Nordirland

Reingelesen (76): Dietrich Schulze-Marmeling – Celtic

„‚Hibs‘-Sekretär John McFadden macht seinen Glasgower Gastgebern den Vorschlag, dem Edinburgher Beispiel zu folgen und auch in ihrer Stadt einen „irisch-katholischen“ Klub zu gründen. Der Vorschlag wird zum größten Eigentor der schottischen Fußball-Geschichte.“
(Dietrich Schulze-Marmeling, Celtic, Kapitel 2, Der Club der Einwanderer)

Dietrich Schulze-Marmeling – Celtic. Ein „irischer“ Klub in Glasgow
(2018, Verlag Die Werkstatt)

Fußball-Schauen konnte in den vergangenen Wochen dank der laut FIFA-Boss Infantino „besten Weltmeisterschaft aller Zeiten“ inklusive des in deutschen Landen auftretenden Nachbebens aufgrund unterirdischer Turnierleistung „der Unseren“ (aka „Die Mannschaft“), unsäglichem Funktionärs-Nachtreten und unfassbaren Steuerhinterzieher-Auswürfen in der Causa Özil mitunter von hohem Unterhaltungs- und Erkenntnis-Wert sein, die Lektüre zu ausgewählten Themen aus der weiten Welt des runden Leders erfüllt diesen Zweck ab und an nicht weniger, wie der renommierte Fachbuch-Autor Dietrich Schulze-Marmeling mit seinem jüngst erschienenen Werk über The Celtic Football Club eindrucksvoll unterstreicht. Und politisch wie sozial-historisch spannender sind die 288 Seiten zwischen den Buchdeckeln von „Celtic. Ein ‚irischer‘ Verein in Glasgow“ allemal mehr als die kürzlich über die Bühne gegangene Putin-WM – das ist nahe liegend bei einem katholischen, weit über die schottischen Landesgrenzen hinaus verehrten wie gleichsam verhassten Verein im protestantisch geprägten Kaledonien, wie auch bei einem Autor, der in seiner beschriebenen Celtic-Historie neben der chronologischen Abhandlung der sportlichen und Vereins-politischen Entwicklung seit Club-Gründung durch den irisch-stämmigen Ordensbruder Andrew Kerins/Brother Walfried im Jahr 1887, der Dokumentation der nationalen und internationalen Erfolge und der Würdigung einzelner, verdienter Spieler-Ikonen vom „Lord Of The Wing“ Jimmy Johnstone bis zum schwedischen Top-Stürmer Henrik Larsson ausführlich den komplexen inner-irischen Konflikt behandelt, der über die grüne Insel hinaus seit Dekaden das Handeln der mehrheitlich von katholisch-irischen Auswanderern abstammenden Vereinsführung wie die anti-royalistischen/anti-unionistischen Schlachtgesänge und Fan-Aktionen der Celtic-FC-Anhängerschaft durchdringt und vor allem immer wiederkehrend im „Old Firm“ seine ganze politische, religiöse und soziale Brisanz in der schottischen Liga, in der Medien-Landschaft und letztendlich der gesamten Zivil-Gesellschaft entfaltet, jenem legendären, vor 130 Jahren erstmals ausgetragenen Lokalderby zwischen Celtic und dem protestantisch-sektiererischen Stadtrivalen Rangers.

„Die Mauer zwischen dem Shankill- und dem Falls-Gebiet ist so hoch, dass diese Leute niemals Menschen in Celtic-Trikots gesehen hatten. Obwohl nur zwei Meilen entfernt, wussten sie nichts von einer Welt wie Ardoyne, wo die irische Trikolore weht und Kinder mit Hurling-Schlägern und in GAA-Trikots herumlaufen. Auf der Shankill Road hätten sie jeden, der ihnen in einem Celtic-Trikot begegnet wäre, ermordet.“
(Peter Shirlow, University of Ulster)

„You can shove your Royal wedding up your arse!“ schmetterten die Celtic-Fans im vergangenen Mai zum Boulevard-Presse- und Mainstream-Medien-gehypten, royalen Markle/Windsor-Vermählungs-Event beim selben Tags stattfindenden schottischen Pokalfinale, der Schmäh-Gesang bringt die Haltung der irisch-katholisch verwurzelten Anhängerschaft zu den Repräsentanten des längst verblassten britischen Empires und zum Establishment des United Kingdom treffend auf den Punkt. Schulze-Marmeling holt weit aus in seinem Buch und dokumentiert sorgfältig wie differenziert die Wurzeln, historischen Stränge und Gründe der exponierten Outsider-Stellung des Clubs in der britischen Gesellschaft wie das politisch-soziale Fundament seiner Verehrung durch die katholische Fan-Basis aus der nordirischen Konflikt-Region und der irischen Republik, ausgehend von den zur Massen-Migration zwingenden Hungersnöten im Irland des 19. Jahrhunderts, der Club-Gründung als ursprünglich karitative Wohlfahrtsorganisation zur finanziellen Unterstützung der katholischen Unterschicht und Arbeiterklasse Glasgows, dem Dubliner Osteraufstand und dem irischen Unabhängigkeitskrieg, sozialrevolutionären Ideen innerhalb der Vereinsführung wie die mitunter nicht abschließend geklärte Haltung zur IRA und ihrer terroristischen Aktionen gegen die britischen Institutionen. Gerade zu diesen Themen regt die Lektüre zu weiteren, ausführlicheren Studien an, vor allem auch durch den zweiten Teil des Buches, „Celtic, Irland und die ‚Troubles'“, in dem der Autor profund aufzeigt, dass eine rein aus sportlicher Sicht erzählte Celtic-Vereinsgeschichte kaum Sinn macht, da sie sich in den seltensten Fällen von der sozio-politischen Komponente des Themen-Komplexes trennen lässt. Bereits in der Fußball-Historie durch die sich zwingend aufdrängende Auseinandersetzung mit der unionistischen, sektiererischen Vereinspolitik des Lokalrivalen Rangers und den zahlreichen Querverbindungen der protestantischen Anhängerschaft zu loyalistischen Vereinigungen wie dem Oranier-Orden und zu den paramilitärischen Terror-Organisationen Ulster Defence Association und Ulster Volunteer Force untermauert Schulze-Marmeling diesen Ansatz eindrücklich, im speziell der irischen Komponente der Thematik gewidmeten zweiten Teil ist die Bedeutung des Clubs und seines protestantischen Stadtrivalen zu Zeiten der nordirischen „Troubles“ als Projektionsfläche separatistischer/unionistischer Standpunkte zentraler Dreh- und Angel-Punkt, ob in der Geschichte des 1949 aufgelösten Vereins-Pendants Belfast Celtic FC, in Reflexionen zur nordirischen Fußball-Verbands-Politik, Berichten über No-Go-Areas in der durch Mauern geteilten Hauptstadt Belfast, über persönliche Verbindungen von kickenden Rangers-Stars zu paramilitärischen, protestantisch-unionistischen Serien-Killern oder den Geschichten über die Morde an jugendlichen Celtic-Fans, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, Geschichten über kranke Parallel-Welten und fanatischen Irrsinn, die den Sport zur schaurigen Nebensache und zum Aufhänger für massive politische und soziale Verwerfungen degradieren.

„Die Italiener sahen aus wie Filmstars – und wir sparten für die dritten Zähne.“
(Bill McNeill, Celtic-Kapitän der „Lisbon Lions“)

Ein zentraler Abschnitt jeder Vereins-Chronik des Celtic FC – so hier nicht anders – gehört der ausführlichen Würdigung der „Lisbon Lions“, jener hinsichtlich Kult-Status in der internationalen Welt des Vereinsfußballs den „Busby Babes“ von Manchester United, der Mannschaft von Nottingham Forest unter Brian Clough in den Endsiebzigern oder den 78er-Double-Gewinnern des 1. FC Köln vergleichbaren Celtic-Jahrhundert-Elf um Wunderstürmer Jimmy Johnstone und ihren Trainer Jock Stein, einem heute über die Vereinsgrenzen hinaus legendären, über 13 Jahre die sportlichen Geschicke der „Bhoys“ lenkenden ehemaligen Celtic-Spieler, Sozialisten und – paradoxerweise – Protestanten, der mit religiösem Sektierertum nichts am Hut hatte, der den Menschen vor Nationalität und Glauben stellte, mit seiner offensiven Fußball-Philosophie die Kunst des holländischen Totaalvoetbal vorwegnahm und damit den Celtic FC bis dato zu seinen größten Erfolgen führte. Der Triumph der ersten britischen und nordeuropäischen Mannschaft überhaupt in einem Europapokal-Finale im Landesmeister-Wettbewerb 1967 in Lissabon gegen den berüchtigten Catenaccio-Riegel von Favorit Inter Mailand war seinerzeit ein nicht erwarteter Sieg gegen südländische Defensiv-Künste wie Krönung einer ganzen Reihe von nationalen Meisterschafts- und Pokal-Titeln unter der Ägide des Ausnahme-Trainers, der von Fußball-Historikern in einer Reihe mit schottischen Koryphäen wie Matt Busby, Bill Shankly und Alex Ferguson genannt wird, der bis heute der letzte der Jahrzehnte-lang engagierten Celtic-Trainer bleibt – neben dem ersten Coach Willie Maley (43 Jahre) und Jimmy McGrory (20 Jahre von 1945 bis 1965) – und der – tragisch wie stilsicher als Vollblut-Coach – im September 1985 als schottischer Nationaltrainer während eines WM-Qualifikationsspiels gegen Wales im Stadion in Cardiff einem Herzinfarkt erlag.

Dass die seit 1890 ausgespielte Scottish League Championship für Außenstehende und keinem der beiden Glasgow-Clubs Zugewandten bis zur Rangers-Insolvenz im Jahr 2012 kaum Spannendes zu bieten hatte, belegt der Blick in die Statistik, von den bis dahin ausgespielten 116 Titeln gingen 43 an Celtic und 54 an den (Noch-)Rekordmeister Rangers, der FC Aberdeen war 1985 der letzte schottische Meister außerhalb „The Old Firm“, seit dem zwischenzeitlichen Zwangsabstieg des Lokalrivalen in die vierte Liga als Folge der Vereins-Pleite der Rangers kann die alljährliche Dauer-Meisterschaft der Grün-Weißen hinsichtlich Langeweile mittlerweile mit dem Bundesliga-Monopol des Münchner Steuerhinterzieher-Vereins konkurrieren. Das Verblassen des Celtic-Sterns trotz nationaler Dominanz auf internationaler Bühne vor allem mangels konkurrenzfähiger finanzieller Mittel und die Folgen für den Verein dokumentiert Schulze-Marmeling ausführlich wie die bisher gescheiterten Bemühungen einer Anbindung an die englische Premier League.

Der mehrseitige „Einwurf“ – eines von mehreren ergänzenden, eigenen Kapiteln zu expliziten Themen – über die Fan-Freundschaft zwischen Celtic- und Hamburger St.-Pauli-Supportern dürfte unter den deutschen Lesern über die Anhängerschaft des norddeutschen Kiez-Clubs hinaus kaum auf gesteigertes Interesse stoßen, die unterm Strich sehr oberflächlich umrissenen Reise-Eindrücke des ehemaligen Pauli-Fanbeauftragten Sven Brux aus der geteilten Stadt Belfast zu Zeiten des Nordirland-Konflikts vor dem Karfreitags-Abkommen dann wahrscheinlich im Zweifel nur noch bei einer Handvoll politischer Wichtigtuer unter den Totenkopf-Shirt-Trägern, und den komplett abgedruckten, an Banalität kaum mehr zu unterbietenden Songtext von „The Celtic and St. Pauli Song“ hätte man sich getrost komplett sparen können, wegen der zwölf Seiten der ansonsten sehr lesenswerten Vereinshistorie muss man selbstredend nicht päpstlicher als der Papst sofort die gelbe Karte zücken, aber ohne eine kurze Ermahnung geht es an der Stelle dann auch nicht ab.

Mit vernachlässigbaren Abstrichen ist das Buch somit eine äußerst lohnende Lektüre für Freunde des internationalen Fußballs und seiner in den vergangenen Jahren zusehends aus dem Fokus geratenen schottischen Spielart, die einst in mittlerweile längst vergangenen Zeiten mit zur Weltspitze zählte, die Doku ist guter Lesestoff und idealer Einstieg für Interessierte an irischer, schottischer und britischer Geschichte, Kultur und Politik, und natürlich nicht zuletzt für die auch hierzulande zahlreichen Freunde und Sympathisanten des faszinierenden grün-weißen Kult-Vereins aus Glasgow – fundiert, flüssig lesbar und der komplexen Thematik gerecht werdend beschrieben von einem ausgewiesenen Kenner der Szene. Darüber hinaus dürfte die im Mai beim Verlag Die Werkstatt erschienene Vereins-Doku derzeit die einzige verfügbare deutsche Publikation zum Thema sein.

Autor Dietrich Schulze-Marmeling wurde 1956 in der nordrhein-westfälischen Hansestadt Kamen geboren, im Göttinger Verlag Die Werkstatt sind zahlreiche weitere seiner Publikationen über die Entwicklung des Profi-Fußballs, über Vereins-Historien von Borussia Dortmund, Preußen Münster, Manchester United, die FCBs aus Barcelona und München und einzelne Biografien herausragender Spieler-Persönlichkeiten wie Lew Jaschin, George Best oder Johan Cruyff veröffentlicht worden. 2011 erschien von ihm die von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur als „Fußballbuch des Jahres“ ausgezeichnete Dokumentation „Der FC Bayern und seine Juden“, die Thesen des Buches, die den Club als rühmliche Ausnahme hinsichtlich antisemitischer NS-Vereinspolitik stilisieren, werden mittlerweile aufgrund neuerer Forschungsergebnisse mindestens angezweifelt, wenn nicht widerlegt.
Neben zahlreichen Büchern zum Thema Fußball hat Dietrich Schulze-Marmeling eine Reihe von Sachbüchern über die Geschichte, Kultur und Landschaft Nordirlands veröffentlicht, über politische Theorien und Praxis im nordirischen Konflikt und die britische Politik in der Region in den Siebziger und Achtziger Jahren. Sein immenses und fundiertes Wissen zum Thema fließt nahe liegend in die aktuelle Dokumentation über Celtic Glasgow und die gesellschaftliche, politische und kulturell-soziale Relevanz des Vereins ein. Ende der Achtziger lebte der Autor selbst für ein Jahr in Nordirland.

Der Blog-Platzwart bedankt sich herzlich beim Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Reingehört (446): The Bonnevilles

The Bonnevilles – Dirty Photographs (2018, Alive Naturalsound)

Wüsste man’s nicht besser, man würde die Heimstatt der Herren Andrew McGibbon Jr und Chris McMullan irgendwo in den Swamplands Louisianas oder in der Nähe eines angeranzten Blues-Clubs in Chicago verorten, die grünen Auen der nordirischen Provinz Ulster wären’s wohl auch nach dem dritten Raten nicht, zu sehr ist das Musizieren des Power-Duos The Bonnevilles im amerikanischen Blues-Rock verwurzelt, den es auf dem jüngst erschienenen Longplayer „Dirty Photographs“ einmal mehr mit Herzblut und dem angerauten Charme des Garagen-Punk durch die Lautsprecher wuchtet.
Machen sie seit mittlerweile gut zehn Jahren, und auf der aktuellen Veröffentlichung machen es die beiden, die ihre Formation nach einem 1958 entwickelten Motorrad-Modell der britischen Firma Triumph benannten, wieder richtig gut, der Trash aus der Öl-verschmierten und vom Zigaretten- und Bier-Dunst geschwängerten Garage ist opulent und sauber produziert, ohne ihm die Zähne zu ziehen oder das Wilde auszutreiben und vor allem ohne auch nur im entferntesten Sinne glatt und beliebig zu tönen, ab und an wird die Messe mit einer Orgel und damit einer gehörigen Portion Soul gelesen und das süffig-üppige Gitarren-Lärmen, die messerscharfen Riffs und der schmissige Rock and Roll dezent dann und wann um Funk-Elemente und Sixties-Psychedelic-Spielereien an den Effektgeräten angereichert. Überhaupt die Bezugnahme auf jahrzehntealtes Material: das Album klingt, als hätten sich McGibbon und McCullen vor fünfzig Jahren mit der Jimi Hendrix Experience in den Londoner Olympic Studios die Klinke in die Hand gegeben, die Sound-Einstellungen an den Aufnahmegeräten zum Debüt der Kultcombo des Gitarren-Gotts aus Seattle eins zu eins übernommen und damit eine Arbeit abgeliefert, die wie der Meilenstein-Monolith der Experience zeitlos in ihrer ganzen tonalen Pracht wirkt.
Das Duo platziert mit seinem Garagen-Blues Wirkungstreffer am laufenden Band im Uptempo-Drive wie mit zurückgenommenem Tempo in den Balladen für den letzten Drink in der mitternächtlichen Kaschemme, im Live-Vortrag vermag es die Combo, den Druck auf den Kessel mit dem dampfenden Gebräu nochmals zu erhöhen, und dahingehend darf man hinsichtlich konzertanter Erbauung durch die nordirische Band bereits in Vorfreude schwelgen: Die Bonnevilles werden am 9. Juni die Bühne des wunderbaren Raut-Oak-Festes am schönen Riegsee vor herrlichem Alpen-Panorama rocken, zusammen mit vielen weiteren handverlesen exzellenten Entertainern an diesem langen, prall gefüllten Raw-Underground-Wochenende. Weitere Tournee-Termine der Bonnevilles: here we go.
Die im Albumtitel erwähnten schmutzigen Fotografien gab es im Übrigen bereits auf dem Cover des 2008er-Albums „Good Suits and Fightin‘ Boots“ zu begutachten, das nur als Hinweis am Rande für die Softporno-Spanner… ;-))
(*****)

Reingelesen (73): Thomas Adcock

„Auch Halo schien nichts in seiner schäbigen Behausung wirklich wichtig zu sein. Als würde der Mann sein wirkliches Leben woanders führen. Einen beunruhigenden Augenblick lang kam mir der Gedanke, dass jemand, der sich meine eigene Wohnung in Hell’s Kitchen ansah, möglicherweise zu dem gleichen traurigen Schluss über mich gelangen würde. Ich tröstete mich schnell damit, dass es in meiner Bude wenigstens jede Menge Alk und Bücher gab, und ein altes Foto von einem Soldaten.“
(Thomas Adcock, Feuer und Schwefel, Kapitel 19)

Thomas Adcock – Feuer und Schwefel / Ertränkt alle Hunde / Der Himmel des Teufels
(1994 – 1998, alle: Haffmans Verlag)

Im Debüt-Roman „Hell’s Kitchen“ seiner Krimiserie lässt Autor Thomas Adcock den New Yorker Cop Neil Hockaday gegen die Machenschaften des Immobilien-Spekulanten Daniel „The Dan“ Prescott ermitteln, einer durch und durch korrupten Figur, für die Donald Trump seinerzeit unverhohlen als Vorbild herhalten durfte, im Roman wird quasi-satirisch über eine mögliche Präsidentschafts-Kandidatur des fiktiven Geschäftsmanns Prescott spekuliert, die Realität hat dahingehend die vermeintliche literarische Freiheit längst auf der Standspur links liegen gelassen.
Auch in der Fortsetzung „Feuer und Schwefel“ (1994, Originaltitel: „Dark Maze“) muss sich der irisch-stämmige Detective mit krummen Grundstücksgeschäften und deren Strippenziehern auseinandersetzten, dieses Mal mit Prescott-Bruder Wendell, der sich wie Fred Trump in der realen Welt weitaus größerer Beliebtheit als die prominentere Verwandtschaft erfreute und gerne mal einen strammen Drink genehmigte, Spekulationsobjekt ist die ehemalige Brooklyner Vergnügungsmeile Coney Island, deren große Zeiten längst vergangen sind und von Thomas Adcock ausgiebig in melancholischer Reminiszenz gewürdigt werden.
„Feuer und Schwefel“ ist der Name eines Gebäudes, das neben vielen anderen Relikten aus der guten alten Zeit des Vergnügungsparks an der Atlantikküste der Luxussanierung des Viertels zum Opfer fallen soll. Das Bauwerk ist verziert vom dämonischen Wandgemälde eines genialen wie wahnsinnigen Kunstmalers, den die Bewohner der Nachbarschaft wie auch das Pflegepersonal und die Ärzte der geschlossenen Abteilung des Bellevue-Hospitals nur unter dem Pseudonym „Picasso“ kennen. So wie das spanische Original Pablo ein vom Glück Gesegneter war, so repräsentiert sein New Yorker Künstlerkollege die Kehrseite der Medaille, vom Leben betrogen und schlecht behandelt wie gleichwohl mit außerordentlichem Talent bedacht, kündigt der Maler verbal wie auch prophetisch in seinen Kunstwerken abgebildet eine Reihe von grausigen Morden an, die SCUM-Patrol-Detective Hockaday nach einer zufälligen Begegnung mit dem manischen Artisten als bereits bewährte One-Man-Show im täglichen Kampf gegen das Böse in den Häuserschluchten des Big Apple zu verhindern sucht.
Privat tut sich auch was bei „Hock“, mit der Afroamerikanerin Ruby tritt erstmals seine zukünftige Herzdame ins Rampenlicht, was sich nebst Liebesleben Gesundheits-fördernd auf das Suchtverhalten des Cops auswirkt.
Der lesenswerteste Roman der Serie neben dem Debüt, wie „Hell’s Kitchen“ uneingeschränkt zu empfehlen für New-York-Fans und Liebhaber solide geschriebener und sorgfältig ausformulierter Krimi-Kost. „Feuer und Schwefel“ zeichnet sich aus durch stimmige Milieu-Studien, eine ausgewogene Dosierung an Thrill und Spannung und ein untrügliches Gespür für den Sound und die Atmosphäre der Millionenstadt am Hudson River. Der Serienkiller-Plot hatte Anfang/Mitte der Neunziger auch noch seinen Reiz, in einer Zeit, in der diese Nummer noch nicht durch jeden zweiten 08/15-Regional-Dorfdeppen-Krimi völlig überdehnt war.
„Feuer und Schwefel“ wurde 1992 mit dem renommierten Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet, beileibe nicht die schlechteste Wahl der Jury.

„Jeder, der ein New Yorker Cop ist und noch dazu irischer Katholik, hat guten Grund, früher oder später Zyniker oder so etwas wie ein Mystiker zu werden. Oder, wie in meinem Fall, beides.“
(Thomas Adcock, Ertränkt alle Hunde, Kapitel 3)

In „Ertränkt alle Hunde“, dem 1994 unter amerikanischem Originaltitel „Drown all the Dogs“ erschienenen dritten Teil des Hockaday-Serie schickt Thomas Adcock den New Yorker Cop zum finalen Besuch seines dahinwelkenden, hochbetagten Onkels und zur Ahnenforschung über den großen Teich nach Irland.
Der Roman ist inhaltlich weitaus weniger Kriminal-Fall als Familien-Saga und Auseinandersetzung mit Anti-englischen Ressentiments, fehlgeleiteter katholischer Kirchenpolitik im Dienste der weltlichen Interessen und der nationalistisch-faschistischen Seite der Irisch-Republikanischen Armee. Detective Hockaday und seine Liebste Ruby haben Terroranschläge, Polizei-Schikanen und Verstrickungen in die familiären und politischen Fehden der irischen Vorfahren zu überstehen, ehe sich für den Cop das Schicksal seines verschollen geglaubten Altvorderen und die Gründe für die langjährige Verbitterung seiner Mutter offenbaren und er sich – zumindest nach Zigeuner-Ritus – als vermählt betrachten und die wohlverdiente Heimreise mit einem schweren Erbe an Familien-Tragödien auf dem Buckel antreten darf. Daneben kommen die Sympathien des berühmten irischen Literatur-Nobelpreisträgers William Butler Yeats für das faschistische Irish Blueshirt Movement des IRA-Manns und späteren Polizeichefs Eoin O’Duffy in den 1930er Jahren und seine Einstellung zum deutschen Nationalsozialisten-Regime ausführlich zur Sprache. An der New Yorker Heimatfront findet Etliches Aufklärung hinsichtlich Verwicklung irisch-stämmiger Gesetzeshüter in die Politik und finstere Machenschaften der amerikanischen Ostküsten-IRA-Vertretung, Davy Mogaill, Hockadays Mentor beim NYPD, mischt dahingehend kräftig und erhellend mit. Alles in allem kein weltbewegender, immerhin aber grundsolider Kriminal-Roman, weitaus mehr eine faszinierende und komplexe literarische Reise in die Vergangenheit des Kampfes um die irische Unabhängigkeit, der nach Adcock vor allem von radikalem Fanatismus geprägt und in der Wahl der Mittel nicht zimperlich war. Der Autor zeichnet ein differenziertes Bild, dass eine eindeutige scharfe Trennung in „gute“ irische Republikaner und „schlechte“ Besatzungs-Briten nicht zulässt.
Und auf Seite 190 finden sich ein paar universelle, immerwährend gültige Sätze, an denen es seit ihrer Niederschrift vor über 20 Jahren im Wesentlichen nichts zu korrigieren gibt:

„Seite eins der Zeitung beschrieb die Welt in ihrer üblichen prekären Lage. Wohlhabende Nationen steckten unterschiedlich tief in ökonomischer Rezession, andere befanden sich in einer ausgewachsenen Depression – oder im Bürgerkrieg. Und überall behaupteten Kriminelle und Schwachköpfe, den Weg aus dem Chaos zu kennen. Dies waren die Führer von Nationen, und ihre Anhänger schienen sie ernst zu nehmen.“
(Thomas Adcock, Ertränkt alle Hunde, Kapitel 22)

„Der Himmel des Teufels“ ist das Alkoholiker-Paradies, das alles über den Rausch, aber nichts über den Tag danach offenbart. Hock Hockaday säuft in Teil vier der Serie die Probleme des ehelichen Alltags inklusive ausgeprägtem Selbstbewusstsein der Gattin weg, bekommt unversehens dank auffälligen Verhaltens die Dienstmarke entzogen und findet sich auf der anderen Seite des Hudson River im harten Entzug bei katholischen Priestern in Hoboken wieder. Die toughe, eigenständige Polizistenbraut Ruby Flagg heuert währenddessen beim alten Arbeitgeber in der schicken Werbebranchen-Welt der Madison Avenue an, wo prompt der homosexuelle Agentur-Partner bestialisch hingerichtet wird, der Auftakt einer Serie von Gewaltverbrechen im New Yorker Schwulen- und Transvestiten-Millieu – für den beurlaubten, trockengelegten und entgifteten Hock ein hinreichender Anlass, zusammen mit Mentor Davy Mogaill in neuer Berufung als Privatdetektiv die Ermittlungen aufzunehmen  und den ein oder anderen Strauß mit dem homophoben, sadistischen Sergeant „King Kong“ Kowalski von der Sitte auszufechten, einer literarischen Arschgeigen-Figur von erlesener Güte.
Ein Roman, der hinsichtlich unstrittiger Einsichten über die Schattenseiten der Alkoholsucht der Weltliteratur neben Graham Greenes „Die Kraft und die Herrlichkeit“ oder Malcolm Lowrys „Unter dem Vulkan“ noch ein paar weitere Aspekte hinzufügen kann, als Kriminalfall im Serienkiller-Modus präsentiert sich die Ballade vom heiligen (Ex-)Säufer wie alle anderen Adcock-Romane in gewohnt schnörkelloser und hart auf den Punkt formulierter Sprache, beklemmend und düster in den Studien der subkulturellen Milieus, schwarzhumorig in den Anmerkungen zur Auseinandersetzung mit dem inneren Schweinehund hinsichtlich selbstauferlegter Bier- und Schnaps-Abstinenz. Und implizit funktioniert der Roman nicht zuletzt als Plädoyer für Toleranz und als Statement gegen Homophobie.

„Dann ballte ich meine Hand zur Faust, reckte sie zum Himmel und sprach ein weiteres trotziges Gebet. Wenn ich schon ein verfluchter Säufer sein muss, warum in Gottes Namen muss ich dann auch noch Katholik sein?“
(Thomas Adcock, Der Himmel des Teufels, Kapitel 21)

Mit „Der Himmel des Teufels“ endete die deutsche Übersetzung der Adcock-Krimis über den New Yorker Cop Hockaday, die beiden folgenden Romane der Serie, „Thrown-Away Childs“ (1996) und „Grief Street“ (1998), haben es nicht mehr zu einer Übertragung geschafft, über die Gründe kann nur spekuliert werden, der verlegerische Mut des Haffmans Verlags, der 2001 das Konkursverfahren beantragte, mag sich möglicherweise mit den ersten vier Teilen kommerziell nicht ausgezahlt haben, hinsichtlich literarischer Qualität, inhaltlicher Komplexität und Krimi-spezifischem Unterhaltungswert sind die Werke bei Hardboiled-Fans wie in den Foren und Redaktionen der Fachpresse seit Erscheinen über jeden Zweifel erhaben. Die Hockaday-Romane sind seit Jahren im Buchhandel vergriffen, im gut sortierten Antiquariat für schmales Geld aber nach wie vor verfügbar.