Moondog

Reingehört (194): Sarah Davachi, John Duncan, Cabaret Contemporain

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Sarah Davachi – Dominions (2016, JAZ Records)
Monotoner Experimental-Ambient einer jungen Kanadierin aus Calgary. Die hypnotischen Drones, die Sarah Davachi auf antiquierten Synthesizern und Keyboards vor sich hin brummen lässt, entfalten beim Abhören auf der Heimanlage nur bedingt ihren Reiz. Begleitet von entsprechender visueller Ergänzung via Videoinstallation und/oder Illumination würde sich die Präsentation der fünf abstrakten Klangwerke gewiss um ein Vielfaches spannender gestalten. Sarah Davachi hat neben einem Master-Studium in Elektronischer Musik und Recording Media am Mills College in Oakland/Kalifornien als Bachelor in Philosophie an der Universität Calgary graduiert, was eine gewisse Verkopftheit in ihrem Klangbild erklären mag.
(*** ½ – ****)

John Duncan – Bitter Earth (2016, Ideal)
A man of many talents: Der 1953 in Wichita/Kansas geborene Installations-, Video- und Performance-Künstler John Duncan veröffentlicht seit 1978 zeitgenössische Avantgarde-Aufnahmen im Bereich Field Recordings/Kurzwellen-Sampling/Gesang, gelegentlich auch in Zusammenarbeit mit Ellioth Sharp oder dem spanischen Experimental-Spezialisten Francisco López.
Auf „Bitter Earth“ covert er sich mit Unterstützung von illusterem Begleitpersonal wie ex-Sonic-Youth Jim O’Rourke und dem australischen Noise-Multiinstrumentalisten Oren Ambarchi (Sunn O))), Merzbow) durch ausgewählte Perlen der amerikanischen Pop-Historie, die Bandbreite reicht vom Death-Party-Klassiker „The House On Highland Avenue“ des Gun Club bis zum Motown-Soul-Chartbreaker „Reach Out“ der Four Tops.
Sperriger Elektro-Wave, monoton-pochende, experimentelle Postpunk-Gerippe, reduzierte, rituell-hypnotische Gesänge, eingestreute Feldaufnahmen und spartanische Balladen prägen eine hörenswerte Song-Sammlung mit verfremdeten Coverversionen, die hinsichtlich der Originale neue Aspekte aufzeigen.
(**** ½)

Cabaret Contemporain – Moondog (2015, Sub Rosa)
Bereits Ende letzten Jahres erschienene Hommage der französischen Indie-, Krautrock- und Experimental-Combo Cabaret Contemporain an den „Viking of 6th Avenue“ – der als Moondog bekannt gewordene Minimal-Music-Pionier Louis Thomas Hardin wäre im Mai dieses Jahres hundert Jahre alt geworden.
Das Tribute-Werk des Quintetts konzentriert sich hier im speziellen auf ausgewählte Songs des Amerikaners, und es wäre in seiner Indie-Pop-artigen Instrumentierung mit E-Gitarre, Piano, Drums und 2 Bässen ein durchaus gelungenes geworden, würde einem der ätherische Singsang der beiden schwedischen Gast-Sirenen Linda Olah und Isabel Sörling auf Dauer nicht derart am Nerv bohren, so jedoch bleibt das Vergnügen über diesen im Grunde löblichen Ansatz ein eher überschaubares…
(*** – *** ½)

Moondog

Vergangene Woche privat im westfälischen Münster zugange, war es selbstredend meine heilige Pflicht, das Grab des von mir sehr verehrten amerikanischen Minimal-Music-Komponisten Moondog auf dem Münsteraner Zentralfriedhof zu besuchen.

Moondog wurde als Louis Thomas Hardin im Jahr 1916 in Marysville, Kansas, geboren. Im Alter von 16 Jahren verlor er beim Experimentieren mit Sprengstoff das Augenlicht.
Sowohl als Student als auch als Autodidakt kam er mit der klassischen Musik der Alten Welt in Berührung und erlernte das Spiel auf Violine, Viola, Piano, Orgel, den Chorgesang sowie Harmonielehre und Komposition.
1943 ging Hardin nach New York, wo er Musikergrößen wie Leonard Bernstein, Arturo Toscanini, Charlie Parker, Charles Mingus, Benny Goodman und den Beat-Dichter Allen Ginsberg kennenlernte. Seine frühen Arbeiten sind vom Jazz beeinflusst, den er für sich in eine ureigene, experimentelle Bahn lenkte.
Von den späten Vierzigern bis Anfang der siebziger Jahre lebte Hardin als Straßenmusiker, in dieser Zeit hielt er sich hauptsächlich an der 6th Avenue zwischen der 52. und 55. Straße auf, er trug dabei ein Wikingerkostüm und wurde so als „The Viking Of 6th Avenue“ zur lokalen Berühmtheit in Manhattan.
Das Hilton Hotel gab seine Adresse in Anzeigen eine Weile mit „opposite Moondog“ an.
Seinen Künstlernamen wählte er laut eigener Aussage zu Ehren eines Blindenhunds „who used to howl at the moon more than any dog I knew of.“
Im Laufe der Jahre tendierte sein Kompositionsstil mehr und mehr in Richtung Kontrapunkt-Minimal-Klassik, Größen des Genres wie Philip Glass oder Steve Reich bezeichnen die Arbeiten Moondogs als frühe Einflüsse.
1974 wurde der Komponist vom Hessischen Rundfunk für zwei Konzerte nach Deutschland eingeladen und blieb kurzerhand im Anschluss im Lande.

„Ich wollte ursprünglich gleich nach dem Konzert zurück. Als ich aber hier war, da war ich so beeindruckt von den Menschen, von ihrer Freundschaftlichkeit, ihrer Wärme, der ganzen Atmosphäre, dass ich mich entschieden habe, nicht mehr in die USA zurückzugehen.“
(Moondog)

In Hamburg, Hannover und Recklinghausen trat er weiter als Straßenmusiker auf, ehe ihn die Studentin Ilona Sommer in Oer-Erkenschwick unter ihre Fittiche nahm. Ilona Sommer gründete den Musikverlag ‚Managarm‘, in dem heute die meisten Werke Moondogs veröffentlicht sind.

Von seinen zahlreichen Werken möchte ich dem geneigten Hörer vor allem das Columbia-Album „Moondog“ aus dem Jahr 1969 ans Herz legen, hier entfaltet der Meister seine ganze Minimal-Klassik-Pracht, immer spannend und trotz des avantgardistischen Ansatzes jederzeit angenehmst anzuhören. Der Tonträger ist nicht zu verwechseln mit der Prestige-Aufnahme gleichen Namens aus dem Jahr 1956, Moondog zelebriert dort – ebenfalls sehr hörenswert – experimentelle Avantgarde-Musik und schräg-angejazztes Soundgefrickel.
Eine dringende Empfehlung ist das Spätwerk „Elpmas“ (1992, Roof), Moondog arbeitet auf diesem Vibraphon-dominierten Werk erst- und letztmals mit elektronischem Sampling (Elpmas: spell it backwards!), schlägt die Indianer-Trommel und erzeugt somit wunderschöne, meditative Soundlandschaften, die ihresgleichen suchen.
Eine wunderbare Übersicht über seine späten Jahre gibt die Doppel-CD „The German Years 1977 – 1999“ (2004, Roof), die die diversen Schaffensperioden des Meisters in ihrer kompositorischen Vielfälltigkeit in repräsentativen Klangbeispielen dokumentiert. CD 2 enthält das letzte Konzert Moondogs, dass er wenige Monate vor seinem Tod zusammen mit der französischen Pianistin Dominique Ponty auf dem M.I.M.I.–Festival in Arles/Süd-Frankreich spielte, der Querschnitt seiner Klavierwerke präsentiert Werke aus fünf Jahrzehnten jenseits jeglicher Konventionen.
Weitere Empfehlungen:
Moondog 2“ (1971, Columbia), wunderbare Weiterführung des 1969er-Meilensteins und in der Regel mit dieser im Doppelpack erhältlich.
A New Sound Of An Old Instrument“ (1979, Kopf/Roof), großartige, meditative Orgelklänge, hier kann der Bach-Freund seinen Horizont auf’s Angenehmste erweitern.
Sax Pax For A Sax“ (1997, Atlantic/Kopf/Roof), minimalistische Kammermusik und Experimental-Jazz, eingespielt mit dem ‚London Saxophonic‘-Ensemble im britischen Bath, unter Beteiligung des Multi-Instrumentalisten Danny Thompson (Pentangle, Richard Thompson) und von Peter Hammill, dem Kopf der englischen Prog-Rock-Institution Van Der Graaf Generator.

1999 ist Louis Thomas Hardin/Moondog in Münster im Alter von 83 Jahren an Herzversagen gestorben. Sein Grab liegt an der Mauer im neuen Teil des Münsteraner Zentralfriedhofs. Die Grabstätte ist zudem die letzte Ruhestätte seiner Förderin Ilona Sommer, die 2011 im Alter von sechzig Jahren verstarb.
Die Grabskulptur wurde vom Wiener Künstler Ernst Fuchs (der lebt noch!), einem engen Freund des Musikers, gestaltet.

„Seine Musik ist das Genialste, was es in der zeitgenössischen Musik überhaupt gibt. Sie ist von einer Präzision, da würde heute selbst Bach applaudieren.“
(Ernst Fuchs)