Nationalsozialismus

Reingelesen (48): Henning Mankell – Die Rückkehr des Tanzlehrers

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„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
(Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui)

Henning Mankell – Die Rückkehr des Tanzlehrers (2002, Paul Zsolnay Verlag)

Mit dem 2000 im Original in seiner skandinavischen Heimat erschienenen Roman ist Henning Mankell eine spannend zu lesende Auseinandersetzung mit dem schwedischen Rechtsextremismus gelungen. Eingebunden in die Rahmenhandlung eines Kriminalromans und ergänzt um den historischen Kontext der Strafverfolgung der deutschen Kriegsverbrecher und ihrer Henkersknechte nach 1945 entwirft der Autor ein erschreckendes, realitätsnahes Bild vom Überleben der nationalsozialistischen Ideale in Kreisen der schwedischen Gesellschaft und in weltweit vernetzten rechtsextremen Untergrundorganisationen.
Der Kriminalbeamte Stefan Lindman als zentrale Figur der Erzählung kämpft im Verlauf der geschilderten Ereignisse an vielen Fronten: mit dem schockierenden ärztlichen Bescheid der eigenen Krebserkrankung, mit dem drohenden Zerbrechen der komplizierten Beziehung zu seiner polnischen Freundin Elena, mit der Aufklärung der grausamen, rituellen Hinrichtung seines ehemaligen Polizei-Kollegen Herbert Molin, in dessen Verlauf unbequeme Wahrheiten nicht nur zur nationalsozialistischen Vergangenheit und Geisteshaltung des ehemaligen Mitarbeiters ans Licht kommen, auch in der eigenen Familiengeschichte liegt dahingehend bei Lindman etliches im Argen.
Molin, der nach der Pensionierung zurückgezogen in den Wäldern Nordschwedens lebt und dort seiner Passion des Tangotanzens nachgeht, wird offensichtlich Opfer einer gezielten und perfekt geplanten Rache-Aktion, der Leser kennt nach circa einem Drittel des Buches den Mörder, der Spannung der Lektüre tut dies keinen Abbruch.
Lindman folgt den Spuren des ehemaligen Kollegen während seiner krankheitsbedingten Arbeitsbefreiung und ermittelt privat, dank gegenseitiger persönlicher Zuneigung zum vor Ort verantwortlichen Hauptermittler Giuseppe Larsen entwickelt sich eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Kriminalistik-Profis. Im weiteren Verlauf der Geschichte ereignet sich ein zweiter Mord, bedingt durch ein völlig anderes Motiv, die Ermittler im Roman und die Leser rätseln über einen möglichen zweiten Täter.

„Er betrat den Speisesaal. Während er seinen Tisch aufsuchte, fragte er sich, warum sie wohl geweint hatte. Aber es ging ihn nichts an. Jeder hat sein eigenes Elend, dachte er. Seine Hundemeute, gegen die er zu kämpfen hatte.“
(Henning Mankell, Die Rückkehr des Tanzlehrers, Teil 1, Härjedalen, Oktober – November 1999, 10)

Der Roman bietet die von Mankell vor allem von den Wallander-Romanen gewohnte, erstklassige Krimi-Kost, die spannende Geschichte zeichnet sich durch die nüchterne und unaufgeregte Sprache, knappe Dialoge, überraschende Wendungen und stringentes, sorgfältiges Erzählen der einzelnen Handlungsstränge aus.
In „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ wartet der schwedische Bestsellerautor mit historischen Grundlagen zu nationalsozialistischen Strömungen in bestimmten Kreisen Schwedens während der europäischen Vormachtstellung Hitler-Deutschlands zu Zeiten des zweiten Weltkriegs auf und setzt sich kritisch mit Strömungen in der rechten Szene Skandinaviens auseinander, heute vermutlich noch so aktuell wie bei Erscheinen des Romans vor über fünfzehn Jahren.

„Ich hatte geglaubt, es würde sterben“, sagte die Stimme. „All das Entsetzliche, das damals geschehen ist. Aber die Gedanken, die in Hitlers krankem Gehirn geboren wurden, sind immer noch lebendig. Sie haben andere Namen, aber es sind die gleichen Gedanken. Die gleiche grauenhafte Betrachtungsweise, der zufolge ganze Völker ausgelöscht werden können, wenn es als notwendig erachtet wird. Über diese ganze neue Technik, die Computer, die internationalen Netzwerke, sind alle diese Gruppen eng miteinander verbunden. Heutzutage findet sich alles in den Computern.“
(Henning Mankell, Die Rückkehr des Tanzlehrers, Teil 3, Die Kellerasseln, November 1999, 32)

Im Wesen des jungen Neonazis Magnus Holmström, einer Nebenfigur des Romans, erkennt der Leser unschwer Charakterzüge des norwegischen Massenmörders Anders Breivik, der erst im Juli 2011, elf Jahre nach Veröffentlichung des Krimis, die Bühne der Weltöffentlichkeit betreten wird, in Oslo und auf der Insel Utøya tötet er insgesamt 77 überwiegend junge Menschen in seinem rechtsextremistischen Wahn, wenngleich auch Breivik den Nationalsozialismus wegen seiner radikalen antisemitischen Grundhaltung in seinem Manifest „2083: A European Declaration Of Independence“ ablehnt.
Zur erfolgreichen Wallander-Krimireihe Mankells gibt es im Übrigen eine Querverbindung: Der rechtsradikale Porträtmaler Wetterstedt und Mentor Holmströms ist der Bruder des Justizministers Wetterstedt, der in »Die falsche Fährte« ermordet wird, das Verbrechen wird auch im „Tanzlehrer“ thematisiert.

„Die Rückkehr des Tanzlehrers“ wurde zweimal für das Fernsehen verfilmt. In der deutsch-österreichischen TV-Produktion aus dem Jahr 2004 waren unter anderem Tobias Moretti als Stefan Lindman  und Maximilian Schell als der Molin-Mörder zu sehen. Aus dem gleichen Jahr stammt die schwedisch-deutsche Verfilmung „Danslärarens återkomst“, die in der ARD unter dem Titel „Die Rache des Tanzlehrers“ zu sehen war.

Henning Mankell wurde 1948 in Stockholm geboren. Er arbeitete als Theaterintendant und Regisseur an Häusern in Schweden und im afrikanischen Mosambik. Einer breiteren Leserschaft wurde er durch seine Kriminalromane um den Ermittler Kurt Wallander bekannt. Neben weiteren Kriminalromanen wie „Der Chinese“ oder „Kennedys Hirn“ veröffentlichte er eine Reihe an Arbeiten, die sich kritisch mit den Lebensbedingungen auf dem afrikanischen Kontinent, seiner zweiten Heimat, auseinandersetzen.
Wie im „Tanzlehrer“ bezog Mankell in seinen Romanen oft Stellung zu politischen und gesellschaftlichen Themen.
Im Oktober 2015 ist Henning Mankell an den Folgen seiner Krebserkrankung im Alter von 67 Jahren in Göteborg gestorben.

Reingelesen (41)

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„Schützt Humanismus den vor gar nichts? Die Frage ist geeignet, einen in Verzweiflung zu stürzen.“
(Alfred Andersch, Der Vater eines Mörders, Nachwort für Leser)

Alfred Andersch – Der Vater eines Mörders. Eine Schulgeschichte (1980, Diogenes)

Der in München geborene und aufgewachsene Schriftsteller Alfred Andersch verarbeitet in der Erzählung „Der Vater eines Mörders“ ein Jugend-/Schul-Trauma und wirft implizit die Frage auf, ob die Brut eines sadistischen Menschenfeindes aufgrund Erziehung und elterlicher Prägung zwangsläufig wieder zum Sadisten heranwachsen muss.

„… die Roßkastanie auf dem Schulhof filterte das Licht eines schönen Maitags auf die geschlossenen Fensterscheiben des Klassenzimmers, München leuchtete, der Rex leuchtete, und doch dachten alle, was Franz dachte: jetzt sucht er sich ein neues Opfer aus.“
(Alfred Andersch, Der Vater eines Mörders)

In „Der Vater eines Mörders“ erzählt Andersch von einer Altgriechisch-Stunde am Wittelsbacher-Gymnasium in München im Mai 1928, die Geschichte mit autobiografischen Bezügen zum Autor gibt er nicht in der Ich-Perspektive wieder, er transportiert das zu Erzählende über sein Alter Ego, den Schüler Franz Kien, den er in fünf weiteren Erzählungen zur Schilderung von diversen Ereignissen aus seinem Leben verwendete.
Mit Kien als Inbegriff des verträumten, unvorbereiteten Schülers gibt Andersch die besagte Griechisch-Stunde wieder, die der Schuldirektor Gebhard Himmler, Vater des späteren Reichsführers SS und Reichsinnenministers Heinrich Himmler, spontan, geradezu Überfall-artig leitet, um den Wissensstand einzelner Schüler abzuprüfen, dabei zeigt er sich – Überwachungsstaat-gleich – bis ins Detail informiert über die schulischen Leistungen ausgewählter Kandidaten, mittels Wissen über die Schwachstellen der Schüler demütigt er den adligen Konrad von Greiff und Franz Kien vor versammelter Klasse. Der humanistisch hochgebildete Geistesmensch offenbart sich als bösartiger Inquisitor.
Die sadistische Behandlung des Rektors liegt im Falle Franz Kiens in der politischen Einstellung seines Vaters, obwohl beides Veteranen des 1. Weltkriegs, lehnt der katholisch-konservative Himmler die deutschnationalen Ansichten des alten Kien ab, dieser ist Ludendorff-Anhänger wie Heinrich, der Sohn Himmlers, der mit dem Elternhaus aufgrund politischer Differenzen gebrochen hat.

„… weil ihm der junge Himmler, obwohl er ihn nicht kannte, sympathisch war; an einem Sohn, der vor diesem Vater, vor dieser alten, abgespielten und verkratzten Sokrates-Platte stiften gegangen war, mußte ja etwas dran sein. Nur daß er zu diesem antisemitischen Herrn Hitler gelaufen war, als könne der ihm ein neuer Vater sein, gefiel Franz nicht; Franz hatte Fotos von Hitler gesehen – Hitler hatte ein Gesicht, das ihn nicht interessierte. Er sah blöd und mittelmäßig aus.“
(Alfred Andersch, Der Vater eines Mörders)

Die Erzählung Anderschs rief bei Erscheinen überwiegend positive Reaktionen hervor. In der Schullektüre dient sie seither als ein möglicher Erklärungsansatz für die Entstehung des Nationalsozialismus. Das autoritäre Elternhaus Heinrich Himmlers, das nach Anderschs Lesart geprägt war vom sadistischen Zynismus des Altvorderen, förderte demnach eine Entwicklung, die in Auschwitz ihren brutalstmöglichen Ausfluss fand. Ob eine großgedruckte, 120-seitige, schnell und unkompliziert zu lesende, immerhin literarisch ansprechende Erzählung diese Kausalität nachzuweisen vermag, darf bezweifelt werden. Andersch selbst schreibt in seinem ‚Nachwort für Leser‚ zur Erzählung, dass er in Bezug auf mögliche Ursachen und Wirkungen zu dieser Frage keine Antwort parat hat.

Bezüglich des Wahrheitsgehalts der autobiographischen Schrift herrschte bei Zeitzeugen Uneinigkeit, der Jurist Otto Gritschneder, ein ehemaliger Mitschüler Anderschs, widersprach der Darstellung der Vorkommnisse und insbesondere der Person Gebhard Himmlers in der Erzählung in einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung im Jahr 1980 vehement: „Hier stimmt aber gleich gar nichts. (…) Alfred Andersch ist vielmehr (…) ganz normal durchgefallen, wegen dreier Fünfer, in Latein, Griechisch und Mathematik, wobei sich die Frage eines etwaigen Notenausgleichs schon deshalb nicht stellte, weil er auch im Deutschen nie über einen Dreier hinausgekommen war. Am 29. April 1928, ein Monat nach dem Schlußzeugnis, trat Alfred Andersch aus dem Wittelsbacher-Gymnasium aus. Das ist alles.“
Gebhard Himmler sei ein Mann von „überzeugender pietas bavarica“ gewesen (was immer das in diesem Zusammenhang bedeuten mag), die Himmlers hochanständige Leute, mit Ausnahme des Sohnes Heinrich, dem „schwarzen Schaf“ der Familie.
Der Münchner Publizist, Rechtsanwalt und Historiker Gritschneder protokollierte als Rechtsreferendar und Assessor 1938 den Prozess gegen den Jesuitenpater Rupert Mayer beim Sondergericht München und wurde daraufhin von den Nationalsozialisten wegen seines „gänzlich staatsabträglichen Wesens“ mit einem juristischen Berufsverbot belegt.

Alfred Andersch wurde 1914 in München geboren. Anderschs Vater war seit 1920 Mitglied der NSDAP, er selbst trat 1930 der KPD bei. 1944 desertierte er in Italien vom Kriegsdienst und lief zu den Amerikanern über.
Nach 1945 betätigte er sich als Journalist, von Beginn an war er Mitglied der Literaten-Vereinigung Gruppe 47. Aus Protest gegen die politische und kulturelle Entwicklung in der Bundesrepublik siedelte der zeitkritische Autor 1958 zusammen mit seiner Frau nach Berzona/Tessin in die Schweiz über, wo er 1980 starb und begraben wurde.
Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Romane ‚Sansibar oder der letzte Grund‚ (1957), ‚Die Rote‚ (1960), ‚Efraim‚ (1967), ‚Winterspelt‚ (1974) und die Erzählung ‚Die Kirschen der Freiheit‚ (1968).

München entnazifiziert

München entnazifiziert

Der Münchner Bauunternehmer Leonhard Moll hat in der NS-Zeit lukrative Geschäfte mit dem Nazi-Regime gemacht, er wurde im Juni 1938 mit dem Abriss der Münchner Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße beauftragt, 1944 erhielt seine Firma den Zuschlag für den Bau von Bunkeranlagen, in denen Düsenjäger der Firma Messerschmitt in Produktion gehen sollten.
Am Obersalzberg war sein Betonunternehmen an den Straßenarbeiten zu Hitlers Berghof tätig.
Zudem war die Leonhard Moll AG beim Bau diverser NS-Bauten, bei der Gestaltung des Münchner Königsplatzes (heute Standort des NS-Dokumentationszentrums) und bei der Errichtung des „Westwalls“ beteiligt.
Die Firma hat während der Kriegsjahre Zwangsarbeiter im großen Stil eingesetzt und ausgebeutet.

Seit 1990 trug eine Straße in Sendling zwischen dem heutigen Westpark und den Konzerthallen des Feierwerks den Namen des Bauunternehmers, begründet wurde die Ehrung damals vom Stadtrat mit dem Umstand, dass Moll nach dem Krieg Münchner Altersheime finanziell in großem Umfang unterstützte, zudem habe das Unternehmen der Stadt mit dem Polizeipräsidium, der Großmarkthalle, der Technischen Hochschule und dem Kuppelbau des Münchner Tierparks charakteristische Bauten hinterlassen. 1983 wurde die Internationale Gartenschau auf einem Teilgelände des ehemaligen Bauhofs des Unternehmens ausgerichtet – daraus ist der Westpark hervorgegangen, die großflächige Grünanlage ist heute insbesondere bei Sendlinger Bürgern ein beliebtes Naherholungsgebiet.
Auch das Feierwerk befindet sich heute auf dem ehemaligen „Mollgelände“.

Der Ältestenrat des Münchner Stadtrats hat im Zuge der späten Beschäftigung mit der Geschichte der Zwangsarbeiter in München im vorigen Jahr beschlossen, den „Leonhard-Moll-Bogen“ in „Landaubogen“ umzubenennen, Zitat: „Inzwischen hat sich die Sichtweise auf Personen und deren Aktivitäten in der Zeit des nationalsozialistischen Regimes erheblich verändert.“

Die Nachkommen Leonhard Molls sind nach wie vor im Baugewerbe tätig, im Jahr 2000 sind sie als eines der ersten deutschen Unternehmen dem Entschädigungsfond für Zwangsarbeiter „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ beigetreten.

‚Löwenfans gegen Rechts‘ erhalten ‚Münchner Bürgerpreis für Demokratie – gegen Vergessen‘

Preisverleihung 2015 der Stiftung ‚Münchner Bürgerpreis für Demokratie – gegen Vergessen‘ an die Initiative ‚Löwenfans gegen Rechts‘ sowie Ehrenpreis-Verleihung an den Münchner Alt-Oberbürgermeister Christian Ude @ NS-Dokumentationszentrum, München, 2015-07-28

„Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
(Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, Epilog)

„So if you meet with these historians
I’ll tell you what to say
Tell them that the Nazis
Never really went away
They’re out there burning houses down
And peddling racist lies
And we’ll never rest again…
Until every Nazi dies…“
(Chumbawamba, The Day The Nazi Died)

MÜNCHNER BÜRGERPREIS FÜR DEMOKRATIE - GEGEN VERGESSEN 2015 (14)

Die Initiative ‚Löwenfans gegen Rechts‚ ist mit dem diesjährigen „Münchner Bürgerpreis gegen Vergessen – für Demokratie“ zur Erinnerung an die Herrschaft der Nationalsozialisten und zur Stärkung der Demokratie im Rahmen einer Veranstaltung im NS-Dokumentationszentrum ausgezeichnet worden, der Preis wurde von der ehemaligen FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher gestiftet, er wird in der Regel alle zwei Jahre verleihen und ist mit fünftausend Euro dotiert.

Die ‚Löwenfans gegen Rechts‘ wurden insbesondere für ihr Engagement im Fußballstadion gegen jegliche Art von Diskriminierung, rechtsradikaler Äußerungen, sexueller Diskriminierung, Homophobie, Rassismus und das Vergessen der NS-Verbrechen geehrt, besonders lobend erwähnt wurde ihre Unterstützung für den Münchner Stadtarchivar Anton Löffelmeier bei seiner Arbeit am Buch ‚Die „Löwen“ unterm Hakenkreuz: Der TSV von 1860 München im Nationalsozialismus‘ (2009, Verlag Die Werkstatt), einem wichtigen Beitrag zur Dokumentation und zur Auseinandersetzung des Vereins mit seiner Rolle im „Dritten Reich“.
In seiner Laudatio verwies der Münchner Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers (‚Bin ein Rot-Weißer…Rot-Weiß Oberhausen!‘) auf das energische Einschreiten der ‚Löwenfans gegen Rechts‘ gegen rechtsradikale Minderheiten im Stadion, auf ihren klaren Standpunkt, dass Diskriminierung beim Sport und insbesondere auf den Stadienrängen nichts zu suchen hat, im Besonderen würdigte er das Engagement der Initiative hinsichtlich der Verankerung dieser Grundsätze in den Vereinsstatuten des TSV 1860. Die Gruppierung veranstaltet darüber hinaus Aufklärungsabende, lädt Zeitzeugen zum „Dritten Reich“ ein, organisiert Ausstellungen, sie nimmt seit vielen Jahren an der Gedenkfeier für die Opfer des rechtsradikal motivierten Oktoberfest-Attentats von 1980 teil, engagiert sich in Demonstrationen gegen Pegida und Ausländer-Hetze, pflegt seit Jahren eine Freundschaft mit einem Fußball-Verein in Gambia und veranstaltet nicht zuletzt den alljährlichen, immer gerne besuchten Neujahrsempfang.
Dr. Küppers dankte der Gruppierung für ihre Aufklärungsarbeit im Sinne einer lebendigen Erinnerungskultur und verwies auf Zahlen einer jüngsten Umfrage, die dieses Engagement unvermindert notwendig machen – nach dieser Umfrage hegt jeder fünfte Münchner Antipathien gegen Muslime, jeder 11. ist fremdenfeindlich eingestellt und 6% der Befragten bekennen sich zum Antisemitismus.
Löwenfan Jonas bedankte sich im Namen der Initiative für die Preisverleihung und merkte an, dass nach wie vor Gegendemonstranten und kritische Journalisten in ihrem Engagement gegen die braune Gefahr von der Polizei behindert und wiederholt verhaftet und im Nachgang mit Verfahren belangt werden.
Der „Münchner Bürgerpreis“ ist nach der Auszeichnung durch den Deutschen Fußball-Bund mit dem renommierten „Julius-Hirsch-Preis“ im Jahr 2009 bereits die zweite bedeutende Ehrung, die die 1860-Fans für ihr Engagement erhalten. Der DFB-Preis ist nach dem ehemaligen deutschen Nationalspieler Julius Hirsch benannt, der 1943 wegen seiner jüdischen Religion in Auschwitz ermordet wurde.

MÜNCHNER BÜRGERPREIS FÜR DEMOKRATIE - GEGEN VERGESSEN 2015 (18)

Mit dem Ehrenpreis der Stiftung wurde in diesem Jahr Schönwetter-Löwenfan und Alt-Oberbürgermeister Christian Ude für sein Engagement für das NS-Dokumentationszentrum und die jüdische Gemeinde in München und seinen Beitrag für die Entwicklung der demokratischen Gesellschaft und ein weltoffenes, buntes München ausgezeichnet.
Die Laudatio auf Ude hielt die Literaturwissenschaftlerin, Journalistin und auf jüdische Literatur spezialisierte Münchner Buchhändlerin und vormalige Preisträgerin Dr. Rachel Salamander, die sein Talent als Redner, seinen Beitrag zur Entfaltung jüdischen Lebens in München und als Integrator von Minderheiten in der Stadt ehrte. In ihrer Rede stellte sie den Bezug Udes zum ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner her, beide gehören in ihren Augen zu den ganz wenigen Politikern, die Kultur und Politik in Einklang brachten.
Zum Schluss ihrer Rede brachte sie ihr Bedauern über die verlorene Landtagswahl Udes im Jahr 2013 zum Ausdruck, ob dies im Saal jeder so sah, sei dahingestellt.
Alt-OB Christian Ude erinnerte in seiner Dankesrede an seine politischen Vorbilder, zu denen neben dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten und Hitler-Gegner Wilhelm Hoegner und seinem Amtsvorgänger Hans-Jochen Vogel auch die Preis-Stifterin und Udes ehemalige Lehrerin Hildegard Hamm-Brücher zählt, die als Münchner Stadträtin und bayerische Landtags-Abgeordnete die Bestrebungen der Stadt hinsichtlich Liberalität und Weltoffenheit stets durch ihr politisches Wirken unterstützte.
Ude betonte die Notwendigkeit, Erinnerungskultur als Bestandteil der Verteidigung der Demokratie zu begreifen. Die Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung sei nach wie vor notwendig, als Beleg führte er die jüngsten Erhebungen und veröffentlichten Zahlen über rechtsradikal motivierte Morde in der Bundesrepublik in den letzten 25 Jahren ins Feld.
Er erinnerte an ein Interview, das er als ehemaliger Journalist mit dem SPD-Kanzler Willy Brandt führte, dieser betonte im Bezug auf den Nationalsozialismus nicht so sehr die Schuld des Kollektivs als vielmehr die Schuld der Schwäche, wie sie die Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, die akademische Elite und der Juristenstand im Vorfeld der Hitler-Diktatur zeigten.
Ude bezog sich aus aktuellem Anlass auf den derzeit im Münchner Stadtrat vertretenen NPD-Funktionär und schloss seinen Vortrag mit den Worten: „Folgen wir den ‚Löwenfans gegen Rechts‘, rechtzeitig Riegel vorzuschieben gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass!“, womit ihm der lange anhaltende Applaus der Anwesenden gewiss war.

Begleitet wurde der festliche Abend von Jury-Mitglied Lukas Muffler, der die Veranstaltung moderierte sowie von kurzen Begrüßungsworten von Verena Miriam Hamm, die ihre leider erkrankte Mutter Dr. Hildegard Hamm-Brücher vertrat, und von Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, der neben den Geehrten Alt-Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, die Münchener Stadträtin Beatrix Zureck (SPD und Mitglied im Verwaltungsrat des TSV 1860), die stellvertretende Landtags-Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katharina Schulze, Christian Vorländer von der Münchner SPD, den Münchner Grünen-Vorsitzenden Hermann ‚Beppo‘ Brem sowie – zur besonderen Freude der Anwesenden – den hochverehrten Max Mannheimer im Saal des NS-Dokumentationszentrums willkommen hieß, der als Auschwitz-Überlebender seit Jahrzehnten wertvolle Aufklärungsarbeit, vor allem an deutschen Schulen, leistet.

MÜNCHNER BÜRGERPREIS FÜR DEMOKRATIE - GEGEN VERGESSEN 2015 (20)

Musikalisch wurde die Verleihung stimmungs- und eindrucksvoll begleitet vom Duo „Salz & Pfeffer“, die Gitarristin Stefanie Böhm und der Hackbrett-Spieler Komalé Akakpo gaben dem Abend einen würdigen konzertanten Rahmen.

Das Kulturforum gratuliert den ‚Löwenfans gegen Rechts‘ – derzeit die einzige Institution im Umfeld des krisengeschüttelten TSV 1860 München, die für positive Schlagzeilen sorgt – ganz herzlich zur hochverdienten Preisverleihung und bedankt sich bei Stephanie Dilba für die Einladung zu dieser stimmungsvollen Veranstaltung.

Löwenfans gegen Rechts / Homepage

Duo Salz & Pfeffer / Hackbrettspieler.de / Ensembles

Stiftung „Münchner Bürgerpreis für Demokratie – gegen Vergessen“ / Muenchen.de

Reingelesen (22)

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Coco Schumann – Der Ghetto-Swinger. Eine Jazzlegende erzählt (1997, dtv)
Der 1924 in Berlin geborene und aufgewachsene Heinz Jakob „Coco“ Schumann kam bereits als Halbwüchsiger in der Spree-Metropole mit der Swing- und Jazz-Szene der dreißiger Jahre in Berührung, als Autodidakt eignete er sich das Schlagzeug- und Gitarrenspiel an, spielte bis 1943 in diversen Swing- und Jazzbands und war so ein fundierter Kenner des damaligen Berliner Nachtlebens.
1943 wurde Schumann als Halbjude in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, konnte dort im ‚Vorzeige-Ghetto‘ der Nazis aufgrund seiner Musiker-Vita im Swing-Orchester von Fritz Weiss spielen, er ist in dem zu nationalsozialistischen Propagandazwecken produzierten Dokumentarfilm „Theresienstadt – Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ in einer kurzen Sequenz als Schlagzeuger der von Martin Roman geleiteten Band ‚Ghetto Swingers‘ zu sehen.
Im September 1944 wurde Coco Schumann in das Vernichtungslager Auschwitz verlegt, welches er nur überlebte, weil nach eigenen Aussagen sein „Schutzengel wiederholte Male kräftig hinlangte.“

„Der Mensch ist eine merkwürdige Erfindung. Unberechenbar und gnadenlos. Die Bilder, die ich in jenen Tagen sah, waren nicht auszuhalten, und doch hielten wir sie aus. Wir spielten Musik dazu, ums nackte Überleben. Wir machten in der Hölle Musik.“
(Coco Schumann, Der Ghetto-Swinger, La Paloma)

Im Zug der Offensive der Roten Armee im Osten und der daraus resultierenden Auflösung des Lagers Auschwitz wurde Schumann in das bayerische Lager Kaufering, einem Nebenlager des KZ Dachau, transportiert, von dem aus er und die überlebenden Häftlinge völlig entkräftet und krank auf den sogenannten Todesmarsch Richtung Innsbruck geschickt wurden, dessen glückliches und jähes Ende in der Nähe von Wolfratshausen Coco Schumann in seiner unnachahmlich-humorigen Art wie folgt kommentiert: „(…) Als wir am nächsten Morgen abermals das Geräusch nahender Panzer hörten, schickten wir, klüger geworden, einen von uns voraus, der gucken sollte. Er meldete lakonisch: „Stern dran – Amerikaner!“ Das war’s.“

Pointiert berichtet er aus seinem Nachkriegsleben, dem Übersiedeln seiner Familie nach Australien und den dortigen Erfolgen als Swing- und Jazz-Musiker, der spontan getroffenen Entscheidung zur Rückkehr nach Berlin und den folgenden Jahrzehnten, die für Schumann geprägt waren durch den Überlebenskampf als Musiker und die Enttäuschung über die nicht geglückte Entnazifizierung im Nachkriegsdeutschland.

Der Humor ist das eigentlich Erstaunliche an diesem Buch, Coco Schumann, der als Insasse der Konzentrationslager mit den Grausamkeiten des ‚Dritten Reichs‘ konfrontiert wurde und in dieser Autobiografie tieftraurige und erschütternde Begebenheiten aus dem Lageralltag dokumentiert, hat ihn Zeit seines Lebens nie verloren, und das macht diese Buch so wertvoll. Nie gibt Schumann der Verbitterung über ein Schicksal Raum, über das er – wie so viele – erst nach Jahrzehnten sprechen und schreiben konnte, immer bewahrt er sich seinen zutiefst menschlichen und gewitzten Blick auf die Dinge.

„Eine besondere Vorliebe hatte ich für die coole Art von Dave Brubeck, Paul Desmond, Gery Mulligan, Astrud Gilberto, deren Musik ich genoß, deren Weise, Melodien zu empfinden, mir sehr entsprach. Das gleiche gilt übrigens auch für Jimi Hendrix, den ich gewissermaßen für sein Können bewunderte, dessen Spielweise ich aber nicht nachzuempfinden versuchte, weil ich nicht in meine kostbaren Gitarren beißen wollte.“
(Coco Schumann, Der Ghetto-Swinger, Razzle dazzle)

Coco Schumann kannte sie alle, unseren hochverehrten Altkanzler Willy Brandt, dessen Wahlkampf er musikalisch unterstützte, ebenso wie die Jazz-Größen Ella Fitzgerald und Louis Armstrong, die bekannten deutschen Musiker Botho Lucas und Bert Kaempfert, und nicht zuletzt seinen jahrzehntelangen guten Freund, den Swing-Geiger Helmut Zacharias, er hat sie alle überlebt und so kann er uns noch heute seine Interpretation des Welthits ‚La Paloma‘ spielen und erzählen von einer Zeit, die uns Nachgeborenen, durch den Schleier der Zeit, zusehends unwirklicher vorkommt, dem Frieden und dem Lernen aus der Geschichte nicht trauend und immer mit einem gepackten Koffer im Schrank für den Fall, dass es noch einmal hart auf hart kommen sollte…

„Im Lauf der Zeit kam etwas anders hinzu: die Erkenntnis, daß dieses Land keinen Moment lang ernsthaft bestrebt war, Gerechtigkeit walten zu lassen und die eigene Geschichte zu verarbeiten; der Eindruck, daß es den Schuldigen, den Mitschuldigen und den „unschuldigen“ Tätern ein leichtes gewesen war, sich wieder ins reine, ins rechte Licht, in Amt und Würden zu setzen und abermals das Leben der „Überlebenden“ zu bestimmen. Mein Freund, der Autor Henryk M. Broder, sagte vor ein paar Jahren einen treffenden Satz, den ich nicht vergessen kann: ‚Coco, die werden uns nie verzeihen, was sie uns angetan haben!'“
(Coco Schumann, Der Ghetto-Swinger, Autumn leaves)

Die Biografie ist eine ganz dicke Lese-Empfehlung für jeden, der auch nur einen Funken Interesse an der deutschen NS-, Nachkriegs- und Musik-Historie hat. Lange nicht mehr habe ich gleichzeitig so viel gelacht und getrauert wie bei der Geschichte vom Ghetto-Swinger.
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Vinyl und CDs von Coco Schumann gibt es beim renommierten Münchner Indie-Label Trikont.