Mofro

JJ Grey & Mofro + Marc Broussard @ Technikum, München, 2015-03-21

Eine neue Münchner Konzerthalle, dachten wir, als wir uns am Samstag Abend in Richtung ehemaliger Kunstpark-Ost zum Mofro-Konzert aufmachten. Weit gefehlt, das „Technikum“ erwies sich als das sanierte, ehemalige „Metropolis“, eine mittelgroße Halle, die früher eher mit abgeranztem Charme glänzte und beispielsweise die wiedervereinigten Go-Betweens, die Cramps oder Dead Moon als Gäste beherbergte.
Verwunderung machte sich breit, JJ Grey und seine Mofro-Combo hätte man erwartungsgemäß in größeren Gemäuern verortet, die Halle war auch bei weitem nicht proppenvoll, Tickets waren am Vortag noch verfügbar und es nimmt wunder, dass eine Band von der Güte nicht größere Hallen füllt.

Bereits der Auftritt des Openers in Person von Marc Broussard aus Carencro, Louisiana, war aller Ehren wert, der Musiker, der sein Programm solo startete, benötigte gerade mal zwei Stücke, um den Saal zum Kochen zu bringen. Broussard, dessen Stil als „Bayou Soul“ bezeichnet wird, beeindruckte über die Maßen mit seinem gefühlvollen Gitarrenspiel und noch viel mehr mit seinem voluminösen Sanges-Organ, dass es mit jedem großen Soul-Star ober- und unterhalb der Grasnarbe aufnehmen kann. Im weiteren Verlauf des Auftritts unterstützte der Mofro-Musiker Anthony Farrell an den Keyboards den Vortrag Broussards, für das süffige, Little-Feat-artige, funky Soul-Rock-Finale ließen dann Drummer Anthony Cole, Bassist Todd Smallie und Gitarrist Andrew Trube erstmals an diesem Abend ihr großes Können aufblitzen. Eine Darbietung zum Auftakt, die die Messlatte für den weiteren Verlauf des Abends ganz hoch hängte.
(**** ½ – *****)

Marc Broussard / Homepage

Was dann im Folgenden nach kurzer Umbaupause von JJ Grey und seiner Band Mofro – die neben den bereits genannten Musikern aus zwei weiteren Meistern ihres Fachs, Dennis Marion an der Trompete und Art Edmaiston am Saxophon, bestand – für die nächsten zwei Stunden auf die Bühnenbretter gestellt wurde, war ganz großes Konzert-Kino und ließ abschließend keine Wünsche mehr offen. Jedes Mofro-Bandmitglied für sich ist ein exzellenter Musiker, wie durch diverse Soli unterstrichen und belegt wurde, im Verbund funktioniert die Band wie eine gut geölte Maschine, deren Spielfreude, druckvolle Darbietung und Improvisationskunst ihresgleichen sucht. Mit JJ Grey aus Jacksonville, Florida, agiert ein Bandleader in vorderster Reihe, der den perfekten Soul-Shouter, Crooner, Entertainer und Conférencier in Personalunion gibt. Das Programm bestand hauptsächlich aus neuem Soul-Material der aktuellen Veröffentlichung „Ol‘ Glory“, das vom Publikum ebenso frenetisch gefeiert wurde wie die älteren Klassiker, „Brighter Days“ und „Lochloosa“ seien hier exemplarisch genannt.
Zum Vergnügen des Publikums erschien Marc Broussard für das große Finale zum Sangesgiganten-Duett nochmals auf der Bühne und beendete zusammen mit JJ Grey und Mofro einen Abend, dem in Punkto grandioser Live-Musik, Bühnenpräsenz und enthusiastischem, beseeltem Vortrag nichts mehr hinzuzufügen war. Ergriffenheit pur allerseits und ein Fest für alle Soul- und Swamp-Blues-Fans, in dessen Verlauf man im Geiste des öfteren den Bourbon ins schwere Whiskey-Glas plätschern, Duane Allman ein letztes Mal um die Ecke biegen und den Alligator im Sumpfland hinter der Holzveranda grunzen hörte…
(*****)

JJ Grey & Mofro / Homepage

Get yourself entertained mit JJ Grey & Mofro sowie Marc Broussard am 24. März im Berliner Kesselhaus, am 25. März in der Kulturfabrik Roth oder am 26. März beim Rockpalast Crossroads Festival in Bonn.

Reingehört (40)

review-the-unthanks-songs-from-the-shipyards-diversions-vol-3

The Unthanks – Mount The Air (2015, Soulfood)
Vor acht Jahren, noch unter dem Bandnamen Rachel Unthank And The Winterset, beglückten sie die Folkwelt mit ihrem sagenhaften Tonträger „The Bairns“, um im Jahr 2009 mit „Here’s The Tender Coming“ ein ebenbürtiges Werk folgen zu lassen, dass sie auch seinerzeit bei der Konzertreise zur Platte höchst eindrucksvoll, unter anderem im Münchner Ampere, auf den Bühnen dieser Welt präsentierten. Danach schraubten The Unthanks qualitativ nur unwesentlich zurück mit dem Album „Last“ (2011), dem Soundtrack „Songs From The Shipyards“ (2012) und den beiden Tribute-/Live-Platten „Diversions, Vol. 1: The Songs of Robert Wyatt and Antony & the Johnsons“ (2011) und „Diversions, Vol. 2: The Unthanks with Brighouse and Rastrick Brass Band“, um nun in voller Pracht das neue Werk „Mount The Air“ in ihrer unnachahmlichen Mischung aus alten traditionellem, nordenglischem Folk und modernen Balladen zu veröffentlichen. Getragen vom einfühlsamen Piano-Vortrag von Adrian McNally, entwerfen die Unthank-Schwestern Rachel und Becky ihren melancholischen, erhabenen Choral-Gesang, eingebettet in schöne Bläsersätze und – weitaus häufiger – in reduzierten, tranceartigen Kammerfolk-Arrangements. Ein weiterer Meilenstein im Gesamtwerk der Unthanks und ein ganz heißer Anwärter für die Jahrescharts 2015.
(***** ½)

The Unthanks perform The Beatles – Sexie Sadie: https://embed.theguardian.com/embed/video/music/video/2009/sep/30/folk-the-unthanks2

JJ Grey & Mofro – Ol‘ Glory (2015, Provogue Records)
Auf die aus Jacksonville, Florida, stammende Southern Rock Band Mofro wurde ich erstmal durch die Glitterhouse-Veröffentlichung „Lochloosa“ im Jahr 2004 aufmerksam, damals bestand die Band aus dem Duo JJ Grey und Daryl Hance und beeindruckte auf besagtem Werk mit athmosphärischem, knochentrockenem, schwerem Swamp Blues, auf das Wesentliche reduziert und mit Coolness vorgetragen.
Inzwischen ist die Band in größerem Format unterwegs und hat ihr musikalisches Spektrum hinsichtlich Southern Rock, Blues und – auf dem aktuellen Werk „Ol‘ Glory“ – vor allem Siebziger-Jahre Old-School-Soul erweitert. Schwere Bläsersätze heben den Mofro-Sound in neue Dimensionen, der Swamp Blues und einige Gospel-Anklänge sind noch latent vorhanden, ansonsten dominieren schwere Rockakkorde und die Stimme JJ Greys klingt so sumpfig und schwarz, wie die Stimme eines Bleichgesichts nur klingen kann. Die ideale Beschallung für einen gepflegten Bourbon-Abend und der perfekte Mix aus alten Allman-Brothers-Aufnahmen (circa „Eat A Peach“) und dem heavy Soulgesang eines James Brown. Live am 21. März im Technikum, München.
(**** ½)

Hier die ergreifende Soul-/Rock-Ballade „The Sun Is Shining Down“ in einer intensiven Zehn-Minuten-Live-Version. Das Original findet sich auf der CD „Country Ghetto“ (2007, Alligator Records). Maximaler Sucht-Faktor garantiert!