Philip Roth

Reingelesen (56): Philip Roth – Der menschliche Makel

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„Das Geheimnis, wie man mit einem Minimum an Schmerz ein Leben im Trubel der Welt führt, besteht darin, so viele Leute wie möglich dazu zu bringen, die eigene Verblendung zu teilen; der Trick, den man beherrschen muß, wenn man allein hier oben lebt, weit entfernt von den aufregenden Verstrickungen, Verführungen und Erwartungen, abgetrennt vor allem von der eigenen Intensität, ist, die Stille zu organisieren, den Überfluß der Stille hier oben auf dem Berg als Kapital zu betrachten, die Stille als einen Reichtum zu begreifen, der exponential zunimmt.“
(Philip Roth, Der menschliche Makel, Jeder weiß)

Philip Roth – Der menschliche Makel (2003, Rowohlt)

Der menschliche Makel als untilgbarer Schandfleck des Individuums, niemand ist mit sich im Reinen, jeder erfindet sich selbst, im Mindesten Teile der eigenen Vita, und das ist unter Umständen mit gewaltigen Lebenslügen verbunden, so die Lehre, die der Leser aus der Lektüre des Roth-Bestsellers „Der menschliche Makel“ ziehen mag.
In einer komplexen, wortgewaltigen Komposition entwirft Philip Roth über den beobachtenden Ich-Erzähler Nathan Zuckerman, der ab und an den Erzählstrang an ein allwissendes Über-Ich abgibt, den Lebensweg des 71-jährigen Coleman Silk, eines Professors für klassische Literatur am Athena College in Massachusetts.
In einem bereits zu dieser Zeit zutiefst verunsicherten Amerika Ende des 20. Jahrhunderts sieht das Land im Rahmen der sogenannten Lewinsky-Affäre dem Amtsenthebungsverfahren Bill Clintons durch das amerikanische Repräsentantenhaus entgegen, in dieser durch die Ansprüche der Political Correctness gereizten Atmosphäre verliert der jüdische Altphilologe Silk seinen Lehrstuhl durch einen harmlosen Scherz. Eine Äußerung über „dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen“, wird ihm zum Verhängnis, die fraglichen, Vorlesungen-meidenden Studenten sind Afroamerikaner, der Professor und frühere Dekan sieht sich mit dem Vorwurf des Rassismus konfrontiert.
Im Nachgang zur erzwungenen Emeritierung stirbt Silks Frau Iris an einem Schlaganfall, der von unbändiger Wut getriebene Ex-Professor bittet seinen Bekannten Zuckerman um eine Niederschrift der Umstände zur skandalösen Amtsenthebung.

„Lag sein Gewinn in der Tatsache, daß er alle täuschte, daß er das Ding durchzog, das ihm am besten gefiel, daß er inkognito durchs Leben ging, oder hatte er einfach die Tür zu einer Vergangenheit geschlossen, zu Menschen, zu einer ganzen Rasse, mit denen er keine persönlichen oder offiziellen Kontakte mehr haben wollte? Wollte er die gesellschaftlichen Hindernisse umgehen? War er nur ein echter Amerikaner, der, ganz in der großen Tradition der Pioniere, die demokratische Aufforderung befolgte, sich seiner Herkunft zu entledigen, sofern das dem Streben nach Glück diente?“
(Philip Roth, Der menschliche Makel, Das reinigende Ritual)

Im Fortgang des Romans offenbaren sich in Details die Meilensteine der Lebenslüge des vorgeblichen Ostküsten-Juden Silk, der selbst als Afroamerikaner geboren wurde, aufgrund seiner hellen Hautfarbe die Herkunft verschleiert, den Kontakt zu Mutter und Geschwistern in einem verstörenden Akt der Selbstverleugnung abbricht und durch Heirat in einen jüdischen New Yorker Anarchisten-Haushalt eine neue Identität annimmt, von seinem Vorleben werden weder seine Frau noch die vier gemeinsamen Kinder je erfahren.
Die Kinder Silks entfremden sich dem Altvorderen, nachdem er eine Beziehung mit einer wesentlich jüngeren Reinigungskraft eingeht, die vor allem auf sexueller Ebene funktionierende Partnerschaft mit der durch eine harte Lebensschule gegangene Faunia Farley stößt im gesellschaftlichen Umfeld des ex-Professors im Sinne der gesellschaftlichen Normen allerorten auf Missbilligung. Die Putzfrau, die mit einem traumatisierten Vietnam-Veteranen verheiratet war, die ihre gemeinsamen Kinder durch einen Zimmerbrand verlor und in der eigenen Kindheit vom Stiefvater missbraucht wurde, wird in Silks ehemaligem Umfeld zum Opfer seines Egos stilisiert, die Literaturprofessorin und ehemalige Hochschul-Kollegin Delphine Roux spielt dabei einen wesentlichen und unrühmlichen Part, auch sie eine Figur, die sich durch Neuinszenierung des eigenen Lebenswegs von ihrer französischen, traditionsbewussten Upper-Class-Familie abzusetzen versucht.
Eine zentrale Rolle in dem Drama fällt Lester Farley zu, ex-Gatte Faunia Farleys, ehemaliger Vietnam-Kämpfer, geplagt von einer Posttraumatischen Belastungsstörung und einer daraus resultierenden, massiven Asiaten-Phobie, getrieben vom Hass auf das amerikanische Establishment, bei dem nach einem als Therapie angedachten Besuch der Nachbildung des Vietnam Veterans Memorial sämtliche Dämme brechen und der so zur entscheidenden Figur hinsichtlich der finalen Katastrophe des Dramas wird.

„Eben noch war er Türschütze in Vietnam, hat Hubschrauber explodieren sehen, mitten in der Luft, und seine Kumpels sind durch die Luft geschleudert worden, gestern noch ist er so tief geflogen, daß er die brennende Haut riechen, die Schreie hören, ganze Dörfer in Flammen aufgehen sehen konnte, und einen Tag später ist er wieder in den Berkshires. Und jetzt gehört er wirklich nicht mehr dazu, und außerdem hat er inzwischen Angst, daß irgendwas über ihm zusammenschlägt.“
(Philip Roth, Der menschliche Makel, Jeder weiß)

Neben der vielschichtigen Thematik der Lebenslüge, die in jüngster Zeit mit dem verwaschenen Euphemismus des „sich neu Erfindens“ umschrieben wird, zeigt der Roman vor allem die sozialen Trennlinien und die Unüberwindbarkeit gesellschaftlicher Barrieren auf, das mag in einer einerseits relativ freien Gesellschaft wie der amerikanischen, die sich auf der anderen Seite massiv mit ethnischen Fragen auseinandersetzen muss, nicht anders sein als in der bundesrepublikanischen, wo Bildung, Herkunft und Klassenzugehörigkeit seit jeher eine nicht zu unterschätzende, abgrenzende Rolle spielen.

Roth ergeht sich in der Schilderung der dramatischen Verwerfungen in der Lust des Fabulierens, Themen werden gebührend ausgebreitet und erörtert, komplex, nahezu universell, aus verschiedenen Blickwinkeln durchleuchtet, und doch findet sich keine Silbe zuviel in den Formulierungen dieses wortmächtigen amerikanischen Sprachmeisters, der kraft seiner Herkunft den längst verdienten Literaturnobelpreis aufgrund dieser diesjährigen Dylan-Lachnummer wohl kaum mehr erleben wird, nachdem Roth das Attribut „jüdischer amerikanischer Schriftsteller“ erfüllt und der Proporz durch das Preis-vergebende Komitee vermutlich in den nächsten Jahren in andere Richtungen ausschlagen wird.

„Der menschliche Makel“ ist der letzte Teil der sogenannten „amerikanischen Trilogie“ von Philip Roth, die beiden vorausgehenden Werke „Amerikanisches Idyll“ (1997) und „Mein Mann, der Kommunist“ (1998) werden ebenfalls von Roth‘ fiktivem Alter Ego Nathan Zuckerman erzählt. Der Roman wurde 2001 unter anderem mit dem „PEN/Faulkner Award for Fiction“ ausgezeichnet, 2003 hat ihn Regisseur Robert Benton mit Anthony Hopkins und Nicole Kidman in den Hauptrollen erfolgreich verfilmt.
Philip Roth wurde 1933 in Newark/New Jersey geboren, er ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen amerikanischen Romanciers, sein vielfach ausgezeichnetes Werk trägt starke autobiographische Züge.