Neo-Blues

Reingehört (525): Robert Forster, She Keeps Bees

Robert Forster – Inferno (2019, Tapete Records)

Der alte Go-Betweens-Held mit neuer Platte. Nicht allzu tiefschürfende Lebensweisheiten eines in die Jahre gekommenen Indie-Granden zu gefälliger Folk/Pop-Nonchalance, hinsichtlich musikalischer Finessen oft eine Spur zu simpel gestrickt. Man vermisst weitgehend die einzigartige Go-Bes-Songwriter-Kunst, die erhebenden Indie-Pop-Momente und Balladen seiner großartigen Solo-Alben „Danger In The Past“ oder „The Evangelist“ in diesem entspannten und zuweilen auch austauschbaren Geplätscher. Forster verkauft sich über weite Strecken des neuen Werks völlig unter Wert. Erst zum Ende hin, in „One Bird In The Sky“, da lässt der Mann aus Brisbane sein Talent für einfache, elegante, umso wirkungsvollere, ergreifende Momente aufscheinen, aber an der Stelle ist die Messe bereits abschließend gelesen und das Volk der Gläubigen längst weggedöst oder zu einer anderen Kirche konvertiert. Wo’s auf Tonträger aktuell mitunter arg hapert, wird’s beim anstehenden konzertanten Vortrag gewiss wieder zur ein oder anderen erbauenden Interpretation aus dem reichhaltigen Forster-Fundus kommen, das „Inferno“-Material muss zu der Gelegenheit ja nicht über Gebühr strapaziert werden.
(*** ½)

Robert Forster live am 9. Mai im Münchner Feierwerk, des Weiteren zu folgenden Gelegenheiten:

30.04.Berlin – Festsaal Kreuzberg
01.05.Hamburg – Knust
03.05.Münster – Gleis 22
04.05.Bielefeld – Forum
05.05.Bonn – Harmonie
07.05.Frankfurt – Zoom Club
08.05.Schorndorf – Manufaktur
10.05.Wien – Theater Akzent
11.05.Linz – Posthof

She Keeps Bees – Kinship (2019, BB*Island)

Fluch des Schicksals oder Ungnade der späten Geburt: Die Formation She Keeps Bees und hier im Besonderen Sängerin Jessica Larrabee müssen sich permanent Vergleiche mit den dargebotenen Vokal-Künsten prominenter Kolleginnen wie Chan Marshall/Cat Power, Polly Jean Harvey oder Aimee Mann gefallen lassen. Ein Manko, zweifelsohne, auch wenn die gute Frau aus Washington DC und ihr mit Drummer Andy LaPlant in Brooklyn formiertes Duo nichts für diesen Umstand können. Epigonenhaft, belang- oder gar substanzlos ist das demnächst zur Veröffentlichung anstehende Material vom neuen Longplayer „Kinship“ – wie auch frühere Einlassungen – deswegen weiß Gott nicht, es muss nur diesem andauernden Parallelen-Ziehen standhalten. Mit den neuen Songs dürfte das für die Band ohne weitere Anstrengungen zu ertragen sein. Dunkle Neo-Blues-Balladen, der Tanz der Wüstengeister und Highway-Dämonen, das latent Morbide der Zigarettenrauch-gegerbten Nacht-Bars, das sich in Larabees geheimnisvoller, unterkühlt erotischer Soul-Stimme wiederfindet wie im Nachhall des herrlich aus der Zeit gefallenen Keyboard-Grooves, dazu erzählt das gemischte Doppel von eigenen Verlusten, den sozialen Verwerfungen und den Wunden der Natur, in einem mächtig drängenden, hypnotischen Flow an Nummern, einem Fluss hinein in das Zwielicht der mitternächtlichen Melancholie.
Hier wäre sie mal wieder, in formvollendeter Güte und erhabener Schönheit, die vielzitierte atmosphärische Dichte, die so manchem Werk der eingangs erwähnten Ladies gut zu Gesicht gestanden hätte.
„Kinship“ erscheint am 10. Mai beim Hamburger Indie-Label BB*Island.
(**** ½ – *****)

Emma Ruth Rundle + Jaye Jayle @ Milla, München, 2018-10-21

Nach außen gekehrte Seelen-Pein und Weiden am eigenen Weltschmerz, in klangvollen Tönen, am vergangenen Sonntagabend, im Doppelpack auf der Bühne des Münchner Milla. Wenige Lokalitäten dürften sich für derartige dunkel schimmernde Inszenierungen in der Stadt besser eignen als das Schlauch-artige Kellergewölbe im ehemals künstlichen, unterirdischen Flussbett des Glockenbachviertel-Clubs.

Das US-Quartett Jaye Jayle durfte den Boden bereiten und das Publikum mental einstimmen für den Auftritt der Königin der Nacht Emma Ruth Rundle, die Combo aus deren Plattenfirmen-Stall Sargent House formiert sich um Bandleader Evan Patterson, der daneben seit über einer Dekade bei der Indie-/Noise-Band Young Widows aus Louisville/Kentucky engagiert ist, zusammen mit dem Dark-Ambient-/Americana-Outfit Jaye Jayle erging sich der tätowierte Bär am Tag des Herrn in finsterem Neo- und Desert-Blues, verhallter, gespenstischer Southern-Gothic-Morbidität und schwerem Electronica-Drone in schwärzestem Moll.
Nachklingende, spartanische Gitarren-Akkorde, Kraut-rockende Synthie-/Keyboard-Nebel, das Gebetsmühlen-artige Psalmodieren beschwörender Mantren und ein stoisches Bass-Treiben lieferten im abgeklärt-illusionslosen Einklang den möglichen Soundtrack für kommende cineastische David-Lynch-Albträume, den Emma Ruth in ihrem Kraftwort-strotzenden Lobpreisen im Nachgang als „fuckin‘ awesome“ charakterisieren sollte. „Fuckin‘ Mark Lanegan“ hätte es wohl weitaus besser getroffen, im musikalischen Selbstverständnis des Quartetts fand sich vieles, was so oder annähernd ähnlich aus zahlreichen Solo- und Gutter-Twins-Arbeiten oder Duke-Garwood-Kollaborationen des großen Grüblers, sinisteren Schweigers und ex-Screaming-Trees-Grungers aus Seattle bekannt sein dürfte, in vergangenen Tagen ausgereifter und formvollendeter, in jüngster Zeit zu großen Teilen aber auch weitaus belangloser, und so mag es durchaus Sinn machen, wenn eine junge Band wie Jaye Jayle die Fackel des psychedelischen Crossovers aus umnachtetem, halluzinierendem Blues, Folk und Indie-Postpunk-Kraut weiter trägt, eine Fackel, die selbstredend nicht allzu hell leuchtet in einsamen, staubigen Wüsten, kalten Asphalt-Dschungeln und den dunklen Seelen-Kammern der eigenen Gemütszustände.
Nachdem die Uhr dann tatsächlich eine Vortragsdauer von annähernd vierzig Minuten anzeigte, die überraschend kurzweilig verstrichen, wird’s mit der Klangkunst des bärtigen Schwergewichts Patterson und seiner drei Begleiter durchaus was auf sich haben. Unheimliches Prärie-Amerika, tiefsinnig vertont, intensiv dräuend auf die Bühnenbretter gestellt – auch wenn’s nichts grundlegend Neues unter der Wüsten-Sonne oder dem Finsterwald-Mond war: trotzdem gern genommen.

Evan Patterson und der stoische Jaye-Jayle-Basser Todd Cook durften im Hauptteil des Abends weiter mit ihrer Präsenz glänzen, beide waren bereits bei der Entstehung und Einspielung des jüngst erschienenen Albums „On Dark Horses“ von Emma Ruth Rundle involviert und somit bestens vertraut mit dem Material, das die zierliche Schöne aus Los Angeles an diesem Abend im gut gefüllten Milla komplett zur Promotion der neuen Arbeiten präsentierte. Nach kalifornischer Sonne klingt die eindringliche und schwermütig-beseelte Songwriter-Kunst von Emma Ruth Rundle nach wie vor nicht, weit mehr nach diffusem Zwielicht in finsteren Schluchten des Death Valley oder nach Beschwörung dämonischer Manson-Family- und anderer unguter Geister in den Canyons des Westcoast-Molochs, dabei sind es vor allem die eigenen Befindlichkeiten, die Rundle mit ihren Songs in ihren dunklen, schmerzenden und beklemmenden Zuständen ergründet.
Weit weniger im Dark Folk verhaftet als bei ihrem München-Debüt vor gut zwei Jahren im Vorprogramm von David Eugene Edwards und seinem Wovenhand-Schamanismus, ohne Violine und ohne akustische Gitarre, mit klassischer Band-Besetzung die hohe Schule der elektrischen Gitarre pflegend, errichteten Emma Rundle und ihre Begleiter mit vehementen Sound-Schichten die Therapie-Räumlichkeiten für die Reflexion der Seelenzustände, des aufgewühlten Innenlebens und der heimsuchenden Plagegeister.
Dunkle Slowcore-Balladen und heftig lärmendes Doom- und Psychedelic-Rocken on the dark side of the Postpunk moon gaben die Orchestrierung für das lamentierende Lautklagen der charismatischen Sängerin, das in ihrem leidenden Flehen und Drängen pathetisch des Öfteren zu überdehnen drohte, mit ihrer angenehmen Dream-Pop-Stimmlage in bester Shoegazer-Seligkeit nichtsdestotrotz in morbider Schönheit glänzend den Weg ins Herz und Gemüt der Hörerschaft fand.
Das Auskosten des Kummers und die atmosphärische, verletzliche Melancholie sind zentrale Elemente nahezu jedes ERR-Songs und riskieren damit die einzelnen Nummern zur beliebigen Austauschbarkeit zu verdammen, die junge Kalifornierin umschifft diese scharfkantige Klippe geschickt mit Variationen im interpretierenden Vortrag durch entrücktes Hinhauchen in filigraner Manier wie drängendem, ungeduldigem, verlangendem Fordern an der Grenze zum verzweifelten Schrei in der heftigen Ausprägung, die Band folgt ihr in Steigerung der Dramaturgie mit Postrock-verhaftetem An- und Abschwellen der von lärmenden Gitarren gefluteten Klangwellen, Emma Ruth Rundle erinnert sich im Rahmen der laufenden Tour offensichtlich ihrer eigenen Postmetal-/Experimental-Wurzeln mit den US-Bands Red Sparowes, Marriages und Nocturnes.
Mit knapp über einer Stunde war das Konzert nicht allzu opulent anberaumt, neben „On Dark Horses“ als Gesamtwerk gab es eine Handvoll Songs vom Vorgänger-Album „Marked For Death“, mancher Gast hätte sich zu der Gelegenheit wohl noch die ein oder andere Song-Dreingabe erwartet, zumal der solistische Abschluss mit eigener, puristischer Drone-/Noise-Gitarren-Begleitung zum finalen Seelen-Strip „Shadows Of My Name“ das künstlerische Level nochmals zu steigern wusste und Lust auf mehr von diesen minimalistischen, schnörkellosen Lebensbeichten machte – andererseits war im Wesentlichen alles gesagt zur Befindlichkeit der Emma Ruth Rundle und die stilistischen Möglichkeiten im Rahmen ihrer musikalischen wie emotionalen Selbstfindung ausgereizt, insofern: Schluss machen, wenn die Seele am schmerzlich-schönsten brennt…

Hierzulande sind Emma Ruth Rundle und Jaye Jayle noch zu folgenden Gelegenheiten im Rahmen ihrer ausgedehnten Europa-Tournee zu sehen: Heute Abend im Berliner Bi Nuu; morgen, am 24. Oktober, im Hafenklang Hamburg.

Reingehört (427): Elkhorn

Elkhorn – The Black River (2017, Debacle Records)

Aus der Abteilung „Im Vorjahr unverzeihlich links liegen gelassen“: Die in New York ansässigen Herrschaften Jesse Sheppard und Drew Gardner an zwölf-saitiger beziehungsweise elektrischer Gitarre mit dem Debüt-Album der gemeinsamen Duo-Kollaboration Elkhorn. Sieben ausladende Instrumental-Arbeiten, in denen sich die beiden Musiker in ihrer Saiten-Kunst aufeinander zubewegen, ein Stück des Weges gemeinsam gehen, dann wieder in ihren jeweiligen Klang-Entwürfen auseinanderdriften und auf unterschiedlichen Ebenen Kontrapunkt zum Spiel des Duett-Partners setzen oder Echo geben im Nachhall zum führenden Anschlag des Mitmusikanten, und damit die Spannkraft der gedehnten Exerzitien auf einem hohen Level halten.
Die beiden US-Ostküsten-Tonkünstler pflegen auf „The Black River“ eine exzellent austarierte Balance zwischen elektrisch verstärkter und akustischer Tonkunst, die sich im steten Flow, mitunter im psychedelischen Free-Folk, an freien Blues-/Jazz-Phrasierungen und Motiven des indischen Raga anlehnt, Urahnen der American Primitive Guitar wie John Fahey, Robbie Basho, Leo Kottke oder deren Erben im Geiste, circa die Ober-Liga James Blackshaw, William Tyler, Bill Orcutt gleichsam Tribut zollt und einen freigeistigeren, filigraneren Ansatz von Post-Rock mit einer Prise Kraut und experimenteller Raffinesse präsentiert, losgelöst und befreit von aller Schwere und technisch verstärkter Lautmalerei, so wie ihn die Münchner Musiker Josip Pavlov und Dominik Lutter derzeit auch mit ihrem Duo Zwinkelman eindrücklich darbieten.
(Rock-)Musik, die ohne Bass und Trommel vorlieb nimmt, im staubtrockenen Hitze-Flirren der imaginären Prärie in versiertem Improvisations-Modus feines Finger-Picking auf schroff verzerrte Stromgitarren inklusive Wah-Wah-Effekte und Pedal-Zauberei treffen lässt und damit vor allem den Geist beschwingt und die Gedanken tanzen lässt.
(*****)

G.Rag/Zelig Implosion @ Braunauer Eisenbahnbrücke, München, 2017-08-22

Letztens am rechten Isarufer, Höhe Giesing, an der Braunauer Eisenbahnbrücke: Do It Yourself und Bring Your Own Drinks (oder was auch immer) – Selbstorganisiertes, semi-spontanes Freiluft-Konzert, Band bringt Akku, Instrumente, Spiellaune mit, Gäste das Catering zum Eigenverzehr oder Einladen des Nachbarn und das offene Gehör, fertig ist die Laube.
Der Münchner Gutfeeling-Labelchef Andreas Staebler aka G.Rag an Gitarre und zu der Gelegenheit schwer vernehmbarem Gesang und Drummer „Mr. Zelig“ Mikel Jack/Zelig Implosion haben ihre klassische Duo-Besetzung am Dienstagabend mit dem Musiker Prof. Deluxxe/Fritz Fritzmann an Elektronik-Gerätchen zum Rumschrauben und Keyboard zum Trio erweitert, geschadet hat das dem Gesamtklangbild weiß Gott nicht.
G.Rags stoischer No-Wave-Gitarrenanschlag, die vollmundig ruppigen, Fuzz-lastigen Neo-/Punk-Blues-Riffs Jon-Spencer’scher Prägung und Reminiszenzen an den deutschen wie New Yorker Underground aus seligen 80er-Postpunk-Zeiten wurden kongenial bereichert wie getragen vom mitunter Jazz-artigen, höchst virtuosem wie inspiriertem Trommel-Wirbeln von Meister Zelig an seinen minimalistischen Drums und den Electronica-Drone- und Keyboard-Untermalungen Fritzmanns, die sich von Elektro-Pop-Melodik bis in Space- und mehrfach angedeutete Krautrock-Ausflüge erstreckten.
Die Nacht legte sich an diesem spätsommerlichen Abend schnell über das Isarufer, die Dunkelheit tat der berauschenden Klangfarben-Explosion in Gehörgängen wie Hirnwindungen keinen Abbruch.
Gelungene Generalprobe für den anstehenden G.Rag/Zelig-Implosion-Auftritt beim Theatron Musiksommer auf dem Münchner Olympia-Gelände am kommenden Samstag, den 26. August, zusammen mit den grandiosen Münchner Rembetiko-No-Wavern The Grexits und den auch sehr feinen Murena Murena. Ab 19.00 Uhr.
Am 11. Oktober werden die Herren Staebler und Jack zusammen mit dem Franzosen-Folker Fred Raspail und Notwist-/Ms.-John-Soda-Multiinstrumentalist Micha Acher als Grappa Band den Fish’n’Blues-Abend im Münchner Stadtteiltreff Glockenbachwerkstatt bestreiten.
In größerem Band-Format wird G.Rag zusammen mit seinen Los Hermanos Patchekos am 24. und 25. November den Münchner Glockenbachviertel-Club Milla bespielen, bereits zwei Monate vorher ist er als Kapellmeister beim großen zweiwöchigen Volks- und Dauer-Rausch quasi dauerpräsent, zusammen mit den Landlergschwistern wird er das Herzkasperl-Festzelt auf der Traditions-Wiesn des Münchner Oktoberfests im Bigband-Format in unnachahmlich schräg-improvisierter Manier mit einem musikalischen Spektrum irgendwo zwischen Texas Bohemia, schwer groovendem Südstaaten-Blues und heftig rumpelnder Polka-Seeligkeit in Verzückung versetzen, be there, be drunken, be happy – oder auf gut deutsch: Stellt’s Euch vor die Bühne mit einem Maßkrug in der Hand, hängt’s Euch mit dem Rest der Welt einen um und schunkelt’s schön mit, zu folgenden Gelegenheiten gibt es „Die kaputte Welt der Volksmusik“ auf der „Oidn Wiesn“: 19./21./23./26. September, jeweils ab 16.30 Uhr, und am 03. Oktober ab 16.00 Uhr.
So geht Vollbeschäftigung…
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Raut-Oak Fest 2017 @ Riegsee, 2017-07-22

Leidlich ausgeschlafen aus dem Zelt gekrochen, irgendwie den Kreislauf in Schwung gebracht, im Gasthof Westner in Riegsee anständigst zu Mittag bekocht worden, und schon ging es am vergangenen Samstag in die nächste Runde in Sachen Raw Underground Musical Festival auf der Bühne unter der Eiche am Ortsrand, den zweiten Tag des Raut-Oak Fest 2017 eröffneten die drei Griechen von Screaming Dead Balloons mit tonnenschwerem Psychedelic-Garagenrock, der Noise-Kraut-Flow in seiner zeitlos-substanziellen Spielart dürfte beim ein oder anderen Festivalbesucher die Wirkungen der nachts zuvor konsumierten Substanzen in der nachmittäglichen Hitze reaktiviert haben hinsichtlich Abdriften in abgehobene Space-Out-Regionen, alle anderen genossen auch ohne stimulierendem Input einen hinsichtlich Handwerk und Songwriting beherzt präsentierten Einstieg in das Tagesprogramm.

Der Raut-Oak-Auftritt von Lonesome Shack ging als Solo-Auftritt von Band-Songwriter Ben Todd über die Bühne, was auf Tonträgern der Combo aus Seattle mit hohem Trash- und Garagen-Faktor, gelegentlich geradezu tanzbar aus den Lautsprechern kommt, gestaltete sich im reduzierten Vortrag ohne die angestammten Bandmitglieder als Verneigung vor den großen Ahnherren des Country- und Delta-Blues, eine feine Reminiszenz an die Wurzeln des Genres, rau, getragen und entspannt im Saitenanschlag, klagend und nachdenklich Geschichten-erzählend in der Sangeskunst, hätte in der Form auch vor gut hundert Jahren in einer Scheune oder auf dem Feld im Mississippi Delta stattfinden können (allerdings von keinem Weißbrot präsentiert), und wird vermutlich auch in hundert Jahren noch seine Daseinsberechtigung haben, an gewichtigen Themen für den Blues wird es auch fürderhin nicht mangeln.

Solistisch ging es weiter im Programm, mit Brother Grimm stand ein bekannter Name auf der Besetzungsliste des Festivals. Erst jüngst im Januar bespielte der Berliner ein Fish’n’Blues-Special in der Münchner Glockenbachwerkstatt mit seinen tonalen und mitunter auch sehr atonalen „Albträumen in Fuck-Moll“, beim Raut-Oak gab Dennis Grimm erneut eine Demonstration seiner Desert-Blues-Tonkunst, die die dunklen Seiten der Seele in gespenstischem Klang-Hall auslotet, vor intensiv-abstrakten Birthday-Party-Dissonanzen nicht Halt macht und auch ansonsten kein Experiment scheut. Loops, Drones, Feedbacks und beklemmende Ansagen mittels Megaphon, alles taugliche Mittel zur Dämonenaustreibung auf dem Weg zur Erlösung, Brother Grimm beherrscht wie nur wenige die Fortschreibung und Grenzüberschreitung des Blues mit zeitgemäßen Anleihen aus der avantgardistischen Tondichtung. Nicht nur in diesem Rahmen erneut eine bereichernde und Hörgewohnheiten erweiternde Erfahrung, zumal im gleißenden Sonnenlicht, wo diese Musik doch eigentlich nach Kaschemmen-artigen, dunklen Aufführungsorten und dünner Kerzenbeleuchtung verlangt.

„Garage Protopunk Blues from fucking cold Siberia“ – damit wäre zum Auftritt des russischen Trios The Jack Wood grundlegend alles gesagt, wäre da nicht diese elfenartige Sirene Sasha als Frontfrau, die als geborene Bühnenperformerin am frühen Abend in extrovertierter Manier das Publikum innerhalb kürzester Zeit in den Bann zog. Der schneidende, rohe Mix der Band aus Trash-Blues und No-Wave-Elementen in Referenz an die New Yorker Endsiebziger diente als Soundtrack für die energetischen Verrenkungen und Schrei-Attacken der jungen Frau, die sich augenscheinlich zu jeder Sekunde ihrer Wirkung auf die Konzertbesucher bewusst war. Das exaltierte Bühnengebaren und der exzeptionelle Gesangsstil brachte der Sängerin bereits Vergleiche mit großen Indie-Damen wie P.J. Harvey oder Diamanda Galas ein, The Jack Wood spielten unter anderem beim Glastonbury Festival und arbeiteten mit Punk-Legenden wie Richard Hell, Lenny Kaye und Thurston Moore zusammen.

Mit The Picturebooks aus Gütersloh stand eine klassische Duo-Besetzung auf den Brettern der kleinen Bühne, Fynn Claus Grabke an Gesang und Gitarre und Philipp Mirtschink an den Trommeln entwickelten eine unglaubliche Wucht mit ihrem Heavy-Rock-Blues, die Band bringt alles mit, um auch optisch die Vehemenz ihres trashigen Biker-Sounds zu unterstreichen, eine überbordende, wilde Bühnenaufführung, in der der rohe Gitarrenanschlag und das Grollen des Sängers von einem Berserker an den Beckentrommeln hinsichtlich entfesseltem Ausbruch noch getoppt werden – warum der eindrückliche Ansatz von der Band selbst immer wieder durch überdrehtes Anmoderieren im Bierzelt-Stil unterwandert wird, ist wohl dem Umstand geschuldet, das die dort in Ostwestfalen gerne mal so sind, immer eine Spur zuviel Gepose, immer gerne eine Spur zuviel verbale Umarmung, dabei hätte die Musik die Nummer überhaupt nicht nötig, spricht ja alles für sich im ruppig-intensiven Klangbild der Bilderbücher…

Für ein dickes Ausrufezeichen sorgten Low-Gitarrist/Sänger Alan Sparhawk und sein Blues-Projekt Black-Eyed Snakes aus Duluth/Minnesota, wo Low hinsichtlich Songmaterial gerne mal qualitativ zwischen ergreifendem Indie-Slowcore und gähnender Langeweile schwanken, spielt sich bei den Snakes die gefangen nehmende Eindringlichkeit permanent am oberen Level ab. Dem Umstand geschuldet, dass das britische Psychedelic-Blues-Duo The Approved erneut die Raut-Oak-Teilnahme kurz vor knapp absagte, durften sich die Black-Eyed Snakes in einem eineinhalbstündigen „Full Set“-Konzert entfalten, sehr zur Freude der Zuhörerschaft, mit zwei Gitarren und zwei Drum-Sets zelebrierte die Band ihre Verneigung vor jedweder Spielart des ungebändigten Blues-Rock, von John Lee Hooker bis zu den Cramps schwang einiges mit an Gruß an die Altvorderen, und doch präsentierte sich der druckvolle Riff-/Percussion-Ritt modern gewandet mit raffinierter unterschwelliger Trash-Würze in einer Aufführung, die auf das Eindrücklichste unterstrich, dass diese Musikgattung auch heutzutage noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt ist. Mindblowing 1 am Tag 2.

Fredrick „Joe“ Evans IV und Pete Dio von Left Lane Cruiser enterten zu vorgerückter Stunde zum Finale des 2. Tages die Bühne, mit dem Material des neuen Longplayers „Claw Machine Wizard“ im Gepäck fackelte das Duo nicht lange und zog das Tempo ihres Trailerpark-Trash-Blues sofort in den oberen Bereich, die messerscharfe Slide-Gitarre und der hart nach vorne treibende Beat waren wie erwartet der roh gezimmerte Rahmen für die Ausbrüche, Beschwörungen und Verwünschungen, die Wut und Verzweiflung der Verlorenen aus der amerikanischen Unterschicht, denen Joe Evans mit unvermittelter Härte, Wut und Witz seine einschneidende Stimme gibt. Das Duo erfuhr zwischenzeitlich Zuwachs durch die wunderbare Sarah Kirkpatrick von catl., die für ein paar Nummern enthusiastisch das Tambourin mitschwang, bald darauf wurden die Herrschaften der örtlichen Polizei vorstellig und brachen das Konzert wegen Lärmbelästigung ab, Joe Evans bemerkte nach dem Konzert sarkastisch, vermutlich hätten die Kühe am nächsten Morgen sonst schwarze Milch gegeben. Schade, auch Left Lane Cruiser wären an dem Abend geplant über die volle Distanz gegangen, über nicht zu Änderndes lohnt indes kein Jammern, der Blick richtet sich nach vorne, zum 27. Oktober, dann wird das Duo in der Münchner Garage Deluxe auftreten, Vorfreude pur. Trotz abruptem Ende: Mindblowing 2 am Tag 2.

Nicht nur der zweite Festival-Tag kam zum plötzlichen Stillstand, nach Mitternacht hat das Wetter Ernst gemacht, ein Orkan-artiger Sturm die Zeltbehausung geflutet und uns vor der Zeit vom Festival ins heimische München zurückgespült. Bühne und weitere Teile des Festival-Geländes wurden in Mitleidenschaft gezogen und schwer verwüstet, die Show ging am dritten Tag trotz widrigster Umstände dank vieler helfender Hände wie geplant weiter, gerne hätte man noch dem Auftritt der 4Shades um Clubzwei-Veranstalter Ivica Vukelic, Echokammer-Labelchef Albert Pöschl und Schlagzeuger Martin Rühle beigewohnt, bei den Bands Dirty Deep, Colour Haze, Mount Hush und P.O.P.E. wäre sicher auch noch das ein oder andere Hörenswerte zu entdecken gewesen.
So bleibt vor allem eins – Danke zu sagen: für zwei tolle Festivaltage, an alle Freunde, Begleiter und ein paar neue Bekannte für Spaß, anregende Konversation, the legendary Tiki-Bar und Ersatz für vergessene Schlafsäcke, für feste und flüssige Verpflegung beim Festival-Catering, danke an die freiwilligen Helfer, die großartigen MusikerInnen und Bands, Jay Linhardt from Warrensburg/Missouri für den grandiosen Soundmix, an die Redneck Connecktion für allzeit stimmiges DJing vor, zwischen und nach den Konzerten – und selbstredend last but not least ein großes – wie Fredrick „Joe“ Evans IV rauskrächzen würde – „DONKESHEIJN“ an the one and only Christian Steidl, der als Veranstalter und Organisator mit Sachverstand, Herzblut und offenem Ohr dieses wunderbare, familiäre Festival mit einem in diesem Jahr nicht mehr zu toppenden Line-Up auf die Beine stellte – ein Festival, bei dem Veranstalter, Musiker, Helfer und Gäste alle gleichermaßen für eine Sache brennen, und das in der Form hoffentlich noch lange eine jährliche Neuauflage erfährt.