n5MD

Reingehört (416): Winterlight

Winterlight – The Longest Sleep Through The Darkest Days (2018, n5MD)

A Hazy Shade Of Winter: Der lange Schlaf an dunklen Tagen, wer würde ihn nicht gern halten? Am liebsten wie so manch Pelzgetier den ganzen Winter durch. Und als Soundtrack für die kurzen Wachphasen dann und wann das neue Album vom Duo Winterlight aus dem südenglischen Plymouth. Soundtüftler Tim Ingham an Tasten und Reglern und seine Tochter Isabel am Bass spielen im Familienbetrieb auf dem zweiten Longplayer der Formation geschickt mit Elementen des britischen Postrock und dem Kitsch der Achtziger-Jahre-Synthiebands, mit gleicher Finesse transformieren sie Komponenten aus Kraut-, Space- und Post-Rock in Richtung klar strukturierte Shoegazer-Electronica, bewusst simpel gestalteten Ambient-Pop und meditative Instrumental-Klangepen, die mit traumwandlerischer Sicherheit zwischen Momenten inwendiger Gelassenheit, melancholisch-trauriger Entrücktheit und euphorisierendem Jubilieren wandeln, realisiert im Wesentlichen mit üppigen Keyboard- und Synthie-Schichten, sporadischen, verhallten Gitarren und einer stoischen, völlig entschleunigten Drum-Machine-Rhythmik, schaurig-schön durch imaginäre winterliche Nebelschwaden begleitet und den Puls in Richtung Ruhezustand absenkend.
Ein, zwei Stücke sind dabei, in denen sich das Duo etwas über Gebühr in den Untiefen des allzu gefälligen Pop tummelt, da hätte der Wohlklang, das Tiefen-Entspannte und das Weichgespülte im Flow nur noch ein Weniges mehr an Nuancen bedurft, und man wäre beim Berieselungs-Runterkommen-Sound als Begleitmusik für den nächsten Sauna-Gang oder die darauf folgende Ruhephase angelangt, aber selbstredend wäre auch das nicht die schlechteste Option in diesen kalten Wintertagen…
„The Longest Sleep Through The Darkest Day“ erscheint am 16. März beim kalifornischen Indie-Label n5MD.
(**** ½)

Reingehört (353): bvdub

bvdub – Heartless (2017, n5MD)

Hochinteressanter Klangkunst-Experimentierer von der US-Westcoast: Brock Van Wey ist musikalisch in der Spät-Achtziger-Rave-Szene der San Francisco Bay Area verwurzelt, als DJ und Musiker hat er in vergangenen Dekaden seine Deep-House- und Ambient-Arbeiten in Kalifornien zu Gehör gebracht, 2001 ist er für 10 Jahre ins selbst gewählte Exil nach China gegangen, wo er mit der Veröffentlichung seiner diversen Tondichtungen und Electronica-Genres startete, im Bereich Ambient als bvdub wie unter seinem eigenen Namen, Deep House als Earth House Hold und Drum & Bass unter dem Projektnamen East Of Oceans.
Zurück in seiner Heimat, veröffentlicht er in den kommenden Wochen sein Album „Heartland“ beim ortsnahen Experimental-/Indie-Label n5MD in Oakland unter dem Pseudonym bvdub, im Übrigen die erste Volle-Länge-Vinylpressung seit Bestehen der Plattenfirma.
Für Brock Van Wey hingegen ist es bereits die 29. bvdub-Arbeit, davon etliches im Eigenvertrieb und zum Teil ausschließlich digital veröffentlicht. Auf „Heartless“ lässt er laut Labelinfo die Konzepte und Erfahrungen zahlreicher Live-Auftritte aus den vergangenen Jahren einfließen, die sich irgendwann verselbstständigten, ein Eigenleben entwickelten und sich so zu einem großartigen Ambient-Monolithen auswuchsen.
In acht ausgedehnten Sound-Entwürfen zwischen 6 und 12 Minuten nimmt sich Van Wey die nötige Zeit, um in entspannter, nahezu kontemplativer Ruhe wunderschöne, sphärische Ambient-Klanglandschaften zu komponieren, erhabene und getragene Soundtracks für klare und unberührte Winterlandschaften, in den dunkleren, mystischeren Ausprägungen Bilder des unwirtlichen Nordens hinter der „Game Of Thrones“-Mauer assoziierend, in den helleren Klangfarben Erinnerungen an Sonnen-durchflutete, Schnee-bedeckte Wälder und unberührte Natur weckend.
Glasklare Minimal-Music-Piano-Mediationen erheben sich wiederholt aus dem sphärischen Rauschen und halten so gekonnt die Balance zwischen greifbaren Instrumental-Strukturen und sanftem, abstraktem Wohlklang-Drone. Engelsgleiche Sangeskunst ist in diesem atmosphärischen Flow oft nur andeutungsweise wie durch dichten, verhallten Nebel vernehmbar, der entspannt-dunkle Grundton von „Limitless“ etwa wird durch dezente, aus dem Off erklingende Soul-Hymnen bereichert, die sich den Weg ins Ohr durch die gesampelten Schichten zu bahnen versuchen. Die Kunst liegt in der Reduktion, wie bereits die konzeptionelle Titelgebung andeutet – „Painless“, „Dreamless“, „Sleepless“, irgendwas fehlt – wie im richtigen Leben – immer, aber das tut in diesem Fall der Eindringlichkeit der meditativen Klangskulpturen keinen Abbruch – „But with ‚Heartless‘ this is only your introduction – easing you in before plunging to the deep end“.
„Heartless“ erscheint am 15. September beim kalifornischen n5MD-Label.
(*****)

Reingehört (295): Miwon

Miwon – Jigsawtooth (2017, n5MD)

Irgendwo outer Space, zwischen Nightclubbing und Captain Kirk: Der Berliner Klangkünstler Hendrik Kröz beeindruckt auf seiner dritten Arbeit unter dem Projekt-Namen Miwon mit einer gelungenen Mixtur aus Techno-artigen Elektronik-Beats, sphärischen, organischen Drones und melodischen Samples, die ihre Sogwirkung nicht verfehlen und die Hörerschaft in Trance-artiges, geistiges Wegtreten versetzen.
Zwischen Science-Fiction-Cosmic-Flow und Club-Grooves bewegt sich dieser Sound, trotz aller Abstraktion wohnt ihm nichts Kaltes inne, der Hörer fühlt sich vom Start weg wohl auf dieser einnehmenden, ins Rausch-hafte driftenden Klangreise. Die eleganten Tunes bedienen sich melodischer, warm fließender Electronica, feiner Pop-Ambient und an den Krautrock angelehnte Synthie-Klangteppiche definieren eine ureigene musikalische Sprache, die einen individuellen Pop-musikalischen Charme entwickelt, positiv nach vorne blickend, ohne unnötigen Ballast, in minimalistischer Manier die Schönheit der tonalen Struktur offenlegend. Man könnte im Übrigen auch darauf tanzen…
Hendrik Kröz ist Teil des Elektronik-Performance-Duos Cushion Caroms und Gründungsmitglied des Berliner Feedbackorchesters, eines Zusammenschlusses von acht Gitarristen, die sich ausschließlich der Arbeit mit E-Gitarren-Rückkopplungen widmen.
„Jigswatooth“ erscheint am 14. April.
(**** ½ – *****)