North Mississippi Allstars

Reingehört (334): Rev. Sekou

“There is no justice in America. But it is the fight for justice that sustains you.”
(Amiri Baraka)

Rev. Sekou – In Times Like These (2017, Zent Records)

Reverend Osagyefo Uhuru Sekou, Minister der Pfingstbewegungs-Kirche in Zent/Arkansas und Civil-Rights-Aktivist, hat kurzzeitig Kirchenkanzel und Protest-Demo verlassen und mit Hilfe der Dickinson-Brüder Luther und Cody (of North Mississippi Allstars-Fame) und einer Handvoll weiterer Studio-Gäste sein Nachfolge-Werk zur EP „The Revolution Has Come“ eingespielt. Sekou stimmt das Klagelied der Schwarzen gegen Diskriminierung und für gelebte Bürgerrechte an, im schwer zu Gemüt gehenden Southern-Soul-Groove, mit geerdetem Blues verschnittenen Gospels und Spirituals fordert er ein und prangert an, zwischen in Töne gegossener Black-Church-Predigt und sozialpolitisch getriebenem Movement. „Black Lives Matter“, gewaltfreier Widerstand und die Antwort auf die Frage nach der Wahrheit im harten Anschlag, ohne Kompromisse, von fetten Bläsern und schwerer Orgel getragen, inklusive „Burnin´ And Lootin“-Neubearbeitung des Bob-Marley-Klassikers als Blues-Kirchenlied. Hört sich an, als hätte sich in Amiland seit dem March on Washington und dem Selma Voting Rights Movement nicht allzu viel Grundlegendes geändert. Befreiungstheologie trifft Soul, und das mit geballter Wucht. „How many rivers do we have to cross, before we can speak to the boss?“
(**** ½ – *****)

Reingehört (142)

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Luther Dickinson – Blues & Ballads, A Folksinger’s Songbook: Volumes I & II (2016, Pias UK / New West Records)
Hat den Blues von Kindesbeinen an verabreicht bekommen, der Junior von Memphis-Produzenten-Legende und Stones-/Cooder-/Chilton-Spezi Jim Dickinson, hat 2007 bis 2011 die Gitarre bei den Black Crowes bedient und wird ansonsten vor allem für die Zusammenarbeit mit seinem Bruder Cody und dem Basser Chris Chew beim Southern-/Blues-Rock-Trio North Mississippi Allstars geschätzt, bei einer derartigen Vita kann man die Wurzeln der eigenen musikalischen Sozialisation schon mal in einer opulenten Song-Sammlung Revue passieren lassen.
Solo oder in überschaubarer Besetzung, oft auch in Begleitung von so illusteren Gästen wie Mavis Staples, J. J. Grey, Jason Isbell oder Alvin Youngblood Hart präsentiert Dickinson einen stilistischen Blumenstrauß aus Swamp-/Country- und Folk-Blues, Gospel, mit Anleihen aus der Exile-On-Main-St-Phase der Stones und aus den herausragenden Little-Feat-Aufnahmen der frühen Lowell-George-Ära, die 21 intimen, eigenkomponierten Werke klingen in ihrer traditionellen Machart und in ihrer atmosphärischen Dichte, als hätten sie schon Jahrzehnte auf dem Buckel, ohne auch nur annähernd angestaubt zu klingen.
Einer wie der Kinkster würde sich beim Lauschen dieser Roots-Pracht einen ordentlichen Schluck Jameson ins Stierhorn füllen, die Beine auf das Geländer der Holzveranda legen und wohlig-versonnen in den Sonnenuntergang sinnieren.
Wird Zeit, dass der Sommer kommt…
(**** ½ – *****)

Luther Dickinson & The Wandering – Live @ nyctaper

North Mississippi Allstars – Live @ nyctaper

Lukas Nelson And Promise Of The Real – Something Real (2016, Royal Potato)
Nochmal Legenden-Nachwuchs: Der Lütte vom Willie macht auf seinem neuen Werk in der Nachfolge zum gemeinsam mit Old Neil Young veranstalteten Anti-Monsanto-Statement vom Vorjahr ordentlich Druck in Richtung schmutzige Stromgitarre, das Hard- und Psychedelic-Rock-geschwängerte Werk lässt vermehrt Reminiszenzen an die alte Zeppelin-Schule aufblitzen, aufgrund der geerbten Stimmlage vom Alten driftet das im Fall Nelson leider ab und an in Richtung Robert Plant für Arme, in den wenigen Balladen des Albums gelingt das Unterfangen weitaus überzeugender und in den beschwingtesten Instrumental-Passagen werden gar vereinzelt seelige Erinnerungen an David Lindley zu El-Rayo-X-Zeiten wach. Ein durchwachsenes Werk, dessen Bemühungen nichtsdestotrotz grundsätzliche Anerkennung verdienen.
(*** ½ – ****)

Lukas Nelson And Promise Of The Real – Live @ archive.org

Dan Stuart With Twin Tones – Marlowe’s Revenge (2016, Cadiz Music)
Hat auch schon mit Jim Dickinson zusammengearbeitet, auf dem nach einem Kriminalroman von Jim Thompson benannten Album ‚The Killer Inside Me‘ (1987) und dem folgenden Meilenstein ‚Here Come The Snakes‘ (1988, beide Mercury) seiner damaligen Combo Green On Red, der Krimi-Experte, Gitarrist und Songwriter Dan Stuart, und auch im Titel seines neuen Werks wird offensichtlich auf einen Hardboiled-Klassiker verwiesen, ansonsten ist es auf der neuen Scheibe des Steve-Wynn-Kumpels nicht mehr weit her mit der Erinnerung an alte Glanztaten, die hart am amerikanischen Rock-Mainstream segelnden und stumpf vor sich hin groovenden Arrangements werden zwar durch betont unsauber produziert klingendes Garagen-Trash-Grundrauschen und den lateinamerikanischen Touch der jungen Begleitband aus Mexico City aufgebrezelt, kundige HörerInnen kommen aber nicht umhin, sich wiederholte Male an die Belanglosigkeiten eines Mitch Ryder erinnert zu fühlen, die jener nach einer Reihe hervorragender Tonträger ab Anfang der neunziger Jahre zu veröffentlichen begann.
Chuck Prophet bleibt – in dem Fall ohne eigenes Zutun – der legitime Gralshüter des Green-On-Red-Erbes.
(*** ½)