Portugal

Reingehört (266): Bitori

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Bitori – Legend Of Funaná / The Forbidden Music Of The Cape Verde Islands (2016, Analog Africa)

Das Akkordeon als Waffe im Kampf um Unabhängigkeit und nationale Identität, der treibende Beat gegen die europäischen Besatzer: Während der portugiesischen Kolonialherrschaft war der Vortrag der kapverdischen Volksmusik Funaná wegen ihrer System-kritischen Texte in der Öffentlichkeit der afrikanischen Atlantik-Inselgruppe verboten und wurde bei Zuwiderhandlung in den extremsten Fällen drakonisch mit Folterhaft bestraft.
Die schnelle, unkomplizierte Musik, die im Wesentlichen mit einer diatonischen Ziehharmonika und einem geschlagenen Eisenstab als Rhythmus-Geber gespielt wird, vereinigt Einflüsse aus der Musik Portugals mit dem treibenden Flow des afrikanischen Desert-Blues, der Bewegungsdrang wird durch einen urtypischen, Funk-artigen Latin-Groove befeuert, die Akkordeon-Melodik mag man in ähnlicher Form im Zydeco und in der Cajun-Musik der frankophonen Einwanderer im US-amerikanischen Südstaat Louisiana finden, die gerne so etikettierte „Weltmusik“ im besten Sinne eben.
1997 ist der damals 59-jährige Victor Tavares aka Bitori das erste Mal in einem Studio vorstellig geworden, um sein bis dato einziges Funaná-Album unter Mithilfe des Sängers Chando Graciosa, des Bassisten Danilo Tavares und des Schlagwerkers Grace Evora einzuspielen. Victor Tavares beschäftigte sich seit den fünfziger Jahren als Autodidakt mit dem Akkordeon und entwickelte daraus seine Interpretation dieser rohen, direkten Musik mit ihren simplen Melodien und zig-fach wiederholten Refrains über das harte Leben und die Nöte der kapverdischen Arbeiterschaft. Die Songs des vorliegenden Albums haben sich in den letzten zwanzig Jahren zu Klassikern des Genres im afrikanischen Insel-Staat entwickelt, zuforderst in den Tanzhallen der größeren Städte, außerhalb der Kapverden war das Material nicht zugänglich und kaum bekannt, ein Umstand, dem das Analog-Africa-Label mit dieser weltweiten Wiederveröffentlichung Abhilfe zu schaffen versucht.
(**** ½)

Reingehört (240): Black Bombaim & Peter Brötzmann

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Black Bombaim & Peter Brötzmann – Black Bombaim & Peter Brötzmann (2016, Shhpuma Records)
Peter Brötzmann, Meister der rauhen Free-Jazz-Saxophon-Klangfarben, Vielveröffentlicher seit nahezu fünfzig Jahren, Vattern vom Massaker-Caspar, und die portugiesische Stoner-/Progressive-Rock-Band Black Bombaim haben sich für eine Gemeinschaftsproduktion im Estúdios Sá Da Bandeira zu Porto zusammengefunden, die Live-Einspielung der fünf durchnummerierten Instrumental-Ergüsse nimmt vom Start weg für sich ein, das heisere, sich in die Gehörgänge fräsende Holzblasinstrument-Getröte der deutschen Ikone der freien Improvisation und der schwere Progressive-/Noise-Rock gehen eine sich gegenseitig befruchtende Symbiose ein, der intensiv rockende Prog-/Kraut-/Space-Groove des Trios aus dem nordportugiesischen Barcelos wird von frei fließender Bläser-Heftigkeit auf gleich hohem Level kongenial begleitet, der hypnotische, vom schweren Bass getriebene Fluss erfährt sporadische Zäsuren zur Sammlung in experimenteller Kontemplation, um sich in den nächsten Momenten erneut in einen rauschhaften Klangorkan zu stürzen.
So hört sich das an, wenn sich Meister ihres Fachs in ihrer individuellen Profession aufeinander einlassen und offen sind für gedeihliche, grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Obwohl Free Jazz und Space-Rock nicht zwingend in nächster Nachbarschaft im musikalischen Spektrum angesiedelt sind, erweckt das Hörerlebnis nicht den Eindruck, dass sich die Protagonisten im Sinne des Konsens und des Kompromisses groß aufeinander zubewegen mussten, das Zusammenwirken klingt organisch, stimmig, wie seit jeher ineinander greifend und zusammenpassend.
Im Nachgang, zur Ergänzung, quasi zum Desert seien die schweren Gitarren-Attacken des Junior-Brötzmanns zur Abrundung des intensiven Hörerlebnisses empfohlen.
(*****)