Nachruf

Soundtrack des Tages (204): Glenn Branca

Späte Kerze: In Memoriam Glenn Branca. Der amerikanische No-Wave-/Neo-Klassik-/Experimental-Drone-Pionier und begnadete Krachmacher, Komponist, Bandleader und Musiker ist am 13. Mai in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Der 1948 in Harrisburg/Pennsylvania geborene und später in New York City wirkende Branca hat mit seinen Drone- und Oberton-Klangforschungen, Einspielungen mit repetitiven, hypnotischen Noise-Elementen, offenen, oft atonalen Saiten-Stimmungen und avantgardistisch-erschütternden Gitarren-Orchester-Aufführungen mit bis zu einhundert Musikern zahlreiche nachfolgende, herausragende Bands wie Sunn O))), Sonic Youth und die Swans maßgeblich beeinflusst. Sonic-Youth-Gitarrist Lee Ranaldo war Musiker des Electric Guitar Orchestra von Branca, wie auch zeitweise sein späterer Band-Kollege Thurston Moore, Helmet-Chef Page Hamilton und Swans-Mastermind Michael Gira.
1982 gründete Glenn Branca sein eigenes Platten-Label Neutral Records, auf dem unter anderem Sonic Youth ihre Debüt-LP „Confusion Is Sex“ und die Swans ihren No-Wave-Klassiker „Filth“ veröffentlichten.
Von den Werken Glenn Brancas sind vor allem die ersten Alben aus den frühen Achtzigern „Lesson No. 1“ und „The Ascension“ essentiell und für die Nachwelt von nicht zu unterschätzendem Wert. Daneben hat Branca zahlreiche Symphonien, einzelne Experimental-Arbeiten und im Jahr 1982 zusammen mit dem Dichter und Warhol-Schauspieler John Giorno das Album „Who You Staring At?“ veröffentlicht.

Glenn Branca – „Lesson No. 1 For Guitar“ → vimeo-Link

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Eine Kerze für Achim Bergmann

Das Kulturforum trauert: Wie die facebook-Seite der Münchner Indie-Plattenfirma Trikont vermeldet, ist Labelchef Achim Bergmann gestern im Alter von 74 Jahren verstorben.

Das Platten-Label aus Obergiesing, die Münchner Musik-Szene und letztendlich die ganze Welt der Independent-Musik verlieren mit dem streitbaren Anarchisten und Sechzig-Fan einen aufrechten Kämpfer für das musikalisch Abseitige, Entdeckenswerte, Unkonventionelle und Verlorengegangene. Das Loblied auf Bergmann und sein Label wurde hier erst vor kurzem aus Anlass zur Besprechung der Meueler/Dobler-Festschrift zum fünfzigjährigen Label-Jubiläum „Die Trikont-Story: Musik, Krawall & andere schöne Künste“ gesungen.

Immerwährenden Dank für die Lieblings-Österreicher Attwenger, die herrlichen M.A.-Littler-DVDs „Hard Soil“ und „The Folk-Singer“, die schöne „Strange & Dangerous Times“-Compilation von Sebastian Weidenbach, alle Platten vom einzigartigen Eric Pfeil, „Texas Bohemia“, „Dead & Gone“ Vol. 1 & 2, Jörg Fauser Spoken Word, den Kraudn-Sepp, Bally Prell, die mehrteilige, sagenhafte Cajun/Zydeco-Sammlung, die auch zeimlich sagenhaften Schellack-Sampler, die exzellente „Herzkasperl“-Zusammenstellung vom hochverehrten Jörg Hube, nicht minder exzellente JonathanFischerSoul-Sampler, die ersten Ringsgwandl-Platten, zwei tolle Rembetiko-Dokumentationen, „Doyres“, „Shteygers“ und „Yikhes“, Coco Schumann, die Neigungsgruppe Sex, Gewalt & Gute Laune, Der Scheitel, finnischen Tango, die fantastische Daniel-Johnston-Live-CD, Textor & Renz, Embryo-Best-Of, „Beyond Addis“, zig-fach „La Paloma“, Russendisko und Johnny Cashs Frage (via Franz Dobler) „Wo ist zuhause Mama?“, vietnamesische  Straßenmusik, Coconami, Mrs. Zwirbl, Karl Valentin, Willy Michl, den Vertrieb der Rauschangriff-Ronnie-Biggs-Benefiz-Single und selbst den ein oder anderen brauchbaren Song von Hans Söllner.

Einem geerdeten Sozialisten wie Achim Bergmann war sicher stets bewusst, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, insofern hat er seine Künstler_Innen immer gut und fair behandelt, auch was das Finanzielle anbelangt, und darum singt ihm hier der Ringsgwandl in diesem Sinn den letzten Gruß: „Nix mitnehma“ vom 1989er-Trikont-Album „Trulla! Trulla!“, eine Coverversion der Dylan-Nummer „Gotta Serve Somebody“.

Eine Kerze für Coco Schumann

„Der Mensch ist eine merkwürdige Erfindung. Unberechenbar und gnadenlos. Die Bilder, die ich in jenen Tagen sah, waren nicht auszuhalten, und doch hielten wir sie aus. Wir spielten Musik dazu, ums nackte Überleben. Wir machten in der Hölle Musik.“
(Coco Schumann, Der Ghetto-Swinger, La Paloma)

Der Berliner Gitarrist Heinz Jakob „Coco“ Schumann ist gestern in seiner Heimatstadt im Alter von 93 Jahren gestorben.
Schumann tummelte sich bereits in den dreißiger Jahren in der Berliner Swing- und Jazz-Szene, im „Dritten Reich“ wurde er 1943 denunziert und als Halbjude in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo er als Musiker und Bandmitglied der „Ghetto Swingers“ Konzerte für das Wachpersonal der SS spielen musste und in einem Propagandafilm als Schauspieler zu sehen war.
Coco Schumann überlebte nach seiner Verlegung 1944 das Vernichtungslager Auschwitz, das Dachau-Außenlager Kaufering und einen sogenannten Todesmarsch gegen Ende des 2. Weltkriegs.
In späteren Jahren unterstützte Schumann konzertant den Wahlkampf von Bundeskanzler Willy Brandt, lernte Jazz-Größen wie Ella Fitzgerald und Louis Armstrong kennen und musizierte mit bekannten Kollegen wie Bert Kaempfert und Helmut Zacharias.
Sein tragisches wie außergewöhnliches Leben ließ er in der lesenswerten wie von erstaunlichem Humor geprägten Erinnerung „Der Ghetto-Swinger. Eine Jazzlegende erzählt“ Revue passieren. Eine Auswahl seiner Aufnahmen ist nach wie vor beim Münchner Indie-Label Trikont erhältlich.