Nachruf

Soul Family Tree (51): Aretha Franklin

Freiraum-Blogger Stefan Haase nimmt in der heutigen Black-Friday-Ausgabe in seinem Gastbeitrag Abschied von Soul-Diva Aretha Franklin – read it with respect:

Viele große Soul-Sängerinnen und -Sänger sind in den vergangenen Jahren gestorben. Allen Toussaint, Percy Sledge, Ben E. King, Bobby Womack, Jalal Mansur Nuriddin von den Last Poets, Dennis Edwards von den Temptations, Bobby Bland, Jimmy Ruffin, Fats Domino, Charles Bradley, Sharon Jones…

Doch ist Aretha Franklins Tod irgendwie anders. In den letzten Tagen ihres Lebens nahm die Welt bereits Abschied, mit langen Songlisten und den Aufzählungen ihrer Rekorde, wie viele Tonträger sie verkauft hatte, ihren Grammy-Trophäen, ihrer 5 Oktaven umfassenden Stimme – doch das erklärt Aretha Franklin nicht.

Was war das besondere an Aretha, wie sie respektvoll und liebevoll genannt wurde? Sie verkörperte die Antwort auf die Frage: Was ist Soul? Denn sie war Soul! Wie sie selbst in einem Interview erklärte, sei Soul letztlich eine Frage des Ausdrucks, wo Spiritualität und Gesang zur Höchstleistung zusammenkommen. Aretha hatte diese einmalige Stimme, die die gesamte Palette von Liebe, Leid bis hin zur Depression und Spiritualität singen konnte. Sie sang über das Leben, wie das Leben war. Sie verklärte nichts und es finden sich immer wieder wichtige Botschaften in ihren Liedern. Wenn sie einen Cover-Song aufnahm, dann behielt sie die Melodie bei und variierte den Song nur mit ihrer Stimme und machte damit viele fremde Werke zu ihren eigenen Songs.

Und sie hatte auch Glück. Sie war zum richtigen Zeitpunkt da und bereit. Nicht zu vergessen: Ihr Weg wurde von anderen vorab geebnet. Von Ella Fitzgerald, von Dinah Washington und von der Queen of Gospel, Mahalia Jackson. In ihrer Heimat kamen immer wieder Künstler wie Ray Charles, Sam Cooke oder Mahalia Jackson in die Kirche. Sam Cooke half ihr bei ihren ersten Schritten in New York. So nahm sie für Columbia Records acht Alben auf, sang sich durch viele Jazz-Standards. Doch der Erfolg blieb aus und der Plattenvertrag endete. Ihr künstlerisches Potential konnte sie noch nicht abrufen.

Mit dem Wechsel zu Atlantic Recordings im Jahr 1967 sollte sich alles ändern. Jerry Wexler nahm sie unter Vertrag und schickte sie in die legendären Muscle Shoals Studios in Alabama. So saß sie im Aufnahmeraum vor dem Klavier, eigentlich sollte sie einen Blues spielen, und dann sang sie „I Never Loved A Man (Like I Love You)“. Ein Song, der zum Inbegriff von Modern Soul wurde. Heute noch schwärmen die Session-Musiker von diesen Tagen. Jeder spürte es, Aretha legte alle Fesseln ab und sang sich auf ein neues Level. Auch ihr großer Hit „Respect“ entstand bei den Sessions. In den Jahren 1967 und 1968 erschienen fünf Alben mit großen Hits. Schnell wurde sie zum Weltstar und verdiente sich dabei Respekt. Fortan entschied sie selbst, welche Musik sie aufnahm. Denn die großen Hits waren geschrieben und nun hatte sie auch keinen Druck mehr, irgendjemanden noch etwas beweisen zu müssen.

Dreimal reiste sie nach Europa. 1968 zum ersten und 1983 zum letzten Mal. Wegen ihrer Flugangst tourte sie in den USA nur mit dem Bus oder mit der Bahn. Wer sie live erleben wollte, musste zu ihr fliegen.

Biografisches: Geboren in Memphis, aufgewachsen in Detroit, als Pastorentochter mit Gospel im Blut, mit 14 Jahren nahm sie ihre erste Platte auf, mit 16 Jahren wurde sie Mutter, ging nach New York und wurde in den späten 1960ern mit 26 Jahren zur Queen Of Soul. In den 1970er Jahren kehrte sie zu ihren Gospel-Wurzeln zurück. Gerade in den schwierigen Sechziger und Siebziger Jahren, in denen sich junge schwarze Künstler erst behaupten mussten, setzte sich Aretha schnell durch und wurde zum Star. Selbst Menschen, die mit Soul nicht viel anfangen konnten, kannten, mochten und respektierten sie.

In den frühen Siebzigern nahm sie mit „Young, Gifted And Black“ und „Amazing Grace“ zwei Gospelalben auf, die sich jeweils mehr als eine Million mal verkauften. Als ihre Karriere in den Achtzigern ins Stocken geriet, feierte sie durch den Film „Blues Brothers“ und ihren Auftritt mit einem Remake von „Think“ ein Comeback. Viele entdeckten Aretha Franklin neu. Genregrenzen kannte sie nicht. Sie nahm Disco-Musik auf, sang Duette etwa mit George Michael, ihre letzte Nummer 1 in den Charts. Manche nahmen ihr das übel. Doch Aretha ging ihren eigenen Weg.

Aretha konnte aus zuckersüßen Schnulzen jene Momente erschaffen, die etwas Erhabenes hatten. Sie machte aus einem Liebeslied wie „(You Make Me Feel) Like A Natural Woman“ ein Statement und erhob den Song auf ein neues Level des Selbstbewusstseins. In „Respect“ verbindet sie Protest und R&B mit einer klaren politische Botschaft. Oft waren ihre Songs Inspiration für viele Menschen.

Sie sang bei der Beerdigung von Martin Luther King und bei drei Inaugurations-Feiern. Vermutlich war ihr Auftritt 2009 zur Einführung von Obama als Präsident ihr persönlicher Traum, der wahr wurde. Nur kurze Zeit später kam die Krebsdiagnose.

Sie ließ sich nicht festlegen. Hatte sie mit einem Song einen Erfolg, wiederholte sie den Erfolg nicht. Jeder kann aus ihrem Songkatalog seine Lieder für sich herausfiltern und jeder wird fündig werden. In den vielen sehr guten wie berührenden Nachrufen liest man immer wieder, welchen Stellenwert sie hatte. Und sie verkörperte bis zuletzt den Gegenentwurf zum aktuellen Amerika: tolerant, offen, respektvoll, integer. Und wieder war es der 16. August, möchte man zum Schluss sagen. Am 16. August starb auch Elvis Presley, ebenfalls aus Memphis stammend, und neben Aretha Franklin die wohl größte Stimme Amerikas.

„All I’m asking is for a little respect when I come home“.

Ich empfehle als Einstieg die folgenden Aufnahmen, mit Fokus auf ihre Zeit bei Atlantic Recordings. Das war die Ära ab 1967, in der die ganz großen Hits entstanden:

„You Grow Closer“ (1956) → youtube-Link

Es war ihre erste Single im Alter von 14 Jahren vom Album „Songs Of Faith“.

„There’s a still small voice, saying to me,
Closer, closer, grow closer to Me.
In a whispered tone, never leaves me alone;
Closer, closer, closer to Him…“

„What A Difference A Day Made“ (1964) → youtube-Link

Vom Album „Unforgettable: A Tribute To Dinah Washington“ – Dinah Washington sah in Aretha bereits früh ihre Nachfolgerin.

„I Never Loved A Man (Like I Love You)“ (1967) → youtube-Link

Von ihrem gleichnamigen Debüt bei Atlantic Records. Und im Hintergrund sind ihre beiden Schwestern im Chor zu hören. Der Rolling Stone zählt unter den besten 500 Songs aller Zeiten gleich drei Songs aus diesem Album.

„Respect“ (1967) → youtube-Link

“ R-E-S-P-E-C-T
Find out what it means to me
R-E-S-P-E-C-T
Take care, TCB“
(TCB ist eine Abkürzung für den Ausspruch „Take care of business“)

„(You Make Me Feel Like A) Natural Woman“ (1968) → youtube-Link

Vom „Lady Soul“-Album.

„Precious Lord, Take My Hand / You’ve Got a Friend“ (1972) → youtube-Link

Vom Album „Amazing Grace“.

„Think“ (1980) → youtube-Link

Ein Remake aus dem Film und Soundtrack „Blues Brothers“.

„Rolling in the Deep / Ain’t No Mountain“ (2014) → youtube-Link

Von ihrem letzten regulären Album „Sings The Great Diva Classics“. Hier zu sehen bei ihrem Auftritt in der Letterman-Show mit einem Mash-up aus zwei Songs.

Peace and Soul

Stefan aka Freiraum

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Soundtrack des Tages (204): Glenn Branca

Späte Kerze: In Memoriam Glenn Branca. Der amerikanische No-Wave-/Neo-Klassik-/Experimental-Drone-Pionier und begnadete Krachmacher, Komponist, Bandleader und Musiker ist am 13. Mai in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Der 1948 in Harrisburg/Pennsylvania geborene und später in New York City wirkende Branca hat mit seinen Drone- und Oberton-Klangforschungen, Einspielungen mit repetitiven, hypnotischen Noise-Elementen, offenen, oft atonalen Saiten-Stimmungen und avantgardistisch-erschütternden Gitarren-Orchester-Aufführungen mit bis zu einhundert Musikern zahlreiche nachfolgende, herausragende Bands wie Sunn O))), Sonic Youth und die Swans maßgeblich beeinflusst. Sonic-Youth-Gitarrist Lee Ranaldo war Musiker des Electric Guitar Orchestra von Branca, wie auch zeitweise sein späterer Band-Kollege Thurston Moore, Helmet-Chef Page Hamilton und Swans-Mastermind Michael Gira.
1982 gründete Glenn Branca sein eigenes Platten-Label Neutral Records, auf dem unter anderem Sonic Youth ihre Debüt-LP „Confusion Is Sex“ und die Swans ihren No-Wave-Klassiker „Filth“ veröffentlichten.
Von den Werken Glenn Brancas sind vor allem die ersten Alben aus den frühen Achtzigern „Lesson No. 1“ und „The Ascension“ essentiell und für die Nachwelt von nicht zu unterschätzendem Wert. Daneben hat Branca zahlreiche Symphonien, einzelne Experimental-Arbeiten und im Jahr 1982 zusammen mit dem Dichter und Warhol-Schauspieler John Giorno das Album „Who You Staring At?“ veröffentlicht.

Glenn Branca – „Lesson No. 1 For Guitar“ → vimeo-Link

Eine Kerze für Achim Bergmann

Das Kulturforum trauert: Wie die facebook-Seite der Münchner Indie-Plattenfirma Trikont vermeldet, ist Labelchef Achim Bergmann gestern im Alter von 74 Jahren verstorben.

Das Platten-Label aus Obergiesing, die Münchner Musik-Szene und letztendlich die ganze Welt der Independent-Musik verlieren mit dem streitbaren Anarchisten und Sechzig-Fan einen aufrechten Kämpfer für das musikalisch Abseitige, Entdeckenswerte, Unkonventionelle und Verlorengegangene. Das Loblied auf Bergmann und sein Label wurde hier erst vor kurzem aus Anlass zur Besprechung der Meueler/Dobler-Festschrift zum fünfzigjährigen Label-Jubiläum „Die Trikont-Story: Musik, Krawall & andere schöne Künste“ gesungen.

Immerwährenden Dank für die Lieblings-Österreicher Attwenger, die herrlichen M.A.-Littler-DVDs „Hard Soil“ und „The Folk-Singer“, die schöne „Strange & Dangerous Times“-Compilation von Sebastian Weidenbach, alle Platten vom einzigartigen Eric Pfeil, „Texas Bohemia“, „Dead & Gone“ Vol. 1 & 2, Jörg Fauser Spoken Word, den Kraudn-Sepp, Bally Prell, die mehrteilige, sagenhafte Cajun/Zydeco-Sammlung, die auch zeimlich sagenhaften Schellack-Sampler, die exzellente „Herzkasperl“-Zusammenstellung vom hochverehrten Jörg Hube, nicht minder exzellente JonathanFischerSoul-Sampler, die ersten Ringsgwandl-Platten, zwei tolle Rembetiko-Dokumentationen, „Doyres“, „Shteygers“ und „Yikhes“, Coco Schumann, die Neigungsgruppe Sex, Gewalt & Gute Laune, Der Scheitel, finnischen Tango, die fantastische Daniel-Johnston-Live-CD, Textor & Renz, Embryo-Best-Of, „Beyond Addis“, zig-fach „La Paloma“, Russendisko und Johnny Cashs Frage (via Franz Dobler) „Wo ist zuhause Mama?“, vietnamesische  Straßenmusik, Coconami, Mrs. Zwirbl, Karl Valentin, Willy Michl, den Vertrieb der Rauschangriff-Ronnie-Biggs-Benefiz-Single und selbst den ein oder anderen brauchbaren Song von Hans Söllner.

Einem geerdeten Sozialisten wie Achim Bergmann war sicher stets bewusst, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, insofern hat er seine Künstler_Innen immer gut und fair behandelt, auch was das Finanzielle anbelangt, und darum singt ihm hier der Ringsgwandl in diesem Sinn den letzten Gruß: „Nix mitnehma“ vom 1989er-Trikont-Album „Trulla! Trulla!“, eine Coverversion der Dylan-Nummer „Gotta Serve Somebody“.