Montreal

Reingehört (522): Efrim Manuel Menuck & Kevin Doria

„WE LANDED IN MEXICO CITY LAST FALL, WROTE THIS RECORD QUICKLY WHILE THE POLICE DROVE ROUND AND ROUND. FIRST SONG IS SELF-EXPLANATORY. 2ND SONG A STATEMENT OF INTENT. THIRD SONG IS AN EMPTY SPACE BETWEEN TWO HIGHWAYS. FOURTH SONG IS ABOUT A MURDERED FOREST. FIFTH SONG INSISTS THAT WE WILL WIN. HOLD ON. THO THESE TIMES ARE DARK TIMES. HOLD ON. – E.M.M./K.G.D (SING, SINCK SING)“

Efrim Manuel Menuck & Kevin Doria – are SING SINCK, SING (2019, Constellation Records)

Zwischen dem Trash-Komödianten aus dem Weißen Haus und dem kanadischen Premier knirschten die Misstöne in jüngster Zeit im (wirtschafts)politischen Gebälk, im weiten Feld der experimentellen Musik ist es um den nachbarschaftlichen Austausch im nordamerikanischen Grenzverkehr um einiges besser bestellt, im mindesten auf der demnächst zur Veröffentlichung anstehenden Kollaboration von Efrim Menuck und Kevin Doria. Der in Montreal beheimatete Menuck, weithin bekannt als maßgebender Mitbegründer und Protagonist der hochverehrten kanadischen Postrock-Kollektive Godspeed You! Black Emperor und Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, und der US-Amerikaner Kevin Doria von der in Brooklyn ansässigen Drone-Formation Growing gehen bereits seit geraumer Zeit gemeinsame Wege: Doria unterstützte den Kanadier bei den Live-Präsentationen seines 2018er-Albums „Pissing Stars“ und eröffnete die gemeinsamen Konzerte mit elektronisch-monotoner Electronica-Trance-Meditation unter seinem Pseudonym KGD, wie auch zu Gelegenheiten einige Auftritte von Efrim Menuck mit seiner GY!BE-Stammformation. Die gemeinschaftlichen Konzertreisen führten das Duo im vergangenen Herbst nach Mexico City, wo die Aufnahmen zu „SING SINCK, SING“ entstanden, der Titel des halbstündigen Debüts soll künftig auch als Band-Name für weitere Arbeiten der beiden profilierten Experimental-Musiker stehen.
Mit dem ersten Wurf aus fünf neuen, weitgehend formlosen Klanggebilden errichtet Kevin Doria eine tonale Klagemauer aus Ambient-Drones für das durch Hall und elektronische Filter verfremdete Lamentieren Menucks, mit dem er den empfundenen Schmerz und Missmut irgendwo zwischen resignierter Verzweiflung und hoffnungsvollem Aufruf zum Widerstand auslebt. Die fiebrig lichternden Trance-Drones, das aus Synthies, Oszillatoren und Amps entlockte Electronica-Zirpen mit gezielt dissonanter Sampling- und Loop-Behandlung an synthetisch erzeugten Abstrakt-Sounds liefert den freigeistigen Rahmen der Orchestrierung fern aller gängigen Song-Strukturen für den lyrischen, entrückten Vokal-Flow von Efrim Manuel Menuck – einem nahezu mystisch verbrämten, Kirchenlied-verwandten Sermon, von der anti-kapitalistischen Kritik im Widerstand zum industriell-militärischen Komplex und den pazifistisch-anarchistischen Anschauungen des Songschreibers geprägt.
In „Fight The Good Fight“ gewinnt der Sänger den Kampf gegen den permanent nach vorne drängenden und überlagernden Elektro-Smog, die Nummer schwingt sich zur nahezu ergreifenden Trance-Hymne auf und ragt als Leuchtturm der Hoffnung aus der Tempo-reduzierten, amorphen Ambient- und Drone-Masse, die einzige Nummer, in der Menuck eine an Euphorie angelehnte Stimmung aufkommen lässt in der diffusen Klang-Ambivalenz zwischen Licht und Schatten, selbst die schemenhaften Electronica-Wallungen der Maschinen erinnern zuweilen an synthetisch generiertes, erhebendes Dudelsack-Sturmgebläse und fügen sich damit einmalig in eine vertraute Form.
Die Single-Auskopplung „Fight The Good Fight“ wird am 23. April über die bekannten Streaming-Dienste veröffentlicht, das komplette Album „are SING SINCK, SING“ erscheint am 10. Mai beim kanadischen Indie-Label Constellation Records.
(**** ½ – *****)

Efrim Manuel Menuck und Kevin Doria werden am 31. Mai den zweiten Tag des dunk!Festivals im belgischen Zottegem als Headliner auf großer Zelt-Bühne beschließen, des Weitern sind sie im alten Europa zu folgenden Gelegenheiten zu sehen:

25.05.Biarritz – Festival Usopop
27.05.Limoges – Le Phare
01.06.Amsterdam – Best Kept Secret Festival
02.06.Barcelona – Primavera Festival
03.06.Poznan – LAS
04.06.Berlin – Arkaoda
06.06.Brussels – Botanique Rotonde
07.06.Diksmuiden – 4AD
09.06.Paris – Villette Sonique

Reingehört (483): Alexandra Stréliski

Alexandra Stréliski – Inscape (2018, Secret City Records)

Eines der Highlights im Leben von Alexandra Stréliski dürfte der Moment gewesen sein, als Matthew McConaughey 2014 zur Oscar-Verleihung für seine dort ausgezeichnete Hauptrolle in „Dallas Buyers Club“ schritt, zur Zeremonie in Los Angeles ließ das Orchester eine Melodie aus dem Soundtrack zum Streifen erklingen, komponiert von, genau, Alexandra Stréliski.
Die im kanadischen Montreal beheimatete Musikerin zeichnete in der Vergangenheit tatsächlich vor allem für Soundtracks in Filmproduktionen des Regisseurs Jean-Marc Vallée verantwortlich, neben dem erwähnten, mit einem Academy Award prämierten Kinofilm erklingt ihre Musik in dessen gefeierten HBO-Serien „Big Little Lies“ und „Sharp Objects“. Ihr Landsmann Vallée entdeckte Stréliski einst im Internet über ihr nur dort selbst veröffentlichtes Erstwerk „Pianoscope“ (2010) und engagierte daraufhin die junge Frau als federführende Tondichterin zur Untermalung seiner bewegten Bilder.
Dafür dürften sich vordergründig auch die elf Nummern ihres jüngsten, zweiten Albums „Inscape“ eignen, in erster Linie ist das wunderschöne und sehr getragene Piano-Instrumental-Gesamtkunstwerk jedoch eine Auseinandersetzung der Künstlerin mit sich selbst und ihrer individuellen Lebenssituation: „I had to go through various interior landscapes – hectic, beautiful and painful at the same time. I found myself in a space filled with grey areas that I didn’t know how to escape. A piano, on its own, is a very vulnerable thing, and I want to share this moment with the listener.“ Die Verarbeitung einer persönlichen Krise, die Reflexion über das Platzfinden im Leben und Erkennen der ureigenen Schwächen und Stärken manifestiert sich in neoklassischen Solo-Klavier-Arbeiten, die im ersten gehörten Eindruck in einer unbeschwerten Leichtigkeit vorgetragen scheinen und bei genauerer Begutachtung doch mit dem gebotenen, schwergewichtigen, erhabenen Tiefgang in der Auseinandersetzung mit der Thematik zu überzeugen wissen. Alexandra Stréliski beherrscht ihre elegische Melodik, den minimalistischen Tastenanschlag und die klare Klangsprache meisterhaft, präsentiert mit „Inscape“ schwelgerische, erhebende wie gleichsam dunkle, introvertierte, meditative Musik zur eigenen Kontemplation und reiht sich damit ein in eine Liga mit geschätzten und gewichtigen Solo-PerformerInnen wie Poppy Ackroyd, Jóhann Jóhannsson oder Richard Luke.
„Inscape“ erscheint am 5. Oktober beim kanadischen Independent-Label Secret City Records, das im vergangenen Sommer auch das Re-Release des Stréliski-Debüts „Pianoscope“ besorgte.
(*****)