Oslo

Reingehört (489): Runar Blesvik

Runar Blesvik – Blend (2018, Fluttery Records)

„Blend“ als Titel für das Debütalbum des Norwegers Runar Blesvik, wie überaus treffend auf den Punkt gebracht mit dieser Etikettierung hinsichtlich Konzept der jüngst veröffentlichten Arbeit: Der junge Komponist aus Oslo findet auf seinem ersten Wurf eine exzellent austarierte Rezeptur im Vermischen diverser instrumentaler Spielarten aus dem weiten Feld der experimentellen Musik, in dem Fall jederzeit angenehmst hörbar und anheimelnd den Weg ins Ohr findend, im Wechsel- wie gemeinschaftlichen Spiel von jahrhundertelang erprobter Klavier-Klassik und neuzeitlichen Digital-Variationen.
In vergangenen Jahren war Blesvik mit dem Komponieren orchestraler Werke zur musikalischen Untermalung von Kurzfilmen zugange, im neoklassischen Duktus gestaltet sich auch der Einstieg in sein Longplayer-Debüt, „Window“ öffnet das Fenster zu reduzierten, minimalistischen Meditationen, formgebend mit solistischem Piano-Anschlag, begleitet von getragenen Ambient-Electronica-Soundscapes, das Tempo zurückgenommen und auf die Grundstruktur der Komposition reduziert. Der stete Fluss der neun Gesangs-freien Tondichtungen sucht sich im kontinuierlichen Wandel permanent neue Ausdrucksformen von luftiger, unbeschwerter Trance-Beschwingtheit bis hin zu melancholisch-nachdenklichen Klavier-Variationen, zu denen der atmosphärische Nachhall der angeschlagenen Tasten in den Pausen dazwischen genau so haften bleibt wie das eigentliche Töne-Erzeugen, auf dem Album ist jede Note ausbalanciert wie die effektive Auslassung der Töne und das Kontrast-reiche Miteinander diversester analoger Klänge wie synthetischer Samplings, Loops und elektronischer Klang-Schichtungen.
In „1976“ macht sich dezent nervöse, repetitive Electronica flächendeckend als Minimal-Kraut/Space breit, vom Drum-Computer rhythmisch getrieben und damit inmitten zuforderst meditativer Klänge gar ein tanzbarer Trance-Flow zur Beschallung von bewegten Science-Fiction-Bildern.
Die Dramatik und Schönheit der Klänge soll dem Vernehmen nach neben diversen Gemütszuständen des Künstlers vor allem von der Natur des westlichen Norwegens inspiriert sein, und wenn das da oben optisch und atmosphärisch mit den tonalen Sound-Landschaften von „Blend“ vergleichbar ist, dann schnell die Koffer gepackt und nichts wie ab in den skandinavischen Norden. Für die Daheimgebliebenen gibt’s immerhin den Soundtrack zu den atemberaubenden Fjorden, Küstenabschnitten und Nationalparks, eingespielt, produziert und gemixt von Runar Blesvik aus einer Hand.
„Blend“ bietet ein komplexes Werk zwischen organischer und digitaler Klangkunst, heiteren wie dunklen Stimmungslagen, hintergründigen wie klar strukturierten Kompositionen, melodisch, harmonisch, mehrschichtig, unvorhersehbar.
„Blend“ ist Mitte September beim kalifornischen Postrock-, Ambient- und Neoklassik-Label Fluttery Records erschienen.
(*****)

Reingehört (265): Moon Relay, Overhead, The Albatross

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Moon Relay – Full Stop Etc. (2016, Hubro)

Und schon wieder gilt es, ein Loblied auf das norwegische Hubro-Label zu singen, mit dem aktuellen Album der Postrock-Band Moon Relay bringt es eine weitere Perle im exzellenten Gesamtkatalog zum funkeln. Das Quartett mit Musikern aus der Osloer Noise-, Experimental- und Free-Jazz-Szene besticht in seiner von gängigen Mustern der instrumentalen Rockmusik abgewandten Spielart mit einer gelungenen Mixtur aus analoger Instrumentierung und gezieltem Einsatz diverser Electronica, der Postrock der Nordländer orientiert sich nicht am gängigen Laut-Leise-Soundwände-Aufbauen, vielmehr dient die No-Wave-Gitarrenarbeit der Swans in ihrer gemäßigten Variante als Bezugsgröße, Psychedelic, experimenteller Elektro-Krautrock und Free Jazz sind als weitere Einflüsse erkennbar, der tendenziell verkopfte Ansatz findet nicht zuletzt in der Benamung der einzelnen Arbeiten seinen Ausfluss, bereichert wird das Klangbild durch nervöse, Drone-artige Tape-Loop-, Sample-, Synthie- und Saxophonklänge. Auflösung und spontanen Flow findet die Spannung fördernde Experimental-Prog-Rock-Übung erst im finalen, entfesselten Lang-Werk „…./__ (;;;”___”,,,)“, in dem die Combo ein feines Gespür für tranceartigen Techno-Ambient beweist.
(*****)

Overhead, The Albatross – Learning To Growl (2016, Clique / Bandcamp)

Das irische Sextett hat sich nach einer Textzeile aus „Echoes“ vom 1971er-Pink-Floyd-Album „Meddle“ benannt, auf ihrem Debüt-Longplayer kredenzt die Band filigrane Breitband-Indie-Melodik, die sich mit originellen Ideen und handwerklicher Finesse in das zumeist instrumentale Postrock-Gewand hüllt, die selten auftretende Vokal-Kunst steuern eine gewisse Emilie Daly und diverse Chöre bei. Sanft treibende Klangwellen, die größtenteils ohne die aufwallende, überwältigende Direktheit/Härte vergleichbarer Formationen fließen, mit Liebe zum Detail und ausgeprägtem Hang zu sorgfältig produziertem Gitarren-Fluss, verspielter Elektronik und stringent-straffer Rhythmik, Postrock als Ohren-schmeichelnder Glückskeks für das in dem Fall unangestrengte Hören, oder so ähnlich…
(**** ½)