Niederlande

Svartvit + Space Eating Dogs @ Pension Noise #13, Import/Export, München, 2019-02-10

Lärmende Nachmittags-Matinee der Galerie Kullukcu-Gregorian am vergangenen Sonntag: Zu ungewöhnlich früher Uhrzeit ab 16.00 Uhr luden die Veranstalter der Pension Noise mit einem experimentellen Doppelpack zur 13. Ausgabe der sporadisch stattfindenden Konzert-Reihe in die Räumlichkeiten im Obergeschoss des Import/Export.

Space Eating Dogs sind ein junges Noise-Duo aus München, die Local Heroes bestritten den ersten Teil der launigen Veranstaltung mit einer abstrakten Sinfonie aus geloopten und durch ein Arsenal von verzerrenden Effektgeräten gejagten Bass-Tönen, rhythmisch in Form gebracht vom Anschlag auf diversen Basstrommeln, der an wuchtiges Pauken-Gewitter im klassischen Kontext gemahnte und vor allem dem dunklen, bedrohlich wirkenden weißen Rauschen und Feedbacks Struktur gab wie rituell-hypnotisches Element. Der Flow der 50-minütigen Live-Komposition wurde multimedial verstärkt durch eine in grellen Farben gezeichnete Video-Installation, die verwackelte und kolorierte Bilder eines an der Wasseroberfläche schwimmenden U-Boots an die Wand warf. Ein mit virtuosen Ideen geizender und damit tendenziell etwas zu ausgedehnt vor sich hin mäandernder Monoton-Drone in maximaler Electronica-Verfremdung trifft auf analoges, rudimentäres Improvisations-Drumming, ein spannender Ansatz, der nach dringender Weiter-Entwicklung wie -Verfolgung verlangt.

Der Niederländer Kevin Jansen aus Den Haag, der seine Klangskulpturen selbst als „Harsh Noise Violence“ bezeichnet, brachte seine atonale Message im zweiten Teil der Pension-Noise-Veranstaltung mit seinem Solo-Projekt Svartvit in knapp bemessenen zwanzig Minuten kurz und bündig auf den Punkt, die hoffnungsvolle Aussage seines eingeflochtenen, verfremdeten Sprach-Samplings „Just Listen To Me, Everything Will Be Alright“ konterkarierte der Electonica-Artist mit einer wütenden, zu Teilen verstörenden Aufführung. Eine diffus pochende, abstrakte Industrial-Dunkelheit, einem Echolot aus finsteren, trüben Gewässern gleich, steckte den lautmalerischen Rahmen für die extrovertiert-erratische One-Man-Performance des Klangforschers, der das Klirren von Ketten in den Sound loopte wie die latent befremdlichen Geräusche seiner eigenen Körperfunktionen. Neben verzweifeltem Hardcore-Geschrei zur Befreiung der inneren Dämonen und Verarbeitung der auf wen oder was auch immer projizierten, aufgestauten Wut fixierte der Künstler Verstärker-Kabel mit grobem Klebeband in einer angedeuteten Selbst-Strangulation an seinem Hals, gab durch Versenken eines Knopf-großen Mikros im Mundraum beklemmende Würge-Laute von sich und bereicherte damit den bereits Grenzen-antestenden Charakter der erschütternden Lärmgebilde und die Form seiner Bühnenpräsenz um weitere unkonventionelle Faktoren.
Der ganzheitliche Radikal-Ansatz von Svartvit konfrontiert das Publikum mit reinigenden Elementen des Wiener Aktionismus, dem Feedback-dominierten, dumpfen und monotonen Geist des Proto-Industrial und der heftigen Raserei des Hardcore-Punk – eine atonal und mit engagiertem Einsatz auf den Punkt gebrachte Schrei- und Schmerz-Therapie, in einer kurzen Sitzung dem überwältigten Publikum als individuelle Körper/Geist/Seele-Erfahrung angedient. Selber einen gewaltigen Sprung in der Schüssel oder alternativ dazu bereits alles Erdenkliche an Absonderlichem aus der weiten Welt der experimentellen Vorführungen gesehen, das wären wohl die einzig denkbaren Ausreden, um nicht auf die ein oder andere Weise vom intensiven Herauskehren der inneren Befindlichkeit im Kurz-Seelen-Strip von Svartvit angerührt zu sein.

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Reingehört (414) – Aaron Martin & Machinefabriek

Aaron Martin & Machinefabriek – Seeker (2017, Dronarivm)

Der spanische Choreograph Iván Pérez hat 2012 beim niederländischen Soundtüftler Rutger Zuydervelt aka Machinefabriek angefragt, ob er zusammen mit dem US-amerikanischen Komponisten/Cellisten Aaron Martin die Musik zu seinem Tanz „Hide And Seek“ komponieren möchte, nicht ahnend, dass die Musiker bereits 2007 für die EP „Cello Drowning“ kooperierten, und so war es den beiden Klangartisten ein Leichtes, dem Begehr Folge zu leisten.
Auf der 2017 für die Tonträger-Veröffentlichung fertiggestellten Arbeit „Seeker“ nähern sich die beiden Künstler naturgemäß von unterschiedlichen Warten dem Gemeinschaftsprojekt an, der klassisch geschulte Aaron Martin entwirft gewichtige, profunde Arbeiten an Cello, Harfe und anderweitigem Instrumentarium in stilistischem Einklang zwischen Neu-Klassik, Minimal Music und meditativem Ambient, Nebel-verhangene, melancholische, sehr getragene und mitunter schwermütige Instrumental-Epen, die Rutger Zuydervel mit abstrakten, verzerrten, wenn nicht latent verstörenden, so doch irritierenden Electronica-Drones und digitalem Sampling aus seiner Machinefabriek Spannungs-befeuernd anreichert – ein Verweben von organischen und Technik-gestützten Interpretationsansätzen aus dem weiten Feld der experimentellen Musik, feinst aufeinander abgestimmt und zu einem durchgängig stringenten Konglomerat verwoben. Entstanden im wechselseitigen transatlantischen Austausch zwischen Rotterdam/Old Europe und Topeka/Kansas, die Kommunikationsmöglichkeiten der modernen Welt machen’s möglich.
„Seeker“ ist Mitte Dezember 2017 beim Moskauer Neoklassik- und Ambient-Label Dronarivm erschienen.
(**** ½ – *****)