Postpunk

Soundtrack des Tages (206): El Yunque

Brandneues Live-Video „Earily“ der flämischen Postpunk-/Experimental-Band El Yunque. Der Song stammt vom Album „O Hi Mark“, vergangenen Oktober beim belgischen Cassetten-Tape-Label Sentimental erschienen.

Frana + Trigger Cut + Brettern @ Kafe Marat, München, 2019-01-11

Stunden nach der anberaumten Zeit, dafür umso heftiger kam das angekündigte Dreierpack an Noise-Bands am vergangenen Freitagabend im Kafe Marat mit lärmender Wucht in die Gänge. Nach verspätetem und sich schier endlos hinziehendem Equipment-Aufbau im selbstverwalteten linken Münchner Kulturzentrum an der Thalkirchener Straße eröffnete das Münchner Trio Brettern den lauten Abend auf abgedunkelter Bühne mit ihrer Verzweiflung artikulierenden Spielart des Postpunk, der eingangs an die großen Momente des wütend-entfesselten deutschen Do-it-yourself-Gescheppers der frühen Jahre erinnerte, jene gefühlt fünf Minuten andauernde Phase des bundesrepublikanischen Undergrounds in den späten Siebzigern, bevor die Nummer zur unsäglich Kommerz- und Mainstream-verseuchten Neuen Deutschen Welle entartete. Die Gitarre mit ruppigen Riffs und ein wenig Verzerrung und Nachhall beackert, einen treibenden Rhythmus dazu geklopft und den Defätismus und die Verachtung ohne selbstauferlegte Zurückhaltung heraus geschrieen und gekreischt, fertig war das eindringliche Beben, zu dem die Erinnerung an die radikale Beschallung der Übungskeller und Jugendzentren aus der RAF-/Anti-Atom-/Kalter-Krieg-Ära mitschwang.
Wo der deutsche Punk spätestens wie eingangs erwähnt circa zur Dekadenwende 79/80 die völlig falsche Abzweigung nahm, entwickelten die Briten seinerzeit bekanntlich vorwiegend in der Manchester-Gegend die musikalische Ausdrucksform zu Skizzierung von Großstadt-Kälte und anonymer Isolierung, und in die Richtung ging auch bei Brettern mit weiterem Verlauf ihrer kurzen Aufführung die intensive Reise, optisch untermalt durch das erratische, nervöse Aufblitzen der Neonröhre zum Schlaglicht-artigen Durchzucken der Finsternis erging sich das gemischte Trio in dissonanten und Feedback-entfremdeten Endzeit-Visionen, die als Soundtrack zum Abgesang einer untergehenden Zivilisation angesichts von Klimakatastrophe, Artensterben und gesellschaftlichen Verwerfungen nichts an Aktualität eingebüßt haben. Postpunk im Jahr 2019, dank Bands wie Brettern sehens- und hörenswert wie zu Urzeiten, mit entsprechendem Zorn lautstark der Welt ins Gesicht geschleudert, da kann man den Herrschaften an den Gitarren-Gerätschaften und der Trommlerin nur Durchhaltevermögen wünschen, denn: bei Gelegenheit gern wieder und mehr davon.

Der eigentliche Anlass des Einfindens in der autonomen Zelle dann zu fortgeschrittener Stunde mit der neu formierten Stuttgart-München-Connection Trigger Cut und ihrem Premiere-Live-Gig in der noch jungen Bandhistorie – dabei sind die Musiker alles andere als unbeschriebene Blätter in der – nicht nur – süddeutschen Indie-Rock-Szene: Gitarrist und Sänger Ralph Schaarschmidt war für einige Jahre die treibende Kraft hinter dem Art-Punk/Noise-Trio Buzz Rodeo, das vielerorts auf internationaler Bühne für Aufsehen wie Lob in höchsten Tönen für ihre veröffentlichten Tonträger sorgte und bedauerlicherweise im vergangenen Jahr wegen persönlicher Differenzen während des laufenden Tour-Betriebs die Segel strich. Jede Krise eine Chance, und so gingen bei nicht wenigen aus der geneigten Hörerschaft die Daumen hoch, als vor einigen Monaten die Nachricht die Runde machte, dass Schaarschmidt mit Unterstützung des Münchner Drummers Sascha Saygin den Spirit von Buzz Rodeo mit dem neuen, gemeinsamen Trio Trigger Cut weiterzutragen gedenkt. Saygin selbst tritt neben seinem Band-Engagement mit dem eigenen Ein-Mann-Projekt Haikkonen durch vertrackte Schlagzeug-Rhythmik, komplexe Electronica-Untermalungen und Trance-Samples in kaum einzuordnender Vielfalt wie ureigener Klangsprache beeindruckend in Erscheinung, mit seinem ausdifferenzierten, die ungeraden Takte favorisierenden, ungekünstelten und druckvollen Trommel-Anschlag hebt er den knochentrockenen, beinharten Hybrid-Sound aus No Wave, Noise Rock und Hardcore der neuen Trio-Formation auf ein weiteres Level und gibt Rahmen wie Form für die stoischen, kompromisslosen Gitarren- und Bass-Attacken und die Stakkato-artigen, drängenden Lautsprechereien des Combo-Vorstands mit dem rauschenden Bart.
Trigger Cut sind die Band, die die mittlerweile seit über fünfzehn Jahren währende Auszeit der Washingtoner Straight-Edge-Legende Fugazi und die permanente Abwesenheit der hochgeschätzten US-Lärmer The Jesus Lizard von europäischen Bühnen erträglicher gestaltet. Nach der ersten, über die Maßen gelungenen, wenn auch sehr kurzen Show der Band steigert sich die Vorfreude auf den im Frühjahr anstehenden Debüt-Tonträger „Buster“ noch einmal um ein Vielfaches. Watch out for some exciting noise entertainment, coming soon...

Den Abend für die Freunde (m/w/d) der lauten, unverstellten und hart zupackenden Rockmusik beschlossen gegen Mitternacht die vier Italiener von Frana aus Mailand mit ihrer ungebremsten Mixtur aus Post-Hardcore, strammem Punk und Indie-/Alternative-Rock der kräftigeren Sorte, der Sound des Quartetts reihte sich qualitativ wie energetisch stramm in die bereits dargebotenen Aufführungen ein und ließ das junge Volk den gepflegten Pogo-Ausdruckstanz mitspringen, das nervöse Zucken zu den fieberhaften, scheppernden, rohen Gitarren der Lombarden, getrieben von kantigem Rhythmus, besungen von wütendem, sich in nichts zurücknehmenden Geplärre und unterminiert von einer diffusen, nachklingenden Dissonanz. Die Band ist seit 2012 auf Sendung, hat mittlerweile diverse Tonträger veröffentlicht, unter anderem im vergangenen Jahr den Longplayer „Awkwardwards“ beim polnischen Indie-Label Antena Krzyku. Trigger-Cut-Drummer Sascha Saygin schwang zwischenzeitlich auch seine Trommelstöcke für die Nord-Italiener. 2016 waren Frana auf „These Important Years, Hüsker Dü Revisited“ beim Tribute des brasilianischen Coverversionen-Labels The Blog That Celebrates Itself Records für die größte aller großen US-Post-Hardcore-Bands mit von der Partie, Ehre einerseits wie Bezugsgröße für die musikalische Heimat und Ausrichtung des eigenen Schaffens der Band aus Norditalien. Mit dem Auftritt von Frana wurde einmal mehr deutlich, dass der europäische Gedanke und Austausch mit den Nachbarländern im selbst organisierten musikalischen DIY-Underground weitaus gedeihlicher und bereichernder funktioniert als anderweitig per EU-Dekret, Verordnung oder fragwürdiger Handelsabkommen und Knebel-Kredite. Noch ist für das alte Europa nicht aller Tage Abend, wenigstens nicht in subkultureller Hinsicht, wie am Freitag im Marat bis in die tiefe Nacht hinein in lärmender Pracht festzustellen war…