Österreich

frameless14: Noveller, Jung An Tagen, Clare Rae @ Einstein Kultur, München, 2017-10-11

Die Münchner frameless-Reihe zur experimentellen Musik im digitalen Zeitalter startete mit Auflage 14 nach ausgedehnter Sommerpause in den Winterhalbjahr-Zyklus mit einer Auswahl an internationalen Künstlern, New Yorker Gitarren-Noise traf auf Wiener Klangexperiment und australische Videokunst, präsentiert von Karin Zwack sowie dem fördernden Kulturreferat der Landeshauptstadt München, wie stets charmant anmoderiert von Dr. Daniel Bürkner.

Zum Einstieg in den experimentellen Abend lotete der Wiener Klangkünstler Stefan Juster aka Jung An Tagen vom Virtual Institute Vienna die Möglichkeiten elektronischer Musik aus, die sich in seinem Vortrag mit Hilfe gesampelter Beats und abstrakter Töne wiederholt in Richtung verstörender Klangkollagen, weißes Rauschen, dunkler Klang-Explosionen aus den Tiefen des Raums und schwergewichtiger Industrial-Drones entwickelte, atonale Grenzerfahrungen, die an den Nerven der Hörerschaft zerrten und den Herzrhythmus partiell Stress-bedingt in die höheren Frequenzen zu treiben wussten. In den überwiegend strukturierteren Passagen pendelte die futuristische Electronica des jungen Österreichers zwischen reduzierter, repetitiver, hart wie artifiziell pochender Minimal Music, künstlichem Kraut-Space und – mitunter – tanzbarem, Melodien-andeutendem Techno-Flow, der zu den Gelegenheiten dann tatsächlich auch angenehm ins Ohr gehen mochte. Synthetische, konzeptionelle Verfremdung von Tönen und Rhythmen ist der Aufhänger, unter dem die avantgardistischen Klanglandschaften von Jung An Tagen zu verorten sind, nicht jede/r aus der Hörerschaft mochte an dem Abend den reinen Kunstgenuss aus der Aufführung ziehen, eine hochspannende wie alles andere als alltägliche konzertante Erfahrung war es in jedem Fall.
(**** – **** ½)

Die unter dem Pseudonym Noveller auftretende Sarah Lipstate aus Brooklyn ist in der Welt der Noise-Gitarre kein unbeschriebenes Blatt, die junge Amerikanerin hat bereits mit gewichtigen Namen des Genres wie der australischen Experimental-Koryphäe Ben Frost, dem ex-Sonic-Youth-Gitarristen Lee Ranaldo oder dem kürzlich hier vorgestellten Kanadier Eric Quach und seinem Projekt thisquitarmy kollaboriert, dementsprechend war der Vorschusslorbeeren-Strauch ein ausgewachsener hinsichtlich anstehendem frameless-Auftritt, die Erwartungen wurden am Mittwoch-Abend indes nur bedingt erfüllt. Optisch wurde das Konzert von einer Video-Arbeit der Komponistin und Filmemacherin begleitet, auch hinsichtlich der abstrakten, beliebig wie zusammenhanglos wirkenden, bewegten Bilder hielten sich die Begeisterungsstürme in Grenzen. Der musikalische Vortrag von Noveller war bestimmt von Loop-gestütztem, Ambient-Sampling-begleitetem, hypnotischem Gitarren-Drone und schwergewichtig angeschlagenen Indie-/Noise-/Post-Rock-Phrasierungen, punktuell bereichert vom Spiel mit dem Geigenbogen auf den sechs E-Gitarren-Saiten zur Erzeugung dezenterer, elegischer Sphären-Klänge, leidlich gefällig im rein instrumentalen Gewand als einzelne Skizzen und Miniaturen, im Gesamtbild aber kaum mehr. Zu erratisch und zerklüftet in der stilistischen Ausgestaltung, zu sehr auf optische Präsenz und Frickeln an den zahlreichen Gitarren-Effektgeräten als auf einen stringenten, ein Konzept erkennen lassenden Flow war das knapp 45-minütige Solo-Konzert von Sarah Lipstate ausgerichtet, als dass am Ende mehr als der höfliche Applaus der frameless-Besucher_Innen hätte herausspringen können.
(*** ½)

Im Nebenraum des Konzert-Gewölbes wurde parallel zu den instrumentalen Aufführungen die Videoarbeit „The Good Girl And The Other“ der australischen Künstlerin Clare Rae gezeigt, der repetitive Endlosschleifen-Film, realisiert im Stop-Motion-Verfahren, zeigt die Video-Artistin, wie sie in einem Restaurant mit sich selbst Plätze tauscht. Der Film will sich mit dem Rollenverständnis des „braven Mädchens“ und dem ambivalenten Verhältnis zu digitalen Identitäten und den daran geknüpften Erwartungen auseinandersetzen.

frameless15 findet am 14. November an gewohnter Örtlichkeit im Einstein Kultur statt, Einsteinstrasse 42, München, 20.00 Uhr, Eintritt frei.
Die inzwischen weit über die Grenzen Münchens bekannte und außerordentlich geschätzte „Rumpeljazz“-Combo Hochzeitskapelle wird in einem gemeinsamen Konzert auf den japanischen „Native-Underground“-Musiker Takuji Aoyagi aka Kama Aina treffen, man darf sich bereits jetzt in den Zustand freudiger Erwartung versetzen. Darüber hinaus präsentiert die 15. Ausgabe der Experimentalmusik-Reihe ein Konzert des australischen Electronica-Tüftlers John Chantler und digitale Medienkunst des unter dem Label Qubibi arbeitenden Japaners Kazumasa Teshigawara.

Spitzenprodukte der Popularmusik (9): Der Scheitel

KULTURFORUM Attwenger @ Herzkasperlzelt, Oktoberfest München, 2014-09-21 www.gerhardemmerkunst.wordpress.com (21)

“Diese Band ist nicht respektlos sondern gnadenlos… Eine Beschwörung der radikalen Traurigkeit im Schlager.”
(Die Presse, Wien)

“Links und rechts sind die Haare, aber der Scheitel selbst ist nichts. Eine Demarkationslinie zwischen Kläglichkeit und dem Erhabenen, dem Pathos.”
(Fritz Ostermayer)

Der Scheitel – …in einem Haus das Liebe heißt (1994, Guardian Angel)

Guter Vorsatz für’s neue Jahr: Wiederbelebung dieser Reihe zur Vorstellung popularmusikalischer Glanzleistungen, die Schätze längst vergangener Zeiten kommen im hektischen Alltags-Betrieb mit permanent reindrückender, frischer Ware oft viel zu kurz.

Im Jahr 1994 haben sich Geistesmenschen wie der begnadete österreichische Musik-Journalist und Radio-DJ Fritz Ostermayer, sein Journalisten-Spezi Christian Schachinger, der Wiener Künstler Michael Krupica oder der auch heute noch bei den Buben im Pelz und zwischenzeitlich bei der Combo Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune aktive Christian Fuchs zum einmalig auf Tonträger dokumentierten Projekt Der Scheitel zusammengetan, um unter Mithilfe namhafter Gaststars eine einzigartige Songsammlung aus Traditionals, gut abgehangenen Schlagern und ausgewählten Preziosen aus der weiten Welt der Pop-Musik im Geiste von Trash-Kitsch, Freddy Quinn, Johnny Cash und dem unvergleichlichen Helmut Qualtinger unters Volk zu bringen.
Es gibt Musiker, deren Kunst ist einfach Abgrund-tief schlecht, Stichwort/Beispiele George oder Jackson Michael, da ist kein Platz für Komplizen-haftes Augenzwinkern, keine satirisch-ironisch angedachte Fußnote, kein „Das ist so schlecht, dass es schon wieder gut ist“, einfach nur synthetischer Sondermüll, und es gibt auf der anderen Seite jene Musiker, die haben im Vortrag des Banalen, des Billigen, des Schlager-haften diesen aus dem Erreichen des Bodensatzes mitgenommenen Aufschwung – der ab dem durchwanderten Tiefpunkt nur noch steil nach oben zeigt – implizit in ihrer Interpretation verankert, eben jenes Geniale im an sich Befremdlichen, Abgeschmackten, Sentimental-Geschmacklosen, und in genau diese Kategorie fallen die fünfzehn Interpretationsansätze auf „…in einem Haus das Liebe heißt“, die Scheitel-Band covert sich in einer unnachahmlichen Mixtur aus rumpelndem Schlager-Kitsch, Alternative-Country-Schräglage inklusive maximal ausgereiztem Pedal-Steel-Schmelz, Tanzcombo-Hammondorgel-Beschallung, latent angesoffenem Bierzelt-Combo-Gepolter und einer gehörigen Portion Wiener Schmäh durch Schlager-/Traditional-Allgemeingut wie „Carrickfergus“, dem Roy-Black-Schmachtfetzen „Wahnsinn“ oder „Follow Me“ mit der Münchner Künstlerin und F.S.K.-Musikerin Michaela Melián in einer Gastrolle als Amanda Lear. In der Udo-Jürgens-Glanznummer „Es war ein Sommertraum“ kommt Tav Falco als Special Guest am Gesang zu seinem großen Auftritt (nicht der naheliegende Hansi-Hölzel-Falco, sondern tatsächlich Granate Gustavo, der zusammen mit seiner Combo Panther Burns 1982 mit „Behind the Magnolia Curtain“ seinen großen Trash-Blues-Moment hatte und der mit „Like Flies On Sherbert“ Alex Chilton’s Genre-Meisterwerk den Titel gab, im Übrigen auch ein paar Kandidaten für diese Rubrik).
„The Hate Inside“ vom australischen Beasts-Of-Bourbon-Meisterwerk „Sour Mash“ (1988, Red Eye Records) wird mit „Da Hoß in mia“ eingewienert, eine Steigerung hinsichtlich fatalistisch herausgerotztem Nihilismus in der Textzeile „Wenn da Hoß in mia moi aussekummt, dann gehst in Oasch, du gschissene Wööd“ ist schwer denkbar, weitaus mehr positiv besetzter Humor macht sich in der lässig-schrägen Country-Interpretation der Bowie-Nummer „Helden“ breit, und die Attwenger-Ballade „Summa“ bleibt auch in der Scheitel-Bearbeitung eine ergreifende Angelegenheit mit viel Akkordeon und Schmalz, die Musikanten Hans-Peter Falkner und Markus Binder von dene Attwenger revanchieren und bedanken sich postwendend durch Beitrag zum Traditional „Mariana“.
„Selten war traurig so lustig“ hat mal ein schlauer Mensch über die Musik der Dad Horse Experience verlautbaren lassen, für das erste und einzige Scheitel-Album trifft diese Einschätzung nicht minder zu. Alle, die früher regelmäßig die Ö3-Musicbox gehört haben, heute noch bei „Willkommen Österreich“ von Stermann & Grissemann vor der Glotze hängenbleiben, den „Herrn Karl“ auswendig runterbeten können, den deutschen Schlager der fünfziger bis siebziger Jahre in ihrer wahren Pracht erkennen oder einfach nur einen Funken Zuneigung für den abseitig-morbiden Humor der notorisch schlecht gelaunten Hälfte der Bevölkerung der schönen Stadt Wien haben, sollten mindestens einmal im Leben dem Scheitel ihr Gehör leihen, eh klar.
Das lange vergriffene Wunderwerk ist dankenswerterweise 2007 beim Münchner Trikont-Label wiederveröffentlicht worden, ein Hoch auf die Giesinger Independent-Bastion des guten Musikgeschmacks.
(******)

Reingelesen (49): Manfred Mittermayer – Thomas Bernhard. Eine Biografie

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„Stundenlang saß ich auf irgendeiner Grabeinfassung und grübelte über Sein und sein Gegenteil nach. Naturgemäß kam ich schon damals zu keinem befriedigenden Schluss.“
(Thomas Bernhard)

„Naemlich um es frei auszusprechen: ich halte Sie fuer sehr begabt und zugleich fuer unertraeglich hochmuetig. Ich hoffe, der Hochmut schadet Ihnen nichts, ja ich glaube, dass er eine Art Selbstschutz-Mauer ist, die abbroeckeln, vielleicht mit einem Male stuerzen wird, wenn ein Erfolg Sie bestaetigen wuerde.“
(Alice Zuckmayer in einem Brief an Thomas Bernhard)

„Bernhard ist, ob er es will oder nicht, ein österreichischer Heimatdichter, den freilich weniger Liebe oder Innerlichkeit über das Leben in Tirol oder in den Tälern der Steiermark schreiben lassen als Wut und Ekel, wenn nicht gar Hass.“
(Marcel Reich-Ranicki in einer Besprechung zu „Verstörung“)

Manfred Mittermayer – Thomas Bernhard. Eine Biografie (2015, Residenz Verlag)

Wissenschaftlich auf dem allerneuesten Stand, „naturgemäß“, hätte das Subjekt der Betrachtung gesagt, da geschrieben von einem Experten der Thomas-Bernhard-Forschung.
Das Leben des österreichischen Autors, auf 450 Seiten hinsichtlich seiner wichtigsten Aspekte seziert. Seine Zerwürfnisse mit Literatur-Kritikern, Schriftsteller-Kollegen, Verlegern, Juroren, Politikern und anderen Zeitgenossen sind legendär und in der jüngeren Literaturgeschichte nahezu beispiellos.
Thomas Bernhard – an ihm haben sich die Geister geschieden, genialer Ungustl, begnadeter Misanthrop, wortgewaltiger Schreiber, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Roman- und Theaterautoren, bis heute: Manfred Mittermayer hat eine gründlich recherchierte, wissenschaftlich fundierte, klassisch strukturierte und überaus lesenswerte Biografie über ihn geschrieben.

Thomas Bernhard wird am 9. Februar 1931 als nichteheliches Kind in Heerlen von Herta Bernhard zur Welt gebracht, die Mutter arbeitet zu der Zeit als Haushaltshilfe in den Niederlanden. Leiblicher Vater ist der österreichische Schreiner Alois Zuckerstätter, seine Beziehung zu Bernhards Mutter bleibt unklar, die Biografie deutet die Möglichkeit einer Vergewaltigung an. Thomas Bernhard selbst lernt seinen Vater nie kennen, Zuckerstätter kommt im November 1940 in Berlin ums Leben, man vermutet durch eigene Hand.
Prägend für die Kindheit und Jugend des jungen Thomas ist vor allem der Großvater mütterlicherseits, der Schriftsteller Johannes Freumbichler, der mit Carl Zuckmayer bekannt war und in den dreißiger Jahren in Österreich als Heimatschriftsteller geschätzt wurde.

Ab 1935 zieht die Familie mehrmals wegen finanzieller Schwierigkeiten um, nach Seekirchen am Wallersee und später in das oberbayerische Traunstein.
1943 wird Bernhard in einem NS-Erziehungsheim im thüringischen Saalfeld untergebracht, 1944 landet er im von den Nationalsozialisten übernommenen „Johanneum“ in Salzburg, wo er auch Violinunterricht erhält. Die traumatischen Erlebnisse in den Internaten und die schweren Bombenangriffe auf Salzburg während des zweiten Weltkriegs verarbeitet er später in seinen autobiographischen Schriften. 1945 vermerkt Johannes Freumbichler zwei Selbstmordversuche des Enkels in seinem Tagebuch.

1946 siedelt die Familie nach Salzburg über, Großvater Freumbichler fördert die künstlerische Ausbildung des Enkels, ein Jahr später bricht Thomas Bernhard den Schulbesuch am Humanistischen Gymnasium ab und beginnt eine Kaufmannslehre, die Schule bezeichnet Bernhard in späteren Schriften als „Geistesvernichtungsanstalt“.
1949 erkrankt Bernhard schwer an Lungentuberkulose, längere Aufenthalte in Sanatorien, Krankenhäusern und Heilanstalten folgen, im Nachgang zu seiner intensiven „Zauberberg“-Erfahrung wird der Geistesmensch Bernhard Zeit seines Lebens an einer chronischen Morbus-Boeck-Erkrankung leiden. Während eines Krankenhausaufenthalts in Salzburg stirbt Bernhards Großvater Johannes Freumbichler in der selben Klinik.

„Wir reden viel von Krankheit, von Tod und Konzentration des Menschen auf Krankheit und Tod, weil wir sie, Krankheit und Tod und Konzentration auf Krankheit und Tod, uns nicht klarmachen können.“
(Thomas Bernhard, Verstörung)

Kindheit und Jugend verarbeitet er in der fünfbändigen Autobiographie-Reihe, die ab 1975 im Salzburger Residenz-Verlag erscheint und um deren Veröffentlichung es viel Streit mit Bernhards Stamm-Verleger Siegfried Unseld geben wird.
1950 erliegt seine Mutter ihrem Krebsleiden, zur gleichen Zeit veröffentlicht er seine erste Erzählung „Das rote Licht“ im Salzburger Volksblatt unter dem Pseudonym Thomas Fabian. Der Tod und die Relativierung der Werte durch die ständige Bedrohung durch den Exitus bleiben eines von Bernhards zentralen Themen in seinen literarischen Arbeiten.
Im selben Jahr begegnet er erstmals Hedwig Stavianicek, die um 36 Jahre ältere Frau, die Bernhard wiederholt als seinen „Lebensmenschen“ bezeichnet, fördert zuerst seine Gesangsausbildung, später unterstützt sie den angehenden Schriftsteller finanziell und unternimmt zahlreiche Auslandsreisen mit ihm. Bernhard bleibt ihr bis zu ihrem Tod im Jahr 1984 verbunden und pflegt sie im hohen Alter trotz eigener Krankheit.
In den fünfziger Jahren arbeitet er als freier Journalist in den Bereichen Feuilleton und Gerichts-Nachrichten für diverse Salzburger und Wiener Tageszeitungen. Bernhard veröffentlicht in der Zeit etliche Lyrik-Arbeiten und nimmt am Salzburger „Mozarteum“ Musik-, Schauspiel- und Regie-Unterricht.

1957 lernt er den Komponisten und Kultur-Mäzen Gerd Lampersberg und seine Frau Maja kennen, er ist wiederholte Male auf dem Kärntner „Tonhof“ des Ehepaars zu Gast, hier lernt er weitere Vertreter des österreichischen Kulturbetriebs wie H. C. Artmann, Peter Handke und Wolfgang Bauer kennen. Mit der Veröffentlichung des Romans „Holzfällen. Eine Erregung“ kommt es 1984 zum Zerwürfnis mit Lamperberg, der sich in der Romanfigur des Komponisten Auersberger zu erkennen glaubte und zeitweilig eine gerichtliche Beschlagnahmung des Romans erwirkte.
Im Jahr 1963 gelingt Thomas Bernhard der literarische Durchbruch mit seinem Monolog- und Tagebuch-Roman „Frost“ über einen malenden „Geistesmenschen“ inmitten unter „völlig verblödeten und kriminellen Landbewohnern“, seiner gnadenlosen Abrechnung mit dem „Pensionistenkatholizismus“, der bei Kritikern und Kollegen auf viel Lob (Ingeborg Bachmann: „In all den Jahren hat man sich gefragt, wie wird es wohl aussehen das Neue. Hier ist es, das Neue„) und in der österreichischen Politik und Gesellschaft auf viel Ablehnung stößt, der spätere Bundeskanzler Kreisky merkte etwa an, er habe gehört, Bernhards Schimpfreden dienten selbsttherapeutischen Zwecken.

„Er war im Mozarteum. Statt Singen hat er Keifen gelernt. (…) Aus der erbärmlichsten Wehleidigkeit hat sich in hundert Wiederholungen ein ganzes Werk ergeben. Für jede Kränkung lässt er 10.000 Leser erschießen.“
(Elias Canetti)

Zahlreiche Veröffentlichungen und Kulturpreise folgen, bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises kommt es 1967 zum Eklat, nachdem Bernhard Staat, Volk, Apathie und Größenwahn seiner Landsleute schmäht.
Mit den Preisgeldern und Tantiemen erwirbt er neben weiteren Liegenschaften einen Vierkanthof in Ohlsdorf/Oberösterreich, unter Mithilfe des „Realitätenvermittlers“ Karl Ignaz Hennetmair, mit dem er in den folgenden Jahren eine Freundschaft pflegt, die aber, wie so oft bei Bernhard, im Streit endet. Sein Verhältnis zu Bernhard hat der Linzer Immobilienhändler in „Ein Jahr mit Thomas Bernhard. Das versiegelte Tagebuch 1972“ (2000, Residenz Verlag) dokumentiert.

„Alles kommt auf die Perspektive an. Jeder hat eine andere, Gott sei Dank. Und selbst hat man immer die richtige, auch wenn die anderen immer das Gegenteil behaupten, für einen selbst ist die eigene Perspektive immer die richtige.“
(Thomas Bernhard, Journalistisches, Reden, Interviews)

1970 erscheint mit dem Roman „Das Kalkwerk“ ein weiteres Bernhard-Hauptwerk bei Suhrkamp, Verleger Siegfried Unseld bleibt bis zum Tod Bernhards durch ein schwieriges, von Streitigkeiten über Tantiemen-Vorschüsse und Eitelkeiten Bernhards geprägtes Verhältnis mit seinem Autor verbunden, die wechselhafte Freundschaft ist in dem lesenswerten „Briefwechsel“ (2009, Suhrkamp) ausführlich dokumentiert. Im selben Jahr wird am Deutschen Schauspielhaus Hamburg unter der Regie von Claus Peymann das Drama „Ein Fest für Boris“ inszeniert, Peymann wird in den folgenden Jahren die meisten Theaterstücke Bernhards uraufführen, unter anderem wiederholt ab 1974 mit dem damals fast siebzigjährigen, großartigen Kieler Charakterdarsteller Bernhard Minetti, für den Bernhard ein eigenes Theaterstück schreiben wird.
In den achtziger Jahren läuft Thomas Bernhard zu Hochform auf, es entstehen unter anderem der vom musikalischen Genie Glenn Goulds inspirierte Roman „Der Untergeher“ (1983), „Alte Meister“, der Roman, in dem sich Bernhard mit der Kunst, dem Scheitern an Vollkommenheitsansprüchen, den modernen Lebensumständen als absolute Bedrohung und – in vernichtender Kritik – mit der Kunst Bruckners, Stifters und Heideggers auseinandersetzt, sowie „Auslöschung. Ein Zerfall“ (1986, alle Suhrkamp), seiner Abrechnung mit dem österreichischen Nationalsozialismus („Jedes Wort ein Treffer. Jedes Kapitel eine Weltanklage. Und alles zusammen eine totale Weltrevolution bis zur totalen Auslöschung„).

Im Herbst 1988 inszeniert Peymann das Bernhard-Drama „Heldenplatz“ am Wiener Burgtheater und sorgt so für einen der größten österreichischen Theater-Skandale, die Stimmung im Land ist bereits aufgeheizt durch die Diskussionen über die NS-Vergangenheit des österreichischen Bundespräsidenten und früheren UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim, der populistische Rechtsaußen Jörg Haider ist inzwischen Obmann der FPÖ, mit „Heldenplatz“ streut Bernhard Salz in die Wunden der verdrängten Geschichte über arisierte Geschäfte und emigrierte jüdische Wiener Bürger zu Zeiten des österreichischen „Anschlusses“.
Gleichzeitig kommt es zum Zerwürfnis mit dem Verleger Siegfried Unseld, Bernhard veröffentlicht erneut entgegen den getroffenen Absprachen einen Band seiner Autobiografie beim konkurrierenden Residenz Verlag, zudem äußert er sich despektierlich in einem Interview über Unseld.

Im selben Jahr erkrankt Thomas Bernhard an einer Lungeninfektion, am 12. Februar 1989 stirbt er im oberösterreichischen Gmunden an Herzversagen, 3 Tage nach seinem 58. Geburtstag. Er wurde im Grab von Hedwig Stavianicek auf dem Grinzinger Friedhof in Wien beigesetzt.

„lieber herr bernhard / ich habe gestern Ihren brief vom 20. november erhalten. fuer mich ist eine schmerzgrenze nicht nur erreicht, sie ist ueberschritten. nach all dem, was in jahrzehnten und insbesondere in den letzten beiden jahren an gemeinsamem war, desavouieren Sie mich, die ihnen gewogenen und fuer Sie wirkenden mitarbeiter und sie desavouieren den verlag. ich kann nicht mehr./ ihr siegfried unseld“

„Lieber Siegfried Unseld, wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, ’nicht mehr können‘, dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. / Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben. / Ihr Sie sehr respektierender Thomas Bernhard“
(Thomas Bernhard / Siegfried Unseld, Der Briefwechsel)

Zentrales stilistisches Element in vielen Bernhard-Schriften ist der monologisierende, als Charakter selten differenziert gezeichnete Ich-Erzähler, der in oft absurd anmutenden Situationen in sich wiederholenden Schleifen mitunter völlig überzogen polemisiert, die Behauptungen sind in der Regel absolutistisch-endgültig, „naturgemäß, immer, ohne jeden Zweifel„.
Bernhard war nichts heilig, seine Angriffe gegen den „Stumpfsinn der Masse“, den Kulturbetrieb und die Repräsentanten und Institutionen des „katholisch-nationalsozialistischen“ österreichischen Staates als „Vernichter der Individualität des Einzelnen“ ziehen sich wie ein roter Faden durch Gesamtwerk, Reden und Interviews.
Thomas Bernhard lesen ist wie The Fall hören: In der Rockmusik hat Texter/Sänger/Band-Despot Mark E. Smith von der englischen Postpunk-Kultband diesen repetitiven, Dauerschleifen-artigen Textvortrag zur Perfektion getrieben, auch in ihrer kritischen, ins Misanthropische neigenden Grundeinstellung hätten die beiden Kulturschaffenden im Gegenüber einen entsprechenden Geistesverwandten gefunden.
Auch in der modernen Klassik, speziell im Bereich der Minimal Music von Tondichtern wie Philip Glass, Steve Reich oder John Adams finden sich im ständigen Wiederholen von Kompositionselementen Anlehnungen an das mechanisch-künstliche,stilistische Grundprinzip Bernhards.

„Aus Hamburg habe ich den Preis bekommen, aus Hamburg, aus Hamburg, dachte ich immer wieder und ich verachte die Österreicher insgeheim, die mir bis dahin noch niemals auch nur die Spur einer Anerkennung gezeigt haben.“
(Thomas Bernhard über den Julius-Campe-Preis 1963)

Manfred Mittermayer beschreibt in der Biografie ausführlich und chronologisch Leben und Werk des österreichischen Ausnahmeliteraten, ausgewogen geht er auf die öffentliche Wirkung Bernhards ein, wichtige private Lebensumstände werden gewürdigt und dokumentiert, ausnehmend gut gelingt ihm die Besprechung der wichtigsten Prosa- und Theaterstücke Bernhards und die Bezugnahme der jeweiligen Texte zur persönlichen Lebenswelt des Autors. Dabei verzichtet er völlig auf eigene Interpretationsansätze und Urteile.
Die Arbeit am Werk dürfte sich schwierig gestaltet haben, viele Quellen aus erster Hand wie etwa der bisher unveröffentlichte Briefverkehr Bernhards sind nicht freigegeben und damit für die Forschung unzugänglich.

Der Autor Manfred Mittermayer, geboren 1959, lebt in Oberndorf bei Salzburg. Er ist u.a. Verfasser mehrerer Bücher und zahlreicher Aufsätze sowie Gestalter von Ausstellungen über Thomas Bernhard, zudem ist er Mitherausgeber der 22-bändigen Bernhard-Werkausgabe im Suhrkamp-Verlag. Er lehrt an der Universität Salzburg und arbeitet am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie. Die besprochene Abhandlung entstand dort im Rahmen eines mehrjährigen Projekts zur Biographie Thomas Bernhards.
Seit 2012 leitet er das Literaturarchiv Salzburg und gemeinsam mit Ines Schütz die Rauriser Literaturtage.