Polka Bar

Los Gatillos @ Polka Bar, München, 2018-09-12

Die Woche zuvor erblickte der erste gemeinsame Tonträger vom „King of primitive Folk & Garage Swing“ Fred Raspail, ex-Dead-Brother/now-Sultan-of-Swing-Revue Pierre Omer und Hell’s-Kitchen-Blues-Gitarrist Monney B unter dem gemeinsamen Bandnamen Los Gatillos beim Münchner Indie-Label Gutfeeling-Records das Licht der Welt, am vergangenen Mittwochabend wurde die rundum gelungene Schweizer-französiche Co-Produktion im Kellergewölbe der Haidhauser Polka Bar auch konzertant aus der Taufe gehoben.
Die Lokalität war vollgepackt mit treuen Verehrern und vor allem Verehrerinnen der Kunst der drei begnadeten Entertainer, die Luftfeuchtigkeit stieg beim Energie-versprühenden Vortrag des Trios bei spätsommerlichen Temperaturen entsprechend schnell in höhere Grade, womit das Gewölbe den optimalen Rahmen abgab für den schweißtreibenden Garagen-Blues- und Rock’n’Roll-Anschlag des Trios, mit dem sie das Gros ihrer neuen Songs präsentierten. Wo auf dem Tonträger oft differenziertere Chanson-, Vaudeville- und Country-Spielarten oder der von Fred Raspail kultivierte „Dirty French Folk“ erklingen, gingen die three Cats of Los Gatillos im Live-Vortrag weit mehr in die Vollen, dem Rasiermesser-scharfen Slide-Gitarren-Twang von Monney B standen die beiden Mitmusiker mit Saiten- und Trommelanschlag und rasselndem Gepolter auf dem Waschbrett in nichts nach. Neben einer Handvoll Balladen wie dem stets gern genommenen „Wayfaring Stranger“, das Raspail bereits solistisch in der Vergangenheit in hinreißend einnehmender Version vorzutragen wusste, tobte sich die Combo vor allem vehement das Instrumentarium beackernd in der Trash-Garage aus, der Blues der Gatillos swingte, hallte und krakeelte zwischen Surf-Sound, Fünfziger-Jahre-R’n’R-Schmelz und den sumpfigen Swamp- wie staubigen Desert-Spielarten, schwerst Party-tauglich zur Feier des neuen Albums.
Der PJ-Harvey-Schlager „Down By The Water“ wurde speziell Leonie Felle gewidmet, die selbst auch ab und an sehr schön singt auf den Bühnen dieser und anderer Städte, eine feine Geste, die das Filigrane vom Original der guten Polly Jean über Bord schmiss und damit im zupackenden Trash-Gewand heftig abrockte, dem Bewegungsdrang des Publikums im vollgepackten Bar-Gewölbe war’s mächtig förderlich.
Der zum ersten Mal in München auftretende Monney B gab den hart arbeitenden, alles aufbietenden Blues-Mann, Fred Raspail überzeugte einmal mehr als großer Unterhalter, im Verbund mit dem zuweilen nach vorne drängenden Geist von King Elvis in einer leicht derangierten Inkarnation, und in den Underground-folkloristischen Passagen durfte Pierre Omer am Akkordeon glänzen, so auch bei der Zugaben-eröffnenden, irrlichternden Folk-Drone-Version der Nummer „Blau“, die sich nach minutenlangem, seltsamem Akustik-Trance im fließenden Übergang zu einer finalen, jaulenden Gitarren-Trash-Blues-Orgie auswuchs.
Los Gatillos sind die weltbeste Band zur Beschallung eines Kaurismäki-, Coen- oder Tarantino-Films, die bisher noch nie im Soundtrack zu einem Streifen dieser Herrschaften zu hören waren. Die Combo, die am Ende der staubigen Straße in der letzten Kaschemme vor der großen Wüste im Hintergrund sitzend nonchalant die Beschallung schmettert zur Vision eines gespenstischen Amerika, das sich seltsamerweise wie eine frankophile Ausgabe in einer aus der Zeit gefallenen, ramponierten und geheimnisvollen Parallelwelt gebärdet.
Wäre das Leben ein Wunschkonzert, Los Gatillos wären ohne Zweifel die Combo, die zwingend mit auf dem Laufzettel der erbetenen Interpreten zur musikalischen Ausgestaltung des Tagesgeschehens landet, das begeisterte Konzertgänger-Volk vom vergangenen Mittwoch wird da wohl kaum widersprechen.
Da lässt sich sogar der Weihwasser-schwenkende Pfarrer berauschen, heimgesucht von den uralten Geistern des Rock and Roll – so schön ist schon lange keine Schallplatte mehr auf die Welt gekommen. Möge ihr ein langes Leben und eine hohe Auflage zuteil werden…

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Soundtrack des Tages (200): Possessed By Paul James

Foto Possessed By Paul James © by Sebastian Weidenbach

Ich weiß nicht, ob Ihr es wusstet (oder es hier geflissentlich das ein oder andere Mal überlesen habt): in acht Wochen steigt die 2018er-Ausgabe des unvergleichlich grandiosen Raut Oak Festivals am unvergleichlich schönen Riegsee vor unvergleichlich überwältigender Alpen-Bergkulisse mit – Ihr ahnt es – unvergleichlich exzellentem Line-Up aus der internationalen Deep-Blues-, Muddy-Roots-, One-Man-Band-, Garagen-Trash- und Punk-Blues-Szene.

Mit von der Partie: der großartige, um nicht zu sagen unvergleichliche Konrad Wert aka Possessed By Paul James. Slowboat-Underground-Filmemacher M.A. Littler hat mit „The Folk Singer. A Tale of Men, Music & America“ vor einigen Jahren einen abendfüllenden wie sehenswerten Dokumentarfilm über ihn gedreht, der Muddy-Roots-Veteran aus Florida ist einer der wahrhaftigsten Vertreter des amerikanischen Folk-Underground, ein Getriebener und Suchender, der die Musik als kraftvolle und Kraft spendende Ausdrucksform und Ventil benötigt wie die Luft zum Atmen, fernab von gängigen Trends und hippen Mainstream-Folk-Revivals. Und ein begnadeter wie intensiver Alleinunterhalter, wie er ganz gewiss auch auf dem diesjährigen Raut Oak Fest unter Beweis stellen wird.

Possessed By Paul James wird mit seinem Auftritt am Sonntag, den 10. Juni, ab 21.00 Uhr das dreitägige Raut Oak Fest beschließen, Tags zuvor spielt er zusammen mit dem auch sehr sehens- und hörenswerten Delaney Davidson in der Münchner Polka Bar – aber zu der Zeit sind eh alle, die was auf sich und ihr Verständnis von Musik und Festival-Kultur halten, am Riegsee…