Muffatwerk

Hauschka + Valerio Tricoli @ frameworks festival, Muffathalle, München, 2017-03-08

Das Münchner frameworks festival findet jährlich seit 2011 statt und bietet ein Forum für experimentelle MusikerInnen zum unkonventionellen und innovativen Grenzgang in den Bereichen Avantgarde, Trance, Ambient, Elektronik und abstrakte Komposition.
Kuratiert und gestaltet wurde die diesjährige Veranstaltung von Dr. Daniel Bürkner und Christian Kiesler in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München, das wie stets durch finanzielle Unterstützung für kostenfreien Eintritt sorgte und die entsprechenden Mittel für die Präsentation eines Hochkaräters wie den Düsseldorfer Komponisten Hauschka zur Verfügung stellte, der Rahmen für das Hauschka-Konzert wäre im angestammten Einstein Kultur ein bei weitem zu eng gesteckter gewesen, und so wurde das Festival 2017 erstmals für einen Tag in der wesentlich größeren Muffathalle veranstaltet.

Der Italiener Valerio Tricoli eröffnete das diesjährige frameworks festival in der vollbesetzten Halle mit einer beeindruckenden Aufführung seiner digitalen Samples, die er mit Hilfe einer alten Bandmaschine in der Live-Aufführung analog vor Ort veränderte und kompositorisch neu zusammensetzte. Die im Alltag aufgenommenen Field Recordings, gesprochenen Dialoge und abstrakten Experimental-Drones formten sich aus einer atonal-undefinierbaren Ursuppe heraus zu einem beklemmenden, verstörenden Grollen, das sich in seiner extremsten Ausprägung in die Härten des kompromisslosen Industrial-Sounds steigerte, einem verheerenden Klanggewitter gleich, das wie das Donnern und Blitzen in der Natur die Umwelt erschüttert. In einer erlösenden Coda in Kirchenorgel-artigem Wohlklang geleitete Tricoli die Hörerschaft wieder zurück in sichere Gefilde und brachte die Aufführung zu einem friedlichen, versöhnlichen Ende, quasi die einkehrende Ruhe nach dem Sturm oder der herbeigesehnte Frieden nach dem verheerenden Krieg.
Eine zusätzliche Überraschung hatte Tricoli für die Festival-Macher bereits im Vorfeld parat: der gebürtige Sizilianer musste keine weite Anreise zur Veranstaltung in Kauf nehmen, der Experimental-Künstler lebt in der nördlichsten Stadt Italiens: München.
(**** ½)

Der Stargast des diesjährigen Experimental-Festivals erfüllte am Donnerstag-Abend alle hochgesteckten Erwartungen, die vermutlich bereits im Vorfeld in ihn gesetzt wurden, auf der selben Bühne, auf der er bei seinem München-Auftritt vor 2 Jahren mit Unterstützung von MusikerInnen der Münchner Philharmoniker das Publikum mit seiner einzigartigen Klangkunst in den Bann zog, legte Volker Bertelmann aka Hauschka solistisch erneut einen fulminanten Auftritt vor, mit Werken aus seinem demnächst erscheinenden neuen Album „What If“ und einer Auswahl an älteren Stücken nahm der Musiker mit Hilfe von programmierten Player-Pianos/Pianolas, digitalen Melodien- und Rhythmus-Samples und vor allem seinem beseelten Spiel am präparierten Flügel von Beginn weg gefangen, mit seiner unvergleichlichen Mixtur aus klassischer Minimal Music und den bereichernden Beigaben an Experimental- und Ambient-Elementen inklusive seinem kurzen, entspannt-sympathischem Vortrag an erläuternden Worten zu seiner Musik entführte Hauschka in wohlklingende, den Hörer dennoch stets fordernde Klangwelten, in die sich das begeisterte Publikum gerne mitnehmen ließ und in kontemplativ-meditative Aufmerksamkeit versank.
Für das letzte Werk in Form eines klassischen Piano-Stücks befreite der Komponist sein präpariertes Piano im laufenden Vortrag vom verwendeten Material, hochinteressant, was auf den Klaviersaiten an Tischtennisbällen, Rasseln, Tambourinen und allen möglichen anderen Elementen zur Erzeugung von experimentellem Klang Platz fand.
Allerspätestens bei der spontanen Zugabe, als Hauschka das Publikum zur Konversation und zum Anstoßen mit den Getränken während seines konzertanten Finales aufforderte, da er sich im dezenten Lärmpegel einer Gaststätte beim Musizieren besonders wohl fühle, allerspätestens da sollte auch dem letzten Konzertgast klar geworden sein, dass er an dem Abend einer außergewöhnlichen Aufführung beiwohnte…
(***** ½ – ******)

Der dritte Abend des frameworks festival 2017 findet heute im Einstein Kultur, München, Einsteinstr. 42, statt. Der Eintritt ist frei. Einlass ist um 19.30 Uhr.
Auftreten werden das Trio Sontag Shogun aus New York bzw. Montreal und das Kopenhagener Experimental-Kollektiv Den Sorte Skole.

Lee Fields & The Expressions @ Ampere, München, 2017-01-19

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Lee Fields, the „Little JB“: Arte/Tracks hat ihn vor kurzem in einem TV-Beitrag gewürdigt, Blogger-Freund Stefan Haase hat ihn in der ersten Ausgabe der „Soul Family Tree“-Serie vorgestellt, der treue Konzertbegleiter Anton hat die Diskussion über den angedachten Konzerttermin mit einem beherzten „Soul muss auch mal wieder sein!“ entscheidungsfreudig in die richtige Direktion gelenkt, insofern: Pflichttermin Hilfsausdruck, um mal wieder den guten Wolf Haas zu bemühen.
Der kleine James Brown – was das Energiebündel aus North Carolina am vergangenen Donnerstag an Bühnenpräsenz, Vokalkunst und purer Live-Energie auf den Brettern des Münchner Ampere präsentierte, muss die Vergleiche mit den großen Legenden des Soul-Genres in keinem Fall scheuen, der seit 1969 im Musik-Business aktive Lee Fields hielt sich mit seiner Interpretation des zupackenden Soul/R&B nicht groß bei Balladen-haftem Schmalz auf, einem Dampfkessel gleich, der permanent zu bersten droht, steigerte sich der geborene Entertainer in einen Rausch aus beseelter Soul-Predigt, abgrundtief aus Herz und Bauch kommendem Blues und energiegeladenen Tanz-Moves, in denen dem 65-jährigen manch Junger nicht das Wasser reichen kann, dabei hatte Fields den ausverkauften Saal des Ampere von Beginn an im zupackenden Griff, wie es nur den ganz großen Unterhaltungskünstlern dieser Welt beschieden ist.
Das Entladen des Drucks war von Minute zu Minute mehr spürbar, dabei wurde der Vulkanausbruch des Kraftpakets getragen von einer erstklassig eingespielten Band, der wuchtige Bass mit seinen schweren Funk-Grooves bildete die Klammer für die druckvolle Trommel, den tiefen Klang der New-Orleans-Orgel, die virtuosen Gitarren-Blues-Licks und die wunderbar auf den Punkt gespielten, beseelten Bläsersätze der Expressions, einer Band, die in der Wesensart eines uralten, gut geölten, verlässlichen Motors die perfekte Balance hielt zwischen grundsolider Perfektion und tief empfundener Adaption der Ecken und Kanten, des Schmerzes und der Freuden des Soul – und nicht zuletzt eine versierte Combo, die das Konzert über die einen Tick zu häufig auftretenden Untiefen der Mitsing- und Clap-Your-Hands-Passagen zu geleiten wusste.
Das schwer euphorisierte, in einem derartig entrückten Zustand lange nicht mehr erlebte Publikum mochte Lee Fields und seiner Band die kurze Konzertdauer von 75 Minuten verzeihen, speziell der vor Energie geradezu berstende Frontmann hat in dieser Zeit nicht weniger als alles gegeben und damit den ausverkauften Saal in dieser eiskalten Münchner Winternacht in einen dampfenden, kochenden, explodierenden Südstaaten-Kessel verwandelt. Praise & Respect.
(*****)

Lee Fields und seine Band hauen während ihrer Europatournee in unseren Landen zu folgenden Gelegenheiten noch einen raus, wer an ein Ticket rankommt, sollte sich das auf keinen Fall entgehen lassen:

23.01.Düsseldorf – Zakk
24.01.Berlin – Columbiatheater
25.01.Hamburg – Mojo

Wovenhand + Emma Ruth Rundle @ Ampere, München, 2016-09-21

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Anfang/Mitte der Neunziger trieb in München mal eine Artcore-Band mit dem genialen Namen Schwermut Forest ihr Unwesen, das kaum genießbare Gedöns musste man seinerzeit das ein oder andere Mal im Vorprogramm von großen Indie-Nummern wie etwa Fugazi hinter sich bringen, aber wie gesagt, der Band-Name: sensationell.
In derart düsteres Gehölz führte uns auch ohne Umschweife am vergangenen Mittwoch die bezaubernde Songwriterin Emma Ruth Rundle aus L.A./California im Vorfeld zum anstehenden Wovenhand-Orkan, und aus diesen Wäldern sollten wir für den Rest des Abends nicht mehr so richtig herausfinden.
Neben ihren solistischen Arbeiten ist Rundle bei der amerikanischen Postrock-Institution Red Sparowes, der Experimental-Band Marriages und der Slowcore-Combo Nocturnes aktiv, die Gute kommt rum…
Die junge Frau von der amerikanischen Westcoast hat beim Verfassen ihrer Werke offensichtlich alles andere als Sonnenschein im Herzen, ihre Folksongs künden von der dunklen Seite des Lebens, spartanisch, hart und zupackend im Gitarrenanschlag, im weiteren Verlauf des Konzerts begleitet und bereichert durch die schwere Melancholie des Violinenspiels, verzweifelt, klagend, hypnotisch, mit dem Schicksal hadernd ist der Gesang der Amerikanerin, der irgendwo zwischen hoffnungsloser Entrücktheit, der intimen, mitternächtlichen, stimmlich-dunklen Erotik von Hope Sandoval/Mazzy Star und halluzinierender Pop-Psychedelic wandert.
Mit ihrem halbstündigen Vortrag sorgte Emma Ruth Rundle für eine der angenehmsten Überraschungen in jüngster Zeit hinsichtlich Konzert-Vorprogramm, der düstere Folk hätte auch über eine längere Distanz getragen, das begeisterte Publikum wäre mit Andacht dabeigewesen.
(**** ½ – *****)

Das Herantasten und Heranführen des Publikums an den Kern des eigenen musikalischen Kosmos war auch das Ding von David Eugene Edwards und seiner Southern-Gothic-Combo Wovenhand am Mittwochabend nicht, mit der geballten Wucht der jüngsten Aufnahmen wie etwa dem aktuell erschienenen Album „Star Treatment“ eröffnete die Band, die im Lineup hinsichtlich des letzten München-Konzerts um einen Keyboarder erweitert wurde.
Mit indianischen Beschwörungs-Riten und schweren Gitarren-Gewittern entfesselten Edwards und seine Mannen bereits zu Beginn einen Orkan, der die Zuhörer hineinzog in die Welt der Mythen der amerikanischen Ureinwohner, der religiösen Visionen und der staubtrockenen, düsteren, schweren Romantik des amerikanischen Südens. Vorbei sind die Zeiten, in denen der charismatische Edwards in der Frühphase von Wovenhand den dunkel funkelnden Appalachen-Alternative-Country-Geist seiner Vorgängerband 16 Horsepower in das Klangbild seines neuen Outfits herüberrettete und seine getragenen, beschwörenden Weisen zur halbakustischen Gitarre vortrug, Wovenhand sind konzertant endgültig in der finsteren, kochenden, bezwingenden, geradezu manischen „Tribal Psycho-Blues“-Welt des Gun Club angekommen, auch der treibende Underground-Blues der australischen Kult-Band Crime & The City Solution dient als Referenz zu den schneidenden Gitarren, Edwards selbst mischte beim Wiederaufleben der Combo um Simon Bonney im Jahr 2012 mit und dürfte einiges an Einflüssen aus dieser gedeihlichen Zusammenarbeit mitgenommen haben.
Bevor das Konzert mit „El-Bow“ vom „Refractory Obdurate“-Album und „King O King“ als einzige Zugabe den Schlusspunkt und furiosen Höhepunkt erreichte, zu dem vor allem Drummer Ordy Garrison wie bereits vor zwei Jahren im selben Saal mit virtuosem Schlagwerk-Donnern zu Hochform auflief, irritierte die Band im Mittelteil mit erratischen Ausflügen in psychedelischen Alternative-/Progressive-Rock, in diesen Passagen stand für Edwards vor allem das Predigen und Beschwören der Dämonen im Vordergrund, das begleitende Moog- und Wurlitzer-Georgel mochte nicht ungeteilt Wohlgefallen finden im vollgefüllten Ampere. Wird aber vermutlich niemanden vom Besuch abhalten, wenn Wovenhand beim nächsten Schamanen-Ritual ihren imaginären Totem-Pfahl in der Münchner Konzert-Landschaft aufstellen.
(**** ½)