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mewithoutYou + The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die @ Kranhalle, München, 2016-01-27

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Emo-/Postrock-/Postcore-/Indie-Vollbedienung am vergangenen Mittwochabend in der gut gefüllten Feierwerk-Kranhalle, dafür gar die zweite Halbzeit des Handball-EM-Dramas gegen die Dänen sausen lassen, aber „die unsern“ haben es ja auch ohne Mitfiebern vor der Glotze gepackt (bis ganz zum Schluss, wie wir seit gestern wissen ;-))), und was die beiden Ami-Combos an dem Abend ablieferten, war weit mehr als eine genehme Alternative zum Ballgefummel.
Den Auftakt spielte das bereits vor kurzem durch ihr aktuelles Album ‚Pale Horses‘ (2015, Cooking Vinyl) äußerst angenehm aufgefallene Quintett mewithoutYou aus Philadelphia/Pennsylvania, den guten Eindruck, den der mittlerweile sechste Longplayer der Combo um die Brüder Aaron und Michael Weiss hinterließ, untermauerte die Live-Präsentation auf das Vortrefflichste.
Die Band zelebrierte ihre ureigene Vision des von Indie-Folk beeinflussten Emo-Postrock, gespickt mit feinsten Alternative-Rock und Post-Hardcore-Elementen, die bei näherem Hinhören viele verspielte, verschlungene Pfade und Schnörkel bieten, ohne auch nur im Entferntesten verspult oder verkopft zu wirken. Das spannende musikalische Gebräu wird vom leidenschaftlichen Gesang des Vorturners Aaron Weiss begleitet, dessen Organ in seinen intensivsten Momenten latent an Conor Oberst/Bright Eyes erinnert. Hin und her gerissen zwischen schierer Verzweiflung und sich emotional entladender Euphorie gibt Weiss dem jeweiligen Seelenzustand auch in seinem Bühnengebaren Ausdruck, in sich zusammengesunken kauert er auf dem Bühnenboden, um im nächsten Moment ins andere Extrem verfallend wild über die Bretter zu heizen, möglicherweise ist seine Derwisch-hafte Intensität dem Sufi-Mystizismus geschuldet, der im Weiss’schen Elternhaus nach Konvertierung vom jüdischen Glauben zum Islam praktiziert wurde.
Wie auch beim folgenden Hauptact war nach einer guten Stunde Feierabend, nachdem ein schwer enthusiastisches „Rainbow Signs“ auf das beglückte Publikum einstürmte, es waren sich alle einig, dass ein verlängerter Vortrag der Band auf viel Gegenliebe im Saal getroffen wäre…
(*****)

mewithoutYou / Homepage

Bei The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die fiel dann nicht nur der Bandname opulenter aus, die achtköpfige Gruppierung aus Willimantic/Connecticut trat für die Fortsetzung des Abends mit sage und schreibe vier Gitarristen an, Keyboarderin Katie Shanholtzer-Dvorak sorgte optisch und akutisch für Ästhetik, während sich die Gitarrenwände im Saal, Welle für Welle, aufbauten, ein ebenfalls hochemotionaler Mix aus entfesseltem Postrock, schweren Core-Geschützen und leidenschaftlichem Gesang des Schwergewichts David Bello, der mit latent brüchiger Stimme an Sanges-Kollegen wie Efrim Menuck/Silver Mt. Zion, Craig Wedren/Shudder To Think und den frühen Peter Gabriel denken lies.
Die seit 2009 aktive Formation benennt Bedhead, die Math-Rock-Band Don Caballero, Sun Kil Moon und – Achtung – mewithoutYou als Einflüsse, konzertant sorgt das spannende Sound-Gebräu in seiner experimentellen Variante des Emo-Core wiederholt für ähnlich erhabene Momente, wie sie Größen vom Format der Postrock-Götter Mono oder Godspeed You! Black Emperor in jüngster Vergangenheit zu präsentieren vermochten.
Wegen der Vorband hingegangen, die alle in sie gesetzte Erwartungen erfüllte, und dann auch noch einen exzellenten Hauptact erwischt, was will man mehr.
(*****)

The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die / Homepage

Reingehört (92)

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Protomartyr – The Agent Intellect (2015, Hardly Art)
Herrliche, neue Scheibe der Post-Punk-Könner aus Detroit/Michigan, die Dominanz des Gang-Of-Four-Sounds vom Vorgänger-Album ‚Under Color Of Official Right‘ (2014, Hardly Art) ist deutlich zurückgenommen zugunsten eines energiegeladenen, treibenden Pop-Ansatzes, wie man ihn vergleichbar von frühen Aufnahmen der Londoner Art-/Post-Punk-Pioniere Wire kennt, im Albumtitel lassen die Bandmitglieder den Geistesmenschen raushängen, „an ancient medieval philosophical questioning of how the mind operates in relation to the self called active intellect and also know as agent intellect among it’s various names”, musikalisch geht es wesentlich weniger verkopft zur Sache, ambitioniert, lakonisch-treibend, ausgereift präsentiert das Quartett um den charismatischen Bariton des Sängers Joe Casey ihr neues Werk, und vielleicht klappt es diesmal mit einer Übersee-Tour, nachdem Anfang des letzten Jahres die bereits ausgegebenen Tickets wieder eingesammelt wurden.
Produziert hat ein gewisser Bill Skibbe (was treibt eigentlich der Michael derzeit?), der bereits auf Tonträgern von Fucked Up und der Jon Spencer Blues Explosion für knackigen Sound sorgte.
(**** ½)

Walter TV – Blessed (2015, Sinderlyn / Cargo Records)
Zweites Album eines kanadischen Trios aus Vancouver, welches mit nervös-rumpelndem, rauem Experimental-/Elektro-Indie-Pop durchaus neue Wege beschreitet. Talking Heads auf Speed, helltönender, scheppernd-schrammelnder Art-Independent-Rock und Garagen-LoFi-Charme geben sich die Hand auf diesem Do-It-Yourself-artigem Gebräu, das sich an manchen Stellen – vor allem im Chor-artigen, verzerrten Gesang – etwas konstruiert anhören mag, im Wesentlichen in seiner wackligen Verspieltheit aber doch Laune macht.
(*** ½ – ****)

mewithoutYou – Pale Horses (2015, Cooking Vinyl)
Das Indie-Rock-/Post-Punk-Quintett um die Brüder Aaron und Michael Weiss aus Philadelphia/Pennsylvania legte im Sommer ihr sechstes Album auf gewohnt hohem Niveau vor, schwerer, Bass-lastiger Post-Wave-Sound, Sprech-Gesang und schneidende Gitarren dominieren die düster-hymnischen Ausbrüche der Band, die Joy-Division-Fans ebenso begeistern dürfte wie Hörer, die von den Cure vor allem die frühen Werke und von den Editors nur die ersten beiden Alben schätzen. mewithoutYou treten am 27. Januar 2016 in der Münchner Kranhalle auf, zusammen mit der amerikanischen Emo-/Post-Punk-Band The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die.
(**** ½)