Multimedia

Wackelkontakt @ Köşk, München, 2018-02-09

„Fremde Töne. Sprech-Murmeln. Städtische Paranoia. Entfremdung. Vision. Atmosphäre. Spannung. Und bevor uns der tiefe Schlaf befällt, will ich das Licht sehen.“
(Harald inHülsen, Von Emotionen/Von Ideen, in: Rock Session 4. Magazin der populären Musik)

Die Gallerie Kullukcu & Gregorian präsentierte am vergangenen Freitag im Rahmen der Reihe Pension Noise in der 10. Ausgabe ein Gustostückerl für alle Freund_Innen des experimentellen Grenzgangs, vermittelt durch Anton Kaun aka Rumpeln war das israelische Drone-Trio Wackelkontakt in der Zwischennutzung der ehemaligen Stadtbibliothek in der Schrenkstraße im Münchner Westend zu Gast, die Formation wurde dem Motto des Köşk – „1000 Tage Raum für viele Ideen“ – an diesem einen speziellen und irgendwo auch denkwürdigen Tag ohne Abstriche gerecht.
„Post-Orientalist Tunes With Epileptic Imagery, Stolen From Exoticist Culture And Inspired By The Stress Of Living“ beschreibt die Formation aus Jerusalem ihre eigene Multimedia-Kunst, eine schwerst intensiv von allen Sinnen Aufmerksamkeit fordernde Präsentation aus mitunter verstörenden Noise-Drones, sich aus dem weißen Rauschen herausschälenden Industrial-Beats, schweres Pochen in Reminiszenz an Throbbing Gristle und andere 80er-Lärm-Pioniere, gepaart mit einem Hauch – weitaus mehr Ahnung als Ausformulierung – von Electronica-Dropout-Space und Kraut-Prog, minimalisitischem Psychotrap, in minutenlanger, völliger Dekonstruktion an die Grenzen der Musik gehend, im folgenden Trance-artigen Fluss die Hoffnung aber immer am Leben erhaltend.
Das Sampling und die dominant digitalen, synthetischen, artifiziellen Sound-Wüsten und zerrütteten tonalen/atonalen Innenansichten/Visionen wurden begleitet von analogen Drums, bereichert durch blitzartige Lichteffekte, abstrakte Video-Installationen und massives Trockeneis-Wabern, das Konstrukt zuforderst zusammengehalten durch den Vokal-Vortrag von Tomer Tea Damsky. Auch mit ihrer Sangeskunst lotete die junge Frau die Grenzen des Möglichen der eigenen Stimme aus, flüsternd, fordernd, mit durch den Verzerrer gejagtem Schreien krönte sie im Durchwandern der Nebelschwaden, zu Teilen sitzend oder sich unter das Publikum mischend das vehemente Klang-/Visual-Gesamtkunstwerk.
Eine Wackelkontakt-Performance sprengt nicht nur die Grenzen der Hörgewohnheiten und konzertanten Erfahrungen, darüber hinaus wohl letztendlich auch die Möglichkeiten der berichtenden Beschreibung. Wackelkontakt muss man live erfahren, mit vollem Körpereinsatz und aufnahmebereitem Bewusstsein – insofern, falls sich beizeiten die Gelegenheit bietet: Do yourself a favour.
(***** – ***** ½)

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Nordic Giants @ Kranhalle, München, 2017-12-10

We are now faced with the fact, my friends, that tomorrow is today
We are confronted with the fierce urgency of now
In this unfolding conundrum of life and history there is such a thing as being too late
Procrastination is still the thief of time
(Nordic Giants / Martin Luther King Jr, Together)

Man darf sich schon wundern, warum eine Band wie die Münchner Combo Zebrathought mit ihrem funky Achtziger-Synthie-Pop als eröffnende Band für einen Abend mit dem einzigartigen Postrock des britischen Duos Nordic Giants ins Spiel gebracht wird, über diese Frage ließ es sich an der Kranhallen-Bar bei einem kühlen Hellen am Genehmsten grübeln – wenn sich auch keine Antwort aufdrängte oder gar fand, so konnte die unleidige halbe Stunde wenigstens mit einer weitgehend tauglichen Schallschutztür zwischen Tresen und Konzertsaal überstanden werden, ehe sich die Hauptattraktion der Veranstaltung auf der Bühne einfand.
Die Musiker Loki und Rôka Skuld der südenglischen Nordic Giants traten wie stets in ihren urzeitlich anmutenden, Feder-geschmückten Phantasie-Kostümen auf, hinsichtlich Anonymität und Verweigerung bei der Preisgabe von Informationen zur eigenen Vita ist der Ansatz der Band aus Brighton dem der berühmten kalifornischen Avantgarde-Kollegen von den Residents nicht unähnlich, hier wie dort ist die Nummer der Mythenbildung in keinem Fall abträglich.
Die Präsentation des aktuellen Albums „Amplify Human Vibration“ im cineastischen Multimedia-Konzept stand mit ihrem futuristischen Ansatz im krassen Gegensatz zum dem an Urwald-Stämme erinnernden Bühnen-Outfit der beiden Musiker. Der Kern eines Nordic-Giants-Konzerts ist die musikalisch untermalte, visuelle Präsentation in Form von höchst sehenswerten Video-Arbeiten, die die thematischen Inhalte der Instrumental-Epen in bewegten Bildern unterstützen und transportieren. Die oft beklemmenden Sequenzen der Filmarbeiten über Endzeit-/Science-Fiction-Phantasien, dokumentierten Protest gegen die Ausbeutung des Planeten und die Verwerfungen der Globalisierung, apokalyptische Orwell-Utopien, in denen Roboter die Kontrolle über die Bürger übernehmen, brachiale Gewalt-Phantasien und Comic-artige Meditationen über die letzen Dinge konterkarieren den wunderschönen, üppigen Sound, den das Duo begleitend zum Bilder-Rausch vorträgt, vom neoklassischen E-Piano-Flow getragener Instrumental-Postrock, getrieben von wuchtigen Drums, bereichert durch einen bunten Strauß aus gesampelten Beats und Melodien, erweitert durch empathische Reden von unter anderem Charlie Chaplin, dem Native-American-Aktivisten John Trudell und – wie im Band-Klassiker „Together“ – Bürgerrechtler Martin Luther King oder den Gesang der Vokalkünstlerin Freyja.
Nordic Giants führten alle Sinne berauschend, kunstvoll, fesselnd wie eindringlich einmal mehr vor Augen, dass unser Planet in einer vielschichtigen wie faszinierenden Schönheit funkelt, es hinsichtlich Erhalt und Reise in die falsche Richtung aber kurz vor Zwölf anzeigt – ein würdevoller, erhabener Tanz der Urvölker auf den fragwürdigen Errungenschaften der Zivilisation, der die für ein Ausnahme-Konzert dieser Güte viel zu spärlich erschienene Besucher-Schar in der Kranhalle am vergangenen Sonntagabend berückt wie nachdenklich in die kalte Winternacht entließ…
(*****)

Carpet + 0101 @ Maj Musical Monday #80, Glockenbachwerkstatt, München, 2017-05-15

Die 80. Auflage des regelmäßig im Münchner Stadtteil-Treff Glockenbachwerkstatt stattfindenden Maj Musical Monday zeigte sich hinsichtlich Experimentierfreude von seiner besten Seite, die gut besuchte Montagabend-Veranstaltung eröffneten die unter dem Duo-/Projektnamen 0101 firmierenden Media-Künstler und Musiker Daniel von Rüdiger und Carl, die beiden Rosenheimer spielten hinter einer halbtransparenten Plastik-Folie ihren „Cinematic Postrock“ als Live-Soundtrack zu bewegten Bildern, die als Leinwand gedachte Abtrennung von Bühne und Zuschauerraum diente als Projektionsfläche für sozial-dokumentarische Filmaufnahmen, die Daniel von Rüdiger 2014 in Papua-Neuguinea drehte. Die schlagenden, hauenden, sägenden, monotonen Arbeitsgeräusche der Ureinwohner beim aufgezeichneten Bau eines Kanus wurden wunderbar stimmig als Rhythmus-gebende Field Recordings in den konzertanten Vortrag des Duos integriert und verliehen der instrumental dominierten Soundlandschaft aus karibischem Western, Ennio-Morricone-Anleihen, durch Effekt-Geräte behandeltem Gitarren-Postrock und maschinellen Elektro-/Industrial-Drones und -Loops die sprichwörtliche besondere Würze.
Die „1Hz“ betitelte Live-Performance ist eine mehr als sehens- und hörenswerte Multimedia-Präsentation, ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, dass in der Form 2015 beim Kasseler Dok-Fest uraufgeführt wurde.
(*****)

Den zweiten Auftritt des Abends bestritt das Quintett Carpet, die Augsburg-München-Connection präsentierte ihre Klangkunst zwar „nur“ im herkömmlichen Konzertformat, jedoch nicht minder anregend-spannend war ihr in Anlehnung an den großen Zappa selbstbetitelter „Jazz From Hell“, die hochqualifizierten fünf Virtuosen verstanden es meisterhaft, ihr Demokratieverständnis im musikalischen Kontext ohne die Dominanz eines einzelnen Instruments formvollendet vorzuleben, ihre Spielart des Jazzrock-Grooves in Grenzen-überschreitender Erweiterung hin zum Kraut-, Psychedelic-, Progressive- und Postrock-Flow und zur schweren Eindringlichkeit des Stoner Rock vermochte das aufmerksame, kundige Publikum für gute neunzig Minuten völlig in den Bann zu ziehen, die Präsentation des jüngst erschienenen Carpet-Werks „Secret Box“ (2017, Elektrohasch Schallplatten) gelang in nahezu perfektionistischer Manier. Neben den Detail-reichen, komplexen, stimmig austarierten Songstrukturen, die sich bei Carpet im Live-Vortrag zu großen Teilen im rein instrumentalen Bereich bewegen, gilt es das Können des Mannes am Mischpult ausdrücklich zu loben, der glasklare Sound sorgte für ein berauschendes Hörerlebnis, der Klang-Teppich war an dem Abend in allen Teilen ein fein gewobener.
(*****)

Die Veranstaltung Maj Musical Monday ist eine feste Einrichtung der Münchner Glockenbachwerkstatt, jeden dritten Montag im Monat präsentieren Musiker und Künstler aus dem Umfeld der ortsansässigen Postrock-Band Majmoon experimentelle Klänge und visuelle Kunst: „Supporting development of a solidarity event like this has made possible to host many European artists, create artistic exchange, and improve quality in logistic and technical conditions for independent music production.“

In dem Zusammenhang sei auch auf das kommende Noise Mobility Festival #7 zur Präsentation europäischer Underground-Kunst und -Musik von 3. bis 5. Juni in der Münchner Glockenbachwerkstatt und die dazugehörige Warm-Up-Night mit Ippio Payo und Igor Hofbauer am 1. Juni in der Roten Sonne verwiesen.