No Depression

Reingehört (383): Tim Grimm And The Family Band

Winter will be hard this year
And I know the seasons changed but this one I’ve come to fear
Songs of joy turn to silence
And hope turned into fear
Winter will be hard this year
(Tim Grimm, These Rollin‘ Hills)

Tim Grimm And The Family Band – A Stranger In This Time (2017, Cavalier Recordings)

Mittelständischer Familienbetrieb mit grundsolidem Handwerk im Angebot: Indiana-Songwriter Tim Grimm, seine Ehefrau Jan und die gemeinsamen Söhne Connor und Jackson bestechen auf ihrem aktuellen Album „A Stranger In This Time“ neben einem Talking Blues in Anlehnung an die brauchbare Sechziger-Jahre-Dylan-Phase vor allem mit herzensgutem Akustik-Folk, No-Depression-Alternative-Country, feinen Bluegrass-Elementen und Einflüssen aus der irischen Volksmusik im weiten Feld der beseelten Americana-Ballade. Die Songs zeugen von einer tief empfundenen, nachdenklichen Sicht auf die nicht immer angenehmen Realitäten des Lebens, bereits mit dem getragenen Opener „These Rollin‘ Hills“ ist die Grundstimmung der Songsammlung weitestgehend umrissen. Die Metaphern vom Kaliber „Dunkle Wolken über den grünen Auen“ aus dem ländlichen Farmleben lassen sich auf die individuellen Umstände übertragen, wer mag im kalten November widersprechen, dass der Winter hart wird, wenn es an allen Ecken und Enden nass reingeht – feine Liedkunst mit Tiefgang im Geiste getragener Johnny-Cash-Kleinode und unverstellt-wahrhaftiger Steve-Earle-Tondichtungen.
Tim Grimm ist mit Folk-Legende Ramblin‘ Jack Elliott befreundet, in früheren Zeiten hat er sich neben der Musik mit Theater-Produktionen und diversen Film- und Fernsehrollen in Hollywood beschäftigt. Sein prominentester Kino-Auftritt ist die Rolle des FBI-Agenten Dan Murray in „Das Kartell“ neben den Stars Harrison Ford und Willem Dafoe. Ab Anfang der 2000er widmete er sich vermehrt seinen Folk-Erzählungen, die Veröffentlichung eines Dutzends Tonträger steht seither zu Buche. Kann man nur gut heißen, cineastischen Mainstream gibt es sowieso schon zuviel.
(*****)

Reingehört (371): Gill Landry, Ed Dupas

“There’s only two kinds of music: the blues and zippety doo-dah.”
(Townes Van Zandt)

Gill Landry – Love Rides A Dark Horse (2017, Loose Music)

War schon unter dem Pseudonym Frank Lemon zugange und in vergangenen Tagen mit der Nashville-Bluegrass-/String-Band Old Crow Medicine Show unterwegs, solistisch schert sich Gill Landry auf „Love Rides A Dark Horse“ kaum um die tradierten Muster des Country-Mainstream, mit seinen neun neuen, dieser Tage bei Loose Music erschienenen Songs bietet er in den Stimmungs-aufgehellteren Kompositionen wie „Denver Girls“ oder „Berlin“ mit verhallten Slide-Gitarren durchwehte, staubige Southern-Gothic-Kleinode, die sich trotz gespenstischer Atmosphäre und unterschwelligen Beklemmungsanwandlungen angenehm ins Ohr schmeicheln, der charakteristische, abgeklärte Bariton des Songwriters tut hierzu sein Übriges. In den melancholischeren, getragenen, ins Desillusionierte und Grübelnde kippenden Folk-Balladen ist Landry maximalst weit entfernt von beschwingtem Cowboy-Gepolter, Musik, zu der man alleine an der Bar sitzend in sein schales Bier weinen möchte, der Soundtrack für den Leichenschmaus zur Beerdigung des amerikanischen Traums. Dark Doom Country-Folk-Geschichten über Liebe, Hass, Desillusionierung von einem einsamen Wolf, der fertig ist mit der Lebensabschnittsgefährtin, seinem Umfeld und der Welt im allgemeinen. Spendiert dem Mann einen Drink und/oder kauft seine Platte, er hat es verdient.
(**** ½ – *****)

Ed Dupas – Tennessee Night (2017, Independent Records)

Nochmal hochanständiger Stoff aus der Americana-Ecke, bereits seit dem Frühsommer zu haben: Ed Dupas, geboren in Texas, aufgewachsen in Kanada, mittlerweile ansässig in Ann Arbor/Michigan, hält auf „Tennessee Night“ gekonnt die Balance zwischen Alternative Country, Midtempo-Folk-Rock und einer zu Herzen gehenden Balladen-Kunst, die unüberhörbar geprägt wurde von der Tondichtung altvorderer Säulenheiliger wie Steve Earle oder Guy Clark. Die nicht zu knapp bemessene Portion Schmelz in Gesang und Slide-Gitarren-Spiel geht tief rein in Gemüt und Seele der westlich sozialisierten Urban-Cowboys, Vorort-Desperados und Prärie-Outlaws, sie garantiert wohlige Ergriffenheit, sporadisch nah an der Grenze zum Herzschmerz-Kitsch, diese dankenswerter Weise aber nie überschreitend oder ausdehnend. Klassischer Heartland-Stoff, der Uncle-Tupelo-Verehrer_Innen genauso reinlaufen dürfte wie Springsteen- und Mellencamp-Freund_Innen, hoher Abdeckungsgrad Hilfsausdruck.
Geschichten über gebrochene Herzen, Road Trips, Motel Rooms und die Hoffnung auf bessere Zeiten im amerikanischen Alltag, der passende Working-Class-Stoff zum beseelten No-Depression-Sound, unkompliziert wie effektiv in Szene gesetzt.
(**** ½ – *****)

Reingehört (281): Son Volt, Gurf Morlix

THE HANDSOME FAMILY @ Ampere München 2015-09-29 (11)

Son Volt – Notes Of Blue (2017, Thirty Tigers Records/Transmit Sound)

Während Jeff Tweedy mit Wilco nach dem Uncle-Tupelo-Split den ureigenen, von der dahingeschiedenen Band maßgeblich geprägten No-Depression-/Alternative-Country-Sound in Form von unüberhörbaren Beatles-Reminiszenzen, Psychedelic-Gefrickel, Alternative-, Experimental- und Kraut-Rock in unterschiedlichste Richtungen und in leider zuletzt schwer schwankender Qualität weiterentwickelte, blieb Jay Farrar, der andere Uncle-Tupelo-Mitbegründer und -Songschreiber, mit seiner Nachfolge-Band Son Volt dem Klangbild der ehemals gemeinsam betriebenen Band weitgehend treu, 1995 platzierte er mit „Trace“ (Warner Bros.) einen allseits hochgelobten Meilenstein in der Welt des Alternative-Country-Genres, in den folgenden Jahrzehnten hat sich an der Qualität des beseelten Americana-Sounds der Band nichts Grundlegendes geändert, Alben wie „Okemah And The Melody Of Riot“ (2005, Transmit Sounds) oder „American Central Dust“ (2009, Rounder) zeugten von unverminderter Songwriter-Intensität.
So auch auf dem Mitte Februar erschienenen, jüngsten Werk „Notes Of Blue“, Jay Farrars großartig warme, voluminöse, mit dezentem Country-Schmelz permanent ins Melancholische neigende Stimme bildet die homogene Klammer um eine eindringliche Songsammlung aus schmerzhaften Alternative-Country-Balladen, beherzten Folk-Rockern, entspanntem Country-Slidegitarren-Folk und einigen vehementen, durch verzerrte Stromgitarre dominierte, Blues-lastige Indie-Rocker, wie sie in der Form bisher bei Son Volt weitgehend die Ausnahme waren. Eine grundsolide, geerdete, den instrumentalen Beigaben Raum gebende Produktion tut das Übrige zu dieser ausgewogenen Präsentation des Songwriter-Talents Farrars, der zwar nie so wie ex-Kollege Tweedy auf der ganz großen Bühne des Business ankam, dafür aber auch noch nie Fuß-einschläfernde, halbgare Belanglosigkeiten wie den letzten Wilco-Auswurf „Schmilco“ unter’s Volk brachte – in the long run dann wahrscheinlich doch die genehmere Variante…
(**** ½ – *****)

Gurf Morlix – The Soul & The Heal (2017, Rootball)

Der gute alte Gurf Morlix. Ab 1985 für mehr als 10 Jahre Musikant in der Band von Alternative-Country-Queen Lucinda Williams, Produzent mehrerer ihrer Alben, er hatte auch maßgeblich die Finger im Spiel beim Entstehungsprozess des geschätzten Williams-Highlights „Car Wheels On A Gravel Road“ (1998, Mercury), ehe gegen Ende des Feinschliffs zum Meilenstein im Studio die Fetzen flogen und die bis dahin gedeihliche Zusammenarbeit ein jähes Ende fand.
Daneben und danach betreute er feine Arbeiten von Songwriter-KollegInnen wie Mary Gauthier, Butch Hancock, Dave Alvin oder Ray Willie Hubbard und veröffentlichte seit der Jahrtausendwende in schöner Regelmäßigkeit eigene Alben wie das wunderbare „Diamonds To Dust“ (2007, Blue Rose/Blue Corn Music) oder das Tribute „Blaze Foley’s 113th Wet Dream“ (2011, Gurf Morlix) mit 15 Coverversionen des 1989 verschiedenen Country-Musikers, über den Weggefährte Townes Van Zandt einst den schönen Satz sprach, er wäre nur einmal in seinem Leben ausgetickt und habe sich dann entschieden, in diesem Zustand zu bleiben.
Auf „The Soul & The Heal“ erzählt, singt und grollt Morlix lakonisch zehn neue, nachdenkliche Geschichten mit seinem markanten, dunklen Organ, die Songs sind durch die Bank im getragenen Americana-/No-Depression-Sound angelegt, Do-it-yourself im heimischen Rootball-Studio in kargem, Zierrat-freiem Klang und gespenstisch-dunkler Southern-Gothic-Grundstimmung eingespielt, viel stilistische Bewegung findet auf dem Tonträger nicht statt zwischen Country-Folk und Songwriter-Blues, aber der Mann ist unüberhörbar ganz bei sich, und somit geht die Rechnung unterm Strich für diese Nummer wunderbar auf.
(**** ½)