New York City

I remember you well in the Chelsea Hotel

I remember you well in the Chelsea Hotel,
you were talking so brave and so sweet,
giving me head on the unmade bed,
while the limousines wait in the street.
Those were the reasons and that was New York,
we were running for the money and the flesh.
And that was called love for the workers in song
probably still is for those of them left.
(Leonard Cohen, Chelsea Hotel #2, New Skin For The Old Ceremony)

222 West 23rd Street, Chelsea, Manhattan, New York City
2008-04-26

Wallfahrtsort, irgendwie. Wer sich hier alles die Klinke in die Hand gab, Hammer. Kerouac hat angeblich ‚On The Road‘ in dem Kasten geschrieben. Davor gestanden, tatsächlich mit der Lloyd-Cole-Version des Cohen-Klassikers via iPod im Ohr. Erhebend.

Remember Brendan Behan, Dylan Thomas & Sid Vicious.

Well never mind, we are ugly but we have the music.
(Leonard Cohen, Chelsea Hotel #2, New Skin For The Old Ceremony)

Hotel Chelsea / Wikipedia

Moondog

Vergangene Woche privat im westfälischen Münster zugange, war es selbstredend meine heilige Pflicht, das Grab des von mir sehr verehrten amerikanischen Minimal-Music-Komponisten Moondog auf dem Münsteraner Zentralfriedhof zu besuchen.

Moondog wurde als Louis Thomas Hardin im Jahr 1916 in Marysville, Kansas, geboren. Im Alter von 16 Jahren verlor er beim Experimentieren mit Sprengstoff das Augenlicht.
Sowohl als Student als auch als Autodidakt kam er mit der klassischen Musik der Alten Welt in Berührung und erlernte das Spiel auf Violine, Viola, Piano, Orgel, den Chorgesang sowie Harmonielehre und Komposition.
1943 ging Hardin nach New York, wo er Musikergrößen wie Leonard Bernstein, Arturo Toscanini, Charlie Parker, Charles Mingus, Benny Goodman und den Beat-Dichter Allen Ginsberg kennenlernte. Seine frühen Arbeiten sind vom Jazz beeinflusst, den er für sich in eine ureigene, experimentelle Bahn lenkte.
Von den späten Vierzigern bis Anfang der siebziger Jahre lebte Hardin als Straßenmusiker, in dieser Zeit hielt er sich hauptsächlich an der 6th Avenue zwischen der 52. und 55. Straße auf, er trug dabei ein Wikingerkostüm und wurde so als „The Viking Of 6th Avenue“ zur lokalen Berühmtheit in Manhattan.
Das Hilton Hotel gab seine Adresse in Anzeigen eine Weile mit „opposite Moondog“ an.
Seinen Künstlernamen wählte er laut eigener Aussage zu Ehren eines Blindenhunds „who used to howl at the moon more than any dog I knew of.“
Im Laufe der Jahre tendierte sein Kompositionsstil mehr und mehr in Richtung Kontrapunkt-Minimal-Klassik, Größen des Genres wie Philip Glass oder Steve Reich bezeichnen die Arbeiten Moondogs als frühe Einflüsse.
1974 wurde der Komponist vom Hessischen Rundfunk für zwei Konzerte nach Deutschland eingeladen und blieb kurzerhand im Anschluss im Lande.

„Ich wollte ursprünglich gleich nach dem Konzert zurück. Als ich aber hier war, da war ich so beeindruckt von den Menschen, von ihrer Freundschaftlichkeit, ihrer Wärme, der ganzen Atmosphäre, dass ich mich entschieden habe, nicht mehr in die USA zurückzugehen.“
(Moondog)

In Hamburg, Hannover und Recklinghausen trat er weiter als Straßenmusiker auf, ehe ihn die Studentin Ilona Sommer in Oer-Erkenschwick unter ihre Fittiche nahm. Ilona Sommer gründete den Musikverlag ‚Managarm‘, in dem heute die meisten Werke Moondogs veröffentlicht sind.

Von seinen zahlreichen Werken möchte ich dem geneigten Hörer vor allem das Columbia-Album „Moondog“ aus dem Jahr 1969 ans Herz legen, hier entfaltet der Meister seine ganze Minimal-Klassik-Pracht, immer spannend und trotz des avantgardistischen Ansatzes jederzeit angenehmst anzuhören. Der Tonträger ist nicht zu verwechseln mit der Prestige-Aufnahme gleichen Namens aus dem Jahr 1956, Moondog zelebriert dort – ebenfalls sehr hörenswert – experimentelle Avantgarde-Musik und schräg-angejazztes Soundgefrickel.
Eine dringende Empfehlung ist das Spätwerk „Elpmas“ (1992, Roof), Moondog arbeitet auf diesem Vibraphon-dominierten Werk erst- und letztmals mit elektronischem Sampling (Elpmas: spell it backwards!), schlägt die Indianer-Trommel und erzeugt somit wunderschöne, meditative Soundlandschaften, die ihresgleichen suchen.
Eine wunderbare Übersicht über seine späten Jahre gibt die Doppel-CD „The German Years 1977 – 1999“ (2004, Roof), die die diversen Schaffensperioden des Meisters in ihrer kompositorischen Vielfälltigkeit in repräsentativen Klangbeispielen dokumentiert. CD 2 enthält das letzte Konzert Moondogs, dass er wenige Monate vor seinem Tod zusammen mit der französischen Pianistin Dominique Ponty auf dem M.I.M.I.–Festival in Arles/Süd-Frankreich spielte, der Querschnitt seiner Klavierwerke präsentiert Werke aus fünf Jahrzehnten jenseits jeglicher Konventionen.
Weitere Empfehlungen:
Moondog 2“ (1971, Columbia), wunderbare Weiterführung des 1969er-Meilensteins und in der Regel mit dieser im Doppelpack erhältlich.
A New Sound Of An Old Instrument“ (1979, Kopf/Roof), großartige, meditative Orgelklänge, hier kann der Bach-Freund seinen Horizont auf’s Angenehmste erweitern.
Sax Pax For A Sax“ (1997, Atlantic/Kopf/Roof), minimalistische Kammermusik und Experimental-Jazz, eingespielt mit dem ‚London Saxophonic‘-Ensemble im britischen Bath, unter Beteiligung des Multi-Instrumentalisten Danny Thompson (Pentangle, Richard Thompson) und von Peter Hammill, dem Kopf der englischen Prog-Rock-Institution Van Der Graaf Generator.

1999 ist Louis Thomas Hardin/Moondog in Münster im Alter von 83 Jahren an Herzversagen gestorben. Sein Grab liegt an der Mauer im neuen Teil des Münsteraner Zentralfriedhofs. Die Grabstätte ist zudem die letzte Ruhestätte seiner Förderin Ilona Sommer, die 2011 im Alter von sechzig Jahren verstarb.
Die Grabskulptur wurde vom Wiener Künstler Ernst Fuchs (der lebt noch!), einem engen Freund des Musikers, gestaltet.

„Seine Musik ist das Genialste, was es in der zeitgenössischen Musik überhaupt gibt. Sie ist von einer Präzision, da würde heute selbst Bach applaudieren.“
(Ernst Fuchs)

Rosanne Cash + The Jayhawks @ Beacon Theatre, NYC, 2011-10-21

Habe vor kurzem in alten Fotos gewühlt und dabei gern in Erinnerungen an ein schönes Doppel-Konzert vor ein paar Jahren im New Yorker Beacon Theatre geschwelgt. Das historische Theater liegt an der Upper West Side am Broadway, unweit des Central Park, es wurde 1929 als Kino und Vaudeville-Theater eröffnet, bietet für circa 2800 Besucher Platz und ist unter anderem Schauplatz des Rolling-Stones-Konzerts, dass Martin Scorsese für seinen Film „Shine A Light“ im Jahr 2006 dokumentierte.

Anlass meines Besuchs im Theater vor ein paar Jahren war ein Stelldichein zweier Top-Acts aus dem Alternative-Country-Bereich, den Auftakt des stimmungsvollen Abends machte dabei die hochsympathische Rosanne Cash, die älteste Tochter von Country-Ikone Johnny Cash brachte an dem Abend zusammen mit ihrem Ehegatten John Leventhal und ihrer Band vor allem Material von „The List“ (2009, Manhattan) zum Vortrag, die Platte, die ausschließlich aus Fremdkompositionen besteht, basiert auf der Liste der hundert wichtigsten Country-Songs, die Rosanne Cash im Alter von 18 Jahren von ihrem Dad vermacht bekam. In bleibender Erinnerung sind mir vor allem die Interpretationen des Klassikers „Long Black Veil“ und die Gänsehaut-erzeugende Fassung des Dylan-Meilensteins „Girl From The North Country“ geblieben.

Den Hauptteil des Abends bestritt die Alternative-Countryrock-Institution The Jayhawks, deren beide maßgeblichen Songwriter Gary Louris und Marc Olson sich in just dem Jahr wieder zusammentaten und mit „Mockingbird Time“ (2011, Rounder) ein neues Band-Album veröffentlichten, nachdem Olson 1995 die Band verließ, um auf Solopfaden zu wandeln oder mit seiner damaligen Frau Victoria Williams und den Creekdippers zu musizieren. Das Songmaterial des Abends bestand folgerichtig vornehmlich aus Stücken des aktuellen Albums, welches Vergleiche mit den Bandklassikern „Hollywood Town Hall“ (1992, American Recordings) und „Tomorrow The Green Grass“ (1995, American Recordings) nicht scheuen musste.
Für mich war es eine schöne Erfahrung, Mark Olson auf großer Bühne zu erleben, ich habe ihn zuvor einige Male mit seiner mittlerweile Ex-Lebensgefährtin Victoria Williams auf kleiner Club-Bühne in meinem Lieblings-Wohnzimmer Substanz erlebt, in großem Rahmen machte er sich indes auch ganz famos.
Das New Yorker Alternative-Country-Publikum scheint sich durch die Bank aus älteren Semestern zu rekrutieren, bei uns hocken diese Jahrgänge in der Regel in der Oper. Ich bin weiß Gott auch nicht mehr taufrisch, aber in dem Umfeld kam ich mir richtig jung vor… ;-)))
Hinter mir saß ein älterer Ami vom Schlage Philip Seymour Hoffmans, der seiner Begleitung ausführlichst erzählte, welche Bands er im Beacon bis dahin genießen durfte, als die Rede auf die Grateful Dead kam, musste ich an mich halten, um nicht vor Neid grün anzulaufen… ;-))