New Jersey

Reingehört (541): MIS+RESS

MIS+RESS – Dispellers (2019, Sound In Silence)

MIS+RESS ist das Solo-Projekt des US-amerikanischen Sound-Tüftlers Brian Wenckebach aus New Jersey, der neben seinen eigenen Klang-Exkursionen in diversen anderen Electronica/Experimental-Unternehmungen mitmischt, for example zusammen mit dem aktuellen Tangerine-Dream-Musiker Ulrich Schnauss beim Elektronik-Pop-Trio Measured. Mit seinem kürzlich veröffentlichten Album „Dispellers“ gelingt ihm der Spagat zwischen digitalen, abstrakten, feinen Ambient-Tönen und analogen, geloopten Überblendungen an Gitarren-Melodien im melancholisch-verträumten Postrock-Flow. Wie bei gutem Ambient wird hier das Langatmige und Monotone weitest möglich ausgespart, dafür die geneigte Hörerschaft an die Hand genommen und hypnotisch in andere Sphären gebeamt, via Space-Sound mit reduzierten Mitteln, effektivst zur gefälligen Entfaltung gebracht. Das Album präsentiert acht elegante, unaufgeregte Sound-Miniaturen im milden Hall und mit augenscheinlichem Pop-Appeal, die Nummern hätten bei entsprechendem Libretto bisweilen das Zeug zu dunklen, emotional anrührenden LoFi-Shoegazer-Songs.
„Dispellers“ ist im April beim griechischen DIY-Label Sound In Silence in Athen erschienen, in einer limitierten Kleinst-Auflage von 200 handgefertigten und nummerierten CD-Kopien oder als digitaler Download über Bandcamp.
(*****)

Anthony D’Amato @ Vintage Pub, München 2018-11-04

Der Mann kommt rum: Tags zuvor noch beim Take-Root-Festival im niederländischen Groningen auf der Bühne, am vergangenen Sonntag dann 800 Kilometer südlich im schönen Giesing on stage, der letzten Münchner Bastion gegen die voranschreitende Gentrifizierung, im wunderbaren Vintage Pub von Gastgeber, Konzertorganisator und Mundschenk Mike Nagl – New West Recording Artist Anthony D’Amato aus Blairstown/New Jersey, bereits zum zweiten Mal in München und erneut in Untergiesing zu Gast, von der Fachpresse bisweilen mit „Boss“ Bruce aus der Garden-State-Nachbarschaft oder dem frühen Dylan verglichen, das mag zu Teilen hinkommen, beim ersten das brauchbare „Nebraska“-DIY-Solo-Album als Referenzgröße, bei letzterem das offensive Bluesharp-Gebläse und unkomplizierte Gitarrenspiel seiner frühen Aufnahmen, mit allem anderen aus den Werken des Stadien-Pathos-Schmalzers Springsteen und vom krächzenden Sinatra-Interpreten mit dem Warum-auch-immer-Nobelpreis würde man dem jungen Mann von der amerikanischen Ostküste nicht gerecht werden, dafür ist seine eigene Interpretation von Independent-Folk und Americana dann doch bei Weitem zu eigenständig.
Überaus passend zum Trauermonat November und zum trüben, Nebel-verhangenen Herbst-Wetter intonierte Anthony D’Amato seine nachdenklichen Balladen über schlechte Laune, die Vergänglichkeit und zerbrochene Beziehungen, durchaus schwer verdaulicher Stoff aus der Feder eines gerade mal Dreißigjährigen, der in seinem Vortrag Gottlob das jugendliche Feuer nicht zum Erlöschen bringt, Selbstmitleid und Weltschmerz weitestgehend hintenanstellt und das Konzert-Publikum neben feinem Liedgut mit launigen Geschichten über Jeff-Goldblum-Doubles, die unüberwindbaren Sprachbarrieren eines amerikanischen Musikers im englischsprachigen London und die Anekdote über die Folgen der Unpünktlichkeit beim Besuch des finalen Paul-Simon-Konzerts mit der Angebeteten in Queens/New York unterhält.
Sich selbst an akustischer Gitarre und sporadischem Mundharmonika-Spiel begleitend, zauberte D’Amato Lagerfeuer- und Hobo-Atmosphäre in den tristen Sonntag-Abend, ließ neben traurigen Songs und getragenen Tondichtungen zur eigenen Befindlichkeit auch den ein oder anderen schmissigeren Folk-Tune mit einhergehender Bluesharp-Dringlichkeit und viel Herzblut im lyrischen Anstimmen erklingen – beseelte, wohltuend zu Gemüte gehende Americana-Songs mit dezenten Querverweisen zum Alternative Country und zur Sixties-Protestsänger-Kultur, letzteres nicht weiter verwunderlich bei einem jungen Folk-Musiker, der sich aktuell von einem Berserker wie dem unsäglichen Donald in der Welt repräsentieren lassen muss: Bei einem wie dem irren Insassen im White House drängen sich die Song-Themen derzeit geradezu auf.
Anthony D’Amato offenbarte sich als Meister des feinen Pickings wie des beherzten Saiten-Anschlags auf seiner akustischen Wandergitarre, neben einer reichhaltigen Auswahl an Eigenkomponiertem inklusive Vorschau auf einen im kommenden Jahr erscheinenden neuen Tonträger lockerte er den konzertanten Abend mit ein paar Fremdwerken auf, „The Only Living Boy In New York“ vom bereits erwähnten Paul Simon kochte der Songwriter zum spartanischen und damit erträglichen Neofolk-Kleinod ein, ob’s die Mitsing-Schunkel-Nummer „I Shall Be Released“ vom Bob als letzte Zugabe zum viel umjubelten und mit reichlich Applaus bedachten Auftritt unbedingt gebraucht hätte, darf jede/r Anwesende zu diesem Abend für sich selbst entscheiden, immerhin kann der junge Mann weitaus schöner singen als der Zimmerman aus Duluth, soviel steht fest.
Vorm Bob-Genöle und dem musikalisch kaum mehr relevanten Mainstream-„Boss“ muss sich der mittlerweile in Brooklyn ansässige junge Barde in keinem Fall verstecken, wer beim Mike im Pub auftreten darf und daneben Unterstützung von Koryphäen wie Conor Oberst oder den hochgeschätzten Musikanten von Megafaun beim Einspielen seiner Longplayer erfährt, hat im zeitgenössischen amerikanischen Folk-Songwriter-Geschäft durchaus ein eigenes, beachtliches Wörtchen mitzureden.
Als „nice little spot“ lobte Anthony D’Amato das Vintage Pub von Mike Nagl, eine weithin dezente Untertreibung – die mit viel Liebe, Sachverstand und Sammler-Leidenschaft eingerichtete irische Bar glänzte einmal mehr als familiärer Hort exorbitant gepflegter Americana-Unterhaltung und geschätzter Gastlichkeit in Form handverlesener, im Eintrittspreis inbegriffener lokaler Brauerei-Produkte und geschmeidiger irischer John-Power-Spirituosen, Veranstalter Mike kann erneut nicht genug gelobt werden für diese seltenen, handverlesenen Abende in seinem Refugium.

Die letzten Termine der Europa-Tour von Anthony D’Amato sind die beiden Gigs in Italien:

08.11.Piacenza – Dubliners Club
10.11.Verona – Cohen Club

Als nächste Konzerte im Vintage Pub präsentiert Mike Nagl zwei Veranstaltungen mit seiner Hausband, der US-amerikanischen Bluegrass-Institution The Henhouse Prowlers aus Chicago, das Doppelpack steigt am 11. bzw. 12. November. Das Konzert am kommenden Sonntag ist so gut wie ausverkauft, für den Auftritt am folgenden Montag sind noch Plätze verfügbar, Beginn jeweils 18.00 Uhr, Teilnahme und Adresse auf Anfrage.

Reingehört (438): Yo La Tengo, Nap Eyes

Yo La Tengo – There’s A Riot Going On (2018, Matador)

Wenn’s nur eine exemplarische Scheibe von Yo La Tengo im Plattenschrank sein soll oder die, die man auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würde, die jüngst veröffentlichte wär’s wohl eher nicht. Die Band hat sich auf „There’s A Riot Going On“ was getraut, aber nicht alles ist gleich wohlgeraten, mit manchem Titel ging der Wurf nicht ins Ziel. Der instrumentale Einstieg zeugt von einer sanften Kraut-Psychedelic, die in der Form auch jeder Tortoise-Scheibe gut zu Gesicht steht, in diesem anregenden Minimal-/Postrock-/Electronica-Modus ergeht sich das Trio sporadisch noch einige Male im weiteren Verlauf, und dafür gebührt ihm Respekt. Der ein oder andere von Georgia Hubley in betörender, tiefenentspannter YLT-Manier geträllerte Indie-Pop-Song gefällt im sanften Flow in vertrauter Weise wie das von Ira Kaplan als latent dunkel funkelnder, im gemäßigten Uptempo-Shoegazer-Anschlag vorgetragene „For You Too“, und mit der dezent experimentellen und überaus gelungenen Instrumental-Nummer „Above The Sound“ drängt sich die Vermutung auf, dass während der Aufnahmepausen die ein oder andere Sun-Ra-Scheibe im Geiste von „Space Is The Place“ das Studio beschallte und nachdrücklich Eindruck hinterließ, dagegen gibt es nix zu knurren. Gegen das beizeiten erklingende, belanglose, das Album zerklüftende Easy-Listening-Gedudel im Bossa-Nova- oder softem Jazz-Plätschern hingegen schon, ein mit jedem neuen Durchlauf sich unangenehmer gerierendes Geleier, bei dem zu Titeln wie „Let’s Do It Wrong“ ein boshaftes „Yö, den Vorsatz habt Ihr gut hingekriegt!“ durch die Hirnwindungen zuckt. Zwischen gepflegtem Ambient und gähnender Langeweile liegt ein tiefes Tal, dass die altgediente Formation aus Hoboken/New Jersey zu der Gelegenheit erst noch durchschreiten muss.
„There’s A Riot Going On“ ist unterm Strich gewiss nicht der Offenbarungseid, den die ein oder andere Combo aus dem Indie-Lager in jüngster Zeit geleistet hat, jedoch weit davon entfernt, Spitzenplätze im mittlerweile fünfzehn-teiligen Kanon der YLT-Longplayer zu beanspruchen.
Und woher dieser krampfhaft sich verrenkende, immer wieder auftauchende Versuch im Rahmen der Platten-Rezensionen kommt, die Querverbindung des Albums zum 1971er-Sly-Stone-Werk fast gleichen Titels herzustellen, muss man nicht verstehen. Protest, Verwerfungen und Unmut sind immer irgendwo am gären, in the US of A allemal. Gibt ja auch jede Menge Leute, die Huber, Maier, Müller oder Schmid heißen (oder Trump), und das sind Gottlob auch nicht alles die gleichen Deppen…
Yo La Tengo spielen am 9. Mai live in München vor bestuhltem Auditorium in den altehrwürdigen Kammerspielen, die eigene Absenz zwecks Reisegepäck-Schnüren und Aufbruch ein paar Stunden später in aller Herrgottsfrüh gen Flandern zwecks dreitägiger, schwer vermutlich weitaus einnehmenderer Postrock-Beschallung ist verschmerzbar…
(****)

Nap Eyes – I’m Bad Now (2018, Jagjaguwar)

Haben 2016 mit dem Vorgängerwerk „Thought Rock Fish Scale“ kaum vom Hocker gerissen, und bringen es mit dem neuen Auswurf noch viel weniger: das kanadische Quartett Nap Eyes übertreibt mit dem Titel des aktuellen Albums „I’m Bad Now“ hinsichtlich Selbsteinschätzung in keinster Weise, müsste aber, um der kompletten Wahrheit die Ehre zu geben, ein „Wir waren auch noch nie richtig dufte“ hinterherschicken. Gefälliger, spätestens nach dem dritten Song austauschbarer und beliebiger Indie-Songwriter-Pop, den bereits vor 30 Jahren Bands wie die geschätzten Go-Betweens oder der seltsame Lawrence und seine englische Combo Felt um Längen spannender, melodischer, emphatischer besungen drauf hatten. Wer braucht im Jahr des Herrn 2018 eine simpel gestrickte, sterbenslangweilige C-Klassen-Kopie vom dritten Velvet-Underground-Album?
(** ½ – ***)