Pop-Musik

Reingelesen (72): Charlie Gillett – The Sound Of The City

„The first serious and comprehensive history of rock & roll, and remains one of the best.“
(Richie Unterberger)

Charlie Gillett – The Sound Of The City (1978, Zweitausendeins)

Die Rockmusik als Sound der Großstadt, der englische Autor Charlie Gillett hat ihr in seinem seinerzeit allseits hochgelobten Standardwerk vor fast fünfzig Jahren nachgespürt und ist dem Phänomen der „Krachmusik“ hinsichtlich Entstehungsgeschichte, Wurzeln, Auswüchsen und kommerzieller Verwertung in wissenschaftlicher Akribie auf den Grund gegangen.
„The Sound Of The City“ dokumentiert die Geschichte der Popularmusik der Vereinigten Staaten ab den dreißiger Jahren, die in weit zurückliegenden Dekaden vor dem Auftauchen des Rock ’n‘ Roll im Mainstream dominiert wurde von Jazz-Big-Bands, regional bekannten Rhythm-and-Blues- und Country-Swing-Größen, Pionieren diverser Blues-Spielarten und kurz vor dem Rock-Urknall von weißen Croonern wie Frank Sinatra oder Perry Como.
Gillett geht explizit auf die Rolle der schwarzen Musiker und Songwriter in den jeweiligen Hochphasen diverser stilistischer Ausprägungen ein, die ihren Sound weiterentwickelten, ihre Aufnahmen bei unabhängigen Kleinstlabels veröffentlichten und ihre Kompositionen der Musik der Weißen anpassten oder deren Songs adaptierten und so schrittweise zur Entwicklung der Rockmusik, wie wir sie heute kennen, beitrugen.
Gillett dokumentiert die Marktstellung und Politik der großen Plattenfirmen wie die oft Rassen-spezifischen Sub- und Nischen-Märkte, bedient von historischen Vorläufern der heutigen Indie-Labels, er zeigt die Einflüsse der ländlichen Country- und Western-Swing-Musik und die Rolle des afroamerikanischen, urbanen Rhythm & Blues auf für die Entwicklung des Rock-Genres, hier vor allem auch durch den von ihm so benannten „Tanz-Blues“, wie ihn Musiker wie Fats Domino oder Amos Milburn spielten, die den Pop jener Tage um eine bis dato nicht gekannte Rhythmik und einen euphorischen Ausbruch bereicherten.

„Der Rhythm & Blues brachte der amerikanischen Populärmusik sehr viel – Worte, Phrasen, Rhythmus, Instrumentierung, musikalische Organisation und Versstruktur. Aber wichtiger noch als all das: Der Rhythm & Blues brachte dem Rock ’n‘ Roll ein Gefühl für Stil.“
(Charlie Gillett, The Sound Of The City, Nach dem Blues: Gospel und Gruppen Sound)

Nicht zu unterschätzen war nach Gillett der Einfluss eines Minoritätspublikums, dass Tendenzen im musikalischen Ausdruck hinsichtlich Gesellschaftskritik und radikalerer Weiterentwicklung goutierte, dem Punk- und Alternative-Publikum in den Siebzigern und Achtzigern nicht unähnlich, das Trends weitertransportierte, so zu einem Massenphänomen werden ließ und in den Fünfzigern dazu führte, dass sich der Rock ’n‘ Roll dieser Jahre für das Establishment und die Plattenfirmen-Bosse vor allem durch ein Übermaß an unterschwelligen oder eindeutigen Inhalten mit sexueller Konnotation in den Songtexten, einer antiautoritären Grundhaltung und einem „Negergeheul“-artigen Gesang definierte.
Das mag mit den Umstand erklären, warum die großen Labels in den ersten Jahren weitaus weniger in die Verbreitung des Rock ’n‘ Roll investierten, lange an ein vorübergehendes, auf Dauer kommerziell kaum lohnendes Phänomen glaubten und dadurch bedingt vor allem weniger Nummer-1-Hits mit ihren Acts platzierten als die unabhängigen Plattenfirmen wie Sun Records, Atlantic oder Chess. Gillett untersucht hierzu dezidiert neben den Verdiensten der regionalen Klein-Labels die Rolle der damals dominanten Majors Decca, Mercury, Victor, Columbia, Capitol, MGM und ABC-Paramount, ihre Versuche, auf den fahrenden Zug aufzuspringen, ihren Beitrag bei der Domestizierung der wilden Musik in Richtung steriles Pop-Entertainment, aber auch ihre unerwarteten, aus dem Nichts gelandeten Volltreffer mit im Repertoire so nicht erwarteten Ausnahme-Krachern wie Screamin‘ Jay Hawkins oder dem heute weithin unbekannten Eskew Reeder Jr. aka Esquerita, der Little Richard mit seinen ungebändigten Shows maßgeblich beeinflusst haben soll.

„Da sie normalerweise Anfang der fünfziger Jahre keinen Zugang zu den Sounds von Hank Ballard, Amos Milburn, Wynonie Harris oder Muddy Waters gehabt hatten, reagierten die meisten Leute mit großer Überraschung, als Ende 1954 „Shake, Rattle And Roll“ und „Rock Around The Clock“ von Bill Haley erschienen.“
(Charlie Gillett, The Sound Of The City, Transatlantische Echos)

Als wichtigste Initial-Zünder für den Siegeszug des Rock ’n‘ Roll sieht der Autor vor allem den Radio-DJ Alan Freed und den Rockabilly-Musiker Bill Haley. Haley ein ehemaliger Western-Swing-Gitarrist, der sich den Rhythmus der schwarzen Musik zu eigen machte, Freed vormals Moderator für klassische Musik, der nach einem Erweckungserlebnis in einem Plattenladen 1952 „Moondog’s Rock and Roll Party“ als Radio-Programm ins Leben rief und kurz darauf Live-Bühnenshows mit Fats Domino, Joe Turner und den Drifters präsentierte.
Im Nachgang zum „Rock Around The Clock“-Urknall analysiert Gillett die Rollen, ihre stilistischen Charakteristika, Verkaufszahlen und den jeweiligen Stellenwert bei Musik-Konsumenten von wichtigen wie naheliegenden Pionieren des Rock ’n‘ Roll wie Chuck Berry, Little Richard, Bo Diddley oder Elvis Presley. Viele Randfiguren, deren kurzfristige Erfolge und hybride Weiterentwicklungen in Richtung Pop, Surf-Sound und Teenager-Balladen erfahren ihre kritische Würdigung in geradezu statistischer Sorgfalt, mit welcher der Autor auch ganze Kapitel zu den Themen Blues, Soul, Gospel-/Vokal-Gruppen, Rhythm & Blues und der Situation in der britischen Musik-Szene ab Anfang der Sixties inklusive der wechselseitigen UK/US-Einflüsse durchexerziert, die Gebetsmühlen-artigen Aufzählungen hinsichtlich Chart-Erfolgen, regionaler Unterschiede der Ausprägungen im Klangbild, in den Produktionsbedingungen und in der spezifischen Käuferschaft, Veränderungen im Sound und im Songwriting, der Firmenpolitik einzelner Labels, der permanenten Anpassung von Musikern als Repräsentanten diverser artverwandeter Genres und die herausragenden Leistungen von Songwritern, Produzenten und Stil-prägenden Musikern und Komponisten wie Jerry Leiber und Mike Stoller, Lee Hazlewood, Ronnie Hawkins, Ike Turner oder James Brown (um nur einige wenige zu nennen) genügen in diesen Passagen kaum höheren literarischen Ansprüchen, als ergiebiges und ausführliches Nachschlagewerk taugt die Dokumentation dahingehend aber allemal in erschöpfender Art und Weise.
Je weiter sich die historische Abhandlung auf der Zeitachse den sechziger Jahren nähert, umso detaillierter fällt das Urteil zu den jeweiligen Protagonisten und die Einschätzung ihres Einflusses auf Ausprägungen und Strömungen der Rockmusik wie die Bewertung des musikalischen/lyrischen Outputs aus.

„Aber die Rock ’n‘ Roll Sänger behandelten die Populärmusik als Medium der Selbstdarstellung, und die Rock ’n‘ Roll Komponisten bezogen ihre Songtexte auf spezifische Situationen anstelle von nicht dingfest zu machenden Allgemeinplätzen.“
(Charlie Gillett, The Sound Of The City, Transatlantische Echos)

Charlie Gillett vermeidet als Autor die Rolle des voreingenommenen, in seinem Enthusiasmus gefangenen Fans und seziert die Entstehungsgeschichte der Rockmusik im Stil eines nüchternen Analytikers, das erlaubt ihm, unaufgeregt mit unfundierten Mythen der Pophistorie aufzuräumen und Fakten gerade zu rücken, ob das die Wandlung eines Elvis Presley vom wilden Mann und Teenager-Idol zum mit den Jahren zunehmend mehr manieriert schmalzenden Witwentröster betrifft, der mit der Vorstellung eines Rock’n’Roll-Kings sehr schnell wenig gemein hatte, ob die schlichte wie ergreifende Erkenntnis, dass „Sgt. Pepper“ ein doch ziemlich durchschnittliches und mitunter wenig aufregendes Machwerk ist und die hochgejubelten Arbeiten der Beatles für die weitere Entwicklung der Rockmusik kaum von Belang waren, oder der Umstand, dass ein Genie wie Pete Townshend so ziemlich der einzige Akteur im Popmusik-Zirkus war, der dem Druck der unreflektierten und unkritischen Verehrung standhielt und dadurch vor allzu viel Selbstgefälligkeit bewahrt blieb  – der beinharte Who-Fan vernimmt’s mit zustimmendem Wohlwollen…
Im Schlusswort als Ausblick auf folgende, zu erwartende Glanzlichter der Rockmusik aus der Perspektive Anfang der siebziger Jahre lag Charlie Gillett mit seiner Prognose unfreiwillig erheiternd weit daneben: „Zusammen mit Sly Stone, Joe South, Tony Joe White und Bob Dylan schien John Fogerty – Leadsänger, Gitarrist, Songschreiber und Produzent von Creedence Clearwater Revival – Anfang 1970 einer für die Zukunft meistversprechenden Musiker zu sein.“

„The Sound Of The City“ ist im Original 1970 in New York und im Deutschen 1978 im Frankfurter Zweitausendeins-Verlag erschienen, die Dokumentation ist sowohl in englischer wie in deutscher Version seit langem vergriffen, im gut sortierten Antiquariat aber nach wie vor zu finden. Eine Neuauflage wie auch eine grundlegend neue Übertragung ins Deutsche wäre dringend angezeigt, zumal das in unzähligen Beispielen zu monierende, seelenlose Beamtendeutsch und partiell wortwörtliche Übersetzen inklusive englischem Satzbau in der deutschen Fassung des ehemaligen Sounds-Musikredakteurs (Hans-)Teja Schwaner den Lese-Fluss, das literarische Vergnügen und selbst das Interesse an der Thematik an sich mitunter stark beeinträchtigen.

Charlie Gillett wurde 1942 in nordenglischen Küstenort Morecambe/Lancashire geboren, er studierte an der Columbia University in New York City und arbeitete später als Journalist, Musikforscher und Autor. Ab 1972 betätigte er sich für etliche Jahre als DJ bei Radio London und förderte in der Zeit maßgeblich die Karriere von Ian Dury. Er war der erste Moderator, der in den vom Punk dominierten Spät-Siebzigern Demo-Tapes von Graham Parker und Elvis Costello im Radio spielte und die Dire Straits für ein größeres Publikum entdeckte, die Band widmete ihm zum Dank ihr erstes und einziges rundum brauchbares Album, Gillett wiederum revanchierte sich knapp 20 Jahre später mit den Liner-Notes zur digital remasterten CD-Neuauflage des englischen Rhythm-&-Blues-Klassikers aus dem Jahr 1978.
Später arbeitete er als Moderator für Capitol Radio und die BBC, wo er sich vermehrt mit Independent- und Ethno/World-Musik beschäftigte.
Charlie Gillett ist 2010 im Alter von 68 Jahren an den Folgen einer seltenen Blutgefäß-Erkrankung gestorben.

Reingelesen (55): Karl Bruckmaier – The Story Of Pop

bruckmaier

„Und schon habe ich es wieder vergessen. Denn die Geschichte der Popmusik setzt sich nicht zusammen aus dem Wissen, wer 1972 bei Jethro Tull Bass gespielt und wer die erste House-Maxi veröffentlicht hat. Die Geschichte der Popmusik stellt für mich ein seit Jahrhunderten aufgeführtes Drama dar, das uns von einem bestimmten Typus Mensch erzählt, von seinen Lebensumständen, von seinen Träumen, von seinen politischen Ansichten und von seinen Unzulänglichkeiten. Ein Drama braucht einen Chor. Vielstimmig muss die Erzählung sein. Und im Rhythmus.“
(Karl Bruckmaier, The Story Of Pop, Vorwort)

„Tür auf, Patti Smith kommt rein, und wir alle sind wie elektrisiert: Welche kosmischen Weisheiten wird sie wohl von sich geben? Und sie kommt her zu mir und fragt, wo man hier ganz schnell Stoff kriegt.“
(Geoff Travis)

Karl Bruckmaier – The Story Of Pop (2015, Heyne)

Er hätte es sich auch leicht machen können, der Karl Bruckmaier, mit seiner Geschichte des Pop. Am Anfang hat Gott Adam und Eva, die Schlange und die Weihnachtslieder in die Welt gesetzt, später brachten die schwarzen Sklaven den Gospel und den Blues auf Amerikas Baumwollfelder, hinzu kommen die üblichen Verdächtigen Elvis, Beatles et cetera und der Jagger/Richards-Ideen-Klau bei Chuck Berry und Muddy Waters, und heute haben wir Madonna, die den US-Wählern bei entsprechender Stimmabgabe für Frau Clinton orale Liebesdienste verspricht, die wir in der detaillierten Beschreibung von Frau Ciccone so genau eigentlich gar nicht wissen wollen.
So einfach hat es sich Bruckmaier Gottlob nicht gemacht. „No Elvis, Beatles or the Rolling Stones in 1977“  haben The Clash vor fast vierzig Jahren als Punk-Postulat herausgehauen, und so hält es der Autor auch weitestgehend in seinem anregenden Schmöker. Die Nummer mit dem Gospel, den Sklaven, mächtigen afrikanischen Gottheiten und dem Blues kommt selbstredend auch vor, ausführlichst, gebührend und in seiner ganzen historischen Grausamkeit, daneben aber eben auch weitaus weniger offensichtliche und unerwartete, abseitige Details zum Thema Popmusik, und diese lesen sich in der nonchalanten, lakonischen Bruckmaier-Diktion weitaus anregender und spannender als die im „Rolling Stone“ (oder in ähnlichen ewig rückwärts gewandten Postillen) zum hundertachtundzwanzigsten Mal aufgewärmten Geschichten vom Hüftschwung des King und den lachhaften Yoga-Übungen der Fab Four im fernen Indien.

„Funk kommt übrigens von lo-fuki, „starker Körpergeruch“, einem Wort aus einer Bantu-Sprache. Seine zweite Bedeutung: spirituelle Stärke. Die Sklaven, die noch in der Neuen Welt ankamen, waren notgedrungen alle ziemlich funky.“
(Karl Bruckmaier, The Story Of Pop, Purgatorium)

Der Leser lernt frühzeitliche persische Popstars im Kalifat Cordoba kennen, erfährt vom Auftauchen der mahgrebinischen Trommel im europäischen Süden im 10. Jahrhundert, bereits auf den ersten Seiten der Essay-artigen Abhandlung wird klar, dass es dem Autor nicht nur um die angloamerikanische Pop-Historie geht, vielmehr werden Querverbindungen und sich gegenseitig befruchtende Einflüsse im Fortgang der Jahrhunderte Kontinent-übergreifend erkennbar.
In New Orleans gilt vor weit über 200 Jahren erstmals die Devise: Rock the City! – der Beat bahnt sich seinen Weg in die Kaschemmen und Straßen der Großstadt.
Auf Bruckmaiers Bühnen treten frühe Popstars wie Louis Moreau Gottschalk auf, der französisch-stämmige US-Komponist und -Pianist war bereits Mitte des 19. Jahrhunderts als Superstar auf Never-Ending-Tour und gab sich ähnlich gelangweilt von Konzertbetrieb und Publikum wie dieser Tage der Sinatra-/Literaturnobelpreisträger-Imitator Dylan.
Der Leser lernt unbekannte Ingredienzen und Einflüsse wie die „Sacred Harp“ kennen, Gottes-fürchtige Kirchengesänge, der frühe Pop im amerikanischen Süden. Bert Williams tritt auf, ein bekannter Künstler im Rahmen der Minstrel-Shows, dem Pop-Entertainment der Vaudeville-Ära. Jacques de Vaucanson, ein französischer Erfinder, sorgt im 18. Jahrhundert mit seinen mechanischen Maschinen für die Initialzündung hinsichtlich Grammophon, Volksempfänger, Soundsystems und iPod, die Gerätschaften werden den Pop demokratisieren und privatisieren durch Ausstrahlung in jede Behausung, quasi der endgültige Durchbruch als Massenprodukt.

„… während JFK trotz Schweinebucht und Vietnam von Bob Dylan „a friend of mine“ genannt wird, von demselben Bob, der sich von Barack „Lauschangriff“ Obama einen Orden wird umhängen lassen und der sich auch nicht zu blöd ist, wie der Apotheker Homais aus Madame Bovary und andere Hanswurste das Kreuz der Ehrenlegion entgegenzunehmen. Bob, voice of a generation. Wonder Bob. Mein Bob! Dass Pop aber auch immer so kompliziert sein muss, Herrschaftzeiten!“
(Karl Bruckmaier, The Story Of Pop, Protest)

Je drückender die gesellschaftlichen Verhältnisse und der Drang zur Veränderung, umso zwingender der Wille zum individuellen Ausdruck via Musik, in der „Story Of Pop“ im Prager Frühling bei den Velvet-Underground-beeinflussten Plastic People Of The Universe genauso zu finden wie unter der brasilianischen Militärdiktatur im Tropicalia/Afrosamba von Gilberto Gil und Caetano Veloso oder den APO-durchwirkten Essener Songtagen anno 1968 mit Auftritten der Mothers Of Invention, der Fugs oder deutscher Kraut-Koryphäen wie Tangerine Dream und Amon Düül, da tut kein totgerittenes Zitieren des Woodstock-Mythos Not, der Geist wehte auch woanders frei und Popular-musikalisch brisant. Nicht unerwähnt bleibt, dass Protagonisten wie Václav Havel und Gilberto Gil in ihren Ländern später höchstselbst staatstragend wirken werden.
Das alles und noch viel mehr erzählt uns Karl Bruckmaier, ohne König von Deutschland zu sein, aber dafür kennt er sich aus, beim Punk, beim Jazz, im Country, bei der Britischen Invasion und ihrem überflüssigen Spät-Achtziger-Abklatsch, allem Art-verwandten Pop-Zeugs, das in dem Zusammenhang selbstredend zur Sprache kommen muss.

Und wir treffen die Randfiguren des Pop, an denen der große Reibach und auch das Publikum mehrheitlich vorbeiging, die aber in dem Kontext das sprichwörtliche Salz in der Suppe ausmachen, John Fahey etwa, den Pionier der American Primitve Guitar, der das alte, versteckte Amerika der Aussenseiter in seiner Musik an die Oberfläche holt, wie kein anderer kaum vereinbare Stile wie Folk, Country, Gamelan und Neu-Klassik verwebt und zeitlebens zerrissen wird vom Anspruch, Kunst und Dasein in Einklang zu bringen, prägend für Musiker wie Jim O’Rourke, Sonic Youth, Henry Kaiser, bis heute. Die Kurzgeschichten-Sammlung „Blaugrassmusik“ (2005, Suhrkamp) des begnadeten Vertreters der amerikanischen Outsider-/Experimental-Folk-Musik hat Bruckmaier im Übrigen seinerzeit ins Deutsche übersetzt.
Und einer wie der Kult-Trash-Blues-Barde Alex Chilton hat als 17-jähriger Box-Tops-Sänger via „The Letter“-Nummer-Eins-Hit tatsächlich seine berühmten Warhol’schen 15 Minuten in der Pophistorie abbekommen, auch wenn er vom großen Geldtopf kaum was gesehen hat und später wie von Bruckmaier geschildert im Erdinger Hirschwirt den weitaus spannenderen Stoff vor überschaubarem Publikum ablieferte.

Gut 300 Seiten prall gefüllt mit imaginären Merkzetteln, Randnotizen, Anekdoten und Querverbindungen im opulent wuchernden, tausende Jahre alten Pop-Dschungel, auf den Punkt gebracht, originell und vor allem subjektiv und süddeutsch-barock den Glückshormone-ausschüttenden Momenten Raum gebend. Bruckmaier versteht es glänzend, dem Leser Theoretisches en passant unterzujubeln, dass er sich in wissenschaftlich angelehntem Soziologen-Gewäsch ergeht, welches die Lektüre geistiger Ejakulationen aus der Feder etwa eines Diederich Diederichsen zu einer lustlosen Anstrengung verkommen lässt, ist sein Ding Gottlob nicht.
Herrlich ehrlich auch die Episode, in der er als junger Journalist die große Pop-Ikone Marianne Faithfull in einem Münchner Hotel interviewen durfte, seine Fragen waren unverschämt offensiv und auch nicht grundlegend völlig abseitig, aber eben auch wenig feinfühlig und kaum sensibel, der Stachel über die verkorkste Nummer scheint bis heute tief zu sitzen beim Autor. Shit happens, was soll’s, letztendlich egal, the Beat goes on

„Vielleicht ist Rockmusik das beste Medium, um künstlerischen Unfug Gestalt annehmen zu lassen, die einfachste Art, sich zu verbergen hinter einer Maske des Aufruhrs, die einzig wahre Methode, um mit narrativem Extremismus durchzukommen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.“
(David Thomas, Pere Ubu)

Karl Bruckmaier wurde 1956 in Niederbayern geboren, seit 1978 ist er regelmäßig in den Radiosendungen „Zündfunk“ und „Nachtmix“ des Bayerischen Rundfunk zu hören, seit 1981 schreibt er für die Süddeutsche Zeitung Platten- und Konzert-Kritiken und Anmerkungen zur Pop-Kultur.
Bruckmaier ist Verfasser, Bearbeiter und Regisseur mehrerer, zum Teil mit Preisen ausgezeichneter Hörspiele, die neben seinen eigenen auch Texte von anderen Autoren wie Elfriede Jelinek, Amiri Baraka, Mayo Thompson, Carl-Ludwig Reichert und Alexander Kluge enthalten.
1999 erschien von ihm „Soundcheck: Die 101 wichtigsten Platten der Popgeschichte“ (C.H. Beck Verlag), eine subjektive, amüsant geschriebene und höchst anregende Best-Of-Lieblingsplatten-Auflistung und -Kommentierung des Autors, ein Schmöker, der ergänzend bestens passend neben „The Story Of Pop“ im Bücherregal steht.
Zeitweise betrieb Karl Bruckmaier die Web-Seite „Le Musterkoffer“, die leider schon seit längerem kein Update mehr erfuhr, aber immer noch online im Netz verfügbar ist.