Piano

Reingehört (509): Hauschka

Hauschka – A Different Forest (2019, Sony Classical)

Back To Basics: Der Düsseldorfer Volker Bertelmann, unter dem Pseudonym Hauschka in der Musikwelt als Komponist und experimenteller Pianist an präparierten Flügeln bekannt wie hochverehrt, kehrt auf seinem neuen Konzeptwerk zur reinen Lehre des Tasten-Anschlags zurück, fernab von früheren auf Tonträgern und Konzertvorträgen eingeflochtenen Verfremdungen, Klaviersaiten-Bearbeitungen und Sampling-Beigaben, die sporadischen, kaum wahrnehmbaren, homöopathischen Dosen dezent untermalender Electronica-/Ambient-Verzierungen auf „A Different Forest“ hier und da fallen da kaum ins Gewicht.
Wo Bertelmann auf seinen früheren Alben wie „Abandoned City“ oder „What If“ über entvölkerte Städte oder zukünftige Lebensformen sinnierte und die Möglichkeiten analoger Klaviermusik in Verbindung mit diversesten digitalen Möglichkeiten, synthetischen Avantgarde-Pop-Rhythmen, abstrakten Drones und Manipulationen am Instrument selbst austestete, beschäftigt er sich auf dem neuen Album, erstmals in seiner Profession als klassischer Pianist, mit dem Wald als Inbegriff für natürliche Lebensräume, als Kontrast zu urbanen Strukturen und nicht zuletzt als erfüllende Quelle der Inspiration für seine eigene Ton-dichtende Arbeit.
Dreizehn neoklassische Kompositionen für Klavier, Zeitloses zwischen strenger Minimal Music und frei schweifenden Melodiebögen im Geiste der Romantik, im Grundton melancholisch und würdevoll gehalten, zu Teilen auch luftig, an den Grenzen zum klassischen Piano-Jazz. Tonale Metaphern für die nachdenkliche Selbstfindung im dichten, dunklen Unterholz neben frei schweifenden Gedanken im sonnendurchfluteten Forst – Gehölz, mythische Waldwesen, Moose, Farne, Fauna und die Natur-verbundene Arbeit der Waidmänner und Forstarbeiter, die Vielfalt der Wald-Flora thematisch in instrumentalen Kleinoden interpretiert – Bertelmann hat sein Wandern im Grünen hörbar gute Dienste zur Anregung und Umsetzung seiner neuen Arbeiten erwiesen, das Resultat spricht für sich in Form einer wunderschönen Elegie auf die grünen Lungen dieser Erde, in einem klingenden Aufruf zum Schutz und Erhalt der Natur – erhebend, reinigend und den Blick schärfend wie ein ausgedehnter Spaziergang im Wald selbst.
Da jede Nummer regelmäßig zwei Seiten als Option zu bieten hat: Pessimistisch betrachtet bereits das Requiem auf Urwälder wie den vom Kohleabbau bedrohten Hambacher Forst oder die brasilianischen Regenwälder, die der dort vor kurzem ins Präsidentenamt gehievte Rechtsradikale zwecks kommerzieller Verwertung auszubeuten gedenkt. Aber dafür ist die Musik dann doch nicht traurig genug.
„A Different Forest“ erscheint am 8. Februar beim renommierten E-Musik-Label Sony Classical.
(*****)

Konzertant ist Hauschka hierzulande mit seinen Klavier-Kompositionen in naher Zukunft zu folgenden Gelegenheiten zu bestaunen:

13.02.Hamburg – Elbphilharmonie
27.04.Berlin – Konzerthaus
20.05.Frankfurt – Mousonturm
23.05. – Köln – Kulturkirche
26.05.Recklinghausen – Ruhrfeststpiele

Reingehört (495): Jonas Hain

Jonas Hain – Solopiano / MMXV (2018, recordJet)

Der in München geborene Wahl-Berliner Jonas Hain ist bis vor Kurzem als Techno-DJ und in Nebenrollen als Schauspieler in diversen deutschen TV-Krimi-Serien in Erscheinung getreten, in den Fußstapfen seiner aus Kino und Fernsehen bekannten Mutter Jeanette Hain, gewissermaßen.
Bis 2017 studierte Hain Music Production und Audio Engineering am Berliner Abbey Road Institute, im Frühling dieses Jahres hat er sich der Öffentlichkeit auch als Komponist und Musiker vorgestellt. Mit seinem Debüt-Werk „Solopiano“ ist der junge Mann zwischenzeitlich bis auf Platz 1 der iTunes-Klassik-Download-Charts vorgerückt, Hain wandte sich in den letzten Jahren vermehrt der E-Musik zu und besann sich seines in jungen Jahren genossenen Klavierunterrichts, die wiederentdeckte Liebe zur klassischen Spielart manifestiert sich auf „Solopiano“ in acht stringent von „I“ bis „VIII“ betitelten, kurzen bis mittellangen Klavier-Elegien, die mit einer ergreifenden Reinheit und ausgeprägtem Hang zur Melancholie begeistern. Die emotional anrührenden, wunderschönen Instrumentalstücke variieren in Tempo und Dämpfung des Tastenanschlags, glänzen harmonisch mit einer exzellenten, anspruchsvollen Melodik und lösen in einer knappen halben Stunde eine Bandbreite an Stimmungslagen und Assoziationen aus, zu denen Hain durch die schlichte Nummerierung im Benamsen seiner Werke keine Themen oder Empfindungen vorgeben mag, die Hörerschaft ist aufgefordert, ihre eigenen, individuellen Bilder zum Klang der getragenen Tonal-Meditationen zu entwickeln.
„Solopiano“ ist der ideale musikalische Begleiter zum Sinnieren an nebelverhangenen Herbsttagen und das klangliche Ruhekissen zum gepflegten Landen und zur inneren Einkehr nach den Turbulenzen und Mühen des Alltags.
Aktuell ist am 19. Oktober die Nummer „MMXV“ als neue Single von Jonas Hain über den digitalen Musikvertrieb recordJet erschienen, eine wunderbar fließende Klang-Miniatur, die den neoklassischen Entwurf um dezente Ambient-/Synthie-Samples und mit dunklem, feinem Rhythmus-Geben anreichert, so bereits ein neues Kapitel in der noch überschaubaren Diskographie des Musikers aufschlägt und elegant die Brücke baut von der strengen Lehre der Klassik zu experimenteller Electronica. Den Namen Jonas Hain gilt es sich zu merken, vielleicht nicht unbedingt für sein Mitwirken in „SOKO München“ oder „Alarm für Cobra 11“, ganz sicher aber hinsichtlich seiner Profession als ambitionierter Tondichter, bei der bisher vorgelegten Qualität seiner veröffentlichten Arbeiten darf schwer vermutlich mit weiteren großen Würfen gerechnet werden.
(***** – ***** ½)

Reingehört (483): Alexandra Stréliski

Alexandra Stréliski – Inscape (2018, Secret City Records)

Eines der Highlights im Leben von Alexandra Stréliski dürfte der Moment gewesen sein, als Matthew McConaughey 2014 zur Oscar-Verleihung für seine dort ausgezeichnete Hauptrolle in „Dallas Buyers Club“ schritt, zur Zeremonie in Los Angeles ließ das Orchester eine Melodie aus dem Soundtrack zum Streifen erklingen, komponiert von, genau, Alexandra Stréliski.
Die im kanadischen Montreal beheimatete Musikerin zeichnete in der Vergangenheit tatsächlich vor allem für Soundtracks in Filmproduktionen des Regisseurs Jean-Marc Vallée verantwortlich, neben dem erwähnten, mit einem Academy Award prämierten Kinofilm erklingt ihre Musik in dessen gefeierten HBO-Serien „Big Little Lies“ und „Sharp Objects“. Ihr Landsmann Vallée entdeckte Stréliski einst im Internet über ihr nur dort selbst veröffentlichtes Erstwerk „Pianoscope“ (2010) und engagierte daraufhin die junge Frau als federführende Tondichterin zur Untermalung seiner bewegten Bilder.
Dafür dürften sich vordergründig auch die elf Nummern ihres jüngsten, zweiten Albums „Inscape“ eignen, in erster Linie ist das wunderschöne und sehr getragene Piano-Instrumental-Gesamtkunstwerk jedoch eine Auseinandersetzung der Künstlerin mit sich selbst und ihrer individuellen Lebenssituation: „I had to go through various interior landscapes – hectic, beautiful and painful at the same time. I found myself in a space filled with grey areas that I didn’t know how to escape. A piano, on its own, is a very vulnerable thing, and I want to share this moment with the listener.“ Die Verarbeitung einer persönlichen Krise, die Reflexion über das Platzfinden im Leben und Erkennen der ureigenen Schwächen und Stärken manifestiert sich in neoklassischen Solo-Klavier-Arbeiten, die im ersten gehörten Eindruck in einer unbeschwerten Leichtigkeit vorgetragen scheinen und bei genauerer Begutachtung doch mit dem gebotenen, schwergewichtigen, erhabenen Tiefgang in der Auseinandersetzung mit der Thematik zu überzeugen wissen. Alexandra Stréliski beherrscht ihre elegische Melodik, den minimalistischen Tastenanschlag und die klare Klangsprache meisterhaft, präsentiert mit „Inscape“ schwelgerische, erhebende wie gleichsam dunkle, introvertierte, meditative Musik zur eigenen Kontemplation und reiht sich damit ein in eine Liga mit geschätzten und gewichtigen Solo-PerformerInnen wie Poppy Ackroyd, Jóhann Jóhannsson oder Richard Luke.
„Inscape“ erscheint am 5. Oktober beim kanadischen Independent-Label Secret City Records, das im vergangenen Sommer auch das Re-Release des Stréliski-Debüts „Pianoscope“ besorgte.
(*****)