Otis Redding

Soul Family Tree (55): Stax 1968 – A Memphis Story

Letzter Black Friday vor dem Jahreswechsel, letzter Blick zurück auf das ereignisreiche Jahr 1968 von Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog, heute mit einer Würdigung des Soul-Labels Stax Records:

Heute dreht sich alles um Stax Records. Stax Records ist ein amerikanisches Label in Memphis (Tennessee), das besonders in den Sechziger und Siebziger Jahren Trends in der Soulmusik setzte und mit dem Memphis-Soul einen eigenen Sound kreierte. Die erste Single erschien 1958. Daneben gründete Stax diverse Sub-Labels wie Volt oder Enterprise. Hintergrund war, über die Sub-Labels das Repertoire einzelner Künstler herauszubringen. So erschien  beispielsweise Otis Redding auf Volt und Isaac Hayes auf Enterprise. 1968 wurde Stax verkauft und bis zum Konkurs Mitte der 1970er waren es wechselhafte Jahre. Später wurden die Master-Tapes aufgekauft und Stax wieder reaktiviert.

Stax‘ größter Star war Otis Redding. Er hatte nur ein kurzes Leben, das am 10. Dezember 1967 im Alter von nur 26 Jahren endete, er und mehrere Mitglieder seiner Begleitband The Bar-Kays kamen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Kurz davor stand er beim Monterey Pop Festival 1967 zum letzten Mal auf einer Bühne, dieser famose Auftritt wurde zu seinem größten Erfolg. Jeder wusste nach diesem explosiven Auftritt: ein großer Star war geboren. Leider wurde sein größter Hit erst posthum veröffentlicht. Wenige Wochen vor seinem Tod aufgenommen, veröffentlichte Stax am 8. Januar 1968 seinen Song „(Sittin‘ On) The Dock Of The Bay“, sein erster Nr. 1-Hit in den amerikanischen Billboard Charts, weltweit ein Erfolg.

Im August 1967, auf einem Hausboot, schrieb Redding zuerst den Text. Um den Song zu vervollständigen, nahm er den Gitarristen Steve Cropper (Booker T. & The MG´s) dazu. In zwei Sessions wurde die Nummer im November und Dezember 1967 eingespielt. Cropper sagte dazu in einem Interview: „Otis was one of those the kind of guy who had 100 ideas. […] He had been in San Francisco doing The Fillmore. And the story that I got he was renting boathouse or stayed at a boathouse or something and that’s where he got the idea of the ships coming in the bay there. And that’s about all he had: „I watch the ships come in and I watch them roll away again.“ I just took that… and I finished the lyrics. If you listen to the songs I collaborated with Otis, most of the lyrics are about him. […] Otis didn’t really write about himself but I did. Songs like „Mr. Pitiful,“ „Fa-Fa-Fa-Fa-Fa (Sad Song)“; they were about Otis and Otis‘ life. „Dock of the Bay“ was exactly that: „I left my home in Georgia, headed for the Frisco Bay“ was all about him going out to San Francisco to perform.“ (Zum Nachhören: www.npr.org)

Insgesamt war es zu Beginn des Jahres 1968 eine schwierige Situation für Stax. Unglücklicherweise wurde zudem Atlantic Records an Warner Brothers verkauft. Seit 1965 vertrieb Atlantic die Veröffentlichungen von Stax. Und der Tod von Otis Redding schockierte alle Mitarbeiter. Bevor die Single herauskam, hatte Cropper die Idee, den Song mit dem Sound von Möwen und Wasserwellen beginnen zu lassen. Der Rest ist Geschichte.

So startete Stax mit einer Nummer-1-Single ins neue Jahr. Mit „I Thank You“ von Sam & Dave folgte nur wenige Tage später ein weiterer Top 10 Hit. Insgesamt hatte Stax eine beeindruckende und breite Anzahl an Künstlern am Start. Zu nennen wären William Bell, Eddie Floyd, Booker T and the MGs, Rufus und Carla Thomas, Albert King und Johnny Taylor. Nach der Ermordung von Martin Luther King im April wurde es auch in Memphis gewalttätig. Das hatte zu Folge, dass weiße Musiker von schwarzen Musiker eskortiert werden mussten, um ins Studio zu gelangen.

Und es ging weiter mit „Soul Limbo“ von der eigenen Hausband Booker T and The MG´s im Mai. Das Logo des Labels änderte sich in dieser Zeit auch. So tauschte Stax seine markante blaue Farbe gegen einen gelben Finger aus. Johnny Taylor hatte mit „Who´s Making Love“ einen weiteren Hit. Als Sam & Dave zu Atlantic gingen, holte Stax die Soul Children an Bord, um die Lücke zu füllen. Neue Künstler wie die Staple Singers wurden unter Vertrag genommen.

Nun ist eine üppige Box mit 5 CDs erschienen: „Stax ’68 – A Memphis Story from Stax“. Craft Recordings hat alle Singles aus dem Jahr 1968 zusammengetragen. Es finden sich mehr als 120 Songs in der Box. Stax schreibt dazu: „2018 marks the 50th anniversary of a pivotal year for Stax Records and for American history: 1968. This period immediately follows the untimely passing of Otis Redding; it’s the year that Stax parted ways with Atlantic Records, and it’s also when Martin Luther King was assassinated in Memphis. This 5-disc CD box set compiles every single (A- and B- sides) released on Stax and its subsidiary labels in ’68–over 120 iconic songs from era-defining artists, including Otis Redding, The Staple Singers, William Bell, Booker T. and the M.G.’s, Carla Thomas, Johnnie Taylor, Albert King, Isaac Hayes, Linda Lindell, Rufus Thomas and many more.“ (Quelle: staxrecords.limitedrun.com)

Hier folgt eine kleine Auswahl aus mehr als 120 Songs aus dem Jahr 1968. Natürlich zu Beginn mit dem Hit des Jahres von Otis Redding.

„Sittin‘ in the mornin‘ sun
I’ll be sittin‘ when the evenin‘ comes
Watchin‘ the ships roll in
Then I watch ‚em roll away again, yeah
I’m sittin‘ on the dock of the bay
Watchin‘ the tide roll away, ooo
I’m just sittin‘ on the dock of the bay
Wastin‘ time.“

Otis Redding(Sittin‘ On) The Dock Of The Bay

Booker T. & The MG’sHang ‚Em High

Sam & DaveWrap It Up

Eddie FloydBig Bird

Bar-KaysA Hard Day’s Night

Rufus ThomasThe Memphis Train

Delaney & BonnieIt’s Been A Long Time Coming

The Staple SingersLong Walk to D.C.

Johnnie TaylorWho’s Making Love

Bis zum nächsten Mal.

Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum.

Soul Family Tree (41): Southern Soul und eine Hommage an Rick Hall

Soul-Freitag mit Stefan Haase vom Hamburger Freiraum-Blog, heute mit seiner Erinnerung an den im Januar verstorbenen Songwriter, Produzenten, Musiker und Muscle-Shoals-Studio-Boss Rick Hall:

Spricht man vom Südstaaten-Soul, so denkt man vermutlich zuerst an den Memphis-Soul. Heute gibt es eine Hommage an einen der Großen in der Musik und dem Erfinder von Southern-Soul. Rick Hall liebte den Rhythm & Blues, er ging in den späten 1950er Jahren ins stark segregierte Alabama und gründete die Florence Alabama Music Enterprises (FAME), bestehend aus dem Musikverlag FAME Publishing, dem Plattenlabel FAME Records und dem Aufnahmestudio FAME Recording Studios. Hall, ein Weißer, der in den Muscle Shoals Studios schwarze Musik produzierte und arrangierte. Die Geschichte klingt auch heute noch wie ein Wunder. Anfang der 1960er Jahre hatte Rick Hall sein Studio aufgebaut und verfügte über hervorragende Session-Musiker. Nebenbei überwand er Brücken zwischen Weiß und Schwarz und brach damit ein Tabu. Seine erste Session-Band bestand aus weißen Musikern, die zusammen mit afroamerikanischen Kollegen spielten.

Bereits eine der ersten Aufnahmen wurde ein Hit. Arthur Alexander nahm bei ihm seinen größten Hit „You Better Move On“ auf. Der Anfang war gemacht. Mit dem verdienten Geld baute Hall sein Studio weiter aus und es dauerte nur wenige Jahre, bis die großen Namen nach Muscle Shoals in die gleichnamigen Studios kamen. Und Rick Hall hatte Glück. Jerry Wexler (Atlantic Recordings) hatte gerade Aretha Franklin unter Vertrag genommen und schickte sie zu ihm für die Aufnahmen einiger Songs. Schon das erste Stück „I Never Loved a Man (The Way I Love You)“ wurde zum Inbegriff von Modern Soul und Aretha ein Star. Schnell entstand ein eigenständiger Sound. Was den Muscle Shoals Sound von Motown und Memphis unterschied, war die Instrumentierung. Hall setzte auf harte Arrangements und Dynamik, er spielte geschickt mit den musikalischen Genres und kreierte so den Southern-Soul.

In den 1960er Jahren nahmen viele namhafte Künstler bei Hall ihre besten Platten auf. Percy Sledge („When A Man Loves A Woman“) war ebenso dort wie Otis Redding, Arthur Conley, Clarence Carter, Wilson Pickett oder die Rhythm & Blues Queen Etta James. Alles was damals einen Namen hatte, ging in die Muscle Shoals Studios. Dem Atlantic-Mann Jerry Wexler war dieser Erfolg ein Dorn im Auge, und so machte er den Session-Musikern Anfang der 1970er Jahre ein finanzielles Angebot, das diese nicht ablehnen konnten. Rick Hall blieb der Stadt Muscle Shoals und seinem Studio dennoch treu und wandte sich vom Soul hin zu Country und Easy-Listening-Musik.

2013 erschien die Dokumentation „Muscle Shoals“ über sein Leben, die nicht nur wegen dem Soundtrack sehenswert ist. Rick Hall hatte sie alle im Studio gehabt. Wenn die Rolling Stones „schwarzer“ klingen wollten, gingen sie in die Muscle Shoals Studios. So entstanden dort Aufnahmen wie „Brown Sugar“ oder „Wild Horses“. Duane Allman und die Allman Brothers waren ebenso dort wie Lynyrd Skynyrd, die in den Studios ihr legendäres „Sweet Home Alabama“ aufnahmen.

Im Januar ist der „Father of Muscle Shoal“ im Alter von 85 Jahren gestorben.
Thank you Rick Hall.

Hier kommen 5 Songs aus den 1960er Jahren, alle produziert und arrangiert von Rick Hall und den berühmten Session-Musikern: Barry Beckett (Keyboards), Roger Hawkins (Schlagzeug), Jimmy Johnson (Gitarre) und David Hood (Bass).

Los geht es mit Queen Etta James mit „Tell Mama“. Es folgt Wilson Pickett, der eigentlich als Gast für Musik-Sessions nach Alabama kam und dann mit der verrückten Idee zu Hall ging, von den Beatles „Hey Jude“ zu covern. Zusammen u.a. mit Duane Allman wurde der Song eingespielt. Aretha Franklin folgt mit der Nummer, die der Inbegriff des Modern Souls wurde. Aretha nahm später dort auch ihren Hit „Respect“ auf. Otis Redding darf nicht fehlen, mit einer starken Nummer, „You Left The Water Running“. Zum Schluss kommt die Hymne schlechthin: „Sweet Soul Music“ von .

In vier Wochen gibt es gibt es wieder raren Rhythm & Blues mit weiteren musikalischen Ausgrabungen und Schätzen.

Peace and Soul.

Stefan aka Freiraum