende Songauswahl, beseelter Vortrag und die Kirkwood-Brüder von den Meat Puppets durften damals auch mitklampfen. Vom „Swingin‘-Pig“-Label habe ich eine sehr gut aufgenommene Bootleg-CD im Bestand, „Live In Seattle ’93“, hier ist die unbändige, raue Energie der Band zu spüren, die beim allerletzten Nirvana-Konzert in München so schmerzlich vermisst wurde.

Kleine Anekdote zum Schluss: Freund Raimund hat die Band 1989 bei ihrer ersten Deutschland-Tour zusammen mit Tad gesehen, dem Vernehmen nach in wesentlich spielfreudigerer Laune. Nach dem Konzert stand er neben Kurt Cobain am Tresen des Circus Gammelsdorf. Seit er diese Geschichte in seinem jüngeren Verwandten- und Bekanntenkreis zum Besten gegeben hat, wird er von den Nachgeborenen verehrt wie ein Halbgott…. ;-))