Postcore

Reingehört (456): Mia Vita Violenta, Enob

„Am I As Different As I Wish?“
(Mia Vita Violenta, Grey Seas)

Mia Vita Violenta – Grey Seas EP (2018, Atypeek Music)

Tour de France, erste Etappe: Das Quartett Mia Vita Violenta mit ihrer bereits Ende 2017 in Frankreich erschienenen EP „Grey Seas“, seit vergangenen Donnerstag darf ganz Europa via Atypeek Music an der lärmenden Indie-Pracht teilhaben.
Die Band aus Paris erfindet das Rad in Sachen Post-, Noise-, Indie-Rock, Postcore/punk und Emo nicht neu, macht aber mit ihren scheppernden Bässen, Gitarren, Drums alles richtig im Zusammenkochen der einzelnen Einflüsse zu einem dräuenden, düster-verzweifelten Gebräu. Aus einem eingangs diffus lichternden Sphären-Drone schält sich langsam nüchterner, von emotionalem Gesang begleiteter Postrock, der unvermittelt an Heftigkeit gewinnt und neben dem typischen Gitarre-nach-vorne-drängen zahlreiche andere Einflüsse aus den Krachmusik-Spielarten der vergangenen Dekaden erkennen lässt, eigene Geschichten erzählt und im melodischen Fluss in individuelle Fahrwasser driftet. Schönes Franzosen-Akzent-Englisch auch, in der Sangeskunst.
Bandmitglieder von Mia Vita Violenta sind auch bei den Combos Enob und Saar involviert, mehr dazu gleich hier unten, guckst Du →
(**** ½ – *****)

Enob – La Fosse Aux Débiles (2018, Atypeek Music)

Tour de France, zweite Etappe: Enob, ein sich personell mit Mia Vita Violenta austauschendes Pariser Quartett, wie oben erwähnt, ← guckst Du. Drängen und brüllen neben englischem Idiom auch vermehrt in Muttersprache und krachen noch eine gehörige Portion mehr als MVV, die hierzu vergleichsweise introvertiert in dunklen Klangwelten versinken. Schätzungsweise daheim das Plattenregal mit Fugazi- über Jesus-Lizard- bis Mission-Of-Burma-Gesamtwerk löblich gefüllt, damit nicht mit den schlechtesten Einflüssen musikalisch sozialisiert worden und die vermuteten Vorbilder in gebührender Verehrung und Qualität zwar einerseits zitierend, treiben Enob die energetische Postpunk-/Postcore-/Indierock-Nummer auf dem dritten Longplayer „La Fosse Aux Débiles“ weit mehr in eine von eigenem Charakter geprägte Richtung/Mixtur, die vor allem den verzweifelten Ansagen und der unbändigen Wut Luft verschafft und den klirrenden, schneidenden, selten Lead und oft eine abgehackte Rhythmik spielenden Gitarren Raum gibt, semi-experimentell Spannungs-befeuert durch dissonantes Feedback-Überdrehen und lärmende Noise-Passagen, exzellent zusammengehalten durch dröhnende Bässe und straight forward trommelnde Taktgebung. Deutet man das Enob-Klangbild richtig, ist die Endzeit wohl schon angebrochen, die Band schreit der Welt vor dem großen Abwracken final die Verachtung mit gebührender tonaler Wucht begleitet unverstellt ins Gesicht, ab und an in klassischer Postpunk-Gangart, weit mehr in Genre-Barrieren-ignorierendem Radikal-Ausbruch.
Auf der Bandcamp-Seite von Enob steht ganz unten bei den charakterisierenden Schlagwörtern das treffende Wort „Schräg Rock“, die jungen Männer wurden in ihrem schulischen Werdegang scheints mit dem Erlernen der deutschen Sprache Völker-verbindend genauso gequält wie Legionen von Absolventen weiterführender Bildungsanstalten hierzulande mit der langue française…
(*****)