Post-Punk

The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die + Kamikaze Girls @ Kranhalle, München, 2018-03-26

„Kamikaze Girls want you to know that it’s okay to be sad“ geben uns Lucinda Livingstone und Conor Dawson mit auf den Weg, dabei war am vergangenen Montag in der Kranhalle des Münchner Feierwerks nicht im mindesten Anlass zur Trauer geboten ob des Auftritts des gemischten Doppels aus Leeds UK. Auch wenn die Kamikaze Girls vor gut zwei Jahren eine Sad-/Slowcore-/LoFi-Version des Bowie-Klassikers „Heroes“ einspielten und diese Fassung schon mal das Taschentuch zwecks melancholischer Seelenpein zücken lässt, standen die Zeichen zur Eröffnung des launigen Indie-Abends zum Start in die Karwoche eindeutig auf Sturm. Die Sängerin/Gitarristin mit dem Michael-Jackson-Tourshirt und der Drummer mit dem naturroten Rauschebart griffen sich das Publikum vom Fleck weg mit beherztem Anschlag, und so zierte sich das Konzertvolk kaum, der Aufforderung Lucinda Livingstons Folge zu leisten, die hinteren Ecken der spärlich gefüllten Halle zu verlassen und den Platz vor der Bühne zu füllen, machte ja auch Sinn, von der Nähe betrachtet verfing der ungebremste Mix aus Enthusiasmus und ernsthafter Darbietung der jungen Leute aus Northern England noch weitaus mehr. Unverstellter Riot-Grrrl-Drive mit viel Wut im Bauch, die beizeiten auch unvermittelt herausgeplärrt artikuliert wurde, gehaltvoller, abgeklärter Postpunk mittels Sirenen-artiger Fuzz-Gitarren, melodischer Riffs, einer entfesselten Rhythmik und Klagen über den Zustand der Welt, inhaltlich untermauert durch die Auseinandersetzung mit Themen wie Depression oder Abhängigkeit und Statements für Toleranz, offene Grenzen und gegen sexuelle Übergriffe im Pub um die Ecke oder sonstwo, das Duo scheint hinsichtlich Haltung und musikalischer Umsetzung zu wissen, wo und wofür es steht. Damit nicht genug, Freund_Innen des gepflegten Postrock kamen mit dem gedehnten Ausklang durch entsprechendes Pedale-Bedienen und Effektgeräte-Schrauben zur Errichtung einer dezent von Feedbacks verzerrten Gitarrenwand als vehementem Schlusspunkt auch noch auf ihre Kosten.
So gab es dann zum Ende hin doch noch eine kleine Träne zu zerdrücken, und es war mehr als ok, traurig zu sein, da keine Zugaben geplant waren im knapp fünfzig-minütigen Opener-Programm, ein Seufzer des Bedauerns, da der schmissige Punk der beiden jungen Musikanten aus West Yorkshire gut und gerne noch eine Weile in der Güte und Intensität so weiterscheppern hätte dürfen. So blieb nur das Wort des großen deutschen Fußball-Philosophen Lothar M. im Geiste von „Wäre, wäre, Fahrradkette“ als schwacher Trost, der Gang zum Tresen zur Überbrückung des Wartens auf den Hauptact des Abends und das Hoffen auf eine Headliner-Tour der Kamikaze Girls in naher Zukunft.
(*****)

Allein mit der Niederschrift des ellenlangen Bandnamens The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die dürfte sich so mancher Zeilenschinder aus den Lohnsklaven-Abteilungen der Konzert- oder Platten-besprechenden Printmedien klammheimlich über quasi geschenkte Gage ohne großen Zusatzaufwand freuen, dabei schwebte über dem Konzert der amerikanischen Ostküsten-Formation aus Willimantic/Connecticut eindeutig über weite Strecken das Motto „Weniger wäre mehr“, mitunter war die Combo da in Linie, ob rein optisch beim jeweils gekürzten Haupthaar von Keyboarderin Katie Dvorak und Sänger David Bello oder dem reduzierten Lineup im Vergleich zum München-Konzert vor gut zwei Jahren, als TWIABPAIANLATD insgesamt zu acht mit sage und schreibe vier Gitarristen antanzten und damit eine orchestrale Eindringlichkeit an erhabenen Emocore-/Postrock-Momenten zu entfalten wussten – eine emotional ergreifende Intensität, die man am vergangenen Montag zuweilen etwas misste.
Es mag am unausgegorenen, größtenteils weit unter den Möglichkeiten der Band bleibenden Songmaterial des aktuellen, hier kaum auf ungeteilte Gegenliebe stoßenden Longplayers „Always Foreign“ liegen, das zu Teilen zum Vortrag kam und Gottlob im konzertanten Gewand nicht in Gänze an die Arcade-Fire-artige Belanglosigkeit der dokumentierten Tonkonserven heranreichte, es mochte aber auch einfach an einem Alles-sofort-auf-einmal-wollen der personell oft variierenden Formation liegen, dass die Qualität und Erhabenheit ihres letzten Auftritts an gleicher Örtlichkeit nur sporadisch erreicht wurde. Am Einsatz der Musiker_In mangelte es gewiss nicht, das Sextett engagierte sich wie vor zwei Jahren zelebriert mit Herzblut für die eigenen Klangentwürfe, und doch hatten ein exzellent aufgelegter Steven Battery an den Drums mit Unterstützung von Urmitglied Josh Cyr am fünfsaitigen Bass sprichwörtlich alle Hände voll zu tun, um den in viele Richtungen wegexplodierenden Laden halbwegs zusammenzuhalten. In einem erratischen, atemberaubenden Ritt bewegte sich die Band durch die Spielarten ihres wunderschönen, hymnischen Indie-Emocore, den opulenten Postrock und die experimentellen Gitarren-Noise-Drone-Intermezzi, die auf einer imaginären Überholspur den 70er-Prog-Rock hinsichtlich Tempi-Wechsel, Melodie-Breaks und unvermittelter stilistischer Launen weit hinter sich ließen und so für die Hörerschaft das ein oder andere Rätsel in den Raum stellten und manche Antwort schuldig blieben – die größte Ungewissheit nach diesem vehementen wie das Publikum beizeiten über Gebühr fordernden Auftritt dürfte die spannende Frage aufwerfen, wo die Reise dieser außergewöhnlichen, mit vielen Talenten gesegneten Vertreter des atmosphärischen Emocore künftig hinführt. Das KF bleibt dran an TWIABPAIANLATD und berichtet beizeiten, versprochen.
(**** – **** ½)

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Reingehört (431): Kal Marks

Kal Marks – Universal Care (2018, Exploding In Sound)

Schau einer an, Indie-Rock kann dieser Tage auch noch was anderes als belanglose Fahrstuhl-Muzak verbrechen oder den Soundtrack für die Beschallung zum nächsten Kartoffel-Sack-Einkauf im Supermarkt um die Ecke liefern, Ihr wisst schon, The War On Drugs und ähnlich befremdliches Kroppzeug, groß überraschend ist das im Fall der Bostoner Band Kal Marks allerdings kaum, bereits mit ihrem Pessimismus-durchtränkten Werk „Life Is Alright, Everybody Dies“ aus dem Jahr 2016 wusste das Trio im Wesentlichen zu überzeugen, mit dem im Februar veröffentlichten neuen Tonträger „Universal Care“ verhält sich das nicht anders.
Die drei Marksisten mit den konspirativen Pseudonymen A, B und C lassen einmal mehr kaum überraschend kräftig den Bass dröhnen und grollen, die Trommeln scheppern und die Gitarren jaulen, schneiden und verzerren, begleitet von einem Sangesvortrag, der sich durchaus mit eigener Note und Zungenschlag zwischen den hysterischen, aggressiv-durchgeknallten Ausbrüchen eines Frank Black aus dem exzellenten Pixies-Frühwerk und dem lakonischen Nihilismus des jüngst in die ewigen Jagdgründe eingegangenen, ewig schlecht gelaunten Weltverneiners Mark E. Smith austobt.
Intelligent-beseelter Postpunk/Postcore, deftig-kompromissloser, gleichwohl melodischer Noise-Rock, über den Tellerrand blickender, ambitionierter Free-Flow-Jazzpunk und nicht zuletzt ein vehementes Protopunk-Gelichter, das vermutlich von vertieftem Studium diverser Nordost-Staaten-Bands von MC5 über die Stooges bis hin zu Pere Ubu/Erste Phase 1975-1982 zeugt, formen den eruptiven 2018er-Ausbruch der Ostküsten-Kapelle zu einem einnehmendem und schwerst überzeugenden Indie-Rock-Manifest, in dem permanent eine improvisatorische Note und ein spontanes Ad-hoc-Agieren mitschwingen und so das Studio-Werk mit gehörig Ecken und Kanten ausgestattet in einem charmant-unperfektionistischen Licht schimmern lassen.
Selbst im zurückgenommenen Tempo – von Balladen mag man in dem Fall weiß Gott nicht sprechen – zeugt das Songmaterial von unterschwelligem Drängen, finsterem Dräuen, angeschrägter Drone-Rock-Dissonanz, durchgeknallter Weirdness und sich langsam, aber stetig entfaltender Wucht.
Mit „Universal Care“ verfügen Kal Marks über schlagende Argumente, um nicht zu sagen die fundierte Dialektik, und sind damit für den Klassenkampf im Indie-Lager bestens gerüstet. Watch out, Granduciel- und Berninger-Dodeln, euer musikalischer Gulag lauert hinter dem nächsten Power-Chord… ;-))
(*****)

Santamuerte + Haikkonen @ Maj Musical Monday #85, Glockenbachwerkstatt, München, 2018-02-19

Die monatliche Reihe Maj Musical Monday für Postrock, Independent, Underground-Experiment und Multimedia-Präsentationen ging am Montagabend im Münchner Stadtteiltreff Glockenbachwerkstatt in die mittlerweile 11. Saison, allein dafür ein Hoch auf die Organisatoren Josip Pavlov, Chaspa Chaspo/Asmir Šabić und Co, für ihren ungebremsten Elan in Sachen Do-It-Yourself-Plattform für tonale und manchmal auch atonale Beschallung jenseits der ausgetretenen Mainstream-Pfade.

Für den Auftakt zur jüngsten Ausgabe der stets hochspannenden MMM-Serie engagierten die Veranstalter den ortsansässigen Musiker Sascha Saygin aka Haikkonen: Alleinunterhalter flutet den Raum via PC/Sequencer mit digitalen Samples und Loops und spielt dazu analoges Schlagzeug, das ist im Wesentlichen das Konzept des Münchners, und sowas kann im schlimmsten Fall schwer daneben gehen wie das Publikum in den Tiefschlaf langweilen, bei Haikkonen lösen sich derartige Bedenken noch nicht mal in Luft auf, weil sie erst gar nicht aufkommen wollen – der Musiker präsentierte einen explosiven Mix aus minimalistischen Elektro-Drones, Trance-artigen, repetitiven Schleifen und wummernden Synthetik-Beats aus der Dose, über den er im Live-Vortrag seinen wuchtigen Drum-Anschlag legte, ein treibender und druckvoller, beherzter wie technisch versierter Drive aus der Welt des Post-Hardcore, der das einnehmende Gesamtwerk zu einer eigenen musikalischen Sprache formte und damit den analog-digitalen Hybrid-Sound einer eindeutigen Kategorisierung entzog. Elemente des Industrial, des Techno und der EBM aus der Frühphase der Deutsch Amerikanischen Freundschaft fanden sich ebenso wie strammer Postpunk und Ausflüge hin zu progressiver Kraut- und Space-Electronica in der Rhythmus-dominierten Aufführung, die beim Publikum auf viel Gegenliebe und Mitzappeln stieß und dementsprechend vehementes Einfordern von Nachschlag zur Folge hatte. Keine Frage: Beim Sampeln und Trommeln alles richtig gemacht und das Publikum komfortabel mit auf die Reise genommen, die hiesige One-Man-Band mit dem finnischen Pseudonym.
(*****)

Aus den angenehmen mediterranen Temperaturen der apulischen Garage direkt hinein in den Frost des verschneiten bayerischen Winters, das zeugte von unerschütterlichem Idealismus und Brennen für die eigene Kunst, und verdiente damit höchsten Respekt: Das Trio Santamuerte aus dem süditalienischen Bari feierte als zweiter Act des launigen Abends neben der Wiedergeburt des voluminösen Zappa-Moustache die zahlreichen Spielarten des Trash-Rock’n’Roll, in klassischer Besetzung nahmen die Herren Panzo, Vido Pura Vida und J.J. Springfield vom Start weg keine Gefangenen, garnierten ihre selbstbetitelte Spielart der „Hawaiian Garage“ im oberen Tempo-Bereich mit schmissiger Direktheit, polternd-dröhnendem Bass, treibenden Drums, scheppernden Gitarren, leidenschaftlichen Gesängen und zitierten sich in einem wilden Ritt in psychedelischer Grundierung durch den Sixties-Surf-Sound, rumorenden Garagen-Rock, ungestümen Rhythm and Blues, Anlehnungen an das Frühwerk der britischen Heroen von den Pretty Things und den Who wie an das verzerrte Saiten-Anschlagen eines Link Wray oder den melodischen Jangle-Pop-Punk der Barracudas – ein unverstelltes Vergnügen für alle Freund_Innen des forsch zupackenden Rock-and-Roll-Undergrounds, dass den Spaß und das gefällige Mitwippen massiv förderte und das Verkopfte in der Musik ganz weit hinten anstellte. „Power-trio that combines the warm sounds of South America and the discomfort of noise rock“ kündigte sich das Gewerk der Italiener vollmundig an und hat ohne Abstriche Wort gehalten, in dieser Qualität darf das Jahr hinsichtlich dritter Montag im Monat in der „Glocke“ gerne so weitergehen.
(*****)

Die 86. Ausgabe des Maj Musical Monday widmet sich am 19. März in einem Special dem Augsburger Non-Profit-Experimental-Label Attenuation Circuit, und am 16. April wird John Dorr mit seiner Postrock-Band Stems im Rahmen der Veranstaltungsreihe in der Münchner Glockenbachwerkstatt zu Gast sein, man darf gespannt sein, Stems sind der britische Teil der französisch-englischen Kooperation The Chapel Of Exquises Ardents Pears, die hier bereits mit ihrer exzellenten Debüt-EP „TorqueMadra“ und ihrem letztjährigen Auftritt beim belgischen dunk!Festival zu Lobeshymnen hinrissen.