Musik

Reingehört (327): Gov’t Mule

Gov’t Mule – Revolution Come… Revolution Go (2017, Fantasy / Concord Records)

Warren Haynes und seine Jam-Rock-Combo Gov’t Mule geben auf dem neuen Album die würdigen Nachlassverwalter und pflegen das Erbe der legendären Allman Brothers Band, Haynes selbst war beim Southern-Rock-Stammhaus bekanntlich jahrzehntelanger Weggefährte der kürzlich dahingeschiedenen Mitbegründer Butch Trucks und Gregg Allman, und so kann das aktuelle Mule-Werk getrost als letzter musikalischer Abschiedsgruß an die Verblichenen gewertet werden, ein durchaus angemessen-feierliches letztes Farewell.
Die Aufnahmesessions zu „Revolution…“ starteten im vergangenen Herbst am US-Election-Day, „Stone Cold Rage“ setzt sich thematisch mit der Spaltung der amerikanischen Gesellschaft auseinander, die letztendlich in ihrem Ausdruck des Protests an besagtem 8. November diesen politischen Amokläufer in das Weiße Haus hievte.
Und sonst so? Die bewährte Mule-Kost, keine Frage. Qualitativ hinsichtlich Songwriting und Vortrag zu den stärkeren Arbeiten in der über zwanzigjährigen Geschichte der Band zählend, bietet das neue Album eine ausgewogene Mixtur aus den zu erwartenden Siebziger-Jahre-Southern-Rock-Reminiszenzen, wiederholt angereichert durch die von Gov’t Mule hinreichend bekannte härtere Gangart, in etlichen Ausprägungen auch im süffigen Blues-Rock oder schwer groovend im Southern Soul und Siebziger-Funk angelehnt. Seine stärksten Momente offenbart die Songsammlung in den entschleunigten Titeln wie der getragenen Blues-Nummer „The Man I Want To Be“, im Soul von „Pressure Under Fire“ oder der wunderbaren Open-Prairie-Ballade „Traveling Tune“, die in großartiger Southern-Gothic-Manier den Geist der amerikanischen Highways atmet, ein Paradestück für den entspannten Umtrunk am Lagerfeuer und das Leben „on the road“, inklusive schöner Slide-Gitarre des Kanadiers Gordie Johnson. Stevie-Ray-Bruder Jimmie Vaughn und seine Blues-Gitarre mischen noch mit bei „Burning Point“, ansonsten war es das dieses Mal auch schon mit Gästen beim Southern-Quartett, das sich sonst gerne mal mit prominenten Namen zuhauf auf der Besetzungsliste schmückt.
Druckvolle und facettenreiche Aufführung einer über etliche Dekaden bewährten Traditionsmusik, schön, dass Gov’t Mule derart inspiriert die Fahne dieses mitunter etwas aus der Zeit gefallenen Genres hochhalten.
(*****)

Gov’t Mule spielen im Rahmen ihrer anstehenden Europatournee live am 4. November im Münchner Backstage, weitere Termine: hier.

Konzertmitschnitte von Warren Haynes + Gov’t Mule @ nyctaper.com

Reingehört (326): Elf Power

Elf Power – Twitching In Time (2017, Orange Twin)

Was Neues aus der Ecke Elephant 6 Collective: Die bei Bands wie Neutral Milk Hotel, Olivia Tremor Control oder of Montral maßgeblich engagierten Musikanten von Elf Power aus Athens/Georgia kombinieren auf ihrem kürzlich erschienenen Album „Twitching In Time“ ihr ureigenes LoFi-Verständnis mit feinen Beigaben aus der Welt des Sixties Pop, unaufdringlichen, jedoch konstant präsenten Psychedelic-Elementen, Indie-Folk-Rock und Alternative Country. Nach eigenem Dafürhalten sehen sie im neuen Werk ihr „strangest, most cohesive, and most exciting sounding album yet“, beim Gros der Stücke mag man da gerne beipflichten – wenn auch einige wenige Arbeiten nicht über gängiges, längst ausgetretenes Indie-Geplätscher hinausgehen, so ist der weitaus größte Teil der 14 Titel doch mit dem Gütesiegel „Alternative-Ohrwürmer“ zu versehen.
Unter dem Mantel des Indie-Pop scheinen wiederholt ergreifende Prärie-Country-Glückseeligkeit, Reminiszenzen an das melodische, Byrds-geprägte Gitarren-Geschrammel aus der Frühphase der weltberühmten Ortsnachbarn von R.E.M. und melancholische Piano-Balladen-Kunst im Geiste des Kammer-Pop durch, manches erinnert entfernt an die Pop-geprägteren Psycho-Perlen der kalifornischen Kollegen vom Brian Jonestown Massacre, Elf Power reißen geschickt eine Wundertüte an vielfältigen Überraschungen zur Präsentation einer kurzweiligen Alternative-Beschallung auf, im Grundton entspannt, wenn auch der Opener „Halloween Out Walking“ zum Einstieg latent bedrohliche, geisterhafte Beklemmung mitschwingen lässt.
Erfreuliche Arbeit für alle altgedienten Freunde der Band und momentan wahrscheinlich die Platte für diejenigen, die es im Indie-Pop nach wie vor gerne originell, spannend, ergreifend, mit untrüglichem Gespür für unterschwellige Dramatik, beglückende Melodik und halbwegs intelligente Texte präsentiert bekommen wollen – und, quasi als tonales Sanatorium, wahrscheinlich auch die Platte für alle, denen dieses androgyne, bis zum Erbrechen schwerst Mainstream-lastige, über Gebühr gehypte Geseier von Cigarettes After Sex bereits nach ein paar Wochen gehörig auf den Zeiger geht…
(**** ½ – *****)

Elf Power @ Georgia Theatre Rooftop, Athens/Georgia, 2017-05-19 → southernshelter.com

Soul Family Tree (25): Tanzbar 2

REINGEHÖRT Juni 1

Heute heißt das Motto wieder: Tanzbar Spezial. Es gibt Soul, Swing und R’n’B fürs Herz, aber auch für die Arme und Beine. Floorfillers zum Vorglühen auf das Wochenende. Rare, teils abgefahrene, Grooves treffen auf fast vergessenen Perlen der Tanzmusik. Und wie stets heißt es: All Killer, No Fillers! – ein Beitrag von Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog zur Black-Friday-Reihe, die ab jetzt im gedehnteren 14-Tages-Rhythmus groovt:

Schwungvoller Pop aus Frankreich samt Einkaufstipps für die nächste Party, Swing und Jazz und groovend-rockige Orgelklänge mit einer schwarzen Katze und einen Dancehall Reggae-Klassiker. Let´s go.

Den Anfang macht der Franzose Nino Ferrer mit seinem Evergreen „Les Cornichons“. Ferrer wurde in den 1960er Jahren in der Schublade „Spaßvogel“ abgelegt. Er zog sich aus der Musik zurück und wurde für einige Jahre Pferdezüchter. In den siebziger Jahren kam er wieder als Komponist zurück. Wer also noch Einkaufstipps für die nächste Party braucht, wird hier bestens bedient.

Brian Auger ist ein Abenteurer. Soul, Rock, Pop, Jazz-Fusion… für ihn und seine Hammond-Orgel kein Problem. Sein erstes Bandprojekt war The Steampacket, zusammen mit Rod Stewart, John Baldry und Julie Driscoll. Nachdem Stewart und Baldry ihre Solokarrieren starteten, gründete er mit Julie Driscoll die Band Trinity und hatte u.a. mit „This Wheel´s On Fire“ mehrere Single-Hits. Ich habe für das Tanzbar-Special den Song „Black Cat“ ausgesucht, mit einem Kuckuck gleich zu Beginn. Selten hat man eine Orgel so rockig gehört wie hier.

Mit Sister Nancy geht es lässig weiter. Sie war die erste weibliche Stimme der Dancehall-Szene. Und mit Dancehall ist eine Spielart des Reggaes mit Hip-Hop-Einflüssen gemeint. Vor fast 20 Jahren zog sie sich bereits aus der Musik zurück und arbeitet heute als Bankkauffrau in den USA. Wir hören ihren größten und internationalen Hit „Bam Bam“, der wunderbar zur Tanzbar passt.

Der Rausschmeißer zum Wochenende kommt vom Sänger, Komponisten, Trompeter und Entertainer Louis Prima. 1935 komponierte er den Welthit „Sing, Sing, Sing (When You Swing)“, der seine Weltkarriere begründete. Es sollten noch viele weitere Hits folgen. Als sich Las Vegas in den 1950er Jahren als Unterhaltungsmetropole zu etablieren versuchte, war Louis Prima bereits dort. Gerade in dieser Zeit folgten weitere Hits wie u.a. „Just A Gigolo“. Ausgesucht habe ich ein Duett mit seiner späteren Ehefrau Keely Smith, den Song „Jump Jive An‘ Wail“.

Ich hoffe, es hat wieder Spaß gemacht. Bis zum nächsten Mal.

Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum.